Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 152 (3.3.1895)
- Date
- 1895-03-03
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 152. freies Blatt. Ein recht fürsorglicher Gemeinderalh ist?»a Jedlii-ka, ba» muß ihm der Neid lassen. AlS vor dem Geschäfte de» Gastwirthe» Summer, Währinger Gürtel. Nr. 39, in Folge GaSauiströmung ein Straßensener ««»brach, machte sich der besorgte Stadlvatcr sofort daran und schrieb eine Anfrage an den Bürgermeister zusammen, dieser möge die englische GaSgeselllchaft reranlassen, kein Wirthe n»gesähr LO st. Schadenersatz für zerschlagene Gläser n»d u» bezahlte Zeche» zu ersetzen. E» ist gewiß nur nebensächlich^ daß zufällig der Tischler Jedliöka zur selben Zeit verschiedene Arbeiten bei dem Winhe Lummer verrichtete, und wir überlasten e» gerne der boshafte» List anderer Leute, den Einfluß zu beargwöhne», welche» der Tischler Jedli.'ka aus de» Herrn Gemeinderalh gleichen Namen» au»geübt haben kännle. Ta ist un» aber zufällig wieder etwa» zu Ohre» gekonime». Tie Gemeinde beabsichtigt im heurige» Jahre den Krottenbach vom Döblinger Noihipilal bi» zum Sulzweg in Nenstist am Walde einzuwölbe». Aus den, Gewölbe soll eine breite Straße, geeignet für Tramway- und OmiiibuSverkehr, angelegl werden. Zum Zwecke der nothwciidige» Grundabtretungen wurden mit den anrainenden Grundbesitzern Berhandlungen eingeleilet, damit dieselbe», sei e» unkntglllich, sei e» um einen angeineffenen Prei«, einzubeziehende Theile ihrer Weingärten oder Brachen abtrele». Tamil nun diese Hauer und Bauern in die rechte Stimmung kommen, lud Gemeinderalh Jedlwka dieselbeit au einem Abende der vorige» Woche — wenn wir nicht irren, TonnerSlag'— zu einer Besprechung in W a s s e r b u r ge r'S Gasthaus in Neusiifl ein.. Dort Letzte er ihnen da» ganze Projekt auseinander, hüllle sich i» die Ezamaia Ne» üifler BolkSfrenndlichkeit und kam in seiner Weisheit zu dem Lchlussei die Hauer und Bauern solle» sich ihre Gründe nur .gut' bezahleu lassen. Ter «ausprci» einer Weinried beträgt höchsten» 2 fl. für die Klafter und einer Brache noch weniger; wenn jetzt plötzlich von der Gemeinte -1—0 st. verlangt werde», so ist e» klar, daß sie solche Forderungen ablehnen »ruß. Ein derarlige« Borgehe» ist aber auch gar nicht geeignet, die Borlheile der Grundbesitzer f;u wahren; im Gegeulheile: die neue, breite Straße hätte einen lebhafte» Verkehr „ach Reiisiist geleitet, und zu beiden Seiten derselbe» würden Baugründe entstehe», die vielleicht noch theurer al« mit,6 fl. für die Klafter verkaull werden könnten. J>tzt sind in Folge der überspannten Forderungen der Anrainer die Berh»»h> luirgen eingestellt worden; die Bersammlung, welche Montag de» 25. d. M. im . Bei>ein de» Bürgermeister» hätte slaitfinden sollen, wurde abgesagt Alle», Au- .bcme »ach wird der Krottenbach Heuer nicht mehr, eingewölbt. Wir bedauern ti, aber e» ist Thalfache, daß wegen der üble» älerüche de» Krolteiibache» Reustisl und SalmaunSdorf al« Sommerfrischeu von Jahr zu Jahr unlückgehen: wir bemilleiden die Grundbesitzer, welche in Folge der Reblau« oder^dc» Ausbleiben« der Sommergäste in ihren Einkünfte» geschädigt werden, aber da» sollen sie mit dem Gemeinderalhe Jedliüka anSmachen, der e» ihnen geralhcn, und durch teste» Einschreiten die Einwölbuug de« Krdtlenbachc« verzögert wird. Weiie» Maßhalte» und werkihäliger Gemeinsinn machen eben öster» den huisiii- 'wen Bibelspruch zu Schanden: Nehme» ist seliger al« geben." Jetzt wisten nur nicht, ist Jedlii-ka ein Krypta Jude oder stehl die „Ostdeutsche Rundsä au" am Ende gar in jüdischem Solde?! (Mißglückler Angriff.) Man schreib! UN»: Die „Teutsche Zeit», g" glaubl ihrer jetzigen Pflicht al» Antisemitenorgan ju enlipreche», wenn I sic ne freisinnigen Gönner, deren sie sich einst zu erfreuen hatte, anrcmpeli. Aul den Reich»ralh»abgeordneten Tr. Max Menger war e» abgesehen, al« neulich ein Angrist auf besten Bruder, Profestor Tr. Earl Menger. erfolge, dem n. A. vorgeworfen ward, er laste Niemanden anskommen. Ter Angrisj in total mißglückt, da rhatsächlich wiffenschasiliche Bestrebungen welcher Richtung mimer an Profestor Menger stet» eine» warmen Förderer gesunden habe». Tie gegenwärtige» Hörer de» hervorragenden NationalökonoNren sühllen sich dusch die Erpcctoratiouen der „Deutschen Zeitung" nur bewogen, ihm eine Ovation zu bereile». «Ein Tapfkrkeitszcuguiß.) Tie „Ostdeutsche Rundschau" stellt Hexrn Bergani ein Tapferkeit«;eugniß au». Ter LaudSmaiin Johann SobieSki« soll hie -ourage gehabt haben, ein zur Beröffentlichung bestimmte« Schreiben Tr. L u e g e s » qegcn die Währinger BezirkrauSichiiste Kerner und Palla in den Papierkijrd werfen. Ta» klingt geradezu unglaublich. (l^ptifemitifchr „Seclenriechkrel".) Ein Freund tt»screS Blatte» schreib! UN«: Tie „Unverfälschte» Deutschen Worte" führen wieder einmal jene üizählung eine» anonyme» Tr. M. spaziere», der, wie der „Seelenriecher" .vager miltheilt, beim Küste de» päpstlichen Paittostel» sofort, uud zwar zuerst erlaniit habe» will, daß Piu» IX. jüdischer Abstammung' war. Ist c» nicht krustallheller Wahnwitz, die „Seelenriecherei" al» Crilerium echter Raste, aufzustellen! Welch ei» heitere« Bild gäbe e«, dargestellt zu sehen, wie Schönerer'» Lakaien ihn und seine Familie „beröchen", »m die Echtheit der Raste ihre» Herrn und Meister» und seiner Familie zu prüfen. Glücklicher Schmul Leeb liohn! Für dich schlüge daun die Stunde der wohlverdienten Anerkennung. Tentsch-nationalen Künstlern-von der Eouleur Schönerer'« ist hiemit der Entwurf zu einem Denkmal gegeben, da« fürwahr verdiente, vis-ii-ris dem Post banse zu — Pohrlitz in Mähren aufgestellt zu werden. iAugrlogtit.) Da» Münchener aittisemitiiche „Deutsche Boll»blalt" batte nach einem badischen Antisemitenblalte einen Artikel darüber gebracht, daß > Seite 9. der Kaufmann F. Eh reu seid in Franksurt a M einer anständigen inugen Dame, die sich um eine Ladnerinstellc bewarb, monauich 12 M'arl Salair an geboten habe. Al« die initanwesende Mutter de» Matchen« aus da» Uuzutäiilzliche diele« Gehalt» verwie», habe Herr Ehrenseld crivideei: „Tie Tamen sind ja nach K Uhr frei und lönneu sich auch anbeiweiiig etwa« verdienen." Herr Ehienfeld klagte wegen diese« Artilcl«. Inzwischen bai b.r« ebenkall« verklagte badische Blatt den Bersaster, ci»r» l!»üihrigcu -Jüngling, genau,ll, unddieser hat vir Gericht erklärt, er widerrufeden Artilel, iveil er an' Jizrlhi»» beruhe. Ter Verleger de« Münchener antisemitische» Blaue« bedauerte dann i» der-landgerichtlicheu Berhaiidluiig, daß der Bersaster da« Blatt angelogen lsiibe Er wurde zu einer Geldstrafe von ll«0 Mark vernr, heilt. Tie riigeii»acht ich, wurde, glauben wir, auch von österreichischenÄntiiemiieiibläilcrn verbreitet, zu einer Richtigstellung fand sich jedoch keine» derselbe» bewogen. (Bon Gosche» und anderen „Juden".» Zn -Nutz und Fro»»n-» der »»>, semitische» Hetzpresse bat Freiherr v. Langen ein Büchlein über tu« mdiich.- „Geheimgesetz" herauSgegebc» Dasselbe ist eine kriiikiolr Ziisaiiimennclluitg von Angabe» verschiedener anliscmilischer Broschüre». Unter Anderein wird darin der frühere engliiche Minister Gosche» al» „Judcnsvrüßliiig" fezeich,>el. Tiefe Behanptung ist schon ost al» unrichtig erklärt worden Trotzdem n«frd sie vöu der Lügenpresse immer wiedcrbolt, wie ja waschechte Antisemiten auch noch immer von der jüdischen Abkunft der früheren preußi'chen Minister v. G oßle r und v. Lucius sprechen. -Rur von der semitischen Abstäiiiniung Otto v 'Bi micjl'l und Richard Wagner'« ist seit laiigcrer Zeit nicht mebr die Rede. Bei der bevorstcilde» Feier de« 80. Geburtstage» de» Allreichstaiizl.-r« rüriie 'aber der eine oder der andere Judensäziiüstler seine „Enihiillniigen" über, den „Freund Bleichrödcr'S" wieder allsliichen. I-i'liilli'rvn. L>'inricl> X7oino ptn* IKalUn von P;>ad)ax'ad). Gustav Äarpeles. > .7. g-rrstet>aü.i - IV. jtömile man cs sich heute wohl vorstcllcn, daß Heinrich Heine eine Zeitlang — cö war 1828 in Floren; — jeden Tag auf die Post lief, ilin dort einen Brief abzuholen, in dein er seine Ernennung zum Professor erwartete?.^', Professor Dr. Heinrich Heine,»icht^wahr, daö klingt komisch? Und doch ist es vielleicht gar nicht so komisch, wie man glaubt, denn in Wahrheit hat Heine viel mehr stndirt und gewußt als man gemeinhin glauben mochte. Es ist ein albernes Borurtheil, das ei» Kritiker dem anderen nachschreibt, Heine habe weder gründliche Zennlnisse, noch die nölhigen wissenschastlichen Porbedingungen für eine solche Stellung gehabt. Die biographischen Ermittlungen habe,, inzwischen zu anderen Resultaten geführt. Ramentlich in jungen Jahren widmete er sich zeitweise mit großem Eifer wissenschaftliitii'» Arbeiten, und seine große Begabung, sein rasches Erfassenaucli der 'chwierigstcn Materien ermöglichten ihm ein ungleich besseres und tiefer ciudringeudeS Berstündniß, wissenschaftlicher Grundgedairken alS vielcil seiner Studiengenosse» und — rtrilifer. Dies zeigt sich auch im „Rabbi von Bacharach". Ernste und eifrige Studien hat Heine zu dieser Arbeit gemacht, und wenn wir heute seinen CueUen nachgehcn, so staunen wir geradezu, über den Umfang und dje Gewissenhaftigkeit seiner Borsludieir, indem wir zugleich die discretc Art würdigen lernen, mit der er diese Quellen benutzt hal. Er ließ sich die Mühe nicht verdrießen, „in dem Schmutz aller Scharteken zu wühlen". Am meisten zog ihn natürlich.die Geschichte der spanischen Juden, „dieser Blüthentraum der. Weltgeschichte", an. Und auf diesem Hintergründe wollte er seinen Roman ausbaue». Leider war aber diese Periode, wie überhaupt die ganze jüdische Geschichte und Literatur, damals noch so gut wie unbekannt -. vergeblich sehnte sich Heine „nach ergiebigem Stoff". Er mußte I. XXlV.