Mannheim
Compact Memory

Freies Blatt · 1895-04-21 · 159 (21.4.1895) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
159 (21.4.1895)
Date
1895-04-21
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/4886575-5439167-5441617--1927-4888345
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

reite Freie» Blatt. Nr. 151* Pie sieben Meisen von Rußland. l^riginal-Mittheilniig drS „Freien Blattes".) Petersburg, Mitte April. ^»i Jänner 18‘.'4 halte bekanntlich der russische Minister des Innern, Herr Durnowo. eine Rabbincrconimission nach Petersburg berufe», uni von ihr ein Gutachten über einschneidende Resorinen ans dem Gebiete der jüdischen Rrligionsgenossenschaft abzuverlangen. Als Vorsitzender dieser Commission fangirte damals Fürst Kantakusin-Spcranskij, Chef des Departements für die Angelegenheiten fremder Culte, der die Thätigkeit der Rabbincrcommission mit großer Unparteilichkeit leitete. Schon bei Beginn der Verhandlungen halte Fürst Kantakusin einen schweren Kampf mit dem der Commission zugetheilten Vertreter des Ministeriums des Innern, Herrn Bestjuschew-Riumin, zu bestehen, der bei der t'ösung vieler Fragen den rintolerantcsten Velleitäten der Ministcrien des Innern und deS Cultus;um Siege verhelfen wollte. Fürst Kantaknsin vcrlhcidigte den Standpunkt, daß die Regelung des jüdischen Clementaruntcrrichtcö und des jüdischen Ehercchtes, welche das Ministerium des Innern in das Programm der Rabbinercommission ausgenommen hatte, in der Weise durchzuführen -fei, daff selbst der Schein eines intoleranten Angriffes auf die jüdische Religion und deren Dogmen vermieden werde. Dagegen wollte Herr Bcstjuschew-Rjumin die mosaische Confession unter Polizeiaufsicht stellen, indem er sogar die jüdischen Gebetbücher einer polizeilichen Revision zu unterziehen vorschlug. Sv lange jedoch Fürst Kantakusin am Leben war, konnlcn die intoleranten Gelüste des Ministeriums des Innern nicht zur Gellung kommen, denn cs gelang 'dem Fürsten, die Mehrzahl der Commissionömilgliedcr für seine toleranten und humancn lieber teugungc» zu gewinnen. Run starb Fürst Kantakusin, und die Tbäligkeit der Rabbincreommission wurde einem siebenglicdrigen Comil^ aus „gelcbrten Vertretern deS EullusministeriuinS" unterstellt. Bei dem ausgesprochenen Rückschrittssinn des Grafen Deljanow, des russischen CullusministerS, war es vorauszusehe», daß die Thätigkeit der Rabbinercommission unter der Leitung des auS Bern eiern dieses Ressorts zusammengesetzten Eoinilös auf die Bahn der Judenverfolgung gelenkt werden wird. Doch waS die Nibcii Weisen dieses Eoniit.-s in ihrem Diensteifer und ihrer Unduldsamkeit geleistet haben, daS übertrifft alle Erwartungen. Cö wake müßig, zu untersuchen, ob die Sieben irgend eine Kennlniß der jüdischen Literatur der vor- oder nachradbinischen Periode besitzen: ebenso ist cs unnütz, zu untersuchen, ans welchen Cuelteil sie ihre abfälligen Unhcile über dcit Talmud geschöpft habe». Wir begnügen uns damit, auf die Beschlüsse des sieben glicdrigen Areopags über die Sprachenlehre, Literalnr und Theologie des Iudenthums hinzuweise», welche einfach lächerlich oder drollig genannt werden müßten, wenn sie keine traurigen Folgen nach sich zögen.. Im Sinne dieser Beschlüsse hat Graf Deljanow an die Curaloren der Lchrbczirke der Süd- und Rordwesl-Gonvcrncmenls ein Rundschreiben gerichtet, in welchem sie beauftragt werden, in den jüdischen Clcmentarschulen den Unterricht im Talmud, in der hebräischen Grammalik, gleichviel aus welchem pehrbuche immer, und in hebräischen, Werke» völlig zu verbieten. Mvtimrl wird dieses Verbot damit, daß das EultnSininisteriui» zu der Ucbcrzcugung gelangt sei, daß der Talmud Lehren enthalte, welche für Staat und Kirche gefährlich seien, und daß die hebräischen Werke, wie die von Gordon, Schulmann, Lebensohn :c., geeignet seien, die Unzufriedenheit der jüdischen Massen wachzurusi». Die Ausfälle der Judenfeinde gegen den Talmud sind bereits von vielen christliche» Fachmännern in so glänzender Weise widerlegt worden, daß cö wohl überflüssig erscheint, für dieses vielgcschmähle Denkmal jüdischer Gelehrsamkeit cinzutreten. Wir wollen jedoch auf die unlautere Duelle Hinweisen, aus welcher das Cck)nil> sein abfälliges Unheil über den Talmud geschöpft hat. Cin Äceiscnbcamter aus dem Gouvernement Radom hat im vorigen Jahre in der in Petersburg erscheinenden Monatsschrift „Nabljudalclj" i Beobachtereine Reihe von Artikeln publicirt, ui welchen ex. nachzuwcisen bestrebt war, daß der Taliiiud ein in jedn Hinsicht für Staat und Kirche gefährliches Werk sei. Man staunte in Rußland darüber, daß ein Beamter der Brannlweinvcrwallung so viel Kenntnisse des Talmuds entwickelt habe. Der Verfasser des Pamphlets gegen den Talmud hatte sich indsssen mit fremden Federn geschmückt: er hatte die Hetzschriften Rvhliiig's einfach übersetzt und für seine eigenen Erzeugnisse ausgegeben, so daß Rohling ihn sogar wegen literarischen Diebstahls > klagen könnte. Und diese von der gelehrten Welt als Fälschungen gcbrandmarkten Erzeugnisse Rohling's wurden von den sieben Weisen aus dem russischen Cultusministerinm dazu benützt, »„, gegen den Talmud und die hebräische Literatur loSznziehen! Nicht das Verbot des Talmudunterrichtes an und für sich, wird von uns beklagt, sondern die Thatsache, daß Unwissende in l ihrem blinden Judenhasse den Talmud dazu mißbrauchen, um die l mosaische Lehre als hochgefährlich zu bezeichnen und die Inden au! allerhöchster Stelle anzuschwärzcn. Denn nur durch solche Via i növcr gelingt cs den russischen Judenfeinden, die alten AuSnahms j gesetzt gegen die Juden aufrecht zu erhalten und neue ins Leben j zu rufen. Ebenso verhält es sich mit dem Verbote der hebräischen | Werke der eingangs genannten jüdischen Autoren. So bestehen z. B. die Werke Schulmann'» auö trefflichen Uebersetzungen der; Romane von Eugen Sue und der Novellen von Zschokkc, für i welche der Uebersetzcr vom Ezar Alexander II. niehrercmale! Geldgeschenke erhalten hatte, da die damalige Regierung die rill, i tige Ansicht theille, daß derlei Bücher für die Aufklärung der! jüdischen Massen von Vortheil sind. Aber dem Grafen Deljanow > handelt cs sich gar nicht um den Inhalt und den Werth dieser! Werke; ihm ist cS nur darum zu thun, seiner Judcnverfolgnngs ■ sucht AuSdruck zu gebe», und er benützt jede Gelegenheit, um die Judcn zu chicaniren. So wurdenj unlängst in seinem Aufträge, die jüdischen Theatervorstellungen verboten, trotzdem diese Vor stellungen unter Alexander II. gefördert wurden, weil man die selben als Mittel zur Herbeiführung einer Assimilation der Juden mit der christlichen Bevölkerung betrachtet hatte. Ein russisches Sprichwort sagt: „Gott ist in der Höhe, der Ezar in der Ferne,"; und die Willkür der Beamten kennt daher keine Schranke». Die : Wahrheit dieser VolkSweiSheit tritt am deutlichsten bei den Judenverfolgungen zu Tage. Jeher russische Beamte »imnit sich das . Recht heraus, cin Richter über die Juden zu sein, weil er von Niemandem zur Vcranlwortung dafür gezogen wird: Gott ist in der Höhe, der Ezar in der Ferne. Aber am Vorabend des XX. Jahrhunderts ist-es cin beschämendes Schauspiel, wenn man sieht, daß der Leiter der Volksaufklärung eines großen Reiches gegei) die Jndrn und ihre Lileralnr loszicht, ohne einen lrifligcn Grund für diese Verfolgung angcben zu können. Argus. Bonghi über den Antisemitismus. Angesichts der Connivcnz, welche manche Minister, die' sich liberal nennen, gegenüber dem AntiscuiitiSinuS beobachten, erscheinen die AuS führungcn Ruggiero Bonghi's über die Schmach deS XIX. Jahrhunderts, obwohl sic in manchem Punkte für österreichische und deutsche Verhältniffe nicht zutreffen, von um so größerer Bedeutung. Der italienische Staatsmann äußerte sich (nach dem „Antiscmitcnhammcr" von Josef Schrattenholz) wie folgt: „Wer daS neunzehnte Jahrhundert darstellcn will, wird cS nur unter dem Bilde einer Schlange thun können, die sich selbst umschlingt und mit dem Rachen in den Schwan; beißt, so vieles von dem, was es im Anfänge versprach, verleugnet cs, nun cs zu Ende geht. Wer Hütte vor etwa dreißig Jahren gedacht, daß eine Zeit kommen könne, in welcher in allen Kreisen Europas — nachdem man so viel vop der Judcncmancipation gesprochen und sich derselben als einer großen, von den Philosophen lange ersehnten und geförderten, und schließlich von den Staatsmännern genehmigten, - im höchsten Grade liberale», humancn, heiligen, bürgerlichen Errungenschaft gerühmt hatte — diese Emancipation von Vielen beklagt werden würde und in einigen Staaten die Regierungen, weit entfernt, die öffentliche Meinung mit sich fou zuschlcppen, aus eigener Entschließung oder durch ihnen als vernünftig scheinende Gründe bestimmt, voll Reue, ihn vor Kurzem verlaffcn zu haben, auf den früheren Weg zurückkehren würden? Und doch ist es so. Wir Aclteren, denen daS Ideal der Gerechtigkeit und des Friedens, welches uns als Jünglinge feffelte und begeisterte, noch vor der Seele glänzt, sind starr vor Erstaunen, wenn wir cin so unvermuthctes, ge hastiges KricgSgeschrei vernehmen. Unter den christlichen "Nationen lebt eine, die weder von den anderen so getrennt, daß sie ihnen> förmlich fremd, »och so mit ihnen vereinigt ist, daß sie in keiner Hinsicht sich von ihnen unterschiede. Zum Thcil hatte ein ihm eigener, natürlicher Hang, zum Thcil eine lange, harte, unheilvolle Reihe von Ereignissen dieses Volk gezwungen, ohne eigenes Ländcrgcbict zu bleiben und ohne irgend eine staatsrechtliche Grundlage oder Anerkennung unter den. anderen zu leben. Tie umfaffende humane Gesinnung, die im letzten Drittel deS vorige» und in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts vorherrschte, trug dazu

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.