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Freies Blatt · 1895-03-17 · 154 (17.3.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
154 (17.3.1895)
Date
1895-03-17
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Freie» Blatt. x> Seite 4. schädlicher Krümerenen und Krempeleien" und „in Flecken und Dörfern wurden", wodurch die Städte sich in ihrem Handel beeinträchtigt •alK’ii, „allerlei Hanrhirung und Kaufhändel, Handwerk, Bräuen, Miilzcnuiid Schenken aufgcrichtct". „Biel Bauern," hieß eS, „jetzt Handwerk lernt, deshalb der Handwerk wird zuviel; 'geben die Sachen woblfeil um einen Tand; die guten Werk feien verworfen, auf allen Tcriern findet man schier Handwerk, Kauflcut und Borleger." Für die T tadle wurde diese Lockerung der alten Lrdnungen allerdings verbängnißvoll, indem der Bauer nicht mehr genölhigt war, alle seine Bedürfnisse aus der Stadt zu holen. Er hatte es bequem, von 'Hausnern -zu kaufen, oder wurde, natürlich auf Kosten der Landwirib'chafk, selbst Producent, der städtische Handwerker, statt Werthe zi, schaffen, zog den Bertrieb der Erzcugniffe vor, „sein Handwerk sei groß oder klein, er will ein Kaufmann dazu sein," und stürzte sich, da die Mittel nicht ausreichten, in Schulden und Bankerott. . . Tic voranstehcnde Schilderung aus einer „judenreinen" Zeit ist für jeden Urtheilsfälsige» ein Beweis dafür, daß all die unsauberen Braetike», die der Antisemitismus als „specifisch jüdisch" hinstellt, mir Rare und Coincssion nichts gemein haben und höchstens dem Haiidelogcschäfte als solchem anhaften können. Ttr s.'i. L.flär; und dir Alltiscmitcu.) Aus Arbeitcrkreiscn schreibt man uns: Tie Cbrnttich-Socialen und die übrigen Antisemiten pflegen sich bekanntlich ganz wüthend zu gebcrdcn, sobald sie vermeinen, irgendwie in ilircn freiheitlichen Allüren beengt zu sein, vcrgeffen aber in einem und demselben Augenblicke, daß gerade sie cS sind, welche den letzten Reü innerer mit Blut erworbenen freiheitlichen Institutionen ,n einem Kaffeelöffel ertränken möchten. Da wird antisemitischerfeits in die Bolksinaffcn binausgcbrüllt: „Die Freiheit ist gefährdet! Das Jiideml'um versucht die Freiheit todtznschlagen! Nieder mit dem Iudcntlutiii!", und die antisemitischen BolkSbrglücker sind cs, welche in erster Linie, bewußt oder unbewußt, die alte, selige, vielgepriesene „Zaruck"- Zeir mit all dem lieblichen Aufputz als Nadererthum, Polizeiregiment :c. anS deni Geabesmoder herausbeschwören möchten. Dies sah man am deutlichsten wieder bei den. Demonstrationen anläßlich der diesjährigen Märztagc. Sömmtliche antisemitische Blätter heulten in einer geradezu komischen Weise nach der Polizei und ließen es bicbei nicht an weisen Natlisehlägcn fehlen zur rascheren — Entfaltung und energischeren Eingritfnahme der Sicherheitsorganc. Tank dem einsichtsvollen Berhalten der Arbeiterschaft und dem taktvollen Borgehen der SicherheitSdcbörde kam es glücklicherweise zu keinem „Putsch", der so recht Waffer ans die klappernde Mühle der antisemitischen Hetzer gewesen wäre. Tie anliieniilischen Faiseure mögen sich zufrieden geben: die Wiener Arbeiterschaft wird sich, niemals von ihnen ins Schlepptau nehmen lassen, wodl aber cS niemals Unterlasten, der antisemitischen Reaction ans die Finger zu sehen und ihr, wenn nothwendig, einen heilsamen Klaps zu versetzen. t Ein Arbeiter. l Niältjiivlschc Moral.) Man schreibt uns: Im Verlage von Braumüller in Wien ist eine Schrift erschienen „Frieden und Kriegs in oral der deutschen Heere im Ausgang des XIX. Jahrluinderts" von C v. B. K., die nach den „Waffen nieder" das Unglaublichste an KriegSwuth leistet, was bis. jetzt vorkam. Tic Geschichte erweise, wie wenig Werth die Moral für daS Leben besitze. Das Militär vollends brauche keine Moral, nur T ioeiplin, d. h. brutalen Zwang. Für den Berfaster ist daher der Friede nur eine Pause zwischen den Kriegen. Schon die Manöver sollen dein Kriege möglichst nahe gebracht und mit scharfer Munition ausgeführt werden u. s. w. Man wird nicht behaupten, daß auch das „jüdische Moral" ist. Das ist eher urteutonischcr Geist -lti-.-r .Tutoni'-iir-;: der Berfaster dürfte ein höherer Sfficier sein — ja wir sind sogar-auf seiner sehr arischen Spur — und nicht einmal d:r Verleger dieses Evangeliums der Zukunftsmoral ist ein Jude, 'onkern eher ein Arier von unverfälschter Gesinnung. Daß auch er : ü' "''.undsar;e von der Werthlosigkeit der Moral für das Leben •glauben wir aber trotzdem nicht. s Sur Wnhlbcwkstung. Man schreibt uns: So erfreulich vor rf'. ti'-vr Zeit die politischen Berhältniste im X.'Gemeindebezirke >>cl, :.1cln zu wollen schiene», ebenso triste ist der Wandel, der '..-ii u:r..z-l:ch vollzogen har. Ten ersten Anstoß auf die anscheinend 'Ü-; Einigkeit der freiheitlich gesinnten Parteien gab die Bczirks- :erstel:er:vahl, der zweite Anstoß erfolgte bei der Aufstellung von ^and-.taten 'ür die vor der Thüre stehende GemeinderathSwahl. Gerade -etzt t'.nue Einigkeit doppelt noth, wenn die Wahl nicht mit einer Aieterlage enden soll: aber, siehe da, zum großen Gaudium der Äaki'emite:! liegen sich jetzt die Liberalen in den Haaren und geben der Welt das w.derliche Tchauspiel der vollständigsten Uneinigkeit. Hie Nr. 154. Pa beschitz — hie T ü s ch c r, und dazwischen eine große Kluft, j» die sich hineinzuschiebcn die Demokraten verstanden haben. Die Letzteren liebäugeln nun nach rechts und nach links und werden sich schließlich dorthin westden, wo Hoffnung vorhanden ist, einige liberale StimiNen für ihre Sondercandidatur zu erlangen. Allerdings ist diese Candidatur für sich selbst hoffnungslos, allein die Sonderstellung der Demokraten wird auch dazu beitragen, den Durchfall der liberalen Candidaten herbeizuführen, und Sieger werden schließlich die Antisemiten sein, die einig und geschloffen zur Wahlurne schreiten werden. So muß der Antisemitismus auf ollen Linien siegen; cs wird genug unklare Köpfe geben/ die sich schon aus Ekel über die Zerklüftung im freisinnigen Lager den Feinden der Freiheit und Rechtsgleichheit anschließen werden. — Bon anderer Seite wird uns geschrieben: Besonders schwierig fn. die liberale Partei gestaltete sich die Gemeinderaths-Candidatenfroge in Währing. Das Local-Wahlcomitü gab sich alle erdenkliche Mühe, fragte da und dort an und erhielt überall abschlägige Antworten. Die freiheitlich gesinnte Bevölkerung im XVHI. Bezirke scheint des wüsten Kampfes müde geworden zu sein, und thatsächlich hatte es bis noch vor wenigen Tagen den Anschein, als ob die liberale Partei ohne irgend welchen Widerstand den Antisemiten das Feld räumen wollte. In letzter Stunde scheint sich aber die Situation anders gestaltet zu haben, denn cS gelang, zwei verdienstvolle und in den weitesten Kreisen der Währinger Bevölkerung populäre Männer zur Candidatur zu bewegen. Es sind dies die Herren Rudolf Foschum,' kaiserlicher Rath und Director des k. k. Tabak-HauptmagazinS, und Eduard Reiß, BolkSschullehrer. Herr Foschum war anfangs allerdings nicht geneigt, die ihm angebotene Candidatur anzunehmen, denn, meinte er, es müsse sich heutzutage jeder ehrlicheMensch scheuen, irgend ein öffentliches Amt anzunehuien, da man trotz , aller Aufopferung und treuer Pflicht-- crfüllung in steter Gefahr schwebe, beschimpft und verleumdet zu werden. Den Bemühungen des BezirksausschuffcS Julius Wehle gelang es jedoch, Herrn Director Foschum zur Annahme der Candidatur .zu bestimmen. „Ich werde," sagte Herr Foschum, „Ihrem Wunsche Nachkommen, glaube jedoch nicht, daß Sie einen Wahlerfolg erzielen werden. Tie Währinger in ihrer Mehrheit sind leider auf die Bahn der Reaction gedrängt worden; ein Mann wie ich, der die Freiheit und den Fortschritt liebt, wird ihnen nicht passen, denn wir Fortschrittsmänner wollen arbeiten, und zum Arbeiten haben die Rückschrittler keine Zeit." Die beiden Candidaten besitzen unter „ den Beamten und Lehrern einen großen Anhang, jedenfalls dürste es nun in Währing zu einer heißen Wahlschlacht kommen, und wäre ein allfälliger Sieg im Wahlbezirke des Prinzen Liechtenstein von der allergrößten Bedeutung. (Aus der Schule Schucidcr's.) Am 8. d. M. fand vor dem Bezirksgerichte Leopoldstadt die Verhandlung wider jene Katharina Schwab statt, welche, wie seinerzeit berichtet, dem jüdischen GrciSler Neu in an n ein Kind zum Zwecke des RitualniordcS angeboten, um ihn auf die Probe zu stellen und sich zu überzeugen, ob der den Juden gemachte Vorwurf des Ritualmordes auf Wahrheit beruhe. Wie noch erinnerlich, ließ Neumann die Person sofort arretiren. Am obgenannten Tage stand nun Katharina Schwab sowie Magdalena Popp aus Währing unter der Anklage wegen Verbreitung falscher beunruhigender Gerüchte (§ 308 St.-G.-B.). Die Prostituirte Thuma, welche ebenfalls in die Anklage einbezogcn wurde, ist abgängig. Soweit aus den polizeilichen Erhebungen und der Anklageschrift hervorgeht, ist Katharina Schwab aus Gerlachs- Hausen in Bayern geboren. Das ärztliche Gutachten über sic lautet dahin, daß sic zwar exaltirt und hysterisch sei, jedoch kein Symptom einer Geistesstörung zeige. Sie war vor mehreren Jahren nervenleidend und klagte öfters über Kopfschmerzen. Sie wird auch als sehr religiös geschildert, sie besuchte täglich, oft mehreremale im Tage, die Kirche, nahm sich Amulets, Heiligenbilder, Statuen rc. sogar ins Bett, und ihr früherer Dienstgeber erklärte, daß sie diese Gegenstände geradezu „götzendienerisch anbetetc". Katharina Schwab wurde in einem Kloster zu Würzburg erzogen und sollte Nonne werden, ihreEltern gaben dies nicht zu, und eS entstand zwischen ihr und Ersteren eine Feindschaft, die sie sich sehr zu Herzen nahm. In Wien war die Schwab Köchin und zuletzt bei dem Arzte Dr. F. Gretschmayer in Währing bedienstet. Sie gestand bei der Polizei ein, sie habe sich überzeugen wollen, ob die Juden Christenblut brauchen; sie habe be: Magdalena Popp in Währing erfahren, daß der jüdische GrciSler N e u m a n n ein Kind für 30l> fl. zu kaufen bereit sei, und habe 'diesen nun versuchen wollen. Zuvor habe sie den Dr. Gretschmayer von ihrem Vorhaben verständigt. Die Frau desselben habe nämlich jede Woche zwei- bis dreimal über den Ritual-

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