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Freies Blatt · 1895-03-31 · 156 (31.3.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
156 (31.3.1895)
Date
1895-03-31
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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Nr. 15«. .freie» Blatt. “fite!> aufl welcher hervorgeht, daß ein Ahnherr dcS Schriftleiters der „Ostdeutschen" Schäme« in der Alt-Neu Schul zu Prag war. Tann, akuter germanischer Jüngling, tröste dich mit dem Ur.„Gauloi«" Edonard D r n tu o n t, welcher ra« Malheur hat, von einem Stuttgarter Schächter abznsiammen,,nnd mit dem Teutonen Bocket, der seinen eigenen Angaben nach ei» Zudenstiiininling sein dürfte. In dem von Bocket und Ahlwardt herausgegebenen „T e u t s ch e n Bo l l «recht" vom 19. März findet sich nämlich svlgSnde Brieilasiennoliz: „Bfarrer S. in V. Taß die mütterliche Großmutter de« Fürsten BismarN Fobanna Elisabith Böckel, verheiratete Mencke, gestorben den Li. Februar mit dem Herausgeber unseres Blatte« verwandt ist, lann a!« wahr schein lich bezeichnet werden, Sb eS sich freilich bei der Länge der Zeit nach >«iif» läßt, ist eine andere Frage. Wir wvtten gelegentlich' recherchiren und'' - erde» dann Weiteres mittheile»." 'Jiun ist im Jahre IkSlL eine auliieniili'che Broichüre erschienen, betitelt „Tie Wahrheit ^über Bismarck" «Leipzig, >. Mindei von Balder (Pfendonhini, an deren Herausgabe auch Ahlwardt pcibeiligt war. Auf Seite 19 dieser Schrift deutet der Verfasser an, daß die geborene Mencke jüdischer Herl unst gewesen lei. l-ü wi ist Tr. Böckel t in Fudeniproß. jfCUÜICtDll. Die Wäscherin. Berliner Vollsbild von Ularirita ti. Ttlarlrovirv. , 'Jiiiititiu.f lati’Un „Frau Dufel'n — Frau Dusel'n! (St iS fiiitfc vorbei!" Halblautes Klopfen an die Thür einer Art Bodeiikaminel. Ta sich nichts rührt, klopft der Mann, ein alter Trofchkenkntscher, stärker. „Aber Fra» Dusel'n! Sie werd'n es ja verschlafen! Bei Jeheim raths is die lange Mine, die Köchin, schon im Staat — sie will nach Beisdain in de Friedenskirche sehen, weil ihr Soldat dorten Wache sicht nn ihre Herrschaft us't Land iS. Ra — Fra» Dusel'n!" Fetzt hört inan sich Jemand vom Lager rasch erheben, flink in ein Paar Lederpantosfeln fahren und in dje ^tähe^der Thüre kommen. „Sind Sie'ö, Herr Purzelmann?" ,,'A'alierlich — wer soll et denn sind? Ick komme von die Rächt stihre, un ehe ick mir lege, wollte ick Ihnen doch wecken, Frau Dnsel'u, damit Sie et nich verschlafen, un rechtzeitig bei die Wäsche sein dhun. Sie hgben jewiß wieder lange -für die KinderkenS noch jenähl und jestoppk —?" Ein leichtes Gähnen. ,,Ra ja, so bis nach ein Uhr-heut Abend sind Sie wohl vf, Herr Purzelmann? Wenn se so jütig wären und ein bißchen nach Hermannchen und deö Kleine sehen möchten — Riekche» iS ja selber noch ein Wurm,^und denn parirt der Junge.auch nich." „via woll, ja woll, Frau Dusel'n, mit jrößte Plüsir. Jetzt jehe ick aber;u meine Ferde un lege mir in die Federn. AllenS zu feiner Zeit — tut Lrdlinng muß parirt werden. Berlasieu Se sich man uf mir, ick werde schonst uf die kleenen Iöhren Dbacht jeden." Damit nahm Fritz Purzelmann seine Peitsche und ging schwerfällig «ier Treppen des alten Gebäudes hinab. Indeß war Frau Lotte Dusel, die Witwe eines braven Anstreichers, mich! müßig gewesen. Zum Ankleiden brauchte sie wenige Minuten. Wasser und Seife gaben ihrem hübschen Gesichte fast jugendliche Frische. Auf ihrem Toilettetisch — einer großen, leeren, unigestülpten ■'tiftc — fanden sich weder Schminken, noch I'-mIrcde iiz, noch Dalben oder ParsumS; dafür hatte Lotte Dusel ein Paar glänzende, braune Augen, die treuherzig untfgar freundlich dreinblickten. Wie sie jetzt so da stand vor dem kleinen, etwas erblindeten Spiegel,;,e vollen Arme erhoben und mit dem Kamm dtzzch das lange, tisianienbraune Haar fahrend, hätte man il/r kaum achtundzwanzig bis dreißig Jahre gegeben. Aber sie zählte bereits sechsunddreißig, und .ei den schwere» Sorgen, die ihr das Geschick auserlegte,. der groben Arbeit, die sie täglich verrichtete,- der aufrichtigen Trauer, die sie um inen Heinrich, ihren Mann, empfand, hielt sie sich merkwürdig frisch. Jetzt lachte die Sonne mit ein paar freundlichen Strahlen durch as schiefe Fenster des Bodenstübchens. Lotte ging hin und öffnete alb eilten Flügel, nachdem sie sich mit einem zärtlichen Blicke überzeugt, daß Miezchen, die Kleinste, vor dem Zugwind geschützt sei. Licht, frische Luft, klares Wasser und — Arbeit, damit hielt eS Lotte Dusel; für daS klebrige ließ sie in fromnier Ergebenheit den lieben Herrgott sorgen. . Auf dem Rückwege zum Spiegel kanten ihr ihres Söhnchens Kleider in die Hände. Die Hosen hatten an den Knien sich wieder erschreckliche Blößen gegeben, und an jenem Theile, der von Knaben, die über Geländer und Wagendeichseln hinwegvoltigiren, am meisten milgenomineu wird, zeigten sich sechsfache Tucheiniätze in den verschiedensten Farben. Diese - „Beri'ohlitng" hätte einem Bergknappen alle Ehre gemacht. * „ES ist eben ein Junge" ----- tröstete siel, Lotte Duiel — und stickte allabendlich geduldig die Unanssprechlichen ihres Sprösslings neuerdings. Und waö für ein Junge war das! Er lag auf einem großen Strohsack, über den die Wäscherin ein saubere«, weiße« Laken gebreitet, als Antipode, d. h. zu Füßen seiner Schwester Rielchen, und sein blühendes, etwas trotziges Knabengesicht mit den vollen roihen Lippen und dem elwaö aufgeworfenen SluppSnüschen, stach von 'dem der Schtvester gewaltig ab. Ein kleiner Adonis an Körpersormen, nahm, er int ganzen-Stolze seiner fünf Jahre drei Biertel des Lagers ei». Lotte Duiel betrachtete ihn, ihren Jungen, in anfgiiellendem Mntlcrglücke, dannstrich sie sanft über die Wange, ihrer Erstgeborenen und rief leise: „Rielchen — Riekchen! Komm, es ist Zeit!' Du mußt ja die Seinmeln holen: dann bring'ste für zehn Pfennige Mckch mehr mit als gewöhnlich -res gibt heute Milchreis, den euch die Frau Dillhof nuten im Steller inilkochezi wird." Frau Lotte schien ihre Aeltcste, die sieben Jahre alt war, brav erzogen zu haben. Dhne Murren, ohne Gähnen rutschte Riekchen von ihrem Strohsack herunter, stülpte erst ein > nd dann daS andere - Strümpfchen auf die kleinen Füße, schlüpfte in Röcke und Jäckchen, tauchte das etwas blaue Gesicht tüchtig ins Wasser und war in fünf Minuten sir und fertig. Zn kämmen^gab es nichts, denn Lotte hatte dein .ttinbc/in Anbetracht der schönen Jahreszeit, mehr noch der Zeitversäumniß, die hellbraunen Haare kizrz bis zur Schädelhaut ab ge'chnitten, und das kleidete Rielchen nicht übel. Während die Kleine die Treppen hinablicf, um Semiiwl^ und Milch zu holen, letzte Lotte Tnsel den Kessel über das eWfcje int kleinen eisernen Ssen, begoß die Geranien und MonätSrosenstocke, die in Heller Morgensonne ans dem Fensterbrette standen, zog -die kleine Schwarzwäldernhr aus und säuberte flink daS Zimmer. Das ging Alles wie', am Schnürchen. Endlich war auch der „sogenannte Kassee" — ei» dünner Abguß von Eichorie und Gerste — fertig, und auch Riekche» hatte den Häeemp der Dachstube wieder erklommen. - „Ru macht eü gerade snnsundsiebzig Pfennige, Mütterchen, und du sollst doch am Donnerstag ichetstru und kochen helfen, läßt dir die Frau Keller, die Milchfrau, sagen. Und da bat sie mir einen Hut von ihrer Lieschen jejeben, aber dje Krempe mußte erst nähen und an das blaue Band iS eine janz abjeschnbberte Stelle." Holte Dusel betrachtete mit Kennerblick den keck anigeschlagenen Manilla, dann letzt sie ihn Riekchen ans, deren geschorenes Köpfchen sich urkomisch unter dem breitrandigen Dache auSnimmt. - „Laß Man jnt sein, Riekchen, ich mache ihn dich zitrechte. Er iS ja. noch propper — nn hat sicher zehn Mark jekost't .— ’o ne Bei schwendnng von die Keller'jchen! Da hat sie sicher acht Tage die Biilch mit (Grazie noch mehr als sonst gepantscht!" Jung Hermann'erwachte. Dbwohl ce.Aie Augen noch nicht ganz geöffnet und.sich von rechts nach links über den Strohsack gekugelt hatte, verlangte er doch sogleich nach — Semmel. Rietchen spielte ihm gegenüber HauSmütiercheu. Sie-eiferte: „Soll inan Semmel gleich verlangen? Soll man auf'» Bett essen? Erst steht man aus und wäscht und kämmt sich und denn sagt man: Ich bitte schön — damit man ei» jebildetes Kind iS und sich Mutter nick ärgert --- —" ' Die Strafpredigt der Schwester schien am frühen Morgen keinen Eindruck auf Jung Hermann zu'machen;'er war in zwei Tempo vom Lager herunter und lief in seinem kurze» Hemdchen zur MutM, an die er sich in überströmender Zärtlichkeit schmiegte. Frau Lotte erwiderte dieselbe, aber sie nahm auch sofort die günstige Gelegenheit wahr, uns ihren Stammhalter tüchtig mit Schwamm und Seife Bekanntschaft machen zu lassen, Gau; ohne Strünbeu ging daS nicht ab, und etliche — au — „aber nich so doll, Mutter!" bewiesen,' daß Jung Hermann diesem summarischen. Bersahren durchaus abhold sei. Jndeß auch daS ging vorüber. Gleich darauf stopfte Lotte die bereits hungrigen Mäulchen, und es war ein Bergnügen, die kleinen Zähne an der knusperigen Semmel arbeiten zu sehe». Während sie hastig ihr. eigenes Frühstück verzehrte, packte sie ihre blaue Arbeitsblouse und die. ledernen Pantoffel in den Handkorb, stellte das Licht und die Streichhölzer hoch oben hinaus aus einen S.uerbalken, den die Kinder nicht erreichen konnten, und begann dann behutsam das noch schlafende Jüngste anzukleiden. Miezchen war drei Monate nach des Bakers Tode geboren, zählte nur anderthalb Jahre und besaß als Erbstück des Seligen die prachtvollen Bergißmeinnichtaugen.

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