Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 156 (31.3.1895)
- Date
- 1895-03-31
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Stitf 3 Nr. 156 Freie» Blatt. preußischen StaatSrathes dürfte denn auch den sehr gut rechnenden WirthschaftSpolitiker Bismarck weit cnipsindlicher berühren, als die Nichtannahme des BeglüekwünschungSantrages im deutschen Reichstage. _ T'I'T „cLs ist nichts so fein gesponnen. . (Zuschrift ait baS „Freie Blatt" ) Mit unwiderstehlicher Kraft drängt sich die Frage in den Bordcrgruud der stromwcisc sich hcranwälzcnden Räthsel dcS Tages: Wie laniitc cS kommen, daß Regierung und Episcopat den Beistand des Oberhauptes der.Christenheit anzurufcn genölhigt sind, um die wild 'mthcnde Bewegung der „christlich-social" sich nennenden Fraktion zum Stillstände zu bringen? Soll die Gewalt des Staates, der Einfluß >,ochsten kirchlichen Würdenträger nicht hinreichc», um im Kampfe mii derselben den Sieg davonzutragen? Fast scheint es, daß schon die ' Aufwerfung der letzteren Frage die reinste Thorheit ist. Wie. sollte ncht auch nur ein drohender Finger seitens der weltlichen und geisti!,l,cn Machthaber genügen, jeden gegen die Aufrcchtcrhaltung der lieUfchaftlichen Ordnung und Ruhe sich richtenden Bersuch im Keime;u ersticken? Um so vehementer tritt aber das Bcrlangcn auf, eine Voinug für die Frage zu finden: Wozu fremden Beistand aufsuchen, . v,>;iui bic eigene Machtfülle ess? ermöglicht, dem geäußerten Willen de» n forderlichen, die Berwirklichung sichernden Nachdruck zu geben? Darüber kann kaum mehr ein Zweifel obwalten, daß die in Rede slebende Bewegung ihre Initiative von Factorcn empfangen hat, die - sich äußerlich von ihr entfernt zu halten wußten. Man wollte sich incr als Mittel bedienen, ohne mit ihr identisicirt zu werden. Sie '»Ute Zwecke erreichen helfen, die nicht offen dargelcgt werden, vielmehr ■ tu proccssnellen Verlaufe von Ursache und Wirkung sich als Folge- .niigcn ergeben sollten. In der That kam cs so. Die Antisemiten machten auf dem Gebiete der Lerwaltung und der Legislative den ."öden für die Reaction urbar, und diese entwickelte sich in nie crivartetcr Raschheit und Ueppigkcit. Jnsofernr konnten auch bie hinter den Conliffen sich bergenden Actcure mit der Leistung der cngagirtcn Truppe vollkommen zufrieden sein; aber Maßhalten ist nur Sache der Weise», woher sollte diese Tugend den aller Gesittung Hohn sprechenden .intisemitischen,Wildlingen kommen? Der Erfolg, dessen sie sich ent- 'ckiicden zu erfreuen hatten, machte sie übermüthig. Sie kennen keine schranken mehr. Wo sie Sitz und Stimme habt», dort ctablirc» sie >v» TcrroriSmuS. Was Wunder, daß der Mob sich ihnen anschloß! »rnc diesen kann cs kaum etwas Anziehenderes geben als den Lärm, de» Scandal, die Hetze. „Rufet mich, wenn cS a Hetz gibt," rief der ,rubrer dieser Horde seinen College» zu» als er sich vor einigen Tagen ins dem Sitzungssaale des GemeiuderathcS entfernte. „A Hetz, a Hctz!" kann cS einen höheren Genuß geben für den Pöbclhaufen aller;'';i;tiu!i)c» und Couleurs? Kein Wunsch kann begreiflicherweise sehnlicher gehegt werden, als Hctzbrüder sich vom Halse zu schaffen, und so sucht man die "cistcr, die man gerufen, wieder zu bannen. Aber da liegt der Hase!'» Pfeffer. Leute vom Schlage der Führer der Antisemiten laffen sich /:td)t so leichten Kaufes auf dic.Seite schieben, insbesondere wenn man net) ihrer in intimen Angelegenheiten bedient hat. Hat man einmal mit ihnen eine» Bund geflochten, so muß man fürchten, von ihnen wie SocratcS von Xantippe behandelt zu werden, wenn man ihnen nicht zu Willen ist. Von einer Partei, deren Gcwisicn dehnbar wie Kautschuk, deren Treue dauerhaft wie eine Seifenblase ist, darf anc.'nommcnwerde», daß sie schonungS- und rücksichtslos Jndiscretionen gehen würde, deren Spitzen gewisie dirigirende Kreise treffen würde, nid daS muß um jeden Preis vermieden werden. Die Möglichkeit, oicfcu Leuten direct an den Leib zu gehcn^ ist also ausgeschlossen, und s mußte daher der Ausweg gesucht werden, sich von Außen SuccurS ui holen. Bon wo konnte dieser aber sicherer erwartet werden als von ■ oit, wo die alle Geister und Gewissen der gläubigen Christenheit bc- »errschende Autorität ihren Thron aufgeschlagen hat? Man wandte uch daher nach Rom. Cardinal Schönborn, der in sich alle Eigenichaften vereinigt, die seiner Stimme den nachdrücklichsten Klang zu ocrheihen vermögen, erhielt die Mission, das Ohr Seiner Heiligkeit für eie Sache empfänglich zu machen. Aber auch da wiede, holt sich das Spiel. Der Cardinal-Staatssecretär hat mit den Elementen, gegen die nun vorgegangen werden soll, aus Motiven, die nicht weiter untersucht zu werden brauchen, zu lange unter einer Decke gespielt, als daß er Ne jetzt einem Anathem dcS Heiligen BaterS leichterdingS preisgeben iönnte. Es werden daher Schwierigkeiten geschaffen, die den Gang der Unterhandlungen erschweren sollen. Bezeichnend und für die ganze Sachlage markant ist cS schon, daß in diesen Verhandlungen das Consortium Liechtenstein, Lueger, Schneider :c. gleich der Regierung. und dem EpiScopatc als Partei angesehen und behandelt wird: wahrlich ein Vorgang, der an Sonderbarkeit seinesgleichen sucht! Man denke sich die Situation: Ans der einen Seile dje Regierung eines mächtigen''Staates, der Pchcrlich au kirchlicher Hingebung und Treue nicht« zu wünschen übrig läßt, und ein Episcopat, der die Interessen des Vaticans wie einen Augapfel behütet und bei jeder Gelegenheit zur Geltung zu bringen bestrebt in,' und auf der anderen Seile — die Maladore der Hetze, des Scandals, der Verhetzung! Noch kann nicht gesagt werden: Ikmnn lm-iita cs*; denn der Papst, hat noch nicht gesprochen. Daß ihm die verwüstende Wirkung, welche die Heilslchre der Liechtenstein :c. ■ anrichlct, vollständig, fremd Pein sollte, ist nicht anzunchmcn. Dei^ frühere wie der gegenwärtige- Rnnl-uö habe» genug Gelegenheit gehabt», dies wahrzunchmen und davon nach Rom zu berichten. Wie wesentlich verschieden die Anschauung dieser Vertreter dcS VaticauS am hiesigen Hofe von der der modernen VolksbeglückungStheorctikcr ist,, mag schon daraus hervorgchcn, daß, wie uns ans Paris von einer zu den hervorragendsten diplomatischen Kreisen in Beziehung stehenden Seite mitgctheilt wird/ Cardinal Galimberti sich gegenüber Leo XIII. über österreichische Journale äußerte, daß sie sehr gut seien, weil Juden an ihrer Spitze sich befinden. Ans dem Munde des fürstlichen Demagogen hört sich die Bezeichnung „Judcnprcsse" als Schimpsj Schmach und Schande an! Es ist nicht zu zweifeln, daß'auch in. anderen Dingen die Kluft' der Meinungen zwischen der in der Nuntiatur am Hose und den BolkSvcrführcrn beim „goldenen. Luchsen" in Neulerchenfeld eine ebenso weite als' tiefe, ist. Wenn pun auch Cardinal Rampolla welche Motive immer haben mag, inst der unter dem trügerischen Epitheton „christlich-social" sich gcrirendcn Fraetion „gut Freund" zu bleiben, so beirrt das nicht in der Zuversicht, daß daS BrennuS-Schmert der Entscheidung in Rom denn doch zu Gunsten der Wiederherstellung deS gestörten gesellschaftlichen Friedens, der Unterstützung der arg gefährdeten weltlichen und kirchlichen Autorität, in die Waagschale fallen wird. DaS nbcrhcbl uns aber nicht der Pflicht, in .Offenheit und Wahrheit auszusprcchcn, haß cs lief zu beklage» bleibt, daß die geheime Verbindung mit den antisemitischen Ruhestörern, FriedcnSvcrdcrbern, GcisteSverwirrcrn cö'nolhwcndig gemacht hat, an die Beistandleistung von Außen zu appellircn. ' <>—z. (Aus drill Absicordlicktllhüllst. Im Bljbgetausschnss.- des Ab gcordnctenhansi;S stellte Dr. Kaizl am 26. d. M. an den .Unter richtsminiftcr folgende Anfragen: In den Zeitiungen, vornehmlich in der „Neuen Freien Presse", seien ausfühtlichc und wiederholte Meldungen über eine Reise des CardiualS Schönborn-erschienen, die dieser .Kirchenfürst namens der österreichischen Bischöfe um die Stellung des Vaticans zur Partei der klären. Er wolle an diesem Schritt dcS EpipcopatS keinerlei Kritik sich an den heiligen nach Rom unternahm, Christlich Socialen zu Zcilnngsbcrichtcn auch üben; es sei dessen Recht, in solchen Frägei Stuhl zu wenden. Aber cs wurde in diese» gemeldet, daß die Regierung um die Einmischung des Vaticans; also einer fremden Macht, in die inneren Parlcivernältuiise in Oesterrcick) angcsncht habe, eine Einmischnng, die eine Gefahr für den Staat bedeuten würde. Diese Meldungen seien in teinlcm der der Regierung zur Verfügung stehenden Organe berichtigt oder! demcntirt worden. Ec frage nun den Minister, ob er in der Lage sei^. über diese.Meldungen der Blätter Aufklärungen zu geben.. Unterrichthminister Dr. v. M a dcySki antwortete, er stimme d r Ansicht dcS sJnterpellanten zu, daß die Schritte, welche der CpiScopat in Rom stnternvmmen habe, sich in diesem Falle auS dem von dem Vorredner angegebenen Grunde der DiScussion im BudgctauSschnsie entziehen. 'Was. jedoch die Frage betrifft, warum die Regierung die weiteren Meldungen der Blätter, über eine von dkr Regierung herbeigcsührle Einmischung des Vaticans in österreichische Partciverhültnissc nicht demensirt habe, so müsse cS der Entscheidung der Regierung Vorbehalten bleiben, ob sic etwas zu dementircn nothwendig finde oder nicht. Bezüglich der gestellten Anfrage über die Richtigkeit, der verschiedenen Meldungen über die er-, betene Einmischung selbst sei er nicht in der Lage, Aufklärung zu geben. Dr. Kaizl erwiderte, er müsse aus dieser Antwort des Ministers die Conscguen; ziehen, daß die Regierung in der That, eine solche Einmischung zu veranlasicn suchte. — Jir der Plenarverhandlung über das Budgctprovisorium am 27. und d. M. sprachen die Antisemiten Schlesinger und Lueger. Der Hetzrede des Letzteren trat Abgeordneter Dr. Sueß in wirkungsvoller Weis: entgegen. Er wies zur Kennzeichnung der antisemitischen Kampfwcisc darauf hin, daß Herr Lueger in einer Versammlung seine Genossen anfgcfordert habe, an Wahltagen zwei Stimmzettel zu schreiben, und den Liberalen den „falschen Stimmzettel" vorzuzeigcn, damit sie die Kundschaft nicht