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Freies Blatt · 1895-04-21 · 159 (21.4.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
159 (21.4.1895)
Date
1895-04-21
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Freie» Blatt. Seite 8 Nr. I5Ü bei, die Abneigung, welche die Nationen gegen jene» Bruchtheil dieser fremden Nation empfanden, der sich in ihrer Mitte festgesetzt hatte, abzuschwächen. Allein das nationale Gefühl, das von Neuem erwachs und erstarkt ist, erweckte und verstärkte auch jene Abneigung wieder, und die jüdische Nation, die außerhalb aller anderen und doch außer feinet derselben dasteht, die mit allen verbunden und trotz alledem eine Gemeinschäft für sich bildet, wird allgemein wieder als eine fremde betrachtet und als solche dem Haß preisgegeben. tMtie der hauptsächlichsten Modifikationen, die Ende deS vorige» Jahrhunderts in der gesellschaftlichen Ordnung plavgrisf, war ti»; streitig die, daß man der Arbeit und der Production freien Laus ließ. Ein Jeder hätte von da a», ohne Leitstern, ohne Genossen, ohne Einschränkung, bloß auf sich selbst vertrauen und Alle halten mit demjenigen wetteifern sollen, der am meisten vermochte und das Beste leistete.^ Die jüdische Nation, die einerscits inmitten aller anderen, in der > Ailstösnng begriffenen, eine Eonfraternität blieb, eine Eonfraternität I überdies, welche über die Grenzen jeder Nation, in deren Milte sie > lebte, hinauSging und sich von der einen zur anderen die Hand reichte, war andererseits zu einem friedlichen -stampfe Aller gegen Alle, wie ib» die Auslösung der alten Ordnungen der Erwerbsthätigkcit vorschrieb, die am besten vorbereitete. Jahrhunderte qualvoller Leiden hatten daS Genie dieser Nation geschärft. Gewerbliche (Korporationen, in die sie nicht eintreten konnte, gab es nicht mehr. Mit Gewalt dazu gezivungen, ihr Leben lediglich durch armselige, schlecht lohnende Gewerbe, z» fristen, hatte sie sich darin' eine Geschicklichkeit ohnegleichen angeeignet: beständig bedroht, entweder durch die Bolkswnlh oder durch die Schlauheit geldbedürftiger Regierungen ihrer Habe beraubt zu ^werden, hatte sie sich daran gewöhnt, diese Habe verborgen und zusammeuzuhalteii. Sie durfte, um keinen Neid zu erwecken, nur ein kärgliches Leben führen, und so war sie reich und fähig geworden, Geld zu verleihen, mit hohen Zinsen natürlich, wie inan eS zu verleiben-pflegt, wenn die Sicherheit mangelt, daß man es zurück erhalt. Ans diese Weise halte sie, neben manch anderem tOdinui, seitens ihrer Nachbarn einen Haß auf sich geladen, der nicht der. schwächste war, den -Haß deS Schuldners, und dieser wuchs schon dadurch allein, daß in der neuen, von Arbeit lind Production eingeschlagenen Richtung stch der "Nerv des Gelingens, das Geld, wen» auch nicht ganz, so .H'd, größte»«Heils in ihrer Hand befand. Warum sollt? eine Nation dwi, Eoneurrenleu, die nicht durch Abstammung zu ihr gehörten, und die andererseits am besten dazu ausgerüstet erschiene», den Sieg davon zu tragen, in ihrer Mitte dulden, sie ernähren und durch daS gemeine Recht in Schutz nehmen'? "Nicht eine neue Empfindung ist es, welche die Juden als Leute, die in ein fremdes "N'etz gefallen, sind, znrückweist und vertreibt, sondern ein Interesse, ebenso klng und arg iroliuisch, wie jenes Gefühl lebendig ist. Was ist denn eigentlich dieses Jndenthum, welches, wie man die -cache auch drehe» und wenden möge, "des Nebels Grund bleibt? -Hierauf war die Wissenschaft sofort mit einer Antwort zur Haud: Tie Juden sind Semiten! — Ter Jude ist kein reiner Semit. Wir baden in unserer Sinnesart etwas so tief eingewurzeltes SepiitischeS, daß Niemand es auSzurotten vermöchte. Wer kann behaupte», daß der größte Theil der Juden, die jetzt eristiren, nicht von jenen Pro 'elnien abstaniint, die sie schon vor Ehristi Geburt unter'jeder Nation »mellte!! und nach seinem Tode zu machen fortfuhren'? Wer kann sagen, lvie viel jüdisches Blut in ariauischen Adern stießt und wie viel arianisches in jüdischen'? Um eine solche Berinischnng zu Verbindern, wurden, kirchlicher- und staatlicherseilS wiederholt zahlreiche ,"efrt?e erlassen; aher gerade die Menge und das wiederholte Erlasien derselben beweist,- daß es beim Alten blieb. Das kirchliche Berbot ist rech heute, wo das bürgerliche abgeschasst, ist, in Geltung. Allein wer iveiß nicht, daß Heiraten zwischen Inden und Ehristen, vor Allem in. seit höheren Elassen, wenn auch nichts Allgemeines, so doch nichts llngewohnteS sind'? Aber wäre es auch anders und waren die Inden auch - reine Semiten geblieben — was dann? Was will eS heißen, Semit zu sein'? Ich weiß, daß eine oberflächliche Wisienschaft den Semiten in Bezug aus sein Aussehen, seine Sprache, seinen moralischen Charakter, 'ein religiöses Gewissen u. s. w. als einen in bestimmten Zügen geiialtencn, starren TypuS hingestelll. Allein ich weiß auch, daß dieses Bild vor einer genauen und umfasienden Geschichtökenntniß nicht Stand hält. Wenn der Jude von altersher einen eigenartigen Typus entwickelte, so that er es zum Unterschiede von den zu seiner Rechten und Linke-::- befindlichen Semiten; er war. ein Semit siii guuoris, welcher, nachdem er einen ihm eigenthünilichen religiösen und moralischen Gedanke» in sich entstehen gelasien hatte, diesen Gedanken auf einen sremden Slainm pfropfte. Uebrigens sind Semiten und Arianer kaufafifdjcr Race, und wie die 'beiden erstgenannten nur Berallgenieinernnge» , einiger Haetoren einer Rare sind, so ist die'drille die Berallgeuieinernng anderer. Tiefe Raeenunterschiede sind leere Hinten, die keine nsifi'enfchaftiiche Geltung beanspruchen können und darum dem Rechte'und der Wahrheit nicht hindernd in den Weg tvc{ti dürfen. Ten Anti semitismuS niederzutreten, ihn zn brkänipfen und ausznrott«:, ist für u»S Arianer eine unabweisbare Pflicht: e» ist daS Eine, waS Roth I b»t, es ist die unerläßliche "Borbedingnng des Fortschrittes und der Zukunft der europäischen E n l I u r, das einzige M i t t e l, >' i e g e > n n d; n in a ch e n und wieder in Gang.zu bringen." (Boi» WalllküUbpfc. > Aus den meisten Bezitlen erhielten wir noch ' einige nähere Miltheilnngeu über die Stinilnenabgabe bei" den l^cmeinderathSwahlen im zweiten Wahllörper. Tie.Beamtenschaft bat, wie sich herausstellt, zu», allergrößten T heile, die Lehrerschaft aber in der Minderzahl für die Antisemiten gestimmt. Im III. Bezirke waren es die jüngeren Staatsbeamten, die nach zwei llhr fchaarenweisö an rückten, 'um für die antisemitischen Eandidaten ihre Sliminen abzn geben. Auch ältere Post-, Polizei- und Zollbeamte leisteten ihnen Heerfolge. Der Umstand, daß zweihundert Lehrer für den „"Nationalen" Wicht re i stimmte», bewirkte es, daß wenigstens ein Mandat den Liberalen erhalten blieb. Im IV. Bezirke wählte» die Lehrer, Po st¬ und Polizeibeamten sowie ein kleiner Theil der übrigen Staatsbeamten und eine große Zahl von Gewerbetreibenden liberal. Tie Hausbesitzer traten für die Antisemiten ein. Im V. Bezirke wählten die Lehrer bis auf etwa zehn liberal, dagegen die meisten .Hausherren, die Eominiinal and Staatsbeamten antisemitisch. Im.. VII. Bezirke wählten l-'o Lehrer anliliberal, desgleichen die kleinen Hausbesitzer, did meisten Staatsbeamten und die Geistlichkeit. Tie Post und Polizeibeamten hielten treu zur fortschrittlichen Sache. Im VIII. Bezirke verpflichteten sich die Beamten, darunter viele Pensionisten, mit Elsrenwört, für die Anliseniiteii zu stimmen. Tie Lehrerschaft wählte liberal. Im IX. Bezirke hallen fortschrittliche Unterströniungen große Berimrrung angerichtet, "doch die GesiirnungsIiichligke.it des größten Theiles der Lehrer und Hausbesiver sicherte den Sieg der liberalen Partei. Im X. Bezirke stimmten särnintliche Lehrer, mit Ausnahme der jüdischen, die dem deniotralischen Eandidaten ihre 2 tintmen gaben, antisemitisch, ebenso die Post-, Polizei- und Spitalsbeainten. Liberal wählten fast alle Bahnbeamle». J,m X I Bezirte wählten die Lehrer und Hausbesitzer-liberal, die Staatsbeamten antisemilisch. Im XII. Bezirke war die Agitation liberalerseilS unter aller >?rilit. Tie Äntiicmiten beherrschten alle wichtigen Punkte,' die Liberalen hielten sich geradezu verborgen. Hier wählten auch die Lehrer antisemitisch. Im XIV. Bezirke -wählten die Tehrer und Postbeamten liberal, die Bahn- und Eoiiiniunalbeaiuteii. antisemitisch. Im "XVII. Bezirke gaben _ die Staatsbeamten und ein Theil der, Lehrerschaft den Ausschlag.' Liberal stiiuiiilen zuin größten T heil die Post, Polizei und Eomrnunalbeainten. J»i XIX. Bezirke wählten die Lehrer und Geistlichkeit liberal. — Unter der Ueberschrisl „So muß man's machen" erzählt das. „Bürgerblatt*; Es ist allgemein aufgefallen, daß auch Stadtrath Tr. Huber ein Opfer der antisemitischen Seuche geworden ist.'Toewr HuÜer hat sich -stets als außerordentlich lehrer- und beamteufreundUch bewährd und genoß auch wegen feines geraden Weiens allgemeine Sympathien. AuS dem V. Bezirke wird uns »tut eine Mittheiliing gemacht, dl.e die Niederlage Tr. Hubcr's allerdings erklärt, aber ein sonderbares Licht auf das Wahltreiben der Antisemiten wirst. Man ' sagt unS, Tr. Huber >ei deshalb nnterlege», weil der durch seine Zwischenrufe und sein lärmendes Wesen im Geiueinderathe bekannte anliseuiitsiche. t^eineinderath und Borstand - Stellvertreter des Haus-. herrenverbandeS Herr Stroh ach die Hausherren des V. Bezirkes dem Tr. Huber abwendig machte, indem er äußerte, der Huber trete innner nur für Gehaltserhöhungen der Lehrer und Beamten ein und sei deshalb für die Hausherren gefährlich, die ja schließlich die Mehranslagen zu tragen hätte». Wunderbares Reeept. In dein einen Bezirke braucht, man die Lehrer und B/amren, da schimpft man .unaufhörlich auf die Liberalen, daß sie für diese Stände nichts oder zn wenig gethan Hütten; in dem anderen Bezirke braucht man die'Hausherren, da führt man die Ge führlichkeit der ewigen Gehaltserhöhungen für den Säckel der Hausherren ins Feld. So muß man s machen^ uni zu siegen. (Aus fortschriltlichtll Pcrcincn.) Ter politische Berein „Fortschritt" im, .X VII. Bezirke faßte in seiner kürzlich abgchiltene» Beisaninilung einhellig folgende Resolution: Ter Verein erwartet von den Mitgliedern deS i'oGchrilllichen Parleweibandes des "Wiener Geineinderaihes: 1. Daß dieselben-.darauf bestehen, daß sowohl das derzeitige Präsidium atS auch sämmlliche Mitglieder des derzeitigen StadlralheS ihre Mandate als Funetionäre im Präsidimn, respcerive im Tladlralhe, soiori

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