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Freies Blatt · 1895-03-03 · 152 (3.3.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
152 (3.3.1895)
Date
1895-03-03
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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Nr. 152. Freies sellschaft Jesu ohne Debatte aufgehoben, dagegen die Frage, ob in einem ansehnlichen Thcile dcS Deutschen Reiches noch vormärzlich „landesväterlich" regiert werden dürfe, gleichfalls bereitwilligst bejaht. J„ eiyer Commissioy de» Reichstages wird der Antrag gestellt, alle Jene, welche Gott oder die Unsterblichkeit der Seele leugnen, mit mehrjährigem Kerker zu bestrafen, ein anderer CommissiouScollegc will aber nicht die Institutionen aller Religionen, sondern bloß die des Christen» lhumS mit der staatlichen Knute geschützt wissen. Die Bauern erklären nch für de» wichtigsten Stand deS Reiches. In Rußland erklärt der Czar, in Anbetracht der besonders günstigen Berhältnisse bleibe Alles beim Alten. In Oesterreich wird eine Zeitung confiScirt, weil sie Philipp II. von Spanien, der ein Mitglied des kaiserlichen HauscS sei, kritisirte; die Staatsrcgicrung droht über die Frage zu stolpern, ob cin slovenischeS Gymnasium für Steiermark, über dessen Errichtung Alle einig sind, in Cilli oder in einem anderen Orte unterzubringc» ici. Es hat sich eine ethische Gesellschaft in Wie» gegründet, welche, „in der Verrohung der Sitten cntgegenzutrctcn, ihre Thäligkeit durch ciucn fulminanten Angriff auf die Freimaurerei inaugurirte. Die Bischöfe fange» an, die Ruine» der „Reu"schule zu lohen; in Ungarn bildet sich eine katholische BolkSpartei, und selbst in Frankreich wagt •■5 ein Rarr, die Zulassung der Juden zu öffentlichen Acmtern i» der tiammer zu bekämpfen. — Wundert sich noch Jemand, daß neben -'eichen Erscheinungen auch der Glaube an das Blutmärchcn gedeiht? '/ui'lum. zAtlS dt»! dcntschkll Reichstage.) Im deutschen Reichstage gelangten am "21. Februar Anträge der Tivolinud Radau Antisemiten aut ein Verbot der Einwanderung ausländischer Jude» und auf Ausweitung der bereits in Deutschland ansässige» srcmdcu Juden zur Verhandlung. Gegenüber den antisciuitischcn Auslassungen betonte ein ia! demokratischer Abgeordneter, daß der unlautere Wettbewerb genau >o von christlichen Geschäftsleuten betrieben werde wie von jüdische», ,,»b daß insbesondere die Antiscinitcn keinen Grund habe», in dieser 'ezichung den Mund voll zu »chmen, da gegen den Abgeordneten i m m er in a n » ein gerichtliches Unheil vorliegt, welches il^u in, - intcrer Motive und der Doppelzüngigkeit beschuldigt, was doch sicherlich mein unlauteren Wettbewerbe glcichkomnii. Alich von national-liberaler J.ite wurden die Anträge bekämpft. Die Rational-Liberalen sind, wie Sprecher erklärte, gegen jede AusnahmSgesetzgebung, welche sich aeqeu einen Volksstamm kehrt, und halten cS auch für eine Ucbcrtrcibuiig, . Juden allein für sämmtliche wirthschaftlichcn Auswüchse ver-, antwortlich zu machen. Schließlich wurde ein von den Liberalen gcüciltcr Vertagungsantrag angenommen. i teilte gkstörle Fcicr.) In einem oberschlcsischcn Städtchen erlittne Feier des Geburtstages Kaiser Wilhelms II. durch einen anti 'emitischen Erceß dcS dortigen Bürgermeisters und die Züchtigung . -selben eine unliebsame Störung. Der Bürgermeister, der seinerzeit » Staatsdienst guittirt hat und Reservclieutcnant ist, erschien zum .stcsseu in Officicrsuniforiil. Der Stadtverorduetcnvorstcher und ein Referendar des Amtsgerichtes, die Beide jüdischen Glaubens sind, nahmen ebenfalls an dem Festessen theil. Sic wurden nun vom Bürgermeister, der nach und nach in eine Stimmung gericth, die der Volksmund mit dem Ramen „Weinlaune" zutreffend bezeichnet, mit allerlei antisemitischen Redensarten belästigt. Auf die Mahnung, »ach 'Jause zu gehen und seinen Rausch auSzuschlafcn, .hatte der Bürger- •;u'iftfr nur die Antwort, der Stadtverordnctenvorsteher, -^in Mann ,on t»() Jahren, sei ein „dummer Judcnjunge". Ter alte Herr trat i» Folge dieser Beleidigung auf den excedircndcn, Bürgermeister zu .,»d versetzte ihm ein paar schallende Ohrfeigen. Ter Gcohrfeigte zog i.incn Degen und wollte damit auf den Stadlverordnctcnvorstehcr cin- .ingen, wurde jedoch dgran gehindert und zur Ruhe gebracht. Dieser Vorfall hat begreiflicherweise peinliches Aufsehen hervorgerufen und >rd noch die zuständigen Verwaltungsbehörden beschäftigen. (Unlauterer Wettbewerb.) Dem „Berliner Tageblatt" wird aus Brau »schweig geschrieben: Ein eigenartiges Mißgeschick ist dein .uesigen deutsch-socialen Verein mit dem von ihm hcrauSgegcbcnen ..Wegweiser durch christliche Geschäft«" passirt. Bekanntlich sind gerade sic Angehörigen dieser Vereine Leute, die verlangen, daß man gegen den unlauteren Wettbewerb rücksichtslos zu Felde ziehe. Dabei verwechseln sie aber die Begriffe, indem sie den ihnen unbegncmcn Wettlewcrb als unlauter ansehen. Run hat der von der hiesigen Handels-/ taimner eingesetzte Ausschuß zur Bekämpfung deS unlauteren Wettbewerbes auf Veranlassung dcS Vorstandes der hiesigen jüdische» Gemeinde, gegen daS oben genannte Flugblatt Stellung zu nehmen, beschlossen, der jüdischen Gemeinde eine Erklärung zuzustellcn, wonach der Ausschuß seinen Entschluß dahin geltend machen wolle, daß für die Zukunft derartige Manipulationen unterbleiben. Die Versammlung erklärte es als unlauteres GeschäftSgebahren, wenn die Verschiedenheit s Blatt. ^eite 7. der Conscssion dazu benützt wird, um für einzelne Geschäftsleute -besondere Vortheile zu erlangen. Sehr verständig! (Zum Falle Drcllsus.) Der Pariser Corre'vondcnt eines oftieiöfen deutschen Blattes, dcS „Haiuburgischen Corrcspondenlcn", äußert sich über den Fall DrcnfuS wie folgt: Die Frage, ob DrcnfuS schuldig oder unschuldig, ist durch daS Kriegsgericht nicht bcaniwortet worden . . . Hauptnianu DrcnfuS ist bekanntlich gebotener Elsässer. Er war nach Frankreich auSgcwandcrt und dort in die Armee cingetrcten, hatte' dank seiner Intelligenz und seinem Fleiße eine glänzende Laufbahn vor sich, er war wohlhabend von Hause und chatte reich geheiratet, führte das glücklichste Familienleben^ und alle Bchanpiiingc». daß er außcr dem Hause viel Geld vcrthau, beruhen auf Erfindung. Drenius hatte also allen Grund, mit seinem Schiüsal züi'riede» zu sein, und hatte alle Veranlassung, dem Vatcrlande seiner Wahl, schon ans rein egoistischem Interesse, treu zu diene» Dazu konnnt »och, daß er Jude ist und sich als solcher tagen mußte,, daß "er die sociale Ttellung, die er sich i» Frankreich erobert, bei dem Ehrgeiz, den er „,u, einmal hatte, Soldat sein zu wolle», i» 'Dcnnchland nie erlange,, konnie Bekanntlich ist er beschuldigt worden, Frankreich an Dcnischland ver rathcn zu habe»; dieser Verrath wäre aber nach Allem, was vor stehend gesagt ist, psychologisch vollständig unerklärlich. Man hal, um ihn lrotzdcm glaubwürdig zu mache,,, zwei Supposilionen geichaisen. Man hat gesagt, DrcnfuS könne auS Habsucht gehandc t haben, und man hat ihm Rachsucht für erlittene schlechte Behandlung durch seine Kameraden unterschoben. Aber auch diese beide» Annahme» sind hin'üllig. Drenius ist erwiesenermaßen weder verschwenderisch noch habsüchtig gewesen; er hat seine und seiner..Frau sehr aüstäiidigeii Einkünfte sehr anständig anSgcgebeu: »ach allen in dem Pröceß a» gcrufcnc» Zeugnisse» habe» seine Reigunge» und seine Mittel sich, vollkommen die Waage gehalten. Und auch, zur Racke halte er keine Veranlassung/ ES ist wahr, daß er persönlich ,'ehr wenig beliebt bei seine» Kameraden war: er ist sogar eher luisnmpalhii'ch als sumpathit'ch gewesen, aber er ist doch »icmals von irgend einer Seite smtematisch gekränkt worden; dienstlich har er im Gegciiihcil zu den protegirtcn Ossieiercn gehört, und anßerdiensltich erlaubte ihm sein au Rcichthum grenzender Wohlstand, sich über etwaige, kleine .Kränkungen hinwegzuseyeu. Wie ist nun das Gerücht entstanden, das ihn zum Verräthcr stempelt? Man. hatte in deu Burcanr dcS (GeneralstabeS die Ucberzcugnng erlangt zu habe» geglaubt, daß man vcrralhen, und zwar von eine», der im Gencralstab beschäftigten Omeieve vcrrathcn werde. Diese Ucbcrzcugung stützte sich aus zwei Gründe.. Man wußte oder glaubte zu wissen, daß seit zwei bi.S drei Jahre» verschiedene geheime Vorgänge, die nur Ossieieren des hiesigen General stabeS bekannt sein tonnte», zur Kenntniß der deutsche» Militärverwaltung gekommen waren. DicS scheint ein Factum, das nicht zu leugnen ist, und man ist von Agcnlc» — von was für Agenten, wird natürlich nicht gesagt — auf den Hauplman» Dreissus als den Thäter hingcwiesen worden Tic Berichte dieser Agenten können wahr, sic können gefälscht sei»: auch der viclcrwähntc Brief, a» den Ver tretcr einer fremde» Großmacht (Dent'chland), deu Drenius selbst geschrieben habe» soll, dessen Verfasser zu sein er aber bis Heine entschieden leugnet, ist von einem solchen n„,steriö>'cn Agcnlcn der hiesigen . Regierung zngcstellt worden. Die kriegsgerichtlichen Verhandlungen — es steht daS heute ganz unzweifelhaft fest — haben weder die Echtheit der Rapporte der vorerwähnte» Agenten erwiesen, »och haben sie DreyfuS überführt, Verfasser der erwähnten Briese Zu sein. Die Richter, Ossicicre, die der. K'riegSmiiiister »st I»w ernannt hätte und die entgegen dci'u Sinne dcS, wie bei »ns so auch hier, giliigcu KriegSrcchteS, daß jeder Br'ilitär von sei»eSgl:ichen gerichtet werde» soll, insofern für DrchsuS nicht seinesgleichen waren, als sie. tatst durchwegs zu der Kategorie der wissenschaftlich ungebildete» O ssiciere, gehörten, während TrenkuS einer der wissenschaftlich gebildeten wan — die Richter, sage ich, haben trotz dcS absoluten Fehlens aller Beweise gegen den Angeklagten diesen dennoch vcrurthcilt. Sic haben dies, wie schon einmal gesagt, zweifellos im besten Glauben gcthan, aber sie müssen sich gefallen lassen, daß andere Leute anderer Ansicht sind, und in der Thal mehrt sich täglich die Zahl dcvrrck die rund heraus erkläre», DrenfuS sei daS Opfer eines Justizmordes'in nptimu form» ge worden. Die Hauptvcrtrctcr dieser Ansicht sind die Familie des Ver urthcilten einschließlich der Angehörigen seiner Frau, ferner der ganze angesehene'Theil der Pariser Judcnschaft, der Großrabbincr Frankreichs an ihrer Spitze, im weiteren die acsammten Mitglieder des Pariser Barreau, die unter dem Einfluß *rtle3 in seiner persönliche» Ehrenhaftigkeit über allen Zweifel erhaben dastchcndcn ehemaligen Verthcidigers DreyfuS', de» Advocatcn Temangc, Einer für Alle, und Alle für Einen erklären, DreyfuS und sein Vertheidigcr seien bei den kriegsgerichtlichen Verhandluugc» einfach vergewaltigt worden: und —

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