Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 154 (17.3.1895)
- Date
- 1895-03-17
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Freie» Blatt. Nr. 154. Die togik -er Thatsachen. ^Zuschrift an das »Freie Blatt") In der Artikelserie, welche wir der Bekämpfung deS antisemitischen Social-VandaliSmuS widmeten, haben wir unablässig darauf hingewiesen, daß seine Gefährlichkeit in weitaus erhöhtem Maße gegen jede weltliche und geistliche Autorität sich richtet als gegen die Juden. Mag auch der Antisemitismus für Letztere von unsäglicher, kaum noch zu ertragender Pein und Oual sein, so bieten doch die Staatsgrundgesetzc endlich und schließlich eine nicht so leicht zu überwältigende Schutzwehr gegen etwaige in die That umgesetzte excessive Ausschreitungen; dagegen ist seine verwüstende Wirkung unausbleiblich, wenn seiner Minirarbeit gegen die Wälle staatlicher und kirchlicher Obrigkeit ungehinderter Lauf gelassen wird. Die Ehrfurcht vor der Hoheit der zur Wahrung von Gesetz und Recht, Sitte und Moral, Ruhe und Ordnung eingesetzten Behörde bildet die Grundsäule, auf welcher die gesellschaftliche Zusammengehörigkeit, der staatliche Connex ruhen; kann eS aber eine empfindlichere Verletzung dieser Ehrfurcht geben, als sie von den Führern der Antisemiten geübt wird? Wurde ihr je mehr Mißachtung und Hohn entgegengesetzt als von dieser Seite? ES war ein vom Standpunkte des augenblicklichen Bedarfs schlauer, aber im Hinblicke auf das Gemeinwohl unglückseliger Gedanke, als mit dem Beginne des Regimes Taaffe mit dem in argen GcldcSnöthen befindlichen Skrej.^ovSky Verhandlungen eingelcitct wurden, die zu einem Tauschgeschäfte führten, daß er zur Schwächung der deutsch-liberalen Partei all seinen Einfluß für den Eintritt der Tschechen in den ReichSrath cinsetzcn solle, wogegen ihm die erforderlichen pecuniären Mittel zur Verfügung gestellt werde», um sich finanziell arrangircn und ein Hetz-, eigentlich Antisemitcnblatt in Wien ticrauSgcbe.n zu können. Was ist damit erzielt worden? Tie tschechischen Abgeordneten hielten ihren Einzug in die Hallen der Legislative, die Lebensadern der deutsch-liberalen Partei wurden unterbunden, aber auch die Logik der Thatsachen bleibt nicht aus: auf die Saat der Verhetzung folgt die Frucht wilden Partciensturms. Nie waren die friedlichen Fluren Oesterreichs eine Stätte gegenseitigen Hasses und Haders, wie es gegenwärtig der Fall ist Sicherlich hat die. liberale Partei nie so viel Anfeindungen und Anfechtungen erfahren wie in unseren Tagen. Man kann aber nicht sagen, daß sie ohne eigenes Verschulden von diesem Schicksal ereilt wird. Anstatt in der Duldung, die von regicrungswcgen dem Antisemitismus zuthcil wurde, den Punkt zu finden, an den kraft des liberalen Axioms der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit die Hebel zu legen sind, um jene Regierung aus den Angeln zu hebxn, ließ sie das wilde und wüste Treiben iutru >-t extra rniiros zu, ohne die dasselbe tolerirende Regierung dafür ernstlich zur Verantwortung zu ziehen. Wahrlich, es hätte nicht erst der von Taaffe cingcbrachtcn Wahlreformvorlage bedurft, um seinem Regimente ein Ende zu machen; der ständige und unwiderlegliche Hinweis auf den ossenen Bruch der durch die Verfassung verbürgten Rechte, der in de» Versammlungen ohne Widerspruch der anwesenden Regierungsvertreter verkündet und mannigfach bei Stellenvergebungen prackicirt wurde, hätte dies um ein Jahrzehnt früher zuwege bringen müssen. Dabei hätte die Partei unanfechtbar das Attribut des Liberalismus für sich behaupten können. Au weil find die Ausschreitungen der Antisemiten gediehen, um nicht die maßgebenden Factoren des Staates nnd der Kirche zur Abivehr zu bestimmen In diesem Momente wirken Regierung und Episkopat zusammen, um von Rom aus der Zügellosigkeit dev Antisemiten ein Halt gebieten zu lassen. Ob dieses gelingen, ob es vom gewünschten Erfolg sein wird, sind noch offene Fragen. Das »Deutsche Bolksblatt" kündigt bereits den Gehorsam, wenn die Missioü des CardinalS Schön-, born von einem günstigen Resultate begleitet sein sollte. Allein so weit stehen die Tinge noch lange nicht. Im Patican wird zur Stunde^ die Frage ventilirt, ob die Antisemitenangelegenheit nicht eine Sache der inneren Politik ist, die jeder Staat in seinem eigenen Haushalte ruszukragen die Aufgabe hat, die aber nicht vor das Forum des päpstlichen SrubleS gehört. Wir denken anders. Ter Weile auf dem Stuhle Petri, Leo ilU, ist in erster Linie Kirchenvolitiker. Darum hat er sich mit der Republik in Frankreich iind mit Rußland gut zu stellen gesucht. Mit Recht hegt er die Meinung, damit den Interessen der Kirche eine,wesentliche Förderung vermittelt zu haben Bon diesem Gesichtspunkte - wird er auch den Anti'emltismus prüfen. Zu welchem Resultate muß er gelangen? Das, was er aus dem Munde der an ihn in Sachen der christlich-socialen Bewegung herantrerenden Kirchcnfürsten zu vernehmen Gelegenheit haben wird, muß ihm zweifellos die Uebcrzeugung darüber verschaffen. daß eS geradezu eine Gefahr für die Kirche ist, die Dinge so fort» vegeliren zu lassen, wie sie sich im Schoße der Christlich-Socialen abspielen. Die Unerbittlichkeit der Logik der Thatsachen wird auch hier kein Halt machen. Welche Conscquenz kann eS haben, wenn die Subordination der Unteren gegenüber den Oberen aufhört und die festen Mauern der Kirchenhicrarchie in die Brüche gehen? Welche Festigung kann die Kirche erhalten, wenn ihr Fundament, das Gebot der Nächstenliebe, durch die antisemitischen Bestrebungen in seinen ITiefen erschüttert wird? Anzunehmen, daß Leo XIII. hierin nur ei» Moment der inneren Politik Oesterreichs erblicken wird, die seinem Wirkungskreise entrückt ist, ist aber auch schon aus dem Grunde unmöglich, weil die Verkünder der antisemitischen HcilSlchrc salbungsvoll die bestätigende Kraft der Kirche für sich anrufen. Es ist daher mit Gewißheit zu erwarten, daß das Wort, welches vom Vatican aus kommen soll, im Interesse der Kirche nur eine Verurtheilung deS Anlisemitismus enthalten wird. 6—z. Zur Geschichte -es deutschen Aaus mannsstan-es.*) In Folge des (zu Beginn des XVI. Jahrhunderte-) zunehmenden Luxus hatte sich in 'den Städten immer mehr der »Großwucher" ansgcbildet, den insbesondere die Handelsgesellschaften betrieben. Sic vorzugsweise zogen Nutzen aus dem »Grundübcl der Zeit", .indem sie den Handel mit den ausländischen Luxuswaaren lost allein in Händen hatten, die Preise dieser Waarcn nach Willkür im setzten und binnen wenigen Jahren auf das Doppelte und noch höher hiuauftriebcn. „Wegen der unleidlichen und bösen Beschwerung, so auö den großen Gesellschaften komnie," erklärte ein von den Stünden auf dem Nürnberger Reichstage vom Jahre 1523 gewählter Ausschuß, »seien in etlichen Städten Einpörungc» deS gemeinen Mannes entstanden nnd »och größere seien zu besorgen, wenn nicht Abwendung geschehe." AuS den jährlichen Kaufzetteln und Verzeichnissen der Kaufleutc selbst legte der Ausschuß dem Reichstage tabellarische Angabe», vor über die ungeheure Masse der von den Gesellschaften cingcführicn fremden Waaren und über die fortwährend steigenden Preise derselbe». Alljährlich führe man, abgesehen von Allem, was aus Venedig komiue, auS Lissabon allein sechsunddreißigtausend Ceiitncr Pfeffer, vicrund zwanzigtausend Centner Zimmct, tausend Ballen Safran ein. Ein Pfund Safran, welches im Jahre 1516 zwei und einen halben Gulden und sechs Kreuzer gekostet, koste jetzt vier und einen halben Gulden und fünfzehn Kreuzer; das Pfund Pfeffer sei seit dem Jahre 15)18 von achtKhn Kreuzern auf drciunddrcißig gestiegen, ein Pfund Galgant von einem halben Gulden oder scchsunddreißig Kreuzern auf einen Gulden fünfzehn Kreuzer; für einen Centncr Zucker habe man im Jahre 1516 eilf bis zwölf Gulden bezahlt, im Jahre 1518 bereits zwanzig Gulden; Venediger Weinbärlein seien seit dem Jahre 1521 von fünf Gulden auf neun Gulden im Preise erhöht worden. Bei aller Berlheuerung würden die Waaren obendrein noch verfälscht. Durch die Handels- und Ankaufsgesellschaften, sagten dir Grafen, Herren und Ritter in einer dem Reichstage inj Jahre 1523 übergebenen Bcschwerdeschrift, gcrathe das deutsche Volk in Unrath und Verderben. »Es ist offenbar," klagten sie, »wie die großen Kaufmannsgesellschaften in deutscher Nation des heiligen Reiches Unter thanen schier aus allen Ständen hoch und übermäßig beschwert haben mit ihren Monopolien, Verbündnissen, einhelligem Aufsetzen, wie hoch eine jede Waare verkauft werden soll, Niederdrückung der armen gemeinei) Kaufleute, bei denen man besseren Kauf aller Waaren bekommen möchte, merklichen überschwenglichen Wucher, so sie über allen ihren Kosten und ziemlichen Gewinn jährlich aus deutscher Nation aushebcnd, einsammeln und doch neben anderen Reichsständen fast wenig steuern oder darlegen thun zur Abwendung der zufälligen Beschwerden unseres gemeinen Vaterlandes und des römischen Reiches." Durch diese Gesellschaften käme, worüber Jedermann sich beschwere, »das gemünzte und ungenlünzte Silber, Gold und Kupfer aus den Händen des Volkes," »also daß man das jetzo zur Wehr gegen den Türken und anderen im Reich anliegenden Nothsachen nicht zu geringem Nachtheil deutscher Nation einen merklichen Mangel hat." »lieber solche Schwächung deS gemeinen Nutzens," fährt die Bcschwerdeschrift fort, »machen sie ihnen schier alle und jede besonderen Personen und Inwohner des römischen Reiches mehr zinsbar, denn hiervor in Menschengcdenken gewesen," so daß sie »ohne Zweifel deutscher Nation ein Jahr mehr verdeckter Weise listiglich schaden, *) Aus Joh. Janffen'S Gesch. d. disch. Volker seit d. AuSgang des Mittelalters. Freiburg a. O. 1880. 6. Aufl. Bd. II. S. 418-426.