Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 156 (31.3.1895)
- Date
- 1895-03-31
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Freies •.Vuit war cS aber auch die. höchste Zeit. Pom Nicolaitburme schlug cS sechs Uhr, und Lotte hatte noch zehn Minuten;u gehen. . Se füllte Miezchens Flasche mit dem Reste de- Milchkaffees, nahm daS Kleine in die Arme und schloß ihre Wohnung ab. Rickchen trug die Milch und den Reis für das frugale Diner, Fung-Hcrmann den Handkorb. Do langten sie alle im Hofe des HauseS an, wo der Droschkenkutscher Purzelmann ein Kcllerlogis bewohnte. Leine Frau, die für die teilte nähte und strickte, erwartete die Kinder schon. Für zwanzig Pfennige pro Tag bemutterte sie die armen Wesen, die sich sonst ganz und gar selbst überlasien und ohne Aussicht allen Gefahren prciSgegcbcn gewesen wären. In einen Kindergarten konnte Lotte Dusel die Kleinen nicht schicken, dazu langte der karge Perdienst nicht, deshalb war die arme Wäscherin sehr froh, in der Wohnung deS alten- Ehepaares eine Zuflucht für ihre Lieblinge gesunden zu haben. „Do, Frau Purzelmann, da is mein janzer Rcichthum — die KindN^Zwanzig Pfennige, mein Abendbrot von jcstern, n» die Dill- Iwt'n ivill^so gut sind und den Milchreis bcsorjcn." Damit legte Lotte ihr Jüngstes, nachdem sic cS zärtlich geküßt, ans das einzige Bett im Zimmer. „DaS arme Wurm hat die ganze Nacht mit dieZähnchcn rumort, und ick habe auch wenig jcschlafcn. Warum sich so'n Kind so quälen muß, dasor könnte ein ausgewachsenes Jndcvidivum ja jlcich drei Weisheilszäbne aus einmal kriegen! Do, Rickchen, hier is der Strick - sirninpf — Hcrmannchcn hübsch folgen, waS die Tante Purzcluiann sagt, und nun — ja, ja — ick bringe euch schon was Dchöncs mit — — " Fm Hausflur Fällt Lotte Duscl'n ein, daß cs beute der letzte Dermin ist, wenn sie das Dechzehnlel Lotterielos, daS sie mit der Dillhof zusainmcnspiclt, nicht verlieren will. Die klopft leise an das Kellcrfcnstcr: -»Frau Dillhof'n — ick jehe in die Wäsche Es is heute der Bierzehnke un die höchste Zeit, von wejcn unser Los" — mittlerweile erscheint die dicke Dillhof am geöffneten Fenster. „Hier sind :inc Mark fünfzig auf mein Thcil. Nicht wahr — '? Die sehen heute Früh noch hin un machen et richtig, denn es wäre doch schrecklich, wenn die Nummer rauSkämc, und wir Hütten sc nich mehr jespielt. Des könnte ick mir nie nich verzeihen, wenn ick des Glück io vor'» Kopf jestoßen batte. Mir hat so vorige Nacht von 'ne schwarze Katze jcträumt und des is nii'cht Jules." „Ick bin ganz Ihrer Meinung, Frau Duscl'n" — rcplicirt die ebrsame Dchusterin im Keller, die in freie» Dtunden, die sic nicht dem Dchnbecinfaffcn widmet, sich mit dem Wahrsagen aus dem Kaffeesatz beschönigt „Die haben jan; recht! Des Ftück iS vorne jlatzköpsig, wenn man's nich hinten beim Dchopf faßt, packt man's nie nich." ,Wo sind Die denn heule zu Fast'?" DffcchnnngSrath Ladewigs jchcn nächste Woche in'S Jrüne — nn da will die Rälhin noch allenS in die schönste Eonfusio» haben. Aber nu is cs die höchste Zeit." Mit einem freundlichen „Guten Morgen", der überall gleichfalls freundlich erwidert wird, denn Lotte Dusel ist in der ganzen Gaffe beliebt, eilt sie der DrcSdcnerslraße zu. Fhr srischcS, frohes Gesicht, auS dem Gemüth und liebcmarmeS Seelenleben hcrvorlugtc, willig zum Empfangen und dankbar für jeden Eindruck, sagte Fcdcm: Das ist ein licbeS Weib und ein genügsames obenein. Bei „Rechnungsraths" hatte das Drnbcnmädchen, die lange Laura, schon in der Waschküche Feuer gemacht. Lotte Dusel gehört wohl nicht;it den „noblichten" Wäscherinnen, bei denen schon alle Borbercitungen von der Partei, alS dg sind: Wäsche sortircn, cinioeichen, einseifen ec. getrosten sein müsten, und die bei der Ankunft um sieben Uhr gleich in:r Butterscmmcln und stark gezuckertem Dahnenkaffce empfangen sein wollen, aber immerhin, etwas muß schon geschehen sein, das verlangt j Ne Reputation einer anständigen Wäscherin. Lotte Duiel hielt sich dazu, und unter ihren flinken Händen | 'ckwanden die Berg« von Wäsche, Ehimborastos vo.n Handtüchern und! Dtrninpsen, Hekatomben von Tischzeug und Jnpons. «Legen acht Uhr, als die lange Laura das Frühstück in die Wasch- '.:che brachte, ereignete sich etwas Heiteres. Leite Duiel iah den rvlhhaarigen Menzel, den Burschen des H.'.nrnnannes Dlrachwitz, der den zweiten Stock bewohnte, am Brunnen nn Hon stehen und unter halblautem Fluchen aus einem großen Faffc : Wa'che auswringen.! „Aber Menzel, Männeken! Was machen Die denn da'?" rief Laura.! Der Bursche schnitt ein greuliches Gesicht; dann sah er hinauf,, eb von seiner Herrichäst ihn 'Niemand beobachte, ergriff ein feines Dbcrhemd, daS sicher an die groben Fäuste eines Kanoniers nicht gewöhnt war, und brummte: Blatt. Nr. 15Ü. ' „Da schlag doch der Deibel drein! Muß ich hier stehen un so 'ne Arbeit dhun! Die Frau Hauptmann hat große Wäsche commandirt, und unsere Hanna, was den Gefreiten zum Geliebten hat, that die Wäsche cinweichen. Der Herr Hauptmann kann den .häuslichen Sauerteig', wie er'S immer nennt, nich leiden, und er hat Rechts denn et iS an solche Dagc noch immer die Suppe versalzen un bet Jeiiiicff anjebrannt. Während ich jing, um Kernseife zu holen, muß et zu einer rejelrechten Schlacht jekommen sind, in die Crcdenz fehlte eine Scheibt, die Frau Hauptmann war einjcspcrrt un hatte ihre .Mijränc, un Hanne, die bei diese Manövre eine ,Jans' an den Kopf jeschmiffen gekriegt hatte, packte ein und überließ mich das Schlachtfeld, aber -- auch die eingeweichte Wäsche. Nun soll ich se — die Wäsche — zu 'ne Waschfrau tragen, aber det jeht doch nicht mit's Wafferfaß." Und der arme Ofsicicrsbursche plagte sich weiter im Schweiße seines Angesichtes. Ten zum zweiten Frühstück erhaltenen Doppelkümmel und das GlaS Weißbier trank Lotte mit Behagen — wer arbeiten soll, mnß Kräfte haben, aber Mittags wandertc die Hälfte des Effens in den Handkorb — zu Hause gab'S ja hungrige Mäulchen, und Hammelbraten und Dpecknudcln konnte sie ihren ^Kleinen nicht Vorsitzen. Mittag« ging Lotte auch hinauf in die Küche. Hm! — Da jo!> cs „propper" auS. Kupfer- und Blcchgeschirr, Porzellan und Tische und Bänke blitzten im Sonnenschein. „Wer mal solche Küche haben könnte," dachte Lotte für-sich. Jette, die dicke Köchin, saß neben dem Sparherd mit gekreuzte» Beinen, an deren einem sich ein „Schlüpfen" wie ein Pendel wiegte. Während Fette große Löffel voll grüner Bohnen in den nicht kleinen Mund practicirte, glänzten ihre Augen verzückt: „Sie können sich jar nicht vorstellcn, Frau Duscl'n, wie spannen der Mordroman wieder is, den ich abonnirt habe. Besonder« in',, sechsten Band, bci'S achtzehnte Eapitel, wo der Raubritter Hadubrand seinen eigenen Pater ins Burgverlicß verhungern läßt — des is wunderschön! Un wenn dann um die mitternächtige Stunde der Feist erscheint, um in-schauerliche Frabcstöne ruft, Seite zwciundzwanziq" — Fette hatte den Roman stets neben dem Sparherd — „sehen Die, da stcht's: „Hadubrand! Hadubrand! Pfui! Pfui! Pfui! — — und verschwand — denn jruselt's einen vor Bergnügen in alle Glieder." Auch Lotte fand das sehr schön, aber cs fehlte ihr die Zeit für die Passion der gebildeten Köchin. Der Nachmittag verlief in tüchtigem Schaffen, aber in der Dämmet stunde kam Julius Hirse, ihres Mannes bester Freund, Maurer von Profession, in die Waschküche hinunter. Merkwürdig —! Er wußi, fast immer, wo sie gerade Arbeit hatte, und obwohl er wenig sprach, sagten ihr seine Auge» doch Alles. Auch zwei der Kinder hatte ei über die Taufe gehalten, weshalb sic als GcvattcrSleutc sich auch mit „du" anredctcn. „Ich mcinc, Lotte, wenn du ein bißchen weniger verdientest und ciu bißchen mehr in die eigne Wirthschaft sehen dhätcst'? Sich' mal, ich. habe doch so die Woche meine achtzehn bis zwanzig Mark, manchnial auch dreißig — und deine Stube und meine Kammer kosten doch zwei verschiedene Gelder — und immer kannst doch nich waschen gehen — —" Sie erröthctc über und über. Aber sie nickte und mußte ihm Recht geben. Dann sagte er nichts mehr, er sah sic .leuchtenden Auges an, machte eine ungeschickte Abschiedsbcwegung und ging ~fo still, als er gekommen. Lotte Dusel war ihm nicht gram und dachte über seine Worte nach, ohne z» einem Entschluffc zu kommen. Als sic Abends »ach acht Uhr teste bei Purzelnianns eintrat, um die Kinder zu holen, bot sich ihr ein freundliches Bild. Tie Feau des Kutschers stand beim Herd und wärmte das Nachtmahl, Pnnelmann rauchte wie ein Dampfschlot a»S langer Pfeife, Fung-Hcrinann hätte beide Arme um den Hals des Maurers gelegt, denn Julius Hnsc ließ Miezchen auf seinen Knien stehen und bcniühtc sich, der Kleinen seinen Namen zu lehren. Aber die ungelenkige Zunge des Kindes brachte es nur zu einem fragwürdigen „Lu—di." „Das kann sie nich." meinte Hermann, „sie kann nur Pncr sagen." * Und „Pater. Pater," jubelte die Kleine. „Is ooch das Jcschcitcste, waS sie lernen kann," »inrniclte der alle Kutscher. Zu Tftern wird es wohl eine Hochzeit geben . . .