Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 152 (3.3.1895)
- Date
- 1895-03-03
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 162. £rfit« Statt. Seite S verausgabt wurden. An diesem Betrage participirt Wien mit 449.3541? fl., das flache Land aber mit 830.822 fl. AuS dem Umstande, daß in Wien die Hälfte der Bewohner RiederöstcrvrichS lebe, wird gefolgert, daß das liberale Wien mit seinem liberalen BczirkSschulrathe sehr weit hinter dem antisemitischen flachen Land zurückgeblieben sei. Die Sache verblüfft im ersten Momente; wenn man aber genau nachforscht, so wird man finden, daß die angegebene Summe von fl. 449.354 17 allerdings für das Schulwesen in Wien ausgcgcb n wurde, aber nicht im Jahre 1893, sondern im Jahre 1892, dem ersten Jahre nach der Bereinigung der Bororte mit Wien, und eben in diesem Jahre konnten die für die einverleibten Gemeinden in Aussicht genommenen Schulbauten noch nicht zur Ausführung gelangen, da ja doch erst die nöthigen Borbereitungen getroffen werden mußten und viel Zeit zu dem Erwerben von Bauplätzen, Bestimmung der Baulinien, Herstellung der Pläne rc. nöthig war. Im Jahre 1893 finden wir dagegen bereits 1,032.943 fl. für Schulbauten in Wie» verausgabt, und diese Summe ist im Jahre 1894 schon auf 1,369.060 fl. gestiegen, hat sich also seit 1892 verdreifacht.'-7 Diese a»S officiellen Quellen stammenden unanfechtbaren Ziffern beweisen, daß Wien für Schulbauten eine außerordentliche Leistung vollbracht habe. ES kann also in dieser Beziehung nur Unverstand, Partcigeist oder Mißgunst irgend einen Vorwurf der liberalen Gemeindeverwaltung machen. In dem Artikel wird auch erzählt, daß in Wien Ende 1893 4 Director-, 11 Oberlehrer-, 105 Bürgerschullchrer- und 220 VolkSjchuüehrerstellen unbesetzt waren, während um 396 Untcrlehrer mehr angestcllt wurden, als dies nach den Bestimmungen des LandeSschulrathcs der Fall sein sollte, und daraus wird der Schluß gezogen, daß auS SparsamkeitSrücksichten gegenüber dem Lehrerstande 340 Lchrpelsone» in ihrem Einkommen verkürzt wurden. Vor Allem ist cS total unrichtig, daß zu Ende des JahrcS 1893 eine solche Anzahl von Lchrerstellen unbesetzt war, und cS dürfte sich hier wahrscheinlich um daS Ende des Schuljahres 1892/93 handeln, und muß auch da die Höhe der Ziffer stark in Zweifel gezogen werden. Doch, ganz abgesehen von der Anzahl der offenen Lehrstellen, müffen wir bemerken, daß die Besetzung sämmtlicher definitiven Lehrstellen vom Stadtrache Ende Juli 1893, nach vorhergegangencr Concursausschreibung bis zum Ablaufe des Schuljahres 1892/93, d. i. 15. Juli 1893, erfolgt war. Es ist also auch dieser Vorwurf gänzlich haltlos, gleichwie euch dem BezirkSschulrathe wegen der verzögerten Concursausschreibung lein Borwurf gemacht werden kann, weil ja der ModuS derartiger ConcurSauSschreibungen nach den Bestimmungen des LandeSschulrathcs nur einmal im Jahre erfolgen darf; denn die Ausschreibung jeder erledigten Lehrstelle separat hätte nur eine Häufung der Competcnzgcsnche und der StempelauSlagrn zur Folge, wodurch die Lehrerschaft „och in viel ärgerer Weise in Mitleidenschaft gezogen würde, als dies heute geschieht. Die ganze Verkürzung beträgt übrigen« ini Schuljahre 1 ■'592.93 bei einer Gesammtsumme an Gehalten von 3,017.974 fl. den relativ geringen Betrag von 29.428 fl., und selbst dieser kam 'a nicht der Gemeindecafle zu Gute, sondern eS erhielten die Wiener VehrcrpcnsionScaflc 19.051 fl und die niederösterreichische LandeS-Lehrerpcnsionscafse 10.377 fl. zugewiesen. Für jeden Einsichtsvollen ist dieser Artikel deS „deutsch-nationalen" Antisemitenblattes nichts weiter als eine Speculation, welche darauf berechnet ist, die Lehrerschaft zu fangen, die ja doch bei den bevorstehenden Wahlen ein gewichtige« Wort mitzureden haben wi.rd. Nun, wir glauben, daß die Speculation eine verfehlte ist und daß es in Wien nicht viele Lehrer geben^wird, die sich nach der Zeit zurücksehnen, wo ein Lehrer ganz unter geistlicher Oberhoheit stand. Heutzutage braucht der Lehrer nicht mehr dem Herrn Pfarrer J oder dessen einflußreicher Wirthschasterin die Hand zu küssen — er ist ein Beamter der Gemeinde, kein Sclave, sondern ein freier Mann. Die Antiseniiten aber, die Führer der Christlich-Socialen sicherlich bewußt, die der „Deutsch- Aationalen" vielleicht theilweise unbewußt, wollen die „alte Zeit" .riedererwecken, welche wenigstens für den Lehrerstand nicht so gut war, wie die« die GeschichtSfälschung'' der Rückschrittler weiSzumachen sucht. Die streitenden Radau-Brüder^ Die Schlechtigkeit der Antisemiten zeigt sich, 'wenn sie über eine ''crichtSverhandlung berichten, in welcher^ Juden als Angeklagte er- 'cheinen. Würde ein bornirter Jude aus dem Umstande, daß die kürzlich cndecktc internationale Einbrecherbande Serben, Griechen rc. umfaßt, die alle größeren Städte Europas unsicher machten, den Schluß ziehen, laß Einbruchsdiebstähle eine serbische, beziehungsweise griechische Eigenart sind, so würde man ihn nicht nur der Ueberhebung, sondern bewußter Fälschung zeihen. Und wie erginge cS ihm erst, wenn er etwa die Frauenmörder Schenk und Schneider als deutschösterreichische Spccialitäten bezeichnen würde! Wenn aber, einige moralisch verkommene Juden aus Galizien auf die Habsucht und das wen« Gewiffen einer Anzahl von Landsleuten und StammcSgenoffen speculircn und diese betrügen, so verallgemeinert ein antisemitischer Hetzer die« und schreibt, ohne sich welche Scrupcl zu machen, daß die Juden Betrüger sind/ daß ein neuer Beweis für die Nothwendigkeit von AuSnahmSgesetzen vorliegt u. s. w. Eine solche Fructisicirung von Verbrechen zur Aufreizung gegen unbescholtene Mitbürger ist selbst verbrecherisch,.aber sie paßt trefflich in das System jener Leute, welche für ^wirkliche oder auch nur vermeintliche Verstöße einzelner jüdischer Acrzte oder Advocatcn die Genugthuung fordern, daß gesetzlich festgcstellt werde, kein Jude dürfe mehr Arzt oder Advocat sein, ohne daß cs ihnen je bei fallen würde, in analoger Weise z. B. den Tschechen die Befähigung zum Postdienste absprechcn zu wollen, weil jahrjährlich so und.so viele Postdcfraudationen von tschechischen Beamten.herrühren. Eine solche Fructisicirung von Verbrechen paßt in daS System von Leuten, welche sogar darin eine Misiethat erblicken, daß ein starkes Contingent der Theaterbesucher sich aus Inden rccrutirt, welche die Inden für Alles, für die Goldwährung und die., päpstliche Unfehlbarkeit, verantwortlich machen. Die ganze Niedertracht der Antisemiten lernt inan jedoch erst kennen, wenn in ihren Reihen ein Bruderzwist ausbricht. Ta erfährt man, daß dieser oder jener Eiferer gegen die Corrnplion eigentlich ei» durch und durch korrupter Geselle, daß derjenige, den man »och gestern als den besten Mann im Vatcrlandc verherrlichte, ein von Größenwahn behafteter Geldprotz ist, daß die Doctore», dir. nian vor dem Zwiste zu den Zierden der Antisemiten zählte, zu Allem fähige Streber und GcsinnungSlunipcn sind. Deutschland ist eben, nachdem die närrische Eisenacher VersöhnnngSpoffe voni Repertoire verschwunden ist. der Schauplatz eines solchen Bruderzwistes. In de» Berliner Radau - Versammlungenbekämpfen die Gruppen Ahlwardt-Böckel und Zimmermann-Licbermann einander auf das Heftigste; die EntrüstungSkundgcbungen gelten bald den Einen, bald den Anderen, während für die Juden eine Schonzeit cingetreten ist. Zimntermann wirft Ahlwardt und Höckel vor, daß sic ini Reichstage »nr seltene Gäste sind, daß sic, statt die mit 1>em Mandate verbundenen Pflichten zu erfüllen, Versammlungen mit Eintrittsgebühren veranstalten, für die eigenen Taschen sorgen. Ahlwardt und Böckel, sagt er, haben ihre Person auS materiellen Rücksichten über die Sache gestellt. Zur Charakteristik Böckel's theilt er mit, daß derselbe in ein Ehrengericht zur Beurtheilung seines Wirkens innerhalb und außerhalb de- Parlamentes den Gastwirth Bodcck habe entsenden wollen. Von Ahlwardt erzählt Zimmermann noch erbaulichere Dinge. Nach seinem AuSschlusie auS der antisemitischen Reichstagsfraction ist Ahlwardt zu einem hochadeligen, reichen Mitalicde der Tivoli-Antisemiten gegangen und hat, »», einige tausend Mark zur Unterstützung deS Blatte», das er mit Böckel herausgeben will, gebeten; er fand kein williges Ohr und rief dann auS: „Nun aber gegen Junker und Juden!" Liebermann beschuldigf Böckel wissentlicher Unwahrheit. Dieser ist einmal in Berlin unter dem Namen „Capistrano" ausgetreten, wogegen eS eine Lüge ist, daß er (Liebermann) sich jemals auS Angst für einen Herrn v. Sonnenburg auSgegcben hätte. Böckel selbst hat einen Brief an den Prinzen von Liechtenstein über den Ausschluß Ahlwardt'S unterzeichnet, der Wahrheit aber nicht die Ehre gegeben, als sein „neuester Freund" Ahlwardt die Unterzeichnung jenes Briefe- Zimmermann vorgehaltcn hat. Vergeblich bemüht sich Böckel, ihm (Liebermann) den „meineidigen Lcuß" an die Rockschöße zu hängen. Pathetisch ruft zuletzt der Mann der Ehrenscheine auS: „Ich danke meinem Gott, daß ich nicht wie Dr. Böckel in die Lage versetzt bin, das Alles als unwahr beweisen zu müsien, waS ihm seine eigenen GesinuungSgenosien vorwerfen." Böckel rechtfertigt sein Verhalten, indem er gegen Licbermann bic Autorität Henrici'S ausspielt. Mit Ahlwardt, bctheuert Böckel, geht er jetzt zusammen, weil er sich überzeugt hat. daß er kein „verdächtiger Reaktionär" ist und sich von den Conservativen nicht umstimmen läßt. In diesen Berliner Versammlungen tritt gegen Ahlwardt-Böckel auch der „Schriftleiter" Wilberg auf, welcher vor dem neuen Zeitungsunternehmen warnt und den Versammelten zuruft: „Haltet die Taschen zu!" Wir haben im Voranstehenden den Verkauf einer Versammlung skizzirt, in welcher der Anhang Zimmermann'S und Liebcrmann'S die Mehrheit bildete. Aber auch die Meeting-, bei denen die um Böckel und Ahlwardt sich gruppirenden Schaaren numerisch stärker sind als ihre Gegner, nehmen im Wesentlichen keinen anderen Verlaus. An schmutziger Wäsche 'ist niemals Mangel, und keine der streitenden Parteien empfindet davor Ekel, in derselben zu wühlen. In der Regel ist die Wühlatbcit der jeweiligen Mehrheit ausgiebiger als die der