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Freies Blatt · 1895-03-10 · 153 (10.3.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
153 (10.3.1895)
Date
1895-03-10
Page
[Seite] (sequence 11)
Language
German
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7> Nr. 153. ' ___ ____Frei« lileratur ci'ien angesehenen Rang cinnahmen, der aber auch weUlichc, allgemeine Kenntnisse hatte nnd daS Studium des Talmud methodisch betrieb."') Merkwürdigerweise mußte auch er bei der Bcr- Wüstung der Pfalz durch die Franzosen am U). Sivan des JahrcS Iauö seiner Lat.rstadt fortziehen, und.zwar zuerst »ach Metz, „ach Heidelberg, en lich nach Frankfurt a. M. Aber er zog nicht allein fort, sonder» mit seiner ganzen Ge m ei n de. Es ,si nicht unwahrscheinlich, daß die wichtigsten dieser biographischen Daten Heine durch Leopold Zu»; bekannt waren; aber er hat sie oenfallö mit großer poetischer Freiheit verwcrihet. Allerdings hat er sich hiebei insofern gegen de» Geist der Gelichte vergangen, als es nicht wahrscheinlich ist, daß ein Rabbi „-Mittelalter seine Gemeinde in drohender Gefahr verlassen und i nur mit den Seinen geflüchtet hülle. Gerade die Vebcnsgcschichte Rabbi Fair Ehajsim Bacharach hätte den Dichter, wenn anders ,'ic gekannt hat, eines Besseren belehren, können. Denn aiech. i berühmte;)iabbi hat harte Schickjalsschlägc erleben müsseis; er harrte treulich bei der Gemeinde ans und zog erst dann .ne der lheure» Heimat, als jene mit ihm in die F.rne zog. Heine > i diesen Fehler wohl selbst hcrausgefühlt nnd die Flucht des Vibbi" cinigermaße» zu motivirc» .gesucht durch die Worte ..uigsiige Dich nicht, schöne Sara, auch unsere Freunde und wandte werde» gerettet sein. Rur »ach mcinei» Blute lechzen Ruchlosen." Aber diese Motivirung ist doch nur sehr schwach nicht auö der Eekenutniß dcS geschichtliche» Geistes hcivoriiigcn, der jene Helden und Märtyrer auf ihren weiten Zügen IüibciiSstationen erfüllt uud erhalten hat. Auch der eigeutliche Held des RomanS, Isaak Abarbanel oder uger Abravaucl, hat wirklich gelebt. Er war ei» Enkel des beuten Schriftgelehrte» gleiche» RamenS, und ein Soh» des da Abravauel, der in der Geschichte der Renaissance unter dem .amen lernte Hebrco als Antvr der ,, Ilmlo-ilit ili unwia" beamt ist.."'') Dieser Abravauel wurde aus Befehl des porlugicsidun Königs Jonv II. zwangsweise getauft und als Ehrlst in Vinabon erzogen. Erst später gelang cs ihm, nach der Türkei zu .! zfliehe» und dort wieder das Iudenlhui» öffentlich zu bekennen.7"i A. i o auch der galante M a r a n n e I sa a c Abravauel i st > : a t h i st o r i s ch e Persönlichkeit! Wenn wir »un von dem historischen Fehler, der eigentlich mthr ei» psychologischer ist, absche», daß Rabbi Abraham aus Bacharach seine Ge»iei»de i» der Stunde der Gefahr verläßt und mit ieiuer-Galliu entflieht, so ist gerade das geschichtliche Moiilent u Erzählung, Sitten und Gebräuchen i» diesem Werke streng wahrt. Mau muß darüber staunen, welche Kenutniß Heine von .ein religiösen jüdische» Veben und dessen Gebräuchen halle. Es ii geradezu unmöglich, daß er sich diese Kenntnisse erst in Berlin, innerhalb zweier Jahre, angeeigikct hülle. Eine solche intime Betannljchafl mit Allem, was Sitte uud Brauch war ii» lieben der!Ic» Jude», kann nur aus liefen und unvergeßlichen Jugend, iudrückrn stamme». Und was das Merkwürdigste ist: Fast Alles, I.. c. 2, .!7 fr. a”) IV. 23:!. (ii tiivftc von Interesse fein z» ersabren, dasi auch der cifie er miiikesienS einer der ersten jüdischen Dichter i» deutscher Lprache, p i pm a ,,'u M ose« B ii s ch e » t h a t, der Amor de« Drama« „Der Siegelring « Salomo" i» Bacharach geboren wurde, wie sein. Grabstein ,Re. liNW» ans ui allen jüdn'chcu Fiiedhos in Berlin an«diücklich ongibr. Darnach ist die Aeldnng Fürst'» in feiner Bibl. Ind. I., 138 zu berichtigen wo Slrastbnrg als neu Geburtsort angegeben wird "■'i 2. meine Geschichte der indischen tzileratnr, II. 858. Eassel: vchrbuch der jüdischen Geschichte nnd tzileralur, 2. 128. Seine 'iemitnist der Lebensgeschiäste Abravauel'» venvendet Heine Übrigen« noch oft. Bgl' III. 153, V. 311 ii. a. C. Auch die Geschichte von dem M'eisia», die ihm ingeblich rin Manassah den Aaphtati an« Krakau erzählt haben soll < VII. 31!» ff.., weist aus die früheren Studien hin. E« ist dabei wohl zu beachten, daß Heine i derselben Zeit, da der „Rabbi" erschien, an seinem Buche über Börne schrieb .'ie dort über die Juden an»gesprochenen Ansichten stimmen mit denen de« eilten Capitel« völlig überein. Blatt. Seit« 9., was Heine dovbringt, ist ridjtig, während wir.bei den meisten späteren Erzählern aus der Iudcngasse den gröbsten Schnitzern begegnen. Ja, cs scheint, als hätte Heine in seinem Rom'an das ganze religiöse Veben der Juden umspannen wollen. Die jüdische TrattlingSformel, das Fasten am Montag »nd Donncrölag, die große nnd genaue Schilderung des Passahfestes ' mit allen Einzelheiten, der Inhalt der Hagada und ihrer hegenden bis auf den „herkömmlich" singenden Ton, womit dieselbe vorgelesen wird, das Interieur des Rabbincrhäuses, die Trachten' der Bewohner desselben und der Gäste, die Begrüßung der Fremden, die Scene 'mit der Darstellung der aegnptischcn Plagen, welche übrigens in den „Bädern von l<uccä" gleichfalls in sehr ergötzlicher Weise venvcrthet wird,") das Waschen vor dem Esse», der Sabbalhnachmiltag mit dem Eramen und dem Sabbathobsi, das Myrrhen-Suchen vor dem Vaubhüttcnrcste, daS Rachtgcbcl, die Borschriflen für die achtzehn Beuedictimuu, daö Lolkslied der Hagada, die lalmudifchen Borschriflen mir Mefahr am Sabbath, das Jnlericur der Synagoge, die ^childerMs^drö Gotlcsdicnstes, insbesondere der Thora-Borlesnng, daS Dankgcbet für die Rettung auö der Gefahr, die Melodien des Passahfestes, endlich die Bor gänge beim Backen der ungesäuerten Brote! und — last mit least — der Schalet, „unseres Herrgotts koscheres Ambrosia","l dies Alles ist historisch treu nnd sachlich wahr von Heine dargcsteUt. lEchlnsi lolgt.» Morsche. Eine „Tarnopolcr Geschichte" von .st. R. Ungefähr eine Bicrtclstundc von dem Schlosse, .in dem ich al« » Archivar beschäftigt war, stand ein Mauthhaus, dcsien Inhaber allgeliicin nur „Maische" genaünt wurde. Er war ein sechzigjährkgtr Mann in der Tracht der orthodorcn polnischen Juden. So oft ich am Mauthhause vorbeifuhr — und dies geschah tagsüber zwei- bis dreimal — grüßte mich Maische deutsch, und als ich ihn eines Tages fragte, weshalb er sich nicht des landesüblichen Grußes bediene, sagte er: „Sie rauchen ja Birginiereigarrcn und sind sonach ei» Deutscher." In Tarnopol und Umgebung raucht nämlich Alles vorwiegend Eigarcltcn. Mit dein freundlichen Mauthner sollte ich einmal in einer höchst sonderbaren Asfaire näher bekannt, werden. Seine Pferde waren über Rächt in den Schloßpark cingcbrochen und Hallen greuliche Berwüstungcn angerichlct. Da der Gutsherr auf Ersatz bestand, ivandte sich der momeutan zahlungsunfähige Maische an mich mit der Bitte, zu vcriniticln. Ich that cS, und zwar nicht ohne Erfolg. Eines TageS ging ich zu Maische und meldete ihm, daß der Gutsbesitzer keinen Schadenersatz verlange und nur fordere, Maische möge in Hinkunft auf seine Pferde — er besaß deren über hundert Stück — bester Acht geben. Maische war über diese Rachricht hocherfreut und lud mich ein, in sein HauS zu treten. Ein polnisches HauS! Ein Mauihhaus! Trotz der genauesten Schilderung dürfte der noch : io phautäsiebcgabtc Zuhörer keinen klaren Begriff hievon bekommen. Ein niedriger, iiolhdnrflig überdachter Bau auö Rohziegeln, mit einem schmutzigen Flur und zwei Stuben, znsammcn etwa fünf Klafter im Gevierte. Wir traten in da« eine der Gemächer. Maische entschuldigte sich bei mir wegen der Einfachheit deS Haushaltes und sagte: „Ich habe noch' ein Zimmcrchen, daS Ihnen gefallen dürfte. Ich muß doch Nachsehen, ob Er schon auf ist. Der arme Junge hat gestern bis vier Uhr Morgens gearbeitet und war gewiß todmüde." i Maische warf einen vorsichtigen Blick in die andere Stube und winkte mir dann frcundlich: „Bitte nur hereinzukommen, Lecb ist auf!" Ich trat i» die Stube ei», nnd 'wer malt sich meine Ueberraschung: ES war ein echtes und rechtes Studentenzimmer, da« man füglich „Gelehrtenzimmer" nennen konnte. Zwei große Bücherschränke . nahmen zwei Halbseiten deS Zimmers ein, an der dritten, der Thüre gegenüberliegenden, stand ein Schreibtisch, und vor ihm saß ein Herr, der sich bei meinem Eintritte erhob und sich mir als „Dr. Leeb . . . ." ' votstelltc. Dr. Lecb war ein Mann von etwa dreißig Jahren. Ein [ schwächlicher Körper trug einen ungemein vergeistigten Kopf, einen . Gclchrtcnkopf mit fcingeschnittenen Zügen, welche heute durch eine ' ”) lll :w.! II. 3*5.

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