Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 154 (17.3.1895)
- Date
- 1895-03-17
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Freies Blatt Alioijiiemkut-preiS. ftür Oesterreich-Ungarn: S^niiäbrig.* «tontn (fl. 2.50) Halb,adrig.* »ranea (fl. 1.50) Sffir da» gelammte Ausland: Saniiabrlg.« Mark Halblädrig .3 DIark 50 Ps. Einzelne Nummern 6 kr. Unfranfirte Briefe werden nicht angenommen. Organ zur Abwehr des Antisemitismus. Erscheint an jedem Sonntage. » 'JlcD.utiou uuö '.'l&utiiiiütAliOii: I. Heilrrstätte 10. Inserate werden mit 20 Heller (," kr ) iilt $ie viermal gespaltene -lonpareillezeile teieidnet. Kleiner Anzeiger da» Wort « Heller <2 kr.). .Nuinadme von Inserate» in »nserer Adminiilralion sowi: .im ' Annoncendnreau M. Duke», l. cSollzeile 5. Numanr 154. Wien, 17. März 1895. IV. Jahrgang. „tn der heutigen Nummer bringen wir den Schluß von Gustav Karpeles' „Heinrich Heine und der Rabbi von Bacharach"; in den nächsten zwei Nummern wird das „Freie Blatt" im fcuillc mnistischcn Theile einen interessanten Aussatz ..Zwei jüdische Literaten" von ’■* Karl Klind veroüentlichen. Ethische Gesellschaft und Freimaurerei. Wir erhalten folgende Zuschrift: Wien, l). Mär; 1805. . Geehrte Redaction des .Freien Blattes"! Sie bringen in Ihrer Nummer 152 vom .1. d. M. auf Seite 7 den Satz: „Es bat sich eine Ethische Gesellschaft'in Wien gegründet/ welche, um der Verrohung der Sitten entgcgenzutreten, ihre Thäligkeit durch einen fulminanten Angriff auf die Freimaurerei inaugurirte." Als Obmann der neugegründeten Ethischen Gesellschaft in Wien ersuche ich Sie um gefällige Aufnahme der nachfolgenden Richtigstellung : Die Ethische Gesellschaft in Wien hat keineswegs einen fulminanten Angriff gegxn die Freimaurerei gerichtet, vielmehr hat Profesior I o d l in seiner Rede vom 10. Dccember 181*4 (der einzigen Gelegenheit, bei welcher bisher von der Freimaurerei in unserer Gesellschaft gesprochen wurde) erklärt, der Bund der Freimaurer ruhe i» seinen alten Regeln auf Gedanken, welche unseren Ausgangspunkten vielfach verwandt sind, und es trennen uns nur die alten, vielfach obsolet gewordenen Satzungen und Regeln, die Gehcimbündelei und die aristokratische Exclusivität der Freimaurerei, welche sich mit ihrem Menschenthum nur an die Besitzenden und nur an die Männer wendet. Hochachtungsvoll Dr. Aristides Brezina, Obmann der Ethischen Gesellschaft. Wir geben bereitwilligst vorstehender Polemik Rnuin, obwohl sie unseren Satz von dem „fulminanten Angriff gegen die Freimaurerei" nicht richtigstellt, sondern — bestätigt. Die Bezeichnung einer Gesellschaft als „Geheimbündelei" kann unmöglich aus der Absicht entspringen, dieselbe den Behörden und dem intelligenten, ehrsamen Theil der Bevölkerung zu empfehlen, sie zu fördern oder' gar gegen ihre zahlreichen und mächtigen Feinde zu vertheidigen. Wir wiffen zwar ganz gut, daß die Auffassung des Herrn Professors Jodl auch die bisherige — daS neue Strafgesetz dürfte eine Aenderung bringe» —der österreichischen Polizei war. Es fragt sich aber, wie es unzweifelhaft freisinnigen, aufgeklärten und von echtem Gemeinsinn erfüllten Männern opportun scheinen konnte, ihre auf die sittliche Beredelung jder Bevölkerung gerichtete Bestrebungen damit zu eröffnen, daß sie sich bei feierlichem Anlaß in Opposition zu einem Weltenbunde stellten, der seit mehreren Jahrhunderten bereit« das thut, was sie erst zu thun versprechen, der wehr als fünf Millionen Mitglieder über dem ganzen Erdenrund zählt,' und dessen Geschichte sich an die stolzesten Namen der linltur während der letzten Jahrhunderte knüpft? Und wie konnte es den Männern der ethischen Bewegung opportun scheinen, dies in einem Momente zu thun, wo das von der Rcaciio» ausgeget-enc Feld geschrei „Gegen Juden, Freimaurer und liberale" auo immer mehr jtehlen erschallt? Der natürlich interessirten Feinde der Freimaurerei sind wahrlich genug, daß wir iv>r nicht begreifen, wie auch wahrhaft freisinnige, Männer die Reihen der gedungenen Ariegskncchto, der ceelesia militans als Volontäre noch verstärken können. Znd^m gehört heute wirklich blutwenig ''Math dazu, über die Freimaurer zu spötteln; da istipgiiiren uns viel mehr jene natürlichen Feinde des Bundes, die zu allen Zeilen, auch dann, wo die wankelmüthige öffentliche Meinung ihn, günstig war, mulh voll und offen gegen ihn eiferten. Mit der Freimaurerei verhält sich's aber wie mit den Juden, auf den Sack schlügt man, den Esel meint man; ledaucrlich genug, wenn gewisse Leute auch jetzt, wo sich der wahre Zweck des gegen die Juden eingcleitelen .Äesielff-übnes Uar und deutlich auch de» minder Einsichtigen schon enthüllt, wenn gewisse Leute auch jetzt noch nicht begreifen wollen, wem der gegen die Frei maurer geführte Streich eigentlich gilt. Die Alt-Wiener. Moral: „Was geht das uns an, das geht uns gar nichts an!" wird aber doch nicht daS Recepl fein, nach welchem auch die Ethische Gesellschaft ihr Werk der moralischen Sanirung unseres Volkes in Angriff nehmen will? Was die sachlichen Erwägungen des. Sprechers jener Gesellschaft betrisst, so.sind mir nicht berufen, dieselben zu widerlegen; nur Eines möchten wir gerne wissen: woher derselbe weiß, daß die Loge sich einer „aristokratischen Exclusivität" befleißt und „sich mit ihrem Menschcnlhui» nur an die Besitzendeu wendet"? Wenn der betreffende Gelehrte die antiseinitischen Blätter lesen wollte — er verzeihe uns diese Zumuthung! — so würde er auö den dort immer wieder zu Dciiunciationszwecken initgelhcilten Logcnlistcn ersehen könne», daß dem Bunde Künstler, Schriftsteller, Aauf- und .Gewerbslcute, Fabrikanten und Handwerker . bunt durcheinander angehören, und daß dort, wo es Beamten und Militärs nicht wie bei uns itninöglich gemacht ist, Freimaurer zu sei», auch diese. Gesellschaftsklassen ein hervorragendes Evntingent zu dem Bunde stellen. Herr Professor Jodl,wird, wenn er sich thatsäch liches Material beschaffen will, ferner von jeder Lgge des Auslandes bereitwilligst statistische Angaben darüber erhalten, wie viele „Brüder" ihrer Armulh halber von allen Beiträgen , ständig bc freit sind, ohne darum atsih nur irgend eines ihrer Rechte zu ver-- lieren, und da wird er dann eine ganz merkwürdige Illustration zu dem Satze erhalten, daß die Freimaurerei ein Privileg für die „Besitzenden" sei. Allein nochmals, den Freimaurern geht es genau wie den Juden: ihnen gegenüber genügt eS, irgend etwas zu behaupte»,, des Beweises dafür ist man durch die Gesammtstimmung des Millieus enthoben. Der Glaube an Alles, waS diesen beiden abträglich ist, liegt in der von reactionären Miaömen geschwängerten Luft. Wüßten gewisse Leute, wem sie Borspann leisten, sic würden, entsetzt sein über sich selbst; sie werden aber auch dereinst ihren, Jrrthum am thenersten bezahlen müssen, weil gerade sic die Nieder läge der Freiheit am schwersten empfinden werden. e. v. z.