Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 156 (31.3.1895)
- Date
- 1895-03-31
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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.freie* Blatt. Seite 4 Nr. 156. perlicrcn. Im .'Jiamen des Vorstandes der Vereinigten Linken gab dann der Redner die Erklärung ab, daß sie von der Romfahrt deS EaidinalS Schönborn gar nichts gewußt habe. Im weiteren Verlaufe seiner Ausführungen sagte Tr. Sueß: .Vor Kurzem ist bei mir ein atter Jude betteln gewesen. Er sagte mir, er sei Hausircr gewesen, habe aber durch seine oder seiner Iran Krankheit seinen ganzen Kram cingcbüßt und. war nicht mehr imstande, sich eine Kleinigkeit an solchem Gablonzer Tand anzuschaffen. Ich fragte ihn um seine Vergangenheit. Herr, sagte er, ich bin 1,2 Jahre alt, habe 16 Jahre beim Militär gedient, ich habe die Kricgsmcdaille, ich habe bei Solfcrino einen Schuß in die linke Hand bekommen. Meine Herren! Ich habe ihn nicht gefragt, warum er nicht mit seinem Certisicat um eine Stelle als AmtSdicncr eingcschrittcn ist. Ich habe ihn nicht gefragt, weil die Antwort, die ich bekommen hätte, mir;u schmerzlich gewesen wäre. TaS Haus wird sich früher ober später mit einem Gesetze beschäftigen, ivelchcS die Hausirer betrifft. Ich beneide diejenigen nicht, welche in sich das Bewußtsein tragen werden, diesem armen Teufel, der 16 Zabre beim Militär gedient, der den italienischen Feldzug mit» gemacht bat und in der Schlacht verwundet wurde, die letzte Möglichkeit einer ehrlichen Existenz genommen zu haben." Am Schluffe seiner Rede betonte Tr. Sucß die Rolhwendig'eit, daß die Regierung sich cnnchließe, mit größerer Entschiedenheit als bisher die Gleichberechtigung der Eoiitcssioncn zu vertreten. Tie Angriffe Lueger's auf den Ilnterrichtsminister, dcni er, um seinem Freunde Scheicher ein Vergnügen zu bereiten, die „Richte der Coalition" zum so- und sovieltenmalc vorluelr, wurden von dem Angegriffenen und zwei Landsleuten desselben einer Widerlegung gewürdigt. Auch Herr Schlesinger, der unter Anderem einen Verbrecher auf einer Stufe mit eiiicm angesehenen Präsidenten einer Eiscnbahngescllschast .stellte, wurde ernst genommen und vom Finanzministcr durch eine förmliche Entgegnung ausgezeichnet. Öitlllkindcwahltil.i Tie am -8. d. M stattgehabten Gcmeindewablen im dritten Wahlkörper schloffen mit einem vollständigen Siege der Antisemiten. Sic behaupteten ihren Besitzstand in vier Bezirken und gewannen ein Mandat in der Leopoldstadt. Viele jüdische Wähler hielten sich von der Wahlurne fern, und eine Anzahl von Juden soll sogar für den antisemitischen Eandidaten gestimmt haben. Tas Widersinnige dieicS Verhaltens bedarf nicht erst einer näheren Beleuchtung. Wenn die Liberalen den Antisemiten gegenüber nicht mit Entschiedenheit die Rechtsgleichheit vertreten, so folgt noch daraus nicht, daß jüdische Wähler antisemitischen Eandidaten zum Siege verhelfen sollen. Auch für Juden gilt das Sprüchlein: "Rur die allergrößten Kälber wählen ihre Metzger selber. 'i"p > Tie Pächter aller Moral und Ehrlichkeit.) Ma» schreibt uns: In den aniiscniitischcn Blättern werden unsere öffentlichen Zustände in einer Weife geschildert, als ob Moral, gute Sitte und Ehrlichkeit einzig und allein von den Antisemiten gepachtet worden wären, während den Liberalen alle möglichen Untugenden und Schlechtigkeiten zugeschrieben werden. Untersucht man aber diese Moral, gute Sitte und Ehrlichkeit der Autisemiten etwas genauer,, so gelangt man bald zu einer richtigen Wcrlhschätzung ihrer „vorzüglichen" und „nachahmenswcrlben" Eigenschaften. Vor uns liegt ein ganzer Stoß von Zeitungsausschnitten — greifen wir aufs Gcrathewohl. nur einige heraus. Tas beste Material für die Geschichte der Antisemiten liefern die Berichte aus dem GcrichiSsaalc. Vor nicht langer Zeit stand eine wohl organisirte Bande von Betrügern vor dem Schwurgerichte. Eine TiSciplinaruntersuchnng gegen antisemitische Beamte der Tonau-Tampfschifffahrtsgcsellschafr haue nämlich den Beweis erbracht, daß Einer, auf Rechnung der Gesellschaft gekaufte Möbel in seine Privatwohnung gebracht, ei» Anderer auf unzulässige Art Refaclien gewährt, ein Trittcr absichtlich die Frisi zur Lösung eines die Gesellschaft schädigenden Vertrages habe verstreichen laffen. Eine stattliche Reihe von Processen gegen antisemitische Geschäftsleute, beispielsweise den vielseitigen, in Eiern und ..Augustinerbräu" machenden Kölbl wegen Markenschwindels, den ^'astwirih B leier wegen Betruges, Hk» als Gönner von Einbrechern und TiebShehlern berüchtigten Armcnrath Tostalek, den Bezirksausschuß Kurz, der in Folge eines—Abganges von 1400 fl. das Wein luchte :c., bot ebenfalls nette Stichproben von der Moral und Ebrllchteit der christlich-socialen Reformer. Auch folgende Thatsachcn sind lehr lehrreich: Ter antisemitische Vorsteher der Wiener Schncidera-:nc>>e!!>chaft Jo'ck Fen;l strengte gegen die Meister Massanetz uns S n a r e k einen Ehrenbeleidigungsproceß an, der mit dem Frci- 'vruch der Angeklagten endigte, da der Vertreter derselben, Tr. Oscar Hein, den Wahrheitsbeweis erbrachte, daß die Buchführung total fehlerhaft, die vorgelegten Rechnungsausweise gefälscht seien . . . Der Tbmann der Krankencaffe der Wiener Gemischlwaarenverschlcißer, der Antisemit Wild, wurde im Vorjahre incorrecter Eaffagebahrung überwiesen, und wer den Schaden beim Krach des famosen St. Josef- Spar- und Vorschußvereines zu tragen hat, wird wohl wiffen, daß er ihn christlich-socialen Leitern verdankt. Auch der antisemitische Obmann eines LeichenbestattungSvereincS wurde öffentlich in den Blättern der Veruntreuung von Vercinsgeldern beschuldigt, ohne dies zu widerlegen . . . Gemcinderath Röhrl hat vor Gericht den Beweis er bracht, daß der antisemitische Agitator Barta sich häufig Zechprellereien hat zu Schulden kommen laffen, und Gemeinderath Frauen b erg er legte in einer Sitzung der Gemeindevertretung dar, daß die wegen Verkaufes sinnigen Schweinefleisches verurlhcilten Geschäfisleute durchwegs Antisemiten sind . . . Was antisemitische Verwaltungen in den Krankencaffen zuwege bringen, zeigt uns die mit 1 l.000 fl. passiv gewordene Krankencaffe der Gehilfen des Gastgewerbes, ebenso jene der Schneidcrgcnoffenschafl und der Gemischtwaarenverschleißer . . Alles, Alles für den „kleinen Mann" — diese Phrase hört man von den Antisemiten besonders dann, wenn man den „kleinen Mann" an der Wahlurne braucht, lind auch der blaublütige Volkstribun von Währing schwärmt für den „kleinen Mann", bethätigte dies aber als Hausherr dadurch, daß er feine Parteien im Jahre läf,-i , hundert Percent gesteigert hat. Billiger ist schon Dr. Lueger, der sich beispielsweise bei den Trammaybediensteten, für welche er ein von den Socialisten verfaßtes Memorandum an die Direction abschrcibcn ließ, mit dem bescheidenen Wochenlohn von 10 Kreuzern per Kops begnügte. Dagegen ist der Germane Hauck im „Bcuschclheraus nehmen" sehr stranun. Als Eigcnthümer deS „Rothen Hofes" im X. Bezirke ließ er dieint Spital krank, darniederliegende Witwe Klaus pfänden und exequiren, wobei auch eine auf 90 kr. geschjjtztt ChristuS-Statue mitgenommen wurde. So zu lesen in den Denk Würdigkeiten der Registratur deS k. k. Bezirksgerichtes Favoriten, Zahl 571/llI vom Jahre 1891. Dieser Freund des „kleinen Mannes" hat auch vor den Reichsrathswahlen die Gründung der „Ersten Wiener Schuhmachcr-Lederhalle im X. Bezirke" zustande gebracht. 9k a ch den Wahlen ließ er aber seine Gründung im Stiche, die Halte verkrachte, und arme Schuster büßten im vergangenen Sommer ilue Leichtgläubigkeit im Eriminal . . . Schließlich ist die den Lesern des „Freien Blattes" wohlbekannte Art, wie Anton Wanek ans Hart bcrg, aus dem gewiffcnlose Leute einen „ZeitungshcranSgebcr" gemacht hatten, um seine ganze Habe von 1600 fl. gebracht wurde, auch eine gemeinverständliche Illustration der antisemitischen Fürsorge für den „kleinen Mann" . . . Wo cs ehrliche Arbe t fürs Volkswohl gibt, sind die Antisemiten nicht zu haben; ihre Arbeit ist der Krakehl, der Scandal. Es gibt keine Körperschaft, keinen gemeinnützigen Verein, kein industrielles Unternehmen, keine Unterrichts-, keine Wohlfahrts anstalt, die nicht von antisemitischen Wortführern verunglimpft worden wären. Alles, waS den Aufschwung der Hauptstadt, den Fremdenverkehr, die Baulust :c. zu fördern geeignet wäre, Schöpfungen der Wohlthätigkeit, wie Freiwillige Rettungsanstalt, die Beköstigung und Bekleidung armer Schulkinder, die Beschaffung von Heilserum - wird unaufhörlich begeifert, jeder menschenfreundliche Act verdächtigt. So sicht cs mit der antisemitischen Moral und Ehrlichkeit auS, und cs wäre wahrlich ein für die Zukunft Wiens trauriges Ercigniß, 'wenn die Anti scmiten bei den am 4. April stattsindenden Gemeindewahlen auch den zweiten Wahlkörpcr erringen sollten. Ein gütiges Geschick möge dies verhüten! (Herr, cs will Abend werden.) Ei» Schulmann schreibt uns: Im Beginn der diesjährigen Fastenzeit fanden bei St. Olhmar auf der Landstraße die sogenannten „Missionsovationcn" statt, die über „Einladung'" des Katecheten von niehr als 6000 Schulkindern besucht wurden. Es erscheint mir als eine llngchörigkcit sondergleichen, wenn ein ReligionSlehrcr ohne Mitwiffen der Schulbehörden und Schul dircctorcn auf die Kinder eine Art Pression ansübt, und würde jedeni weltlichen Lehrer eine solche Eigenmächtigkeit strengstens verwehrt werden. Ilcbrigens sollen dergleichen Katcchetcnstreiche öfters vorg: kommen sein und haben sich auch schon Bezirksschulräthe an de» Landesschulrath mit Verwahrungen und Beschwerden gewendet; aber — ausgerichtet haben sie nichts. ES scheint eben, als ob lang'ai», aber stetig die Kirche ihre alte H rrschaft über die Schule wieder erlangen sollte, zu welchem Zwecke gewiß die antisemitische Lehrericha'l redlich mithelfen wird. Neuester Zeit versuchen die Clericalcn, ad hoc auch die Lehrerinnen zu gewinnen, und sind bereits viele der weiblichen Lehr kräfte den sogenannten „Gebet-Vereinen" beigctreten, vielleicht in An hoffung einer geistlichen Protection in der jetzigen oder — künftigen Schule. Wenn die Reuschulc wirklich mit Hilfe eines Theins der Lehrerschaft zu Grabe getragen werden sollte, dann ist dies ausschließlich ein Verdienst des Antisemitismus, der die feste Front der freisinnigen Lehrerschaft durchbrochen hat. (Baron Hirsch-Stiftung.) Das Curatorium der Baron Hir'ch- Ttiftung hat in seiner am 21. d. M. abgchaltenen Plenarsitzung znm