Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 152 (3.3.1895)
- Date
- 1895-03-03
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite *5. Freies Blatt. Nr. 152. wagen. Juden gegenüber Worte wie „Betrüger" und „frech" in den Mund;u nehmen. Maximilian Berger ist auch ein Typus. (Wcflcn die Christlich-Socialen.) Unter dem Titel: „Ein politisches Lituationsbild" ist im Berlage der „Austria" eine Broschüre erschienen, die von einem Elericalen herrührt, aber mit großer Schärfe über die Exccssc der Christlich-Socialen und des Racen-Antisemitismus sich ausspricht. Ter Berfaffer der Broschüre, welcher die Gründung einer katholischen BolkSpartci als Ziel hinftellt, die Ausschließung der Luden von allen öffentlichen Staats- und Communalämtern, insbesondere vom Richteramte fordert und den Vorschlag macht, die Jnstitnticn der Katachumenen nach modernem Zuschnitt wieder einzusührcn, um „unmoralische Taufacte" hintanzuhaltcn, schreibt nichtsdestoweniger über die Raccnhetze: Eine wichtige Frage, die jedenfalls geloü werden muß, ist der RacenAntisemitismus. Bedarf es erst des Beweises, daß der Racen Antisemitismus vom göttlichen und katholischen Standpunkte aus verwerflich ist? Waren nicht die meisten Apostel Inden? Widerlegt das nicht am deutlichsten die Theorie des Racen- Antii'emitismus? Turch den Racen-AntisemitiSmus werden die Apostel geschändet und ein Theil der Glaubenslehren über den Haufen geworfen. Wird ja doch dadurch das heilige, unauslöschliche Sacranient der Taufe derogirt und das Fundament der katholischen Religion erschüttert! Kaum drei Jahre ist es her, daß Johann Paul Maria Liebcrmann, der, als Jude geboren, erst später zum Christenthumc übergctrclen mar. selig gesprochen wurde, Oder wollen vielleicht die Anhänger der Racenrhcorie behaupten, daß der Proccß der Seligsprechung von Juden oder Judenknechten vorgcnommen wurde? Welcher Wiener erinnert stch nicht des glänzenden Wirkens des berühmten als Juten geborenen TomprcdigerS Beith! Ter Racen-Antisemitismus ist aber auch ein Verstoß gegen die göttlichen Gesetze und gegen die Lehren unsere^ heiligen Kirche. Es ist ein göttliches Gesetz, daß alle Menschen minder Gottes sind und daß in jedem Menschen, desien Geist nicht umnachtct ist, die Macht liegt, zwischen Gutem und Bösem zu wähle». Wie lasten sich die Grundsätze des Racen-Antisemitismus vereinen mit der Entsendung der Missionen nach Asien und Afrika? Sollten die Zulnkastcrn und die Menschenfresser von Berus eher empfänglich gemacht werden können für die Gesetze und Lehren des Heilands als die Juden? Ist aber der Raceu-Antisemitisnius und das milde Treiben der Racen Antisemiten ein Vergehen gegen die göttlichen Gesetze und die Lehren der heiligen Kirche, dann möge ein entscheidender Schritt in dieser Richlung von kirchlich competenter Stelle aus geschehen, dann möge, so wie über andere Sünder, die Verwarnung mich über Jene ausgesprochen werden, welche trotz wiederholter Aufforderung in der Ausübung der Sünde verharren. Zu welch traurigen Verirrungen die Theorie des Racen Antisemitismus führt, zeigen am deutlichsten die ebenso cynischen als fanatischen Reden, welche von bekannten Schildträgern dieser Partei sowohl im Abgeordnetenhause als auch in großen Volksversammlungen unter dem frenetischen Beifalle einer verhetzten und irregeleiteten Menge gehalten werden. Was soll ein gutgläubiger - Katholik dazu sagen, wenn angeblich christliche Abgeordnete den hoch, würdigsten Herrn Fürst-Erzbischof von Slmütz in öffentlichen Veriamnilnngen als Juden bczeichncii, wenn sie weiters im Gegensätze zu dem Worte „Mensch" das Wort „Jude" gebrauchen, wenn sic sich öffentlich äußern: „Eine Jüdin gebärt nicht, sie wirft Junge", oder in einem Vertreinngskörvcr sagen: „Warum soll man das gottverfluchte Gesindel, die Juden, nicht austreibcn?", und weiters, wenn in demselben Vertretungskörper ein Abgeordneter seine Rede mit den Worten schließt: „(Vterum cen^o JuJaeos es*e combiirendos!“ Und da sollte es zulässig sein, daß auch Priester neben solchen Männern in öffentlichen Volksversammlungen Reden halten? Außerd.ni ist es aber gerade der Racen-Antisemitismus und die Aufnahme desselben in das Programm der sonst ganz programmlosen christlichsocialen Partei, der einen großen und nicht den schlechtesten Theil unserer Bürgerschaft, die ja denn doch im guten christlichen Sinne (?) antisemitisch ist, abhält, sich der christlichen Bewegung anzuschließcn. > Tiscrckion — einzige Garantie des Erfolges.) Wie wir schon berichtet, legte Tr. Rüg Anfangs Februar vor feinen Karlsbader Wählern seinen Rechenschaftsbericht ab, bei welcher Gelegenheit cs zu ,:emlich scharfen Auslastungen gegen den Antisemitismus kam. Man :r'Wn nun nachträglich erst hierüber Folgendes: Ein Wähler kritisirtc in überaus scharfen Worten daS wüste Treiben der Antisemiten im Rcichsrotbc und bedauerte die schwächliche Abwehr dieser Partei durch die Vereinigte Linke. Redner sagte u. A. ungefähr Folgendes: „Taufende kaffer- und rcichstreue Bürger sind beinahe täglich den furchtbarsten Insulten und Verleumdungen ausgesetzk, ohne daß jemals eine ernstliche Abwehr derselben erfolgte. Wir verlangen aber von dem auch durch uns gewühlten Abgeordneten und seiner Partei, daß sie uns gegen solche Auswüchse des parlamentarischen Lebens schützen. Es kann nicht länger.- so fortgehen, sonst könnte es her Vereinigten Linken einst so gehen wie den Alttschechen; die Partei wird wohl sein, aber sie wird auf einmal ohne Wähler dastehen. Seit vierzehn Jahren werden gewisse Leute mit Glacehandschuhen angefaßt, was den Eindruck macht, als ob man die Bestrebungen jener Leute feilcqs der Regierung tolerirc. Seit vierzehn Jahren duldet man cs, daß durch eine mitunter gratis ousgegebene Schmutz- und Schandliteratur das ungebildete Publicum buchstäblich vergiftet wird. Das kann so nicht länger fortgehen, und ich bitte den Herrn ReichsrathSabgcordneten um seine Intervention bei zukünftigen Anlässen." Herr Dr. Ruß, die Interpellation beantwortend nannte daS Auftreten der antifemischcn Partei im Reichsrathe eine verabscheuungswürdige Erscheinung und bedauerte hiebei die Ohnmacht der parlamentarischen Gewalt gegen die Rohheit der Menschen. Der Abgeordnete betonte schließlich, daß seine Partei den Antisemitismus auf daS Schärfste bekämpfe und diese Thatsachc die einzige Scheidewand zwischen der Bereinigten Linken und den Deutsch Rationalen bilde. Ein weiterer Redner verlangte eine That der Re gierung, womit sie zu erkennen gibt, daß sie mit Jenen, welche die Juden mit Koth bewerfen, nicht einer Meinung sei; derselbe sagte: „Es müßte doch das Bestreben der Regierung sein, das gutzumachc». was Andere an uns verschulden. Sie könnte dies thun, indem sie bei Beamtenbcförderungen auch auf Israeliten Rücksicht nimmt und stzu Beamten, entsprechend ihrem Percentsatze, wählt. Die Regierung rhnt dies aber nicht, und da es eben sehr selten vorkommt, daß ei: Israelit ein Amt erhält, so ist es auch leicht begreiflich, daß Meinung vorherrscht, daß die Regierung sogar das Treiben jcinc Leute unfSrstützt, da sie überdies noch zu Allem schweigt. Wenn aber eine Person beschimpft wird, die ich achte, so werde ich jenen Be schimpften zu mir emporzichen, um ihm dadurch meine Sympathie zu beweisen. Es ist daher auch nicht meine Ansicht, daß man zu solchen Beschimpfungen stets schweigen soll. Es hätte mir Trost gewährt, wen» ich nur einmal gehört hätte, daß Herr Finanzminister v. P lene r. Graf Wurmbrand oder Tr. Ruß :c. wenigstens ein Wort für ui;, gesprochen hätten. Wir würden dann den Trost gehabt haben, zu wissen, daß die Regierung mit diesem Treiben nicht einverstanden ist. Das ist aber gar nie geschehen. Es gibt demnach eine» doppelten Antifcmitisnius in Oesterreich, und zwar den Gesellschasts Antisemitismus und den Regierungs-Antisemitismus. Des gescllschasl lichcn Antisemitismus kann ich mich selbst erwehren, der Regierung gegenüber erwarte ich jedoch, daß mich der von mir gewählte Vertreter im Reichsrathe schützt." Herr Dr. Ruß beantwortete die Ausführungen in erschöpfender Weise und bedauerte es hiebei, daß seine Stellung ilm zwinge, über manche Schritte schweigen zu müssen, die zur Abwcbr des Antisemitismus unternommen wurden, wenn er der Sache selbst nicht schaden wolle. Schließlich wurde eine Resolution angenommen, in welcher dem Abgeordneten Dr. Ruß das besondere Vertrauen br: Wähler und ferner der Wunsch ausgesprochen wurde, „daß di' Regierung und d a S Parlament Jenen strengstens e n: gcgentreten mögen, avelche die VolkSclassen unter einander verhetzen und die politische und. bürgerlidi' Freiheit und Gleichberechtigung einzelner Classen d e - Bevölkerung aufhebe n oder ei »schränken wollen". Ee wäre aber doch recht interessant zu erfahre», was denn eigentlich von Seite der Linken zur Abwehr des Antisemitismus gethan wurde, und was man als ein undurchdringliches Geheimniß wghren muß? Vor einig-r Tagen suchte Abgeordneter Roske hier in Wien vor einer Versammlung gleichfalls die anscheinend indifferente Stellung der Liberale gegenüber den antisemitischen Exccssen damit zu rechtfertigen, daß man hinter den Coulisscn schon arbeite, daß aber Discrelion die einzige Go ranlie des Erfolges fei. Ob es constitutionell und liberal fei, das pol: tische Leben von der Bühne hinter die Coulisscn zu verlegen,.wissen »>!. nicht; jedenfalls ist die „Discrelion" jetzt eine sehr beliebte Sache, im wird so weit getrieben, daß die in der oben erwähnten Karlsbad- Versammlung gestellten, den Antisemitismus betreffenden Interpellation-.: nicht nur vom „Karlsbader Badeblatt", sondern auch sonst tob geschwiegen wurden, und daß wir erst einer JndiScretion de „Karlsbader VolkSzeitung" die Kenntniß jener Vorgänge danken. Ti. JndiScretion wird doch hoffentlich nicht die ^Abwehr deS Ansemitismus" schädigen? (schon wieder kein Jude.) Pater Josef Kycn, Redemptorist auS Prag, hat als Missionär in JokelSdorf bei Lanhskron der Sacristei mit einem Schulmädchen, das durch die frommen Pr. digten gerührt bei ihm beichten wollte, unzüchtige Handlungen verüb: Das Chrudimer Kreisgericht hat dem frommen Mann hiefür jir1 Monate Kerker zuerkannt. O diese Juden! (Tas Miliru.) Man schreibt UNS: Die deutschen Reichsboleü haben das Verbot der Zulassung unserer geliebten Väter von der Gi