Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 153 (10.3.1895)
- Date
- 1895-03-10
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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lehrenden wie unterhaltenden „Vermischten Schriften" (3, Auflage, 2. Theil, Leipzig 1875) -findet sich in der Rubrik „Biographisches". ein kleiner Aufsatz, der beiden Obgenannten gewidmet ist. Ter Aufsatz folgt unmittelbar einem stimmungsvollen gleich nach Arnim's Tode geschriebenen Nachrufe. Während dieser Nachruf eine hübsche ^Würdigung der literarischen. Stellung Arnim's gab, enthielt jener Aussatz einen kleinen Vorgang aus Arnim's Leben, der ihm nicht zum Ruhm dient. Arnim — das ist ungefähr der Inhalt — ist 1811 uncingeladcn, in unziemlicher Tracht (in Pump- oder Pluderhosen) in einer Abcndgcscllschafl bei Frau Sarah Lcvy erschienen »ud hat sich durch i utteS Benehmen unangenehm gemacht. Die Wirthin kühlte sich durch dieicö Vorgehen verletzt, gleichsam als ihr Vertreter verlangte ihr Neffe Bkoritz Jtzig von Arnim Entschuldigung. Arnim verspottete dies An- "nucn und erhielt darauf eine Herausforderung zum Zweikampf. An- '.'all ihr Folge zu leisten, ließ er sich von Edcllcutcn und Ofsicicrcn ' :n Zeugniß auSstcllcn, daß er sich mit einem Inden nicht z» schlagen .,bc Jtzig erwiderte, er werde sich mit dem Stock zu rächen wisse», liefe Drohung führte er aus, indem er Arnim eines Dagcs durch •.»gelte. Den auf Arnim's Hilferuf Hcrbcieilenden gab er seinen /lauten und den Grund der von ihm gewählten Bestrafung an. Arnim •i.igte beim Kammergericht und erwirkte wegen der thütlichen Beidigung natürlich eine Bestrafung seines Gegners. Trotzdem hatte , nach Varnhagen'S Zeugniß, bei seinen > Standesgenosscn und .-.eiindcn viel zu leiden, die sein Verfahren als unritterlich bezeich- -•„-, einige der ehemals von ihm zum Zeugniß aufgcrufenen Gc- 's>en nahmen nun, zum -Theil ans Rahel's Antrieb, zum Theil ans ..;en Stücken, nachdem sie bester über die.Vorgänge insormirt waren, . Erklärung zurück. M. Jtzig, der sich 1812 mit eifriger Dhätig und großen Geldopfern an einem aus Fichte's Anreguug bcgrün- :en Seminar Pcstalozzi'scher Richtung bethciligte, zog im (Zähre 1813 Freiwilliger i» den Krieg. Er trat als Jäger in das Füsilier naillon des Lcibrcgimcutes ei». Er schrieb Briefe voll patriotischen -innes nach Hause und dichtete, nach der Mode der Zeit, Schlacht- '.inge. Auch durch die Thal bewies er seine Tapferkeit. Scho» in Schlacht von Lützen wurde ihm das rechte Bein durch einen ariätichcnschuß zerschmettert. Der Verwundete wurde, am 2. Mai •>, einer Scheune nicdcrgclcgt; da die Scheune jn Brand gcricrh, so mißte er sich flüchten und wurde, sehr mangelhaft verbunden, in das unweit Lützen gelegene Torf Kaja gleichfalls in eine Scheune gebracht. Do,n wurde er am 4. Mai vom Commistarius Gold st ücker ge •unden, nach Leipzig gebracht, wo er, »ach heroisch ertragenen Leiden, :i 13. Mai starb. Er würde in Dessau begraben. Am 3. Juli l'ncb sein Vorgesetzter, Capitän v. Rerin, Ritter des eisernen uzcs und Vcrdicnst-OrdenS, an den gleichfalls verwundeten Bruder >!'-ig's Folgendes: „Ew. Wohlgcborcn! Besonders hochzuvcrchrender Der Verlust, welchcit die Jägereompagnic des Füsilicrbataillons )in 2. Gardrregimcnt durch den Tod Ihres Herrn Bruders erlitten :, ist-füv mich um so schmerzlicher, je seltener in unseren Tagen •' Beispiele von so gewissenhafter PslichtauSübung . und von strenger .riolgiing eines Vorgesetzten edlen Zweckes geworden sind, 'Nehmen ew. Wohlgeborcn in wenigen Worten das innigste Bedauern, welches .cki bei diesem für Sic so beugenden Fall cmpsinde, als ungcheuchclt und da ich weder Wortgcprängc liebe, »och in demselben cxecllircn tann, so beschränke ich mich, von dem Seligen zu sägen, daß ich ihn Soldat hochgeachtet, als Philosoph bewundert, als Mensch innigsl liebt habe. Nie hat er'mir einen trüben Augenblick verursacht, der iiumcl tröste seine Hinterbliebenen." iTcntschc und Zlldtll.) Daß der gegenwärtig grassircndc Inden- -aß u. A. auch auf den in neuester Zeit wieder allerorts bedenklich auflebcuden Frcmdcnhaß zurückzusührcn ist, haben wir schon iu diesem Blatte öfters crwäbnt. Der KirchthurmspitzenpatriotiSmuS hat oft nicht weniger als confcssionclle Bornirthcit und Concnrrenzneid seinen Antheil an jenem lächerlichen Hochmuth, mit welchen Michel auf Jtzig hcrabsicht. Wie komisch diese Uebcrhebung ist, merkt man erst, wenn man sieht,, wie im AuSlande Michel und Jtzig unter der gemeinsamen Spitzmarke „Fremdling" verachtet, gehaßt und verfolgt werden. Hicfür ein Beispiel. Im Jahre 1883 erschien in Montdidier eine Wochenschrift J'Jntisömitigue", die das Leitwort an der Spitze trug: Iw jnif voila 1’ennemi!!!“ — Man gebe sich aber nicht der Täuschung hin, daß dieses Blatt antisemitisch ^fm Heutigen Sinne war. /Zwar wurde in demselben weidlich über die Juden geschimpft, aber :dcn Augenblick brach auch der Haß gegen die Deutschen hervor. So 'chon in der Einleitung, die mit einem unglaublichen geschichtlichen Jrrthum begann. Im XVII. Jahrhundert sei Europa unter zwei Mächte getheilt gewesen, die Türkei, den Vertreter der kriegerischen Gewaltrhätigkeit, also der Barbarei, und Spanien, welches den Geist des Handels, der List, kurz der Verderbtheit verkörpert habe. Heute sei an Stelle der T ü r k e i Deutschland, an jene Spaniens England getreten. TaS einzige Hiuderniß kür die beiden, das Europa der Gegenwart Zwischen sich zu il,eilen, ist Ja l'ranc- ,,„i ost poiir. Iiinomle eutier: ln pi-ns-'-t-! 1'intolliü. in-.-: la -^•nblicitü! In livicla [»rosse! la tnbuiie! la i-nrnl-- iiu-m--!" Daun heißt es' weiter: „Die Deutschen und die Jude» wählen nfi.t Vorljede ein meist sehr eint tägliches Handwerk, das des Gauners und Fälschers." Was sagen unkere aniiseinjtischcn Teutomanen dazu, büß sie mit den jüdstchen „Fremdlingen" in einen Topf geworfen werden und noch dazu von guten Ariern, von dciscn jetzt der Mechaniker Schneider den Anstoß zur Verdrängung der Juden erwartet'? Wie lächerlich ist doch der Auwei,imsmus in jeglichem Gewände! Tic Zndcu in Ehina. Ein genauer Kenner des „Reick,es der 'Mitte", welcher dort jahrelang gelebt u,,d eine hervorragende Stellung eingenommen hat. schreibt dem- „Berliner Börsen E.onrier" :. „Sir MoseS Montefüoro, der. überall nn Sinne der Humanität •,» wirken bestrebt gewesen, halle sei» Jutereste auch den in Ehina lebenden Jude» zugcwandt und in Gemeinschaft mit einem Mitgliede des Londoner Hauses Rothschild" eine Erpedition ansgerüster, die sich mit der Auffindung jüdischer Gemeinden in Ehina, deren Ge bräuchcn und der Feststellung etwaiger Hilfsbedürsiigkeit beschäftigen sollte. Das Ergebniß der eingehenden Forschungsreise war ungefähr Folgendes: Es leben gegen e-l>ts.ü» J„den in Ehina, und zwar \ilmeist in der nahe am chkrnglse Kiang liegende» -Provinz. Hunan, deren Gesammt Einwohnerzahl ans circa «>l> Bcillionen geschätzt wird. Die Juden sind äiißerlich von den Ehinesen nicht z,> unterscheidenihre Lebensweise ist im Großen und Ganzen die der in der genannten Provinz stark vertretenen Muhammedaner, welche sie mit dem Rainen - Mossessim belege», eine Bezeichnung, die augenfälligen Anllang an MoseS enthält. Ferner wurde sesigesiellt, daß sie uralte, ans Leder geschriebene hebräische Gebete besitzen. Da Ehina keinerlei Grabens . zwang kennt und dort Jeder nach seiner Fa-.o» selig werden lang, sö leben die chinesischen Juden unbehelligt von oben und nnien und' ' sind keiner Verfolgung ihres äLlanbens wegen ausgcsept. - Mit vielen Millionen anderer Ehinesen theilen sie aber leider das Los der drückendsten Armulh, das, wenn ich recht berietet bi», »och bis ani den hrutigen Tag von England ans durch Ilnteestützungen in etwas gemildert wird. Wer sich genauer über die Verhältnisse zu orientiren , wünscht, dürfte weitere Aufschlüsse in London bei Herrn Josef S cba g-M o nt e fi o re, den, englischen Parlämentsniugliede Samuel Rio »tag u, bei Sir Albert Sassoon und ivahrscheinlick, auch bei. Lord Rothschild erhallen köimen. Auch der in Shanghai lebende gelehrte Missionär Dr. Fa der, ein Deutscher, und vielleicht auch, der frühere deutsche Gesandte in Peking, der jetzt in --Wiesbaden lebende Herr M v. Br a n d t, dürften Auskunft zu crtheilen imstande fehl." " 2lus autifemitifeben Vereinen und Versammlungen. tzießlliailll als Assisicilt Sälueidcr's.» Jil einer Aiili-emiieuveriaiuin.Iniig in Fünfhaus er'iaitete Me.kianiler Schneider feinen Rechen-äiaflsbericbt,' d. h. er thal dort das Nämliche, was er i>n Reichsraibe und Landtage ckmk, er , schimpfte über Inden und Judengeuosie». sinr Abiveckislnug erwartet er nun. mehr von Frankreich den Ansiöß zur Verdrängung der Juden. Jln» afiiütvte Ges,mann, der sich in letzter Jeit auf eie Veannenfängerei verlegt und in Fünf-/ Haus leinen Anstand genouimen hat, die „echt orieinali-che' Ueberlreibung zu riskiren, daß die Begriffe „SlaalSbeaiuler" und „Hungerleider" ideiillsil» feien. Tem Vfibblattc cAeßinoun'S paisirie übrigen» ein großes Malheur. Es ließ ih» in dein Beriet,le über die Füufhauser Verfainnilung de» Vorwurf zurückweise», daß die liberale Partei die «inzelneu Elasten gegen einander ausipiele- A,S Assistent Schneider'» konnte Gebnianii, selbst wenn er die Absicht hat, reuig iu da-s freisinnige Lager zurückzukehrc», unmöglich die Rolle eines überflüssige» Anwalts der liberalen Partei spiele» und sie gegen einen Vorwurf veriheidige», welchen Niemand wider dieselbe erhoben hat. Nichtsdestoweniger dürfte die zweifellos falsche Angabe seines LeibblatteS so manchen Neubauer Anlisemite» mißtrauisch machen. Fatal, sehr fatal l r. g. (Eilt Schlauchet!.) Ter größte Sociologe von St. Polten ist ein so geriebener rhetorischer Akrobat, daß er sich gleichzeitig aus de» Racenanllsemile» und guten Katholiken hinauSspielt. I» einem Wirthshauie am stlezibaugürrel producirte sich dieser Redearlist mit solgenden Sätzen: Wenn auch die Juden schlechte Meiische» sind, was er durchaus nicht bezweifle, so sei. die Wahrheit de« EhristeuthumS eine solche, daß durch selbe auch die bösen Menschen gebessert werden können. ES gebe keine Regel ohne Ausnahme, d. h. die AuSuahme. beweise dann eigentlich die Regel. Man könne'ein guter katholischer Christ sei», ohne