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Freies Blatt · 1895-03-10 · 153 (10.3.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
153 (10.3.1895)
Date
1895-03-10
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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Seite?. .freies Blatt. Nr. 153. Rothbücher, der sich für eine» alten Schulmann ausgibt, hat ein Buch zu- 'ammeiigei-brieben, betitelt Sohar, Talmud und Antisemiten. Er ist natürlich in Berlin verlegt worden, hat. wie der ewige Jude, keine Jahreszahl, scheint aber, da eS auf Vorgänge und Schriften a»S jüngster Zeit Bezug nimmt, erst neuerdings erichienen zu sein. Jahreszahl und Be^ichnung der Auslage sind wahrscheinlich deshalb weggelassen, um weitere Posten der Buches mit Angabe einer hohen Austage auf den Markt zu werfen. Ter Verfasser will natürlich kein Jude lein, er bezieht feine Porsahren unter Gustav Adolf anS Schweden. Inhalt und Geist seines Machwerke« aber sind unversälschl jüdisch." Herr Tr. Rolbbncher ist, wie »niete' Berliner Abivehreollegin mitiheilt, Protestant und 'eine Borsabren sind seit der Reformation gleichfalls Protestanten. i (vin „Amtsblatt" für zwri Provinzen.) Tie Antisemiten aus West vreiißcn und Poien batten auf ihrem vorjährigen Parteitage die Gründung eines ■ igene» ParleioiganS beichlosien, da sich selbst die antisemitisch gesinnten politische» Tageszeitungen ..nicht immer bereit fanden, die Meinungen der einzelne» Parteimitglieder zu schwebenden Tagessragen unverkürzt zu entwickeln". Unter dem Titel ..L-ocheuichri't der deutsch ioeialen Resormpartei der Provinzen Posen und Westpi engen" erblickte nun das neue Crgan am Anfang dieie» JahreS in Bromberg da» Licht der Welk, stellte indeß schon nach vier Wochen sein Er 'cheinen wieder ein, da 'ein Redacteur, Herausgeber und Trucker W. Lalldau>en in Bromberg, eine der Hauptstützen des dortigenReformvereinS, wegen II nker> chlagu ng von .straiikeneasiengeldern verhaftet wurde. Rach dieser unfreiwilligen Unterbrechung wird nunmehr daS Wiedererscheinen der 'Wochenschrift apgekündigt, und zwar unter der Redaction eines Maurermeisters PI eh me in Tborn, welcher zugleich der Verleger ist, nährend der Truck von der RaihSbuchdruckerei Ernst L a m b e ck besorgt, wird, wo sich auch nunmehr die Ge ä ä'iSstellc des anliiemiiiichen „Amtsblattes" für zwei Provinzen befindet. jfciullctcni. Ivinridi f>cinc und Vcv "-Kabln von 1Kad)ai*ad). ^on <0 tt ft a tt fturptlt«. An DcniieUu’n Tage, an welchem die Mainzer Jude» das Unglück erreichte, am zwcilen Querlage il2. April 1283), wurden ui Bacharach 12<»0 Juden erschlagen. Das Marlyrologium von Main; zählt einfach ihre Namen auf; kein War: von ihren Heldenihalen, kein 'i£ort von ihren Leiden, aber in dieser einfachen Aufzahlung der Namen liegt eine Tragik der Weltgeschichte, wie sie kein Dichter je erreichen kann. . Und diese Judenverfolgung scheint Heine im Auge gehabt zu haben, trotz des Anachronismzis >m zweiten Eapilel des „Rabbi", das elwa 200 Jahre später i zwiichcn I4>0 bis l.'isn, spielen mag. Aber dieser Anachronisinns erklärt fick , aus sachlichen Gründen. Wohl fanden auch noch später Judenverfolgungen in Bacharach stall, wie wir gleich sehen werden, aber die eben geschilderte des Jahres 128:5 erschien dem Dichter besonders charakleristisch durch den Borwand der Ermordung eines Ehristenkindes. Und ebenso, charakleristisch erschien ihm andererseits wieder für die Schilderung der Frankfurter Judengasse die Zeit des ausgehenden fünfzehnten Jahrhunderts, aus Gründen, die ii der Schilderung selbst liegen. Den Borwurf des Anachronismus lnlle der Dichter am wenigsten in einer Zeit zu fürchten, in der eie historischen Quellen der jüdischen Geschichte noch so im Argen igen, daß man auch die wichtigste» Nachrichten nur mit Mühe ' T v:e Aufzeichnung lautet, nach Saatfeld, in wortgetreuer Uebersetzung: . -in .'.m'eu."n Tage ».an welchem in Main; die Inten ermordet wurden) :.it in Baämrach 26 Personen getobter: R. Samuel, Sohn des R. Kalo- : r..i •'ei»? Ataii Mingoi: der junge R Meir, Sohn R. Martochais tti.e -eiii: i ,'ltnter: R Samuel, Sohn R. Benjamins, und seine Tochter Bruno: ^rau Sarab. Witwe R Josephs: der Gesetzesrollenschreiber R. Meir Halevi: t-r «tnobe Ebiskna, Sohn des Märtyrers R. Jacob, welcher in Lorch aabdiet wurde , die Jungfrau Tgnr, Tochter R. Solomons; das Waifenmädchen Jarle: ter Jüngling R Mcnacbem, welcher an jenem Tage den Borbelerdienst verlah: der tnabe Elie'er, Sohn R. A'cher's: R. Joseph, Sohn des Rabbiners R. Tavid: R. Juda, Sohn de« gelehrten R. Tavid." l - und auf privatem Wege erlange» konnte. Halte Heine die Geschichte der Juden in Bacharach so gekannt, wie wir sie heute auf Grund der inzwischen genau erforschten Quellen kennen, so hätte er sein historisches Gemälde mit vielen feinen und charakteristischen Zügen ausstatten können, die den poetischen Reiz desselben sicherlich erhöht hätten. Ja, vielleicht hätte er dann die Handlung des „Rabbi" ganz in die Zeit der dritten Judenverfolgung gelegt, welche im Sommer 1386 stattfand. Damals war eS der Borwand, daß die Juden Hostien gestohlen und geschändet hätten, der eine Berfolgung gegen sie hervorrief. Auch das kleine Bacharach mußte wieder seine Märtyrer stellen. Die beiden schwäbischen Edellcute, welche sich „die Könige Armleder" nannten, führten eine Schaar Volkes, die man die Judcnschlägcr hieß, durch das Elsaß, über den Rhein bis nach Schwaben, überall ein Blutbad unter den Juden dieser Länder anrichtend. Auch die Trauerzeit des schwarzen Todes ging nicht spurlos an den armen Bacharachcr Juden vorüber. Wohl fehlen nähere 'Notizen, aber eine alte Liste von Marterstältcn nennt aus dem Jahre 1349 auch das alte Bacharach. Die Leidcnsgcschichle der kleinen jüdischen Gemeinde war aber damit noch lange nicht abgeschlossen; gleichwohl erhielt sie sich und blieb ihrem Glauben .und ihren geschichtlichen Traditionen treu. Ja, sogar das Sludium des Talmud wurde in der kleinen Gemeinde eifrig gepflegt, und viele Gelehrte, die später in anderen Städten und in großen Gemeinden, wie Frankfurt, Worms und Prag zu Ehren gelangt sind, stammten aus dem kleinen rheinischen Städtchen, so vor Allem die Fanülic des gelehrten Rabbiners zu Worms, Abraham Samuel b. I s a k Bacharach, der etwa von 1575 bis 1615 lebte und als ein fromyier, gelehrter und edler Mann geschildert wjrd,,;5) der als Rabbiner der Ge mcinde zu Worms eine segensreiche Thäligkcit entfaltete, bis auch ihn eine Judenverfolgung am Eharfrcitag (7. April) des Jahres 1615 aus seinem neuen Heim verlrieb. Er flüchtete mit den einen »ach Gernsheim über den Rhein; dort starb er wenige Wochen später, am 2«'». Mai desselben Jahres, und wurde auf dem Friedhofe zu Alsbach zur ewigen Ruhe gebettet. Seine Gatli» Sarah Ehava war eine der berühmtesten Frauen des Mittelalters, eine Enkelin „des hohen Rabbi Löb" in Prag. Sic war in der heiligen Schrift und in den talmudischen Werken ebenso wie in der synagogalen Dichtung belesen. Im Jahre 1600 folgte sie Rabbi Abraham Samuel Bacharach nach Worms. Nach dem Berluste des Gatten und der Heimat kehrte sie mit ihrem achtjährigen Sohne und mehreren Töchtern in daS Elternhaus »ach Prag zurück. Dort lebte sie nur der Erziehung ihrer Kinder und der Erinnerung an ihren thcurcn Gatten, bis ihr Sohn R. Samson Bacharach im Sommer 1650 als Nachfolger seines Baters das Rabbinat in Worms übernahm. Dann folgte sie ihm auch dorthin. Aber schon ein Jahr Jpätcr treffen wir sie auf einer frommen Pilgerfahrt nach Jerusalem. Der Ruf ihrer Gelehrsamkeit und Frömmigkeit zieht ihr voran, und jo wird sie überall mit hohen Ehren empfangen. Das Ziel ihrer frommen Sehnsucht hat sie aber nicht erreicht; sie starb auf dem Wege 1652 in Sofia und wurde dort begraben. Noch bis in unsere Zeit wurden nach „der berühmten Sarah" weibliche 'Nachkommen auS dieser Familie benannt. 66) Abraham und Sarah auS Bacharach sind also historische Persönlichkeiten! Ein Enkel dieses Paares war der fromme und sehr gelehrte Rabbiner der uralten Gemeinde zu WormS, Jair Chajjim Bacharach (1638—1702), dessen Rechtsgutachten in der ReSponsen- *l) Bgl. über diesen und seinen berühmten Sohn die eben erschienene vorzügliche Monographie von Professor staufmann, Dr. David R. Jair Chajjim Bacharach und seine Ahnen (Trier 1834), S. 3 fs. **) Bgl. Keyserling, Die jüdischen Frauen, S. 176 ft. l

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