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Freies Blatt · 1895-04-14 · 158 (14.4.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
158 (14.4.1895)
Date
1895-04-14
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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I Nr. 158. _ ___ F r e j e s WotmWz K^ige. ftrci „ach dem Russischen de« Anton Tschechow von R. (llolant. Ware Jacob Matwcjewitsch Iwanow Särgcmacher in einer Groß smdt, er hätte zweifelsohne ei» dreistöckiges Haus sein cigeu nennen könne» und man würde ihn gewiß Heer Iwanow genannt haben. Äbcr hier in diesem kleinen, gottvcrdainnitcii GlupowSk scheinen die Vcntc gar nicht sterben zu wollen, so daß Iwanow ein sehr armer Teufel war, den man kurzweg Jacob nannte. Er wohnte in einer halbciiigcfallenc» Hütte, welche nur aus einem Zimmer bestand, in welchem er, seine Ehehälfte Marfa, ein breiter russischer Lfrn, ei» ans Brettern zusammcngezimmcrtcS Bett und die Werkstätte sich befanden. Und doch war Iwanow in seinem Fache ein sehr geschickter Meister, (h zimmerte die Särge mit einer gewissen Birtnositüt und von großer Tauerhaftigkeit, wohlgcmcrkt, wenn die Särge für Männer in ge rcislcm Alter bestimmt waren. Für Kinder dagegenmachte Iwanow -arge sehr ungern; er pflegte zu sagen: „Ich habe.cö nicht gern, mich mit Kleinigkeiten abzugcbcn." Rebst seinem »Handwerke betrieb Iwanoiv ein wenig Musik, welche ihm' hie und da kleine Bcrdicnste abwarf. Er spielte nämlich sehr gut auf der Geige, insbesondere russische wieder. Bei Hochzeiten im Städtchen spielte gewöhnlich eine jüdische Mnsikbande unter Leitung des SpängtcrS Moischc Schachtes. . Ta Iwanow, wie erwähnt, ein guter Geiger war, so pflegte Schachtes it)i« sehr oft als Mitglied-des Orchesters zu beschäftigen. Im Orchester saß Iwanow gewöhnlich neben der Flöte, die ein gclbhaarigcr, magerer und hagerer Jude spielte, der zufällig den Rainen dcö bekannten BauguicrS Rothschild trug, lind diesem verfluchte» Juden gelang cS merkwürdigerweise fast immer, die lustigsten Motive wchmülhig zu spielen. Thne sichtlichen Grund begann Jacob allmälig Abschcn und Haß-gegen die Juden, inSbesoikderö gegen Rothschild zu empfinde». Er beleidigte ihn ohne jedweden Anlaß, schimpfte ihn arg, wollte ihü - sogar einmal schlagen, so daß Rothschild vor Kränkung nnd Aerger weinte. Dies führte dazu, daß Iwanow von SchachkeS' nur in äußerst »otbwendigen Fällen beschäftigt wurde. Jacob war übrigens immer mißgelaunt, denn rr hafte stets nur Bcrluste zu verzeichne». An Sonn- und Feiertagen z. R). arbeitete er nicht, an Montagen cbcnfatlS nicht, weil Montag angeblich ein „schwerer Tagsei, so daß iüi Jahre ungefähr zweihundert Tage waren, än welchen Iwanow müßig da saß. lli;d das bedeutet doch einen großen Lcrdicnstcnlgang. Ter Polizciconimissär von Glupowsk lag zwei volle Jahre krank darnieder. Iwanow erwartete mit Ungeduld dessen Tod, da begab sich der Kranke zur Eonsnltation nach der Stadl und starb dortsclbst. Wieder ein Ber dcenstcnlgang, denn für den Sarg deS Wächters der ösfcntlichen - Trdnung würde Iwanow mindestens zehn Rubel bekommen haben Tic Gedanke» über den Bcrdicnstcntgaiig verfolgten Iwauow Haupt sächlich bei der "Rächt; er pflegte deshalb die Geigern sich ins Bett zu legen, nnd wen» die Gedanken ihm durchaus keine Ruhe.gaben, auf dem Instrument eine Weise zu greife», und daS brachte ihm ein ° wenig Erleichterung. Eines TagcS erkrankte feine (Maltin Marfa.' Tie Alte fieberte st^rk, trank unaufhörlich Wasser und konnte sich nrlrmühsam auf den Fußen halten. Toch verrichtete sic noch alle Hausarbeiten und holte sogar aus dem fernliegendcn Brunnen Wasser. Gegen Abend verschlimmerte sich ihr Zustand derart, daß sie das Bell ausiuchcn mußte. Jacob, der den ganzen Tag Geige gespielt hatte, »ahm am Abende ans Langweile fei» Rotizbuch, in welchem seine Bcrdicnsteutgänge verzeichnet waren, aus der Schublade heraus, izm das Facit dieser Ber lüfte' festzustclle». Und das Facit betrug mehr als tausend Rubel. Tics versetzte ihn in eine solche Wyth, daß er das Rotizbuch zu Boden schleuderte und mit den Füßen wie ein Rasender stampfte. Er' dachte, wenn er diese ihm entgangenen tausend Rüpel in der Spar casse eingelegt Hütte, so würde er doch wenigstens vierzig Rubel jährlich als Interessen bezogen haben. Run sind auch diese vierzig Rubel , verloren! „Jacob!" rief plötzlich die kranke Marfa. „ich sterbe!" Er wars einen Blick ans die Gattin. Ihr Antlitz glühte vor Fieber, trug jedoch 'einen freudigen Ausdruck. Jacob, der gewöhnt war, seine Gattin stets bleich, schüchtern und unglücklich zu sehen, stutzte jetzt. ES hatte den Anschein, als sähe sie thatsächlich den Tod vor sich, und auf ihrem | Msichtc malte sich eine gewisse Zufriedenheit darüber, daß sic diese. Särge und diesen Jacob auf immer verlassen könne. Sie blickte aus den Plafond, flüsterte etwas, und in ihrem Gesichte malte sich so viel Glückseligkeit aus, als ob sie den Tod, ihren Retter, bereits vor sich bäit'. Jacob betrachtete seine Frau, und dabei erinnerte er sich unwillkürlich, daß Marfa während ihres langen Zusammenlebens von ihm niemals ein freundliches oder gutes Wort hörte, daß er mit ihr Nlatt. , Scire I> niemals Mitteid empfand: .er hatte für sie ft.to itiiu Schinivnvone und Beleidigungen in Bcreiiichafi, ja, er drohte ihr. sogar bäusig mit Schläge» Roch mehr, er verbot ibr sogar Tbee zu lrinlen, angeblich deshalb, weil'er ohnedies große Ausgaben zu beNreiien balle, nnd sie -trank ntlr gekochtes Wasicr. Er begriff, warnni ihr Antlil? jetzt jo viel Freude ausdrückc, nnd ihm wurde bange zu Mulde Mit'Tagesanbruch führte Jacob seine kraule Marfa ins Spital, um den Arzt zu consutliren. Zu», (Glücke wäre» au diese». Tage i», Spitale wenig Kranke, so daß er nicht lange warten mußte, nur drei bis vier Stunde». Endlich erschien im T rdinalionsziinmer der Feld scher Marim, der in der Abwesenheit des Arztes ,'clbst ordinirle „Wünsche gute» Morgen," sagte Jacob, sich. Man« nähernd, „cnlichnldigen güligil, daß wir Sie mit »»seren dummen Angelegen heitcn belästige» Aber mein Tiug meine Lebensgefährtin, ver zeihen Sic diesen Ansdruck, ist plötzlich eruant! und ich bitte mit Hilfe." Marim unlersnchle die Kranke und trlläu, 'en'zeud „TaS ist die Inilncnza oder vielleicht eine rnngenenlznndniig, wer kann das. so gcnaii wisse»? . . . Uebrigens die Alte ichsiui schon genug gelebt zu haben. . Wie alt ist sie?" „Siebzig ohne ein Jahr!" beantwortete Jacob „'Run also, das glaube ich, ist genug gelebt." „Ja. Ihre Bcinertung. Marin, Ritolaik'ch, in n ilich cickrng. aber erlauben Sie mir, Ihnen zu fageil, daß sogar ein Floh leben will." „WaS man nicht Alles will." sagte der Feldscher iii einen! Tone, als ob Lebe» und Tod der Alten in seiner Hand läge, „c^ebe ihr dieses Pulver'zum Einnehmen und lege ihr talte llmichlüge au! " Mit diese» Worten verabschiedeie sich Marin, von Iwanow und' wendete sich an einen andere» Kranken. Teni <R,'jch,saiisdriick des Feldschers laö Iwanow ab, daß cs mit seiner Maria schlecht stehe, daß ihr weder Pulver noch-Uinschläge Helsen würden; er begriff, daß Marfa unrettbar verloren sei, daß sie sterben müsic, wenn nicht heule, so morgen. Und er machte den Bersnch, den Feldscher zur nochinalige» Untersuchung seiner Frau zu bewegen. „Marim Ritolailsch, vielleicht . . vielleicht Blutegel . ." „Schau, daß du weiter komnist," unterbrach ihn der Feldscher zornig: „usir habe» keine Zeit, nimm die Alte »ud gehe in GolieS Rainen " ' -„Aber doch, vielleicht Blutegel . ./ stammelte Iwanow. Fahre ab!"' rief Marim: „noch ein einziges Won, und ..." Er Halle nicht »ölhig, seine Trohung zu vollenden, denn .sivanow , griff seiner Marfa unter die'Arme und verließ mit ihr schleunigst das Spital. Erst als sie draußen waren, warf Iwanow einen zornigen Blick auf'daS SpilalSgebände und sagte ironisch:! „C ihr Taschenspieler, wir kennen euch gut. Einem REchen .würdet ihr Blutegel und noch andere Mittel nicht verweigert haben, Für einen Armen jedoch habt ihr nicht?' L ihr Blutsauger!" Als sie nach Hause zurnckgelehrt waren, mußte Marfa inS Zimmergetragen werden. Sic wagte jedoch nicht, sich ins Beil z» legen, sie glaubte, Jacob werde ihr Borwürfe darüber'machen, daß sie fanlenze' und nicht arbeite» wolle Inzwischen saß Jacob und war iu.Gedanten versunken. Mit einer gewissen Langweile betrachtete er 'eine Frau und criuncrle sich, daß morgen und übermorgen Feieriacze seien, an v welche» man nicht arbeiten darf. Maria werde gewiß an einem dieser Tage sterben: man müsse ali'o den Sarg für sie »och heute fertig machen. Er ergriff daher de» im Winkel stchendc» Arichin und nahm seiner Alten Maß . . . Als sie sich niedcrqelcgt halte, schlug Iwanow das Kren; u»d begann de» Sarg zu zimmern. Als die Arbeit fertig war, setzte Iwanow die Brille auf und schrieb in sei» Rotizbuch: „Ein Sarg für Marfa Iwanow - Rubel und 4>) Kopeken."- Marfa lag während der ganzen .Feil unbeweglich mit geschlossenen Äuge». Gegen Abend jedoch,, als cs bereits zu dunkeln begann, rief' sie den Alten zu sich. „Erinnerst du dich. Jacob?" frug sic trendigen Blickes, „erinnerst du dich, Golt gab u»S vor süiiizig Jahren ei» Kindlein mit blonde» Haaren'? Wir saßen am Ufer deS Flusses unter.dem Palmeubaumc und. sauge» Lieder . . , Und bitter lächelnd tilgte sie hinzu: „Tas Kindlcin starb jedoch . . Jacob strengte sich a», diese Erinnerungen inS Gedachlniß zurück zurufen, jedoch vergebens. „TaS kommt dir nur io vor." sagte er. Gegen Mitternacht mußte, der SrtSgcisllickie geholt werde», denn Marfa fühlte sich sehr schlecht Tiefer kam, reichte der Kranken da? hciligö Abendmahl und ging wieder fort. Rachhcr begann Maria etwas Unverständliches zu flüstern und hauchte bei Beginn des Morgens ihre Seele aus. r

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