Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 155 (21.3.1895)
- Date
- 1895-03-21
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
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ITr. 155. reit? \ freies er hat einmal selbst darauf angespielti ein Abkömmling des mit Ser Tochter des Riesen Bölthorn vermählten Bör, ans deren Verbindung die Götter Dreieinigkeit iTDin, Will und We entsprang? ^der sollte die Taufe etwa bei einem Juden nicht gelten, »mal wenn etwa der Verdacht gegründet wäre, daß es mit seinem rechtgläubigen Ehristenthum etwas Faustisch steht? Aber dann niüßten ja Goethe und Schiller und Millionen gebildeter Deutschen auch sofort theologisch in dieselbe Pfanne gehauen werden, wie Heilte und Börne: und was bliebe dann gegen diese Vetztcren noch von dem Vorwürfe des „Judenihnins" übrig? Am Ende gibt cs Einige unter uns, die da meinen: die ge- , waltsame Taute der in die Flüsse getriebenen Sachsen unter Karl sein Franken >ta»'er, der, „um die Anderen zu ermuthigen", 4500 Wodans Gläubige an einem Tage an der Aller enthaupten ließ, habe, bei Vcckt betrachtet, eigentlich auch nicht gegolten. Ei» Grund- 'ehler, ein —oto-rov ynoor, würde also der Bekehrung einer großen Anzahl Deutscher anhaften', und ihre Nachkömmlinge müßten sich sie Sache nochmals überlegen. Da überdies alle wirklich Gcbildele» heutzutage der Ansicht sind, daß man verniiiiftigerweise nicht in eine religiöse oder philo'ophische Weltanschauung hinein a e b o r e n werden kann, weil 'sonst der reine Zufall der Geburt :» dem oder jenem 'sande über die Wahrheit eines Glaubens ent 'chieke, so verwickelt sich die Frage: „wo die wirklichen Ehristen saa-n wir zum Beispiel: unter den Professoren der Berliner Universität —;» sinden sind", immer mehr. Für die Inden aber, dn>->Sta'inmesgenossen des Gründers der christlichen Religion, mach!v-H<rr Psteidcrcr, dessen Berns ihm eie Ausbreitung dieser Lehre imk^)legcn sollte, den Ucberlrill zu br recht schwierig Verharrt der JndL' außerhalb der christliche» ^emeiiiichast, so in er als verstockter Hebräer verdammt, Läßt :r sich laufen, so bleibt er gleichwohl ein „jüdischer Literat". Kurz, der Jude wird verbrannt. Da Herr Professor Psteidercr protestantischer Thcolog ist, so darr man ihn vielleicht an Luther's Schrift vom Jahre I.'>N, erinnern: „Daß IG ns ein geborener Jude gewesen." Freilich hat auch der große Kirchenverbesserer in der Frage der Behandlung der Juden arg geschwankt oder-vielmehr den Slandvn'ikl ickliinin gewechselt Wie man in den heiligen Schriften von nianckerlei Völkern Stellen sinder, die einander stracks wgder sprechen, so -auch bei Luther. Indessen ist nicht an;nnehinen, daß sich der Berliner Reeior an die späteren Rathschlüge des ehemaligen Augustiner Mönches halten wird, Der einmal sagte: „Plan 'olle die Slinagvge oder Schule dci Inden mit Feuer anstecken, auch ihre Häuser zerbrechen nnd zerstören: Alles unserem HERRN und der Ehriilenh.il zu Ehren." Solche lieber Slöckerei würde Herr Psteiderer gewiß verurlheilen. Aber was lagt er zu der früheren Ansicht "niher s, der in der erwähnten Schrill den Hochmulh der Theologen züchtigte, welche dtc Inden für der,Ehristen Kneckte erklären und durch ihre Hetzrredigien die Gläubigen wider sie erbittern, nichtsdestoweniger aber hoffen, daß die Juden zum Ehristcnlhuin übertreten? „Denn," sagt rntfjTr; ..sie haben mit den Inden gehandelt, üls wären es Hunde nnd nicht Mei»'cken: haben nichts mehr thun können als^. sie schelten. Sie sind Blnlsfrcnnde, Vellern und Brüder unseres Herrn: darum wenn man sich des Blutes nnd Fleisches rühmen 'oll, io gehören die Juden Ehristo mehr an, den» wir. Darum wäre mein Rath, daß man säuberlich mit ihnen umgehe; aber nun. wir sie mit Gewalt treiben nnd gehen mir Lügenteiding und geben-ihnen Schuld, sie müßreu Ehrisicnblut haben, und was des Narrenkrams mehr ist — auch daß man ihnen verbietet, unter uns zu arbeite», handlhieren nnd andere menschliche Gemeinschaft haben, damit man sic zu wuchern treibt: wie sollen sic zu uns kommen? Will, man ihnen helfen, so muß man der christlichen L’c Geieian ihnen üben und sie freundlich anfnehmen, mit l .neu werben und arbeiten, damit sie Ursache nnd Raum gewinnen, .ei uns und um uns zu sein." S'.ohe da. da wäre also Luther einst gerade so verjudet gewesen. wie Lcsiing! Auch in sonniger Beziehung könnte sich Professor Pfleiderer t".e Schriften dis großen Reformators mi/Nutzen etwas ansehen. In seiner Festrede über „Geschichte und Entwickelung des deutschen Nationalgcsühls" sagte er zufolge dem vorliegenden Berichte: „Eigenartig isi, daß- Luther nicht durch die Erkenntniß der staatlichen nnd socialen Noch zu seiner Großchat geführt wurde. Er ist vielmehr ansgegangen von der Sorge im eigenen Herzen. Erst nachdem er mit sich selbst ins Reine gekommen >var, richtete sich um Sinn auf das Allgemeine." Vlati. Weiß man denn aber nicht, daß Luther in seiner Gläubigkeit noch 1527—30 mancherlei Anfechtungen erfahren; daß er einmal schrieb, er habe fast seinen Christus verloren und fühle sich schrecklich auf den stürmischen Wogen der Verzweiflung und Gotteslästerung nmhergetrieben; daß er sogar an der Unsterblichkeit, die er nur in der Gestalt der Auferstehung des Fleisches begriff, gczweifelt hat; und daß er erklärte, er habe seine Vernunft „görgeln und wörgen" (würgen) müssen, um zum Glauben zurückzukehren? Das geschah lange nachdem er seinen Sinn auf daS Allgemeine gerichtet. Hatte er aber andererseits nicht schon im Jahre 1521 auf dem Reichstage zu Worms erklärt: er habe den Streit mit dem Papste begonnen, „um der deutschen Nation, meinem lieben Vatcrlandc, meinen schuldigen Dienst nicht zu entziehen"? Wre besteht vor diesen geschichtlichen Thatsachen die Darstellung von Professor Pfleiderer? Sodann: können die jüdischen Literaten Heine und Börne auch nur im Entferntesten gegen Luthers Schreibart über die Fürsten nnd sonstige große Herren aufkommcn? Diese Ding, werden ja bei amtlichen Luther-Feier» immer säuberlich unter drückt. Sie bleiben aber geschichtlich doch vorhanden. Hier nur ein paar Pröbchen: „Denn Gott der Allmächtige unsere Fürsten toll gemacht hat. daß sie nicht anders meinen, sie mögen thun und gebieten ihre» Unterthancn, waS sie nur wolle». Und die Unlerlhanen auch irre» und glauben, sie seien schuldig, dem Allen zu folgen. Sogar nnd ganz, daß sie (die Fürsten) nun angefangen haben, den Leute» zu gebieten, Bücher von sich zu thun, glauben und halten, was si. fürgcben. Damit sie sich vermesse», auch in Gottcö Stuhl zu sitzen nnd die Gewisse» und Glaube» zu meistern, und »ach ihrem tolle.« Gehirn den heiligen Geist zur Schule führen. Geben dennoch für, man dürfe es ihnen nicht sage», und soll sie »oh Gnad jnnker heißen. Sie schreiben nnd lassen Zettel ansgehen, der K user hab's geboten, und wollen christliche gehorsame Fürste» sein Gerad, als wäre es. ihr Ernst, und man den Schalk Hinte« ihren Ohre» nicht merkte. Den» wir sollten wohl sehen, wenn ihnen der Kaiser ein Schloß oder Stadt nähme, oder sonst etwas Unrechtes geböte, wie fein sie finden sollten, daß sie dem Kaiser widerstünden, und nicht gehorsam sei» müßten. Nun es aber gilt, den armen Mann schindrn und ihren Mnlhivillcn an Gottes Wor: büßen, muß cs kaiserliche» Gebots Gehorsam heißen. Solche Leute hieß man vor Zeiten Buben; jetzt muß inan sie christliche, ge horsame Fürsten heißen .... Das sind jetzt die Fürsten, di. das Kaiscrthnm in deutschen Landen regieren." «Sder dieses: „Und sollt wissen, daß von Anbeginn der Well gar ein seltsam Vogel ist um einen klugen Fürsten; noch viel seltsamer ist um cinen frommen Fürste». Sie sind gemeiniglich die größten N a r r e n und die ä r g st e n Bube» auf Erden. Darum muß man sich bei ihnen allzeit des Aergstcn versehe», und wenir Gutes von ihnen gewarlcn muß; sonderlich in göttlichen Sachen, die der Seelen Heil belangen." Und weiter: „Ich wollte aber den verblendeten Leuten gar ckrnilich rathen, daß siesich fürsehen für einem klein, kleinem Sprüchlein, der im 107. Psalm steht. KtVnudit coiitemptum sup." prjucipes. Ich schwöre Euch bei Gott: Werdet Jhr'ö versehe», daü dies klein Sprüchlein über Euch in Schwanz komknsi so seid Ihr verloren, und wenn auch Euer Jeglicher so mächtig als der Türke wäre. Und wird Euch Euer Schnauben und Tobe» nichts helfen. Es ist schon ein groß Theil angegangen. Denn gar wenig Fürsten sind, die man nicht für Narren und Buben hält; das macht, sie beweisen sich auch als solche. Und der gemeine Mann wird verständig, und der Fürsten Plage, die Gott aoutoiuptuin heißt, gewaltig dahergehct unter dem Ppfel (Phbel Volksmasse) und gemmknr Mann. Und sorge, ihm werde nicht zu wehren sei», die Fiuslen stellen sich denn fürstlich und fangen wieder an, mit Vernunft und säuberlich zu regieren. Man wird nicht, man kann nicht, man will nicht Euere Tyrannei und Mnthwillen die Länge leiden, liebe Fürsten und Herren. Da wisset Euch nach zu richten; Gott will's nicht länger haben. »Es ist jetzt nicht mehr eine Welt wie vor Zeilen, da Ihr die Leute wie das Wild jagtet und triebet. Darum lasset Euer Frevel und Gewalt, und denkt, daß Ihr um Recht handelt!" Wiederum lesen wir bei Luther, wo er der entstandenen Eni pörung gedenkt, welche man dem Treiben der „Fürsten und Herren, sonderlich euch blinde» Bischöfen, . tollen Pfaffen nnd Mönchen, die ihr, noch heutiges Tages verstockt, nicht anshöret, zu toben und zu wüthen", zu verdanken habe. „Dazu >m weltlichen Regimen« nicht mehr lhul, denn daß ihr schindet und schätzt, euren Pracht