Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 156 (31.3.1895)
- Date
- 1895-03-31
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Freie» Blatt. Seite 2. beben; eS wird sich aber — um einer Irreführung deS Volkes über die wahren Quellen seines Elendes vorzubeugen — vortheilbaft erweisen, auch die Stelle aufzudecken, von welcher aus die Alfölder Bauern durch Wucher und Robot bedrückt werden, und wir zweifeln nicht, daß in diesem Falle die reichen Latifundien« bescher des Oberhauses verschiedene recht unangenehme Enthüllungen erleben und als recht ungeeignete Verfechter der Volksinteressen erscheinen würden. Der gesunde politische Sinn des ungarischen Volkes, die Unentwegtheit und taktische Gewandtheit seiner Führer lassen uns hoffen, daß nach dieser Richtung nichts versäumt werden, und daß Ungarn so vor einem Wiederaufleben mittelalterlicher Bestrebungen verschont bleiben wird, wie sie bei unS leider das gesammte öffentliche Leben ruinirt haben. Zur Bismarck Feier. Unsere Antisemiten, insoweit sie deutsch-national sich geberden, hielten cs für angemessen, au» Anlaß deS 80. Geburtstage» deS Fürsten ViSmarck Festlichkeiten und Ehrungen zu veranstalten. Die österreichischen Behörden, insbesondere die oberste Unterrichtsverwaltung, erblickten aber in den Vorkehrungen zur BiSmarck-Feicr keineswegs ein berechtigtes Streben, der auch nach 1866 nicht gelösten Culturgemcjnschaft mit Deutschland Ausdruck zu verleihen, sondern eine von IrredentiSmus nicht freie Demonstration. Tie Theilnabme an derselben wurde österreichischen Staatsbeamten, namentlich Profefforcn in Innsbruck und Graz, untersagt. Otto v. Bismarck, der frühere preußische Junker, welcher zum Fürsten und Herzog von Lauenburg vorgerückt ist, erscheint ossenbar den k. k. Behörden nicht als Vertreter der deutschen Cultur, sondern nur als ein ^Staatsmann, dem cS zur Zeit seines amtlichen Wirkens gelungen ist, Oesterreich aus Deutschland hinauszudrängen und dem Fürstengefchlechte, dessen Diener er war, die deutsche Kaiserkrone zu gewinnen. Sie sind daher, wie ihr ganzes Verhalten zeigt, der Meinung, daß es nicht die Sache österreichischer Staatsbürger und am allerwenigsten solcher im Staatsdienste sei, durch BiSmarck-Ehrungen sich hervorzuthun. Wir theilen diese Meinung. Wohl ist der gewesene deutsche Reichskanzler auch der Urheber deS BündnisieS zwischen der österreichisch-ungarischen Monarchie und dem Deutschen Reiche, welchem sich später Italien anschloß. Doch waren eS nur Rücksichten auf die Sicherstellung Deutschlands, welche ihn dazu bestimmten, nicht sentimentale Regungen für die StammeSgenoffen in der „Ostmark"; er zog jederzeit ausschließlich Interessen in Betracht und ließ sich niemals durch Gefühle irgend welche Zugcständniffe abringen. Man erinnere sich nur, wie er sich bei dem Abschlüsse des letzten Handelsvertrages zwischen Oesterreich-Ungarn und Deutschland geäußert, welch eine gehässige Sprache er nun wieder gegen Oesterreich geführt hat. Mag da auch die Abneigung gegen seinen unmittelbaren Rachfolger viel zu seinem Verhalten beigetragen haben, für Oesterreich waren die Worte, welche man in FriedrichSruh! sprach, verletzend, und sic allein würden, wenn man auch von dem Conslicke absiehr, der vor nicht ganz 30 Jahren auf dem Schlachtseide zu unseren Ungunsten entschieden wurde, vollkommen genügen, um patriotische O esterreicher von der Veranstaltung besonderer BiSmarck- Ehrungen abzuhalten. In Deutschland hat die Mehrheit deS Reichstages einen Antrag des Präsidenten v. Levetzow auf Beglückwünschung des Alt-ReichskanzlerS zu seinem 80 Geburtstage abgelehnt. Daß der Antragsteller n Folge denen auf den Vorsitz und, seinem Beispiele folgend, ein „aiional-Iiberaler BiSmarck-Verehrer auf die zweite Vicepräsidentenstelle e-'i'chiet hat, in begreiflich Auch kann cS nicht befremden, daß >te.i>'cr Wilhelm II. über den Beschluß deS Reichstages sofort in einer Dcpe'che an den Fürsten Bismarck seine „tiefste Entrüstung" ausgesprochen hat. Zu den Eigenarten dieses Herrschers gehört eS, sich in der Kundgebung seiner seweiligen Gefühle keinen Zwang anzuthun. Tie Zurückhaltung, welche sonst Monarchen beobachten, verschmäht er; der Drang nach freier Meinungsäußerung ist bei ihm so stark entwickelt, daß er neulich sogar gegen das Stöcker'schg „Volk" in einer Nr. 150 Sitzung des Staatsrathes polemisirte und einen Artikel dieses Blattes als „taktlos" rügte. Wäre Bismarck um zwei Jahre älter gewesen und die Feier seines 80. Geburtstages in die Zeit gefallen, da er noch in Ungnade beim Berliner Hofe stand und z. B. der Botschafter in Wien, Prinz Reuß, die Weisung erhielt, sich von ihm hübsch fern zu halten, so hätte der Reichstag durch die -Ablehnung eines Beglück wünschungsantragcS nicht die Entrüstung deS Kaisers Wilhelm hervor gerufen. Bei der Zusammensetzung de» Reichstages war es voy vorn herein klar, daß sich eint Majorität für eine Ovation zu Ehren BiSmarck'S nicht finden werde. Roch haben die Social-Temokraten das Soeialisteiigesetz nicht vergeffen, das Centrum erinnert sich tro: aller späteren Höflichkeiten gegenüber der päpstlichen Curie jenes Tages, an welchem eS Fürst, Bismarck als intellcctuellen Urheber d->. vom Böttchergesellen Kullmann verübten Attentates erklärte, die Welfen sprechen noch immer von einer schweren Verletzung deS Rechtes d-. deutschen Fürsten und VolkSstSmme, bei den Polen ist BiSmarck &. ein deutscher Murawiew verhaßt. Und die Männer der Freisinnige.! Volkspartei, welche die großen Verdienste des Fürsten Bismarck t,„. daS Werk der deutschen Einigung anerkennen, sie hätten vielleicht e. Erinnerung an die Parteigegensätzc und Partcikämpfe zurückgedräng:, allein sie gewannen die Ueberzeugung, daß die beabsichtigte Ehrung n, parteipolitischen Zwecken ausgenützt werden soll. Die Freisinnige Volle Partei, sagte ihr beredter Führer Eugen Richter, habe den Fürsten Bismarck 'als den Vertreter eines dem Liberalismus todtfeindlich-u Systems der Jntcreffenpolitik, das im Volke demoralisirend gewirli, stets bekämpft; auch die von ihm nach seiner Enthebung vom Anne fortgesetzten Versuche, seine Autorität zur Beeinfluffung der öffentlichen Meinung einzusetzen, hindern die Partei, sich an dem geplanten politischen Acte zu betheiligen. Gesetzt den Fall, eS hätten aber die jenigen Recht, welche hier die Absicht einer politischen Action bestreite,, und nur von einer rein menschlichen Feier sprechen, so kann r:. ReichStagSmehrheit immerhin zu ihrer Rechtfertigung anführen, d.->; sie jetzt bei einem Geburtstagsfeste sich so benommen hat, wie einst Fürst Bismarck bei einem Todesfälle. Der Fürst hat anläßlich des Ablebens Eduard LaSker's die Beileidskundgebung des Washingtoner Repräsentantenhauses dem Reichstage nicht übermittelt und, als dies zur Sprache kam, trocken erklärt, er sei nicht in den Reichstag ge kommen, um bei Gefühlsergüffen mitzuthun, sondern um Geschähe zu erledigen. Bei der Bismarck-Feier in Deutschland drängen sich besonders Antisemiten vor, und ein Mitglied der Deutsch-socialen Reformpartej hat zur Verherrlichung der Feier eine Flugschrift colportirt, welche jene Rede miedergibt, die Bismarck 1847 im vereinigten Landtage gegen die Gleichberechtigung der Juden gehalten hatte. Wir habe» schon wiederholt darauf hingewiesen, daß die Stellung BiSmarck'S zum Antisemitismus zu verschiedenen Zeiten verschieden war. Erst neulich reprodueirten wir die von Poschinger verzeichnete Aeußerung deS Fürsten: „Ich mißbillige ganz entschieden diesen Kampf gegen.die Juden, sei eS, daß er sich auf confessioneller oder gar auf der Grundlage der Abstammung bewege. Mit gleichem Rechte könnte man rineS Tages über Deutsche von polnischer oder französischer Abstaminiing herfallen wollen und sagen, eS seien keine Deutschen." Auch ist Fürst Bismarck von keinem seiner grundsätzlichen Gegner je so verunglimpft worden, wie von antisemitischen Ehrabschneidern, welche sich auch nicht scheuten, ihn der Corruption zu zeihen. So albern sind nur unsere „Unverfälschten", um Bismarck als GesinnungSgenoffen anzusehen. Nichtsdestoweniger haben die Antisemiten in Deutschland allen Grund, dem greisen Staatsmanne dankbar zu sein. Er besaß die Macht, den Antisemitismus auSzurotten, aber er ließ ihn fortwuchern; war derselbe doch ein geeignetes Mittel, um den Liberalismus zu schwachen und jenes von Richter in gebührender Weise gewürdigte System der Jntcreffenpolitik zu fördern, welches zum berüchtigten, auf Brotwücher abzielenden Anträge Kanitz fühxte. Die Ablehnung dieses Vorschlages zur Erhöhung de» Reingewinnes d:r Großgrundbesitzer seitens de»