Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 154 (17.3.1895)
- Date
- 1895-03-17
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 184. Freie» Blatt. abschwatzrn und unter dem Dach abrauben, denn alle die anderen Fcldräuber in zehn Jahren thun mögen, und wollen doch nicht Mißbändler, sondern Ehrbar genannt sein". Wiederholt waren auf 'den Reichstagen gegen Fürkäuf und Monopolen und die Auflaufs- und PrciSstcigerungsgesellschaften Verbote erlassen worden, aber dieselben bestanden gleichwohl unbehindert fort.. . Um das Uebcl mit der Wurzel auSzureuten, verlangte Martin Lnther in einer im Jahre 1524 veröffentlichten Schrift: „Von Kaufshandlung und Wucher", daß „der ausländische KaufShandcl, der auS Kalikut und Indien, und dergleichen Waare hcrbringt, als iolch köstlich Seiden- und Goldwerk und Würze,-die nur zur Pracht :,ud keinem Nutzen dient, nicht zugelaffen werden sollte". „Rechne du." sagte er dem Leser, „wie viel Gelds eine Messe zu Frankfurt uu? deutschem Lande geführt wird, ohne Roth und Ursache: so wirst du dich wundern, wie eS zugehe, daß noch ein Heller in deutschen «aiiden sei. Frankfurt ist das Silber- und Goldloch/dadurch aus 'deutschem Lande fleußt, was' nur quillet, und wächst, gemünzt oder geschlagen »bird bei uns. Wäre das Loch zugcstopft, so dürft man jetzt der Klage nicht hören, wie allenthalben eitel Schuld und kein Geld, alle Land und Städte mit beschweret und auSgewnchert sind." Mil . lebbaftcn Farben schilderte Luther die unter den Kaufleutc» vorhandenen „böse Griff und Tücke des Geizes, des Eigennutzes und der Büberei". Ti> Preisstcigercr, Fürkäufcr und Monopolisten seien „öffentliche Tiebe, Räuber und Wucherer". „Diese Leute sind nicht werth7 daß' ne Menschen heißen oder unter Leuten wohnen, ja sic sind nicht werth, daß man sie unterweisen oder ermahnen sollt, sintemal der Rcid und ('Vt; so grob, unverschämt sic ist, daß er auch mit feinem Schade» Andere zu Schaden bringt, auf daß er ja allein auf dem Platze sei. Recht lhät hie weltliche Obcrkeit, daß sic Solchen nähme Alles, was sic Kälten und triebe sic zum Lande auS." „Man hat auch gelernt, eine Waar oder Gut zu setzen, oder zu legen, crtS Pfeffer, Ingber, Safran, in feuchte Gcwölb oder Keller, daß am Gewichte schwerer werde. Also auch Wullen Gewand, Marders Zobel», in finstere Gewölben oder Krämcn feil zu haben, und die Luft verstopfen, wie der Brauch allenthalben ist, daß man schier zu einer geglichen Waar weiß, eine besondere Luft zu machen. Auch eine Waar ist, man weiß einen besonderen Vorthcil. darauf, cs sei mit Messen, Zählen, mit Ellen, Maaß oder Gewicht. Und daß man ihr eine Farbe macht, die sic von ihr selbst nicht hat. Oder man legt das Hübschte unten und oben, und das Aergste mitte» innc, also daß solche Trngerci kein Ende hat, und lein Kaufmann dem andern weiter trauen thät, denn er sichet und greift." „Run ist bei den Kauflcuten eine große Silage über die Edcllcnlc oder Räuber, wie sic mit großer Fahr müssen handeln, und. werde» darüber gefangen, geschlagen,- geschätzt und beraubet. Aber weil solch groß Unrecht und unchristliche Dieberei und Räuberei über die ganze Welt durch die Kaufleute, auch selbst untereinander geschieht, was ist's Wunder, ob Gott schafft, daß solch groß Gut, mit Unrecht gewonnen, wiederum verloren oder geraubt wird, und sic selbst dazu über die Köpfe geschlagen oder gefangen werden. Gott muß je das Recht handhaben, wie er sich einen rechten Richter rühme» laßt." Sic Straßenräuber oder Strauchdiebe wolle ..er damit nicht entschuldigen; oder Urlaub geben, ihre Räubereien zu treiben, aber weil die Fürsten ihre Straßen nicht rein hielten und nicht wehrten, daß ihre Unterthanen so schändlich von den Kauflcuten geschunden würden, so brauche Gott „der Reuter und Räuber und strafe durch sie das Unrecht an den Kaufleuten". „Und müssen seine Teufel sein, gleich wie er Egyptenland und alle Welt mit Teufel /plagt, oder mit Feinden verderbet." „Also stäupt er einen Buben mit dem andern." Die Raubritter jedoch seien geringere Räuber als die Kansteute, „sintemal die Kaufleutc täglich die ganze Welt rauben, wo ein Reuter im Jahr einmal oder zwei einen oder zwei beraubt". Bor Allem sollten die' Fürsten und Herren, falls sie ihr Amt! vollführcn wollen, „die Monopolia, das sind eigennützige Käufe, die in Landen und Städten gar nicht zu leiden sind, wehren und strafen". In den KaufmannSgescllschaftcn sei „Alles grundlos und bodenlos mit eitel Geiz und Unrecht, daß nichts daran zu finden ist: das mit gutem Gewissen zu handeln sei". „Sie haben alle Waar unter ihren Händen, und machen'« damit, wie sie wollen, steigern oder niedrigen sie nach ihrem Gefallen, und drücken und verderben alle geringen Kaufleutc, gleichwie der Hecht die kleinen Fische im Wasser, gerade als wären sic Herren über Gottes Crcaturen, und frei von allen Gesetzen. deS Glaubens und der Liebe." Darüber aber werde „alle Welt ganz ausgesogen", alles Geld müsse „in ihren Schlauch sinken und schwemmen". „Wie sollte das immer mögen göttlich und recht zugehcn, daß ein Mann in so kurzer Zeit so reich werde, daß er Könige und Kaiser auskaofcn möchte? Aber weil sie cS dahin bracht Seite 8.- haben, daß alle Welt in Fahr und Verlust muß handeln, Heuer gewinnen, über ein Jahr verliere», aber sic immer und ewiglich ge- „ wiiincn und ihren Verlust ''mit ersteigertem Gewinn büßen könne», ist'S nicht Wunder, daß sic bald aller Welt Gm zu sich reißen." So Luther wenige Monate vor dem Ausbruch der socialen Revolution. Tie Aufkaufs- und Preissteigernngsgesellschaiten drückten durch ihren „Fürtauf" dem „armen Mann" auf dtm Lande die Bodencrzeugnisse zu den niedrigsten Preisen ab, .hausten die Rähruugsbcdürfnisse in großen Massen ans und erhielten eine künstliche Theurung, während das Geld von Jahr zu Jahr im Wcrlhe saut und die Arbeitslöhne nicht erhöht, eher verringert wurden... Was aber „die reichen Kaufleutc im Großen, das trieben die geringe» Verkäufer im Kleinen durch Fälschung aller Waare, also daß alle Welt darüber sich beschwerte". Mehrere Flugschriften »gäbe» diesen Beschwerden Ausdruck. Krämer, Bäcker,^Wirthc, Metzger wetteiferten miteinander in der Uebcrvortheilung ihrer Kunde». „Es bedurfte allein eines großen Buches," heißt es in einer Flugschrift, „so viel grbß Falschheit zu schreiben. Jeder steigt aus Zcitigkeir, kein Treu und i Glaube» ist unter ihnen: auch ist Bekrieg mit Essen, Trinken, votz dem man kaufen muß. Tic Wirthe fälschen den Wein mit allerlei Gemücht; daS Brod ist klein, das Zumnß vermischet " Ter Handwerker mache schlechte Waare, der Fleischer gebe schlechtes Fleisch, der Bäcker ungesundes Brot, auch der Lauer sei nickt besser: was er zu Markte führe, cS sei Korn, Gerste, Haber,. sei unrein; das Holz außen schön geladen, innen faul, krumm und kurz^ daS Heu und Stroh so spvlllich bctrüglich geladen, außen hal's einen Schein, innen ist's mosig und feucht. Bis auf den Handel mit Obst und Eiern herab erstreckt sich der Betrug. Von den Handwerkern habe. man früher, so lange hie Zunflordnungcu strenge beobachtet worden, gute Arbeiten erhalten, jetzt, wo diese Ordnungen ungestraft durchbrochen würden, „sudle man alle Ding": jeder Gesell, auch wen» er sein Handwerk nicht verstehe und keine Probearbcit -abgelegt habe, wolle Meister werden Lehrbuben, die nicht ausgelernt, wurden „zu Meistern geachtet". Einer werke dem-Andern zu Leid; man arbeite in der Eile nur auf äußern Schein; die Käufer ihrerseits sähen nur auf Wohlfeilheit, nicht auf Güte der Waaren. „Feste Preise," welche unter der Herrschaft dcrZlzpft-' ordnungcn früher in Brauch waren, „wurden nicht mehr cingchaltcn." „Rürnbergisch Gebot ist halb ab, daS macht rechte Käuf. Sagt der Kaufmann, den rechten Tax seiner Waar, wie er'S und »it anders geben könne, so kcrt sich kein Käufer nit daban, will mit ihm auf Rürnbergisch halb ab handeln.^ Durch alle -diese schädlichen „-Reueruugen", klagte man, gehe alles rechte Handwerk und.Gewerbe zu Grunde, nnd man finde nur „noch selten zufriedene Handwerker und Kauflem, aber gleich selten zufriedene Käufer", und „sind die Einen I und die Andern gleich schuld daran, all' mit einander". .Dazu kamen noch die besonderen Uebelständc der Zeit. Je mehr die materialistische auf Geldgewinn gerichtete Gesinnung zunahm und in .Folge davon die höheren Studien in Verfall gericlhcn, desto größer wurde die Zahl der jungen Leute, welche sich der Kaufmannschaft und einträglichen Gewerben widmete». „Man will jeyund nur lernen, was Geld cinbringt und werden Kaufhäuser, Krämcrcycn und Taberncn übermäßig an Zahl, nicht allein in Städten, sondern gar in Dörfiern, und ist daS ein großer Undank?" sagte ein Anhänger der neuen Lehre im Jahre 1524, „gegtn daS heilig Evangelium, daS Gott dem Volk in jetzig Zeit so hell hat erscheinen lassen." Schon damals herrschte unter denen, die sich evangelisch nannten, jene Richtung vor, worüber Luther erschrak: „Alle lausen um die Wette zu den Gewerben und Geschäften, die am wenigsten Arbeit erfordern und am meisten Gewinn bringen, ohne alle Rücksicht auf den Nächsten und auf die Unbescholtenheit, welche bei solchen Gewerken in die größte Gefahr kommt." Das Studium der Wissenschaften und! Künste werde, schrieb er, den schmutzigen Handwerken nachgesetzt. „Alle talentvolleren, durch Gottes Güte zu dem trefflichsten Studium befähigten Köpfe werden in die Kaufmannschaft gesteckt, welche doch heutzutage mit so viel Ungerechtigkeit beladen ist, daß ein rechtschaffener Mann kein Geschäft mehr fliehen sollte." „Die meisten von denen," bekannte Eapito, „welche sich des Evangeliums rühmen, richten ihre Kinder auf den Luxus und den Erwerb von Reichthümern ab." Bei den Altgläubigen traten ähnliche Zustände ein. „ES ist so jämmerlich worden in wenig Jahren," sagte im Jahre 1523 der Verfasser der „Clag eineS cinfeltig Klosterbruders"- „daß kein. christliche Mutter ir Kind mehr kann auf die Schulen schicken, die sind untergangen oder veracht: da werden denn Kauflcut daraus, und von den Armen, die gar sonderlich verlassen, kleine Handwerker in Städten und Dörfern ohn viel Kenntniß ihres GewerbS, mehr noch Krämer, Kremplcr, Hausircr, alles in Uebcrmaß." Die Städte wurden „voll müßiger und