Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 157 (7.4.1895)
- Date
- 1895-04-07
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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J Nr. I->7. _ - freies (Eine fieinlichc Scene im Gasthause.) Ma» schreibt »ns: Ich ging Mittwoch den 3. April über Aufforderung eines Freundes um die Mittagsstunde in Anton Lang'S Gasthaus zur „Schnecke" am , f-cicrsplatz Nr. 1 auf ein GlaS Bier. Kaum hatte uns der dienstcifrigc Kellner den edlen Gerstensaft crcdcnzt, als au unserem Tische cin etwa '35ijähriger, .anständig gekleideter Mann, dessen Aussprache iosort den Tschechen vcrricth, Platz nahm. Er verlangte Suppe, dieser iolglc Pökclzunge mit Erbsenpürr-'-. Bei' der Vertilgung dieser appetitlich anstehenden Speise trat ein alter jüdischer Hausircr zu unserem Tische ,,-d bot seine armselige Waarc an. „Schauen Sic, daß Sic weiter i:mnicii!" schrie vor Zorn rolh werdend unser Tifchgeseltc, und ^'.gleich schnarrte er den Kellner an: „Sic, lassen Sw den Kerl 7„rch den Hausknecht auf die Straße setzen!" Indem er eine» großen Vi'icn in den Mund steckte, brumnitc er noch: „Judcnbagagc!" Er?.r mit seiner Pökclzunge »och nicht fertig, als abermals ein Hausircr, lii.-chsatlS ein Jude, sich unserem Tische nähern wollte. TicS be n,ulend, schrie unser Judenfeind wie besessen: „Kellner, .wissen Sic »ich!, waS Sic thun sollen?" Der Kellner trat, wie uns schien, mit -.-.ßcm Widerwillen auf den Hausircr zu und sagte: „Gch'n S' jetzt sari, cS sein zu viel Leut' da." „Ich werde cs doch durchsetze»," be- : lic nun der Tscheche, „daß dieses Local endlich einmal judcnrcin . v, tvb, sonst wär's wirklich llöthlg, Schußgeld zu zahlen!" Tic zahlreich -moesende» Gäste secnndirtcn in keiner Weise diesem gelehrigen Schüler ^.rnsi Schncidcr'S, und cS schien uns auch, daß die ganze Scene dem > .sswirlhe sehr peinlich war. Beim Fortgehen konnten wir cs nicht > unterlasse», zu fragen, wer denn dieser Hczr sei, und erhielten zur Antwort: „Mir scheint ein Buchhalter in einem jüdischen Groß-; dlungShause." ■—r. j Eine empfindliche Lcctio» für Ehrabschneider.) Ter Sicin,» e ■ tci Lcopöld H o l o m ay, ehemals Bezirksausschuß von der--Land ü'.'.ße, bekannt durch seine frühere Thätigkeit als antisemitischer Agi- . batte sich am 3. d. M. vor dem Strafrichter des Bezirks' achtes Landstraße wegen Ehrenbclcidigung zu verantworlett. weil, er . einem Eivilproccssc den Kaufmann Leopold Rose »seid, der ihn . 'wegen' eines restlichen Betrages von sieben Gulden geklagt hatte, einen j Betrüger" nannte. Holomay erbot sich zum Wahrheitsbeweise für j; ii Borwurf des Betruges, allein dieser Beweis mißlang ihm gänzlich, j? Klagcanwalt beantragte nun eine strenge Bestrafung, da cs denn > Ii nicht angclze, 'so leicht mit der Ehre eines Rel'cniiiciischen nmzuz ssuigen. Ter Richter fand Holoma» schuldig und vcrurthcilte ihn zu i.l:: Tagen ArrcstS, verschärft mit cinem Fasttage. In > i llrthcilöbcgründung wurde betont, daß bisher die Ehrcnbefcidigungcn! zu lar behandelt wurden und schon die Ansicht'cinriß, alS könnte \ : -..-.ii für Geld die Ehre eines Ncbcnmcnschcn besudeln, wie man wolle, l I.. Berthcidigcr Holomay'S meldete die Berufung an, woraus der! u.'.gcaiiwalt das Gleiche that, weil der Angeklagte angegeben hatte, | u schölten zu sein, und dies vom Richter als Mildcrnngsgrund an . : inincn wurde. Eine historische (Srilllicruilfl.) Mau schreibt UUS aus Mähren: ' Antisemiten pflegen das zu wicderholtcnmalc» vorgclogcne Märchen ’ ■ der Abneigung der Juden gegen jede körperliche Anstrengung, . auch gegen den Ackerbau, wieder und immer wieder aufzutischcn. Herren sei in Erinnerung gebracht, daß derjenige, der sich a» ■ T chwelle dieses Jahrhunderts ui» den Ackerbau i» Mähren vor ur hochverdient gemacht hat, ein — Jude war. Ein Jude üümlich, ob Hällcr. aus Königsberg in Böhmen gebürtig, Pächter der "avernc am Spielbcrge in Brünn, führte zu Anfang dieses Jahrhunderts als der Erste den Erdüpfclbau in der Gegend von Göding, Faiiiilienherrschaft, ein. Ein derartiges Verdienst um die Vaud etbschaft und die landwirthschaftliche Bevölkerung haben die ganzen 'ündc der Landwirthc" in Deutschland und Oesterreich zusammen oinmen nicht anfznweiscn. Ii. Ii. Tie Bischöfe Galiziens siegen Pater StojalowSki.) Ter uii'ch tatholischc Episcopat Galiziens hat gegen den christlich-socialen j ulator, Pater StojalowSki, der schon einmal u saeris und liiinis suspendirt, dann in Acht und Bann erklärt.worden war, euch wiederholt mit dem Strafgesetze in Eonflict gcrathen ist und erst : vorigen Monate auf Grund des Wahrspruchcö der- Teschener Gc- -worncn wegen verschiedener Tclictc zu vicrmonatlichcm Arrest vcrilieilt wurde, neuerdings eine Action cingclcitct. Ein gcnicinsamcr "ncnbricf, den der Lembergcr Erzbischof, der Krakauer Fürstbischof die Bischöfe von Tarnow und PrzcmySl unterfertigt haben, ndct sich direct gegen das verhetzende Treibendes unverdessersichc» uier StojalowSki, der, wie cs im Briefe heißt, einmal in Rom nach ucr Büßerproccdur Abbitte gcthan ^nd feierlich erklärt habe, die Herausgabe feiner BolkSblättchen „Wicniec", „Pszczolka" und „Tzwon" eiiizustcUen, welche unter dem Borgcbcn, sich des Volkes und dessen 8 l a t t. i?T. ite r>. Wohlstandes anzuuchmen, das Volk gegen die Ungerechtigkeit der Behörden und die Bedrückung seitens der Begülcrien in Schutz zu nchmcii, in Wirklichkeit bloß zum Hasse gegen Elassen der bürgerlichen Gesellschaft, zum Ungehorsam und zur Verachtung ausrcizen, die Alltoritüt der weltlichen und kirchlichen Behörden verspotten und über. Haupt die Leichtgläubigen irresührcn. Ter unglütt'elige Priester habe die Zusage nicht eingclialtc», er lasse jaue Blanche» unter andcrcn Titeln mit derselbe» Richtung weiter erscheine» Richt genug daran, habe Pater StojalowSki jüngst an der Spitze der „Rowu Pszczolla" den Segen veröffentlicht, welchen Eardinal :)tamvolla im Rainen des Papstes i» Erwiderung ans eine BcglnckwiiuschnngSdepe'che der Rcdacliou des genannten Blattes übermittelt hat. Vater Swjalowsti habe diesem Segen eine Teulniig unterlegt, als ob' der Vavsi mit Bedauern über die Verfolgung SlojalowSki's -diesen irösteu nnc P;».'» Wirksamkeit als gottgefällig beloben wollte. „Ein n.iiulich icich: t^otteS Wille," io führte er ans, „daß Einer viel, der Ander aber wenig besitzen solle, denn die Erde in ja für Alle: nicht (i'i-tt, sondern die menschliche Gier vcrinsacht es, daß Einer yiiainutouoitt, was Hunderte Hände erarbeitet haben. Rnr'io vict ist-dein, a;' du ehrlich erwirbst, alles Ucbrige kommt dem Tiebstahl gleich und .i'ch'inl-als Verletzung des siebenten Gebotes (''tntei*. Ter Seg.» des heilig ui Vaters wird uns iü diesem Bestrebe» und in der Arb.i: kür die Ge rcchiigkcit des göttlichen Reiches. bestärken." 'Aach Eilrriing dieier Acnßcrnugcu Pater Stojalowski'S fährt der Hirtenbrief fort: „Welche Arglist und welch schlauer Mißbrauch, der-da mit dem Raine» und Worte GottcS getrieben-wird! Ter heilige Vater, welcher den A»'trag ertheille, allen den tausenden t^rainlaute» zu dauten, hak 'dadurch noch nicht das, was diese Gratulanten thun und schreiben, belobt, weil er ihr Thunnicht kennt und von ihren Handlungen nichts wissen tan»." iMerken Sie sich das, Herr Spitzer Weimar') Daher hak, wie die Bischöfe 'mittheilcii, der apostolische Runtius in 'Wien, wie er nur von jenem Telegramm Keunkniß eihielr, mit einer Zuschrift vom s. i'uir, nntr neuerlich mit einer Zuschrift vom lf>. März l. I. mitgctheilk, däß die Blättchen „Rowa Pszczolka" itiid „Row» Wicuice" gegen die Autorität der Bischöfe unddie kirchliche Tiseipliii gerichtet seien, wie auch den verpönlen SocialismuS zil verbreiten suchen: daß der Redaeteiir dieser Blättchen das Telegramm des Eardinal Staats fccrclärS dähjn z» mißbrancheii trachtet, als ob der Papst den «s-cist -und die Lehre» der gedachten Blättchen beloben würde, waS durchaus * falsch sei, da .der heilige Pater, wen» er siir die ihm dargcbrachlen Glückwünsche tan kl »nd Segen enhcilt, weder die Personen »och die ' Zcitschristcu des Gratulaulen belobt. Ter 'R'nuti'uS forderte unu, daß dieser IMißbrauch geahndet »ud etwaige Aergeruisse, die durch denselben hervorgcruseu werden köniitcn, beseitigt werje», sowie daß gegen den Herausgeber der genannten Blättchc» mir aller Strenge vorgegangcu werde. Ter Hirtenbrief beruft sich dann ans die pavstliche Encnklica vom l!s Tcccmber l^Ts ,,„d die Eiicutliea vom I.">. 4>kai welche das gerade (sscgcnthcil von den ioeialistischen Theorien Slojalowsti'S empfehlon. Schließlich werde» die Gläntssge» von den Bischöfen crmahüt, die von StojalowSki heranSgegebeuen Blättchen sowie auch die soeialistischcn Zeitungen „Prznjaeiel Lu du" und ..'.A'aprzod" nicht zn lesen und in keiner Weise zu nnterstnven. (Zur Bismarct ^-ricr.' Angesichts des Umstandes, daß die Antisemitcn, namentlich die der „Sstmark", bei' der Feier des achtzigsteir Geburtstages de» Fürsten Bismarck sich in der-widerwärtigsten Weife vordrängie», erscheint nachstehende Ziisanimenstellung nu'ercr Berliner Abwehreollegin von besonderem Interesse: l. Carl 'Paasch tagt ,» einer seiner ^chi»ähiä»'>'le„: es. »>u.rlich üi», das; Bioniarel ei» gelieinier Jude in?" Sr feinet an, das; Fürst Lisinarä ein. Mii.ilied der jüdiulicn Vereiniiruiiji .. AHinim-c I>in.-lir.- ■ ich über . welchen Bund eie Aiiw'eiiiilen die verlegenneii Bchauviungen auiaesielttZiaben. ü. Aht war dt, ter Milrerkasser der -Broschüre ..Tie 'BSabiheil über 'Bismarck", h.zi darin 'belianvlet. Bismarck fei Abtomiiitiiig vo» Jude» und .»tränier»: seine ganze Botilit, die Bcrstaatlichiiiachlmg der Sisenbahne», der Friede mit Rom, das Büudiuü .mit den Soniervaliven, hälie nur in ichimihige» tSeldgeschäilc» ihre llrwche. In du geheiinnilivolleii 'Weise, die auch aus aiideren Ahlwardi'iche» Schri'len betamil in, werden Sriminalverbrechen angcdentci. Toheißl es in der Broschüre: „Bald darauf verschwand Halter aus eine iiiidui llärtickie Weiie."^> T. 1 „SS ist im hohe» Grade anssaUent, daß gerade diese beiden cRbnrishcl'er tcS »cnen Tenlsche» Reiches und' die vor-nelmineii Zeugen '»nd Zeuger desictbeil: Bönig Ludwig und Xronpriiiz Friedrich, zur Zeit, als »ochiiialS Bismarck aUe Gewalt »nd alle» Glanz a» sich zu ziehen in de: Lage war, ein so »iinalürlicheS und. vätt)>etfinfteS Sude »chinen »infue»," i2. T-».1 Auch duiitle Plane von einer T»näl>ic. BlSiuarck» werden aligcdeiliel. ,>ür die ,'irone der Lchrist Halle» wir aber solgriiden Anssvrnch; „Indeß die »iilcr Lcilitiig deS Raeeilgciiossen Bleichiöder'S stedcilkc Presse forrwätneiid angeveitucht