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Freies Blatt · 1895-03-03 · 152 (3.3.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
152 (3.3.1895)
Date
1895-03-03
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Sette 4. Freie, Blatt Nr. ISS. Minderheit, welche häufig peinlichen Störungen ausgesetzt ist und dann in befreundeten Blättern das nachzuholen sich bemüht, was sie in der Versammlung nicht leisten konnte. Bom „Reichsberold“ wird auch diesmal nachträglich mitgetheilt, daß der Geschäftsführer einer „Mädchenkneipe" bei der Jnsc-nirung der Entrüstungskundgebung gegen Ahlwardt-Böckel die Hauptrolle spielte. Ter unbefangene Theilnehmer an einem solchen antisemitischen Turnier befindet sich in der gleichen Lage wie Donna Bianca am Schluffe jener Disputation, die Heinrich Heine so ergötzlich schildert, und es will ihn schier bedünken, daß Beide die Geruchsorgane unangenehm afficiren. Ahlwardt- Böckel und Zimmermann-Liebermann in Deutschland sind einander ebem'o würdig wie Schönerer-Hauck und Lueger-Bergani i» Oesterreich. _ ttt 'T Leopold Hüfner.) Aus Paris kommt uns die betrübende Jiad)rid)t Don dem im Alter von 75 Jahren erfolgten Ableben unseres treuen Mitarbeiters Leopold Häfner. Der Dahingeschiedene war ein -Nestor der Witner Journalistik und spielte dereinst eine große Rolle in dem öffentlichen Leben unserer Stadt. In den Märztagen des Jahres 1848, als die lühne Freiheitsbewegung der ersten Tage in einem unberechtigten Optimismus und Freudenrausch zu versumpfen drohte, war eS Häfner, der mit seinem radiealen Blatte „Die Constitution" die Geniütber tief aufwühlte und jenen wohlthätigen Keim des Pessimismus säete, der zum weiteren Fortgang der unvermeidlich gewordenen Bewegung nölhig war. Häfner's Blatt blieb während des ganzen SturmjahreS nicht nur der vornehmste Vertreter des entschiedenen demokratischen Geistes, es predigte auch mit flammenden Worten daS damals übrigens allen Gebildeten mundgerechte Evangeliums der Glaubensfreiheit und Menschenbrüderlichkeit. Bei dieser Gelegeffbeik möchten wir nur gegenüber den bewußten Verdrebungen von gewisser Seite bemerken, daß die bedeutenderen journalistischen Vertreter des entschiedenen RadicalismuS im Jahre 1848 sHäfner, Tuvora, Becher, Hauck, Schwarzer, v. Stiffk) durchaus Christen waren, während gerade Juden, wie Landsteiner, Kuranda, WarrenS, der Convertit v. Hock, den gemäßigten Liberalismus und ConservatiSmus journalistisch vertraten. Häfner's Stellung in den Maitagen — er versuchte einen republikanischen Putsch — hat ihm nicht nur augenblickliche Bedräuung, sondern auch nachher, als er im October auS Wien geflohen war, Verfolgungen aller Art und, was schlimmer als Spielberg und Exil ist, die niederträchtigste Nachrede eingetragen. Die chinesische Loyalitätsheuchelei hat Häfner, den Wiener GreiSlerSsohn, der eS wagte, die Rolle eines Camille DeSmoulinS oder Mazzini spielen zu wollen, in jeder Möglichkeit verleumdet und ihm u. A. nachgesagt, daß er in Paris — wohin er sich gesiüchtet hatte — ein Polizeispitzel sei, während Häfner in Wirklichkeit von drei napoleonischen Ausweisungsdecreten verfolgt war. Nur die Gunst des Polizeipräfecten rettete ihn vor einem neuerlichen Exil aus der zweiten Heimat. Als er zu dem Präfecten vorgeladen wurde und von diesem den guten Rath erhielt, er möge nun endlich von seinen republikanischen Allüren laffen und schön immer gradauS gehen, erwiderte Häfner, auf feinen Höcker weisend':' „6e n'tzst pa8 possible, Monsieur.“ Als seine, republikanischen Freunde anS Ruder kamen, wurde auch für den alten, um die freiheitliche Sache rastlos thätigen Schriftsteller gesorgt, und Häfner konnte an der Seine in Ruhe und sorglos sein Alter verbringen. Er hat die Amnestie nicht benützt und seine Vaterstadt Wien nicht zum Wohnsitze seines Alters erwählt; allein, obwohl französischer Staatsbürger geworden, bewahrte er sich sein Jntereffe für die erste Heimat immerdar. Er verfolgte mit der Leidenschaft seiner Jugend jede Regung deS Freisinns und Fortschrittes in Oesterreich, sah mit tiefer Betrübniß die antisemitische Verirrung über unser Volk kommen und verurtheilte diese in seinen Briefen in einem Tone, der lebhaft an die Sprache der „Constitution“ erinnerte. Wir verlieren m Leopold Häfner nicht nur den werthen Freund, sondern auch einen treuen Mitarbeiter, der uns stets über die Vorgänge im Lager der Drumontisten unterrichtete. DaS „Freie Blatt“ rechnete mit Stolz den JiVftor der Wiener Journalistik, den berühmten Freiheitskämpfer von! '4>, *,u seinen Mitarbeitern und ruft ihm tiefgerührt ein letztes ..Hab' Tank!“ nach Aus fortschrittlichen Vereinen.) Am 22. Februar hielt der herein der Fortschrittsfreunde in der Inneren Stadt c:ne zablceich besuchte Plenarversammlung ab, in welcher die Vorgänge im niederösterreichischen Landtage zur Besprechung kamen. Eine sehr beachlenSwenhe und mit stürmischem Beifall aufgenommene Rfbe hielt Abgeordneter Profeffor Tr. Sueß, welcher im Wesentlichen auSsührte: „Tie Stunden, die ich im Landtage verlebte, zählen zu den traurigsten meines Lebens. Tasitzen und eine Schmähung nach der anderen anhören zu muffen, ohne darauf erwidern zu können, das ist j eine zu starke Anforderung an die Kraft eines Mannes. Wenn man sieht, wie ein Abgeordneter bald die Donauregulirung angreift und dann in der Commission, welche zur Prüfung seiner Beschwerden eingesetzt ist, nicht erscheint, wenn man sieht, wie derselbe Mann bald 'den Bürgermeister von Petersdorf, bald den von Klosterneuburg, bald Martin Luther und endlich das gesammte Judenthum in der rohesten Weise angreift, dann muß man sich fragen, ob man eS hier nicht mit pathologischen Erscheinungen zu thun habe. Statt zu arbeiten, hat man ganze Sitzungen mit unnützen Dringlichkeitsanträgen und mit, Debatten über Landbürgermeister und mit der Frage ausgefüllt, ob ein Hausirer in Spitz ein ehrlicher Mann ist oder nicht. Mit Rücksicht , hierauf ist wohl eine Revision der Geschäftsordnung nothwendig. Aber dringender als die Vermehrung der Disciplinargewalt des Präsidenten oder der sogenannte Ausschließungsparagraph ist die Einführung der Bestimmung von Generalrednern nach Annahme des Antrages auf Schluß der Debatte, da die Antisemiten es sonst in der Hand haben, bei jeder Sache alle ihre Redner ius Treffen zu führen und so Obstructionspolitik zu treiben.“ Nachdem Profeffor Sueß die Bor geschichte deS Antisemitismus gegeben hatte, sagte er: „In dem Momente, wo daS Wahlrecht einer Schichte der Bevölkerung gegeben wurde, die am meisten unter der Noth des Tages zu leiden hat und deshalb am meisten Versprechungen zugänglich ist, war in Oesterreick der Antisemitismus geboren. Zudem war damals in Oesterreich eine Regierung am Ruder, die diese aufkommende Bewegung tolerirte. Die antisemitische Partei sah aber bald, daß sie mit dem negativen Programme des'Antisemitismus nicht Anhänger gewinnen werde, und deshalb nannte sie sich dann antiliberal und endlich christlich-social. Die Bezeichnung „christlich-social“ ist eine der größten Anmaßungen, deren sich diese Partei, die weder eine christliche, noch eine sociale ist, schuldig gemacht hat. Die antisemitische Partei sieht jedoch, daß ihr der Boden unter den Füßen schwankt, und deshalb macht sie Scandal, um ihre Position zu behaupten. .Die Behauptung, daß die liberale Partei keine Zukunft mehr habe, ist nicht richtig. Die liberale Partei wird im Gegentheile in den nächsten Decennien dazu berufen sein, zwischen den beiden Extremen, der reactionären und der social-demokratischen Partei, vermittelnd und versöhnend als staatserhaltende Partei einzugreifen. Dazu muß aber die liberale Partei einig undin stetem Contact mit ihren Wählern sein.“ An die liberale Wählerschaft richtete Profeffor Sueß in warmen Worten die Aufforderung, einig zu sein. ES dürfe sich nicht der Fall wiederholen, daß, wie dies in einem Wiener Bezirke bei. der letzten Wahl für den Landtag geschah, durch die Unbotmäßigkeit einer Handvoll Wähler ein Bezirk, der eine Domäne des Liberalismus war, den Gegnern anheimfalle. Insbesondere wären diese Mahnworte mit Rücksicht auf die bevorstehenden Gemeindewahlen zu beherzigen. Mehrere Redner rügten eS, daß die liberalen Landtagsabgeordneten es unterlaffen haben, die antisemitischen Beschimpfungen zurückzuweisen. Unter lebhaftem Beifall erwiderte hierauf Abgeordneter NoSke, daß man weder im ReichSrathe, noch im Landtage die Aeußerungen eines Mechanikers Schneider irgendwie ernst nehme, da man sich daselbst gewöhnt habe, ihn als ein mit moral insanity de haftetes Individuum zu betrachten. Daß der Geisteszustand Schneiders kein normaler sein könne, gehe wohl daraus hervor, daß er seit vielen Jahren als Abgeordneter nichts, aber rein gar nichts geleistet, sondern nur die Juden in der rohesten und empörendsten Weise beschimpft habe. Die liberale Partei sei den im Landtage von Seite Schneiders gefallenen unqualificirbaren Aeußerungen nicht mit einem Proteste entgegengetreten, weil dies nur momentanen Erfolg gehabt hätte, aber sie habe den Antrag auf Revision der Geschäftsordnung gestellt und die diesbezüglichen Reformvorschläge ausgearbeitet, nach welchen eS künftig unmöglich sein solle, Mitbürger in unverantwortlicher Weise zu verhöhnen und zu beschimpfen. Dies sei wohl ein wirksameres Mittel als eine momentane Protestkundgebung. Die Vertagung des Landtages laffe darauf schließen, daß auch die Regierung dem Landtage die Möglichkeit geben werde, die ausständigen wichtigen Vorlagen in einer Nachsession zu erledigen. Tie liberale Partei habe sich in Bezug aus. Pflichterfüllung keines VersäumniffeS schuldig gemacht; sie habe ihre Pflicht erfüllt, wenn auch in einem anderen Sinne, als man es in einem Theile der Wählerschaft gewünscht hätte. Die liberale Partei werde allezeit für die Gleichberechtigung aller Staatsbürger, für den confessionellen Frieden unter der Bevölkerung eintreten. Ein jüdischer Wähler gab die Erklärung ab, daß ihn die Ausführungen deS Abgeordneten NoSke vollkommen zufriedenstellen. — An demselben Tage sprach Abgeordneter Profeffor Dr. Marchet in einer Versammlung der liberalen Wählerschaft deS XVII. Bezirkes über die politische Lage. Der Redner wies darauf hin, daß Prinz Liechtenstein in einer Versammlung in HernalS die Parlamente in solche, die entweder panamistisch seien, oder die das Volk den Ausbeutern rettungslos auS-

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