Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 156 (31.3.1895)
- Date
- 1895-03-31
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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AdoiuirmeiitsprriS. iz»r Okstrrrkich-Ungarn:' 'anzjabrig.» fronen (fl. *.J0) ftür das gesammte Ausland: ' 'nrjähria.6 Wart i-'adrig .» Mark -io P,. Sinzelne Nummern « kr. r.nftanfirtc Briese werden nicht angenommen. Organ zur 2lbu?d}i* des Antisemitismus. Erscheint an jedem Sonntage. Redaktion und Administration: . I. Lcilcrstätte I". y Inserate werben mit Lv Heller (tu kr ) titr die vier mal gespaltene ^.'onparrillezeile dereLnet. Kleiner Anzeiger da- Wort i Heller (i kr.). Ausnahme von Inseraten in unserer Administration-4owie im Annoncenbureau M. Tukes, I. <i)oll)eile 8. Rümmer 156. Ulien, Miir; 1895. IV. Jahrgang. Die Lage in Ungarn. DaS Magnatenhaus hat zum zweitenmale mit einer lächerlich winzigen Majorität die Gesetzesvorlage über die Reception der .zuden abgclehnt und diejenige über die freie ReligionSübnng vcr- . üüinnielt. Man braucht kein grundsätzlicher Gegner des Zweikammersystems zu sein, um eine Lage, wie die durch das ungarische Oberhaus muthwillig geschaffene, absurd, allen Begriffen des ■ Rkpräsentativstaatcs hohnsprechend, geradezu unerträglich zu finden. Die Abgeordneten des BolkeS, welche einige Millionen Stimmen repräjentire», haben sich zweimal mit erdrückender Mehrheit für sie Reception der 'Juden und die Freiheit dcS Glaubens und Unglaubens entschieden; dieser unzweifelhafte Wunsch der Ration darf aber nicht in Erfüllung zehen, weil ein halbes Dutzend Magnaten, die nur im eigenen Minen zu sprechen berechtigt sind, anderer Ansicht zu sein geruht. Man wird von gewisser Seite nicht müde, die Phrase von der Ucbermacht des Judenthums zu Ungarn abciibrekcken. Mag sein, daß die Juden jenseits der Leitha einen ihrer numerischen Stärke, ihrem materiellen und geistigen Autheil am öffentlichen Leben entsprechenderen Einfluß besitzen, als dies bei uns der Fall ist. Allein von einer Uebermacht kann da keine I Rede sein, wo die Ansicht der Familie Zichy — die Zahl der im , Dbcrhause sitzenden Mitglieder dieser Familie konimt der Haüd-! voll Sliinmen gleich, mit welcher die Vorlagen fielen — schwerer | wiegt als die einiger hunderttausend braver Staatsbürger, welche allerdings weder der privilegirten Kirche, »och der privilegirten Elaste angehören und nicht, wie die ZichyS vor Lausend Jahren, mit dem Pantherfclle am Rücken als sansculotte Raubschaaren in die ungari>che Tiefebene eingebroche» sind. Darin liegt das Absurde der Lage, aber auch daS Eharokleristische. Rur wer daS letzte Jahrzehnt unserer eigenen politischen Entj Wicklung vollständig verschlafen hat, kann sich einbilden, daß die! Magnaten, ..ihre Pflichten am Turf und in den fashionablcn Spiel-! Höllen zuiücksetzend, nach Budapest eilte», um zu verhindern, daß j einige hundert Personen ihren rein äußerlichen Verband mit irgend einer Eonfession völlig lösen oder daß ein längst de facto und <lf jure bestehendes Berhältniß zu de» Juden auch die gewisse landesübliche Form erhalte. Rein, solche Ideologen und Principienreilcr sind die Herrschaften nicht. Haben sie sich doch endlich auch uj» bequemt, allen wesentliche» und tief in daö gemeine Leben, einschneidenden Punkten des kirchenpolitische» Programmes zuzustimmcn, ja selbst jene Bestimmungen des Gesetzes über die freie Religionöübung axceptirt, welche alle ultramontaUen Aspirationen in Bezug auf die Auslieferung des Staates an die Kirche für alle Zeiten unmöglich machen werde». Wenn die feudalen Herren »in aber über die Zulässigkeit der Eonfessionslosen und über die Reception der Juden straucheln, so beweist dies nur, daß sie in lene» großen Fragen dem Willen deS Volkes nicht zu trotzen wagte», diesen schmalen Streifen Bodens aber, auf welchem Minoritäten um ihr Recht kämpfe», für den archimedischen Punkt hallen, von welchem aus die Reaction i»S Werk zu setzen sei. Den Juden und den Eonfessionslosen, den Anders- und Ungläubigen gegenüber glaubt man sich der Sympathien wenigstens des am tiefsten stehenden T heiles der Bevölkerung sicher. Auf diesem Gebiete kann man es wagen, de» Streit nicht zur Ruhe kommen zu lassen, damit sich an seinen Gluthen die Flammen des Glaubens- und Racenhasses entzünden. Habe» doch die nicht minder edlen Standesgenossen in Deutsch land und Oesterreich die glänzendsten Erfolge mit dieser Methode errungen, warum sollten sic nicht auch ein kleines Pröbchen versuchen? Ist doch der Himmel ringsum t^jt mit Mutten und —„Panther feilen" verhänge», warum sollte er'in Ungarn allein voll Baß geigen und „Hascufclle»'' hänge»? Welche Aussichten die Erwartungen der Eleriealen und Feudalen in Ungar» habe», läßt sich bei dem freien und unabhängigen Sinne der Magyaren unschwer sage». Die gewisse Schafsgcduld und Gedankcnblüsse, welche anderwärts der üppige Rährboden für die reaclionäre Saat waren,'sind jenseits der Leitha nicht zu treffe». Sollten die geborene» Gesetzgeber den Rest der kircheupolitischen Lorlagen auch ein drilteSmal zu. bewilligen sich weigern, und sollte eine Auflösung dcS Reichstages 'nölhig werdlen, dann könnte die Reuwahl leicht uuler der Parole „Reform dcS Oberhauses" vor sich gehen, daun könnten diejenigen, welche nicht /müde werde», Wind zu säen, Sturm ern'ten. Solange eS sich um Proben wahren Freisinnes handelt, ist uns um das Votum der ungarischen Ration nicht bange. f. Eine ernstliche Gefahr für den Liberalismus könnte aber erwachse», wenn cs den Elerical-Feudalen gelänge, gewisse sociale Mißstände, von denen ja kein Land verschont ist, für ihre Zwecke auszunützen. Ungarn besitzt eine starke agrarisch.socialistifche Bewegung, welche in beoenklichem Wachsthum begriffen ist und vermöge des Bildungsgrades des Alföldcr kleinbäuerlichen Proletariates ei.ne womöglich noch günstigere OpcralioiisbasiS für die clcricalfeudale Agitation abgäbe als unser Handwerkerprolelariat oder die heradgekomiuene Baüec-nschaft Deutschlands Wenn cö gelänge, die trüben Gewässer der Alfölder Bewegung auf die reaktionäre Mühle zu treiben, dann stände» Ungarn Zustände bevor, wie wir sie heute genießen; die nationalen und socialistische» Heißsporne der äußersten Linken gäben wie anderwärts eine willige HilfSlruppe für" die adeligen und geistlichen Heerführer ab, und eine vollständige Zersetzung der jetzt auf rein politischen Grundlagen ruhenden tParteiungc» wäre unausbleiblich. Die Folgeneiner solchen inneren Revolution für den wahren Liberalismus in Ungarn kann man beiläufig nach unseren eigenen Erfahrungen ermessen. ES wird daher die wichtigste Pflicht der liberalen Partei in Ungarn sei», alle Fehler, welche die österreichischen Liberale» den Antisemiten gegenüber gemacht, jede, auch die geringste Eoncessiou in Principienfragen ängstlich zu vermeiden und mehr als das: der socialen Agitation im Alföld ihre» reactionären Stachel zu nehmen. Man wird jeder. Verhetzung deS Volkes mit Strenge entgegentreten,' aber auch nicht vergessen, daß eine auö faktischen Miß ständen und wirthschaftlichec Bedrängniß entspringende Unzufriedenhcit nicht mit Bajonetten und Richtersprüchen beseitigt werden kan». In einer dieser Tage von der Regierung cinberufenen Enquete über die agrarische Bewegung deö AlsöldS, gab Baron Bansfy zu, daß unzweifelhaft Uebelstände vorhanden seien und daß namentlich gewisse außerordentliche Vaste», die durch Wucher und Robot den kleinen Pächtern und Arbeitern auferlegt wurde», zu der '»» Alföld herrschenden Erregung beigetragen haben; zugleich erklärte der Ministerpräsident, daß die Regierung bereits bedeutende Mittel flüssig gemacht habe, um dem Rothstand abzuhelfen. Wir zweifeln nicht, daß die Regierung ihr MöglichstcS thun wird,- - um den Wohlstand der bedrohten VolkSclassen zu