Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 153 (10.3.1895)
- Date
- 1895-03-10
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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Freies Blatt. Seite 6 dabei vor den Hohepriester» auf dem Bauche liege» z» muffe». Ein Schlaucherl, dic'er Scbeictier: von ihm könule fein Kamerad Scherzer noch etwa« lernen. y. i Itdtrt und Liechtenstein beim „wilden Mann".) Beim „wilden Mann" »i 'Währing versammelten nch die Christlich Socialen unler Führung deS biederen Tirolers Pknner. P'arrcr Deckert amufirtS daS anwesende Publicum durch eine seiner Heypredigten gegen die Juden und sagte unter Anderem: „Tie Juden bilden in Deutschland nur ei» Perccnt der Gesammlbevolkeriing. Man sollte nun denken, bei gleicher Vertheilung kämen 4 5» Milliarden ans die Jude», »ein, 270 Milliarden kommen aus dieselbe». Also ,10 Peiccut des deutschen Nationalvermögens besitze» die Juden. (Tie Quelle -einer Angabe verschweigt Tcckert s 31% sich die BermögenSbesivverhältnisic in Ocnerreicb gestalten, dafür kann ich keine genauen Taten führe», aber viel besser als in Deutschland wird eS nicht sein. Nun bitte zu bedenken, der Staat,- die Lander, die. Gemeinden sind viel verschuldet und Schulden wolle» nicht ■lost bezahlt, ionder» auch verzinst sem. Wie werden diese Zinsen aufgebracht'? Durch die Steuer», und >va« von dem Steuereingange an Zinsen gezahlt wird, ist Nobot für.da» Capital. DaS ist ein Robot, der viel drückender ist als der abge-chante. Schon Baron Vogelfang hat es getagt, daß in Lesterreich eigentlich »e Juden herrsche», und ich bediene mich seiner Worte: .Tie Juden habe» eS verstanden, unserem Staate das Wesen ihres Geister aufzudrückeu. Tie Juden und zu einer Macht geworden, zu eincr.bedroblichen Maciit, und um io bedrohlicher ist dieie Macht, weil sie unter den Christen Berrälher gefunden bat. Nun finde ich es ganz begrei'lieti, daß da' christliche Bolk in demselben Maße, in welchem eS dieie schmähliche Knechtschaft tüblt, sich aufrofft n»d zusammenlhut und zu einem gemeinsamen Kampfe sich anschickt. So ist der Antisemitismus entstanden; 'k Berechtigung desselben bringen die Verhältnisse mit sich. Ter Kamps gegen die ÄuSivucherung durch daS Capital muß seine Spitze gcgKi die Juden richten, :veil er gegen daS System des JudentiberaliSniu» gerichtet ist, gegen die Ausbeulung der Arbeit, die in diesem Sustem liegt. Tie Juden sind die en- .augi'rlen Vertreter des Liberalismus, und nicht mit Unrecht sagt inan beute statt PieudoliberaliSmnS JndcnliberaliSmu». Wenn wir also in die-em Kampfe gegen den ausbeuterische» JudcnliberaliSmuS die Spitze gegen die Jude» richten, so gehen wir nicht irre. Wir thun ihnen kein Unrecht p im Gegeutbcil, es ist vollständig sachgemäß, sie selbst haben sich zu wiederholten inalcn a!S die Repräkmanten des JndenliberaliSmu» und als die Vertreter der Prineipie» deSie.beii hingestellt. Wir gehen auch nicht irre in unserer Annahine vielleicht durch den Umstand, daß sich die coniervative Partei gegenwärtig mit den Judenliberalen verbunden hat. Diese Coaliiion ist von keiner langen Tauer, weil sie bcichlosien wurde im Interesse der Partei und nicht im Interesse deS Volkes " Decken machte dann einen dem Gros seiner Zuhörer sehr gefallenden Angriff auf die „extremen Nationalen". Mil großem PathoS verkündete er: „Wir Christlich Socialen können uns kür einen deutschen Einheitsstaat mit vrcußi-cher Spitze nicht erwärmen, wir sind Tentschöfterreicher und gut kaiserlich. Und wenn man unS auch schwarz gelbe Manthschranken nennt — schwarz-gelb ist eine gar schöne Farbe. Aber auch anderer arischer Stämme müssen wir u»S annebmen. deren Ausschreitungen wir uns allerdings enkgegenstemmen müsse», -.'affen wir unS da nicht von Judenblättern und extremen Naiionalen verhetzen^ Fü r Bismarck kann ich mich nicht erwärmen, und unbegreiflich ist e» mir. wie ein Antisemit mit einem Manne shmpalhisiren sann. der mit den Jude» Bleichröder und Lassalle so -innige Beziehungen gehabt bar. Auch,seine Bekämpfung der katholischen Teutschef, kann mich nicht veranlassen, iür ihn zu schwärmen." Mil sehr gemischten Ge- ''ühlen vernahm aber das Auditorium Teckerl'« gewundene Worte über den RacenankisemitiSmilS. Da« Vergani Blatt gibt dieser Stimmung in seinem Berickitc über Teckert'S Hetzpredigk im WirthShause also Ausdruck: „Zum Schlüsse ieineS Vortrages kam er auf den RacenantisemitiSmuS zu sprechen und bekannte ssch alS ein Gegner desselben. Warum, ging aicS seinen Ausführungen nicht bexvoc: im Gegentbeile, der Redner bekannte sich zu allen den bekannte» Principien, die nothwendige Voraussetzungen de« RacenantisemitiSmuS sind. Er baffe die Juden nicht als Race, weil der Jude nichts dafür könne, daß er als wlcher geboren wurde, sondern habe eine große Antipathie gegen dieselbe», .weil sie sich vollständig von »ns Ariern unterscheiden. Sir haben Eigenschaften, die durch die Taute gar nicht weggewasche» werde», Eigenschaften, ne nn? Ariern ganz und gar uninmpathisch sind'. Es sei vereinbarlich vom Standpunkt der Perminff und des Glaubens, daß man gegen die Juden Antipaibie labe, und .Haß und Antipathie ist nicht viel von einander entfernt', .’ii:» alio!" Ter arme Teckert! Er wollte einerseits ucl captandam bene- . . m der Nacenantisemiren sprechen, andererseits mochte er sich erimceri-, daß cr ein katholischer Geistlicher sei, ferner nicht nur den Bruder in Chrlsic a-an’.uS Meyer zum Genossen aus der Anklagebank hatte, 'andern sich a„,b neulich von Tr. Anloniu« Löw verlheidigen ließ. '.'eichtet baue e§ der „Fürichl". Er hetzte insbesondere gegen -die Katholisch Coniervariven, gegen welche er nachstehende Anklage erhob: „Im neuen Strafgeseyentwurfe ist eine Neuerung ausgenommen worden, die so recht deutlich beweist, daß die Coalition nur der Vereinigten Linken dienlich ist, während die Coniervativen zur vollständigen Lhnmacht verurtheilt worden sind. Unmerklich, Nr. 153. nur durch Auslassung des Verbotes geheimer Gesellschaften, ist ded Freimaurerorden in Oesterreich nimmehr zulässig geworden. Seiner Ausbreitung steht nun nichts mehr im Wege.- Damit ist dem christlichen Volk und der kalholischcn Kirche in Lesterreich eine schwere Wunde geschlagen, und jene Katholiken, die Niemanden für rechtgläubig halten, der sich von der Eoalition sernehält, mögen sich bei derselbe» bedankt». Wenn ihr Bündniß mit den Liberalen unsere Kirche und unser Volk nicht einmal vor einem solchen Faustschlage bewahren kann: wenn sie in ihrem Bündnisse nicht einmal die Rücksicht finden, baß die geschworenen Feinde des heiligen Stuhles von Oesterreich sernegehalien werden, wenn sie diese» enrpsindliche» Schaden uns durch ihr Bündniß nicht ersparen können: wozu Hallen sie dieses Bündniß und warum werden wir denunciit, weil wir dieses Bündniß pcrhorreSciren V" Der „Fürscht" appcllirte schließlich an die Taschen der Versammelten, denen ec in rührenden Worten ans-Herz legte, Psenner'S . Volksfreund" zu unterstützen. Da» ist klng und weise. Wird diesem Appell entsprochen werden, so wild der „Fürscht" selbst weniger bluten müssen. O, du Million, du! lirhristlich-socialc Taktik.» Tem , Freigeist" wird auS Seife rsdor, im nördlichen Böhmen berichtet: „Anläßlich der i» unserer Gemeinde zweimal hintereinander erfolgten Gemeindeausschußwahlen haben die Christlich--Socialen mit ihrem Lbercommandanle», Pfarrer T h u in a. so recht deutlich bewiesen, waS diese Herren eigentlich unter der in ihren Statute» enthaltenen christlichen 'Nächstenliebe verstehen »nü wie sie dieselbe praktisch zu üben sich ausgezeichnet haben.. Ter frühere Obmann dieser schwarzen Schaar, Anton Schiller mit Namen, der bei jeder Gelegenheit sich stets den Schein tiefer Religiosität und strenger Chtistgläubigkcit zu geben bestrebt, jeden Ander» dagegen aber, de: nicht mit nach der Pfeife unseres Psarrers tanzt, für einen Abtrünnigen, Kirchen- und Rcl-gionSfcind hält, hatte bei einer Witwe 100 fl. gegen Sicher stellung zu fordern. Die Witwe bedrohte er mit den Worten: .Entweder gebt Ihr mir zur Wahl die Vollmacht oder Ihr schafft mir sofort da» Geld!" Indem aber genannte Witwe ihre Vollmacht bereits einem Freunde gegeben, so mußt, sie auch richtig diesem guten Christenmenschen das Geld schaffen, obwohl ihr di, Unkosten als Taglöhnerin recht schwer fielen. Ein anderer Häusler schuldete diesem fromme» Manne ebenjalls 20 fl., und trotzdem cr den Gulden Ziuseu alljährlich pünktlich entrichtete, erhielt er doch auch die Drohung, sofort das Geld zu schaffen, falls er Männer von der Gegenpartei wähle» sollte. Es würde zu weitläufig werden, wollten wir alle die Hcldenlbcue» dieses srommeu Vereinler» ansühren oder auch nur oberflächlich schildern, wie alle die Trabanten des Psarrers tage-, ja wochenlang bei Tag und Nacht die Wähler umkreiste», bestürinlen, ja sogar bedrohten, daß sie aus keine Hilfe von ihrer Seite rechnen dürsten, falls ihnen einmal wa» passire» sollte n. s. w. Wo auch dieses nichts fruchtete, dort versügte sich dann erst der Pfarrer persönlich hin und versuchte durch allerhand Schwänke die Leute umznstimmen und gefügig zu machen. Wer die Bilder mit eigenen Augen gesehen, wie an den Wahltagen die srommen Zutreiber daS Tors durchstreifteu, zusamineiihausicten, was nur losging „ns ein Bein Halle, und die armen Opfer sozusagen mit Gewalt sortschleppten, wird unS gewiß bcipflichten, daß der Vergleich mit einem .böhmischen Tor» nicht zu grell genommen ist, wo der Hirte sich seine Hammel an» dem ganzen Ort zusammentreibl und aus die Weide führt. Ten Oberbefehl zu diesem in unserer Gemeinde noch nie dagewesenen Wahllreibe» führte natürlich der übe: die Marken unseres Ortes hinaus schon längst bekannte tschechische Pfarrer T h u m a, welcher an die schönen Worte Christi: ,Ter Friede sei mit Euch! gewiß noch nicht gedacht zu haben scheint." Schließlich verspricht da« genannte Blau, demnächst sich noch einmal mit der Wahrheitsliebe dieses Manne« zu be schäftigen und einige Exempel hievon der Oeffentlichkeil zu übergeben. Unsere braven Christlich-Socialen sind in allen Zone» dieselbe», ob man sie nun », Poiümern, Böbnie» oder in der grüne.. Mark in ihrer „stillen" Arbeit b, obachlet. <„Ter Glaubt uustrtt Baker, dtr Tculschcn ureigenes Alles Testament." - Im Verstand „deutsch-liberaler" Antisemiten zu Berlin hielt jüngst ein Herr'F. M. einen Vortrag, betitelt „Der Glaube unserer Väter, der Deutschen ureigenes Alles Testament". In diesem wird „bewiesen", wie die alte» Deutsch,» schon längst die zehn Gebote besaßen, und zwar aus eine so komische Weile, daß dieses Erzeugniß antisemitischer Geschichtsforschung der Nachwelt überlicseri werden muß. Nach einem Antisemitcnblatte sagte der Vortragende: Die zehn Gebote, die, wie sich bei der Enträthselung der Inschriften der in de» Pura miden gefundenen Steintaseln herausstellte, schon bei den alten Egyptern de standen, Jahrtausende bevor'die« Reich durch die Hebräer verseucht würde,-sind dem deutschen Volke von seinem Wodan allerdings nicht ertheilt worden, lasen demselben aber im Blute und ergaben sich an« allen seinen Handlungen. Uebcr Haupt dürften die zehn Gebote bei einem nicht ganz verrotteten Volke al» Naturgesetz betrachtet werden. Jedoch vergleichen wir die zehn Gebote mit der Religion der alten Deutschen: „1. Gebot: Ich bin der Herr dein Gott, du sollst nicht andere Götter haben neben mir." Allvater Wodan stand den alte» Deutschen so hoch alS Gott, daß ein anderer hiergegen gar nicht aufkontinen konnte, e» war hier also dieses Gebot nicht nöthig. „2. Gebot: Du sollst den Namen de» Herrn deiner Gotte« nicht unnützlich sühren, sondern denselben in allen Nöthen anrufen, loben und danken." Bei den alten Deutschen war der