Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 152 (3.3.1895)
- Date
- 1895-03-03
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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ITr. li')2. Freies Blatt. Seile ">. liefern, eiugctheilt Hobe. Auf diese Art suche die christlich-sociale Partei die Volksvertretung hcrabzusepen, das Vertrauen des Volkes in dieselbe erschüttern. DaS sei ein politischer Nihilismus. „Tic gegenwärtige Eoalition," fuhr Dr. Marchet fort, „ist a»S dem Bedürfniß entsprungen, endlich einmal mit''dem unfruchtbaren Nationalitäten- und Eonscssionöhadcr aufzuräumcn und ErspießlicheS für das Volk zu schassen. Man wirft unS Liberalen vor, daß wir eine capitalistische Partei sind. Die liberale Partei, welche die Eisenbahnverstaatlichung, eines der größte» und in das wirthschast(ichc Leben einschneidendsten Werke, angebahnt, ein Werk, daS gewiß nicht den Eapitalisten zum Vorlheile gereicht, müßte mit Blindheit geschlagen sein, kvcnu sie capitalistische Ideen verfolgen würde. Meine socialpolitiiche Action ist geschehe», die nicht von der liberalen Partei anSgcgangen wäre. Ich erinnere an die Jnstirution der Gewcrbciiispcctorcn, «FabrikSgcsctzgcbung, Unfallversicherung :c. Tie liberale Partei urgirt seit Jahrrchnten die progressive Einkommensteuer, und der entschiedenste Anhänger dev letzteren ist der gegenwärtige Fiiiaiizmiiiistcr." Ter Redner >am dann auf die von den Antisemiten insccnirtcn Scandale im nicdcr- 'ü.rrcichischcn Landtage z» spreche», die darauf abziclcn, den liberalen Vertretern das öffentliche Leben unleidlich zu machen. Im Landtage sei es möglich gewesen, daß ein so geistig hochstehender'Mann, der i!icl’r_ gedacht hat, alS Gregorig zu verstehe» vdrmag, wie Rector •’.'üiUikt, von den Antisemiten mit Hochinurh behandelt wurde. Es .wohl bezeichnend, daß Abgeordneter Dr. Kronawcttcr soeben im , Abgcordnctcnhause cs abgclchnt habe, mit Leuten wie Lueger und! Schneider auf einer Interpellation zugleich unterschrieben zu sein. s ' tzlcrcr habe im Landtage von den jüdischen Mitbürgern als dem,! .ictioersluchten Gesindel gesprochen. Schneider stehe ans einen; so tiefen | •’iiicaii, daß jedem vernünftigen Menschen hicfür der Maßstab fehle.! Schlüsse besprach Dr. Marchet die Wahlrcformsragc. Dem ’ü-Micr, dessen Ausführungen große» Beifall fanden, wurde vom Bor- »rnnden Tr. Kästner im Namen der liberalen Wähler des .-XVII. Bezirkes der Tank ausgesprochen. — Am 24.. «Februar hielt ::r Verein „Union" eine Versammlung ab, in welcher Arthur : >rn»daccar «Freiherr v. Suttner in einem Vortrage die politische .iiiV: beleuchtete. „Ter Eindruck der politischen Jahresbilanz," sagte 1;.t Vortragende, „ist gleich Null. Tic Eoalition ist eine graue Amal- , gamiriing von Weiß und Schwarz. Dieses Grau beginnt jedoch in j -letzter Zeit eine dunklere «Farbe anzunchmen. Ist es wahr, daß alle! vi.gierungsvorlagcn erst den Weg durch die Nuntiatur nehmen müsse» 'i .ich weiß cs nicht." «Freiherr v. Suttner kam dann auf die vk»i den Antisemiten im Landtage insccnirtcn Scandalc zu sprechen. Ein Betrug in der Bevölkerung werde ausgcübt, wenn bezahlte Abgcordncic ihre Feit mit Bübereien vergeuden. Ter ehemalige Präsident des Abgeord- Ii.'.cnhanses, Dr. Smolka, habe dem Redner gegenüber bedauert, daß nicht wie dem Vorsitzenden des cuglischcn Unterhauses gegen Aus 'ireitiingen das Recht znstche, Abgeordnete anSzuschlicßcn. Er l ücedncr) c.iiic als bestes Mittel gegen derartige Scandalsccncn eine Verschärfung . Geschäftsordnung bis zu dS» letzten Eonscgucnzcn. AlS derlei Mittel empfehle er nach fruchtlosen Ermahnungen und ÜLrdnnngSiii'c» seitens des Präsidenten: I. Verschärfte Ausschließung von drei Tvnngcn: 2. Ausschließung von der Session und 4. bei großen Ausschreitungen Verlust des Mandates und der Wählbarkeit durch >AS Jahre. Störenfriede gehören nicht in einen Vertrctungskörpcr. »in dem nicdcröstcrrcichischeu Landtage habe die Verrohung bereits dcrinigc Tiinrnsioncn angenommen, daß bis zu den Debatten mit den Fäusten nur fin kleiner Schritt fehle. Tic Antisemiten seien blind nuilngc Fanatiker, denen böser Will?, und böse Gcsiimung und nicht -brliche Ucbcrzeügung Hauplprincip sei. Es. gebe ebensowenig -inen ehrlich überzeugten Antisemiten wie einen ehrlich überzeugten Mordbrenner. DaS Grundübcl liege in i Erziehung. Heute hätte der UntcrrichtSminister die Pflicht, jede» intisemitischcn Lehrer zu suspcndircm Die Lösung liege nur in der nzichnug. Wiffcnschaft und Ethik sollen in allen Formen der Menge iganglich und erreichbar sein. Langanhaltcndcr Beifall folgte dem ortragc dcS Freiherr» v. Suttner, worauf sich eine längere iscussion entspann, an der auch Abgeordneter Tr. Kronawctter bcilnahm. Der demokratische Volksvertreter plaidirte. für daö allgc- * ■ '..ine Wahlrecht, für die strenge Handhabung der StaatSgrundgcscve, nir die Einführung der Eivilche und zollte schließlich der Amtsführung cs Präsidenten des Abgeordnetenhauses, Freiherr» v. Ehlumcckn, olle Anerkennung. Chlumeckh wisse geschickt die Geschäftsordnung im j Abgeordnetcnhause zu handhaben, daher hätten die Auslastungen der s Antisemiten im Rcichsrathe nicht jene grelle Färbung wie im- Landj age und im Gcmeinderathe. Mit einem stürmisch acclamirtcn Tanke an l Freiherr» v. Suttner für dcstcn stetes Eintreten für die Gleichbercchiigung aller Staatsbürger schloß die Versammlung. (Tendriizlügcil.) Man schreibt uns: Taö Märchen, daß die! liberale Partei nur deshalb die Vereinigung der VororlS mit Wien angcstrcbt habe, um sich mit den Millionen der Vororte ans drohende! finanzieller Ealamität zu retten, wurde schon in zahlreichen anti -- semitischen Versammlungen erzählt. In jüngster .Feil lischte ein Anti > scmitcnorgan seinen Lesern diese Lüge neuerlich ans Vor uns liegt nun ein amtlicher Ausweis über daS von der Eommnne Wien von den neuen Vczirlcn übernommene Gcmcindcvcrmögcii, und ans demselben ist zu entnehmen, daß nur 7 von 40 ebcinaligcn («tmtinben ein Activvcrmögcn von 1<fl. answeiscn konnten, nnt zwar: Gaudenzdorf > fl., -Betzing 414 '.'74 sl., Sllakring4L4.070fl.. Baunigarten 270>I4 fl , Penzing l 14 4iW fl., Hntleldorf I4 27 tl. und Unter-Meidling 4»^. **•;:> fl. Passiv waren elf Gemeinden, darunter- Währing mit 2ev>.07.4 fl. und Siinmcring mit 410.t>7 l fl Zieht man die gcsamnitcn. Passiven, welche 70!.41.', sl. betragen, von den gcsammtcn Activcu aller 40 Gemeinde» ab, .so ergibt sich .-. ein reines Activum von I,704.«!04 sl. Tic Sliflniigeir und Armen sondS im Betrage von 1,271.141 fl haben wir nicht i:: Rchnung gestellt, da diese Summe nur von^ der l^roßgemcindeverwaltet und * ihrer Widmung erhalten bleiben muß. Tie Eommnne hat nun sei: der Einverleibung der Vororte für dieselben zu .Fwcllen der Eanali sinnig, Straßcnanlagen, Beleuchtung, Wasserversorgung, Sei,ulen :c. 10,170 SO;') sl auSgcgcbcn. Wo bleibt da, wenn man das über nommenc Activum von I Millionen in Betracht zieht, der mit der Lürmlromincl auSgeschricnc Milliöneiipröfit? Natürlich "heißt cs dann wieder, die Eommnne selbst bade wohl nichts davon, sondern nur die. Juden. Immer und immer die Inden! Und all der'Unsinn, die mit Haaren hc-rbcigczogcnen Lügen finde» unter der Wählerschaft Gläubige «Fürwahr, das ist nur in Wien' möglich, wo .die finstere Reaerion in bedenklichster Weise zu spuken beginnt. - . („Peter"' peeeavi.) In der Gcmcinderaltissitznnss' vom 27. «Fcbruar gab (iscmcindcrath Steiner die Erklärung ab, daß cs ihn; durchaus fcrngclcgcn sei, mit der'Rede, welche er am 15». «Februargehalten halte, der Ehre der Marklbchörde im (Geringsten nahezuirclen TiescS „I'.-lrr" p'->->:ivi ist ossenbar eine Folge der Trohnng. des Bürgermeisters mit einer gerichtliche» Xläge; die Antisemiten find, tapfer im Schimpfen, aber ei». „Ncartnrinm hcs nüchternen (ilaizinciis" entspricht nicht ihrem Geschmacke. und sic suchen um jeden Preis dem- - selben zu entgehen. » 1 „Zildischcr Btlrilgtr.") Ter Handelsagent August Kaufmann traf am 21.' Jänner zufällig mit einem Schuldner, dem ehemaligen Inhaber der sallit gewordenen Firma Schüps'ö Nachfolger, Marimiliaii' \ Berger, im Eas>- Marschall ans der Mariahilserftraße zusammen, und da er der Meinung war, Letzterer befinde sich bereits in con folidirtcn Vcrhültniffcii, malmte er ihn an die alle Schuld, worauf ihm Berger die Worte „Jüdischer Betrüger!" zurics.. Kaufmann . rcplicirte:. „Wenn Einer von uns ein Betrüger in. "dann sind Sie 'cs!" Berger versetzte ihm hieraus einen Schlag ins (Besicht, den Ahuip mann wieder dadurch erwiderte, das; er feinem Gegner ein Wasserglas an den .(topf warf. Am 2',.. Februar hatte sich Kaufmann wegen dieser Scene vor dun Strafrichter des Bezirksgerichtes Mariahilf wegen Gefährdung der körperlichen Sicherheit zu verantworten. Gleichzeitig halte aber auch Berger gegen ihn durch feinen Vcrireker Tr. Pattai die Privattsage wegen Ehrenbeleidigung erhoben. l.Inicr dcn als Zeugen dieser Scene vorgcladencu KaffeehauSgüstc» befand sich j auch der Psaidler (ff reg orig.. Er deponirte, ' Kautmaun ' habe! sehr laut geschrien und geschimpft und dem Berger, als dieser von V seinem Sitze ausgcfprunge», das Glas an den Kopf gefctilc»der.k. Als Beide handgemein wurden, sei er, Zeuge, dazwi'chengcirelen und habe - -! seinen ganzen Einfluß gellend machen müssen, damit atausmann, dein . er mit Gewalt einen Znndstein aus de» Händen winde»-mußte, nicht ' gelyncht werde. In einem der vom Richter zur Verlesung gebrachten -polizeilichen Protokolle über diese siafsecliausscene steht als Wiede rapide > der Acnßcrung Bergcr'S wörtlich: „Ta der Jude immer frecher wurde, wollte ich mir Latissaction verschaffen!" Ter Angeklagte gab an, er habe von Berger für eine Waa r cn schu ld eine n Wechsc l i n H ä n den gehabt, allein noch bevor dieser fällig. u> ä v, sci. Berger in E o n c u r S gegangen. Ter EoncurS mußte, v o m L a n d c S g c r i ch l c wegen Abganges, jeglichen r e a l i .. sirbarcn VcrmögenS aufgehoben werden und keiner der Gläubiger Bergcr'S habe a n' ch n u r e i n e n K r e u z c r ' erhalten. Ter Richter erkannte den Angckla.ien der Ucbertrctnng nach 8 (Verletzung int Raufhandcl) sowie der Ehrcnbclcidigniig , schuldig und vcrurthcilte ihn zu fünf Tagen Arrests, wogegen der Bcrtheidiger Tr: W olff-Eppinger die Berufung aiinreldctc. Wir nehmen von diesem gerichtlichen tlcachspicl zu einer KasfechauSranscrei nur deshalb Notiz, weil sich wieder einmal zeigt, was für Leute es