Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 152 (3.3.1895)
- Date
- 1895-03-03
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Freie» Blatt. Nr. 152. semit könne ein guter Katholik sein. Man erzählt sich ja sogar — gutstehen kann ich dafür freilich nicht — daß eS die liberale Partei war, welche durch chren Einfluß beim Ministerpräsidenten die Mission deS Cardinal- Schönborn mit eingeleitet hat. Wenn ewahr wäre, daß sich eine so starke und sich liberal nennende Partei wirklich nicht andermehr gegen den Antisemitismus helfen könnte, als indem sie zum Papste läuft, was sollte man dann von den „politisch reifen Wählern" erwarten? Indem ich für die Veröffentlichung dieser Zeilen bestendanke, Hochachtungsvoll (Folgt die Unterschrift und Adreffe.) Jüdischer Pauperismus in Galizien *) (^riginal-Mittheilung de« »Freien Blatte-".) Lemberg, 28. Februar. Die stets wachsende Armuth unter der jüdischen Bevölkerung Galiziens hat in den letzten Jahren eine derartige Ausdehnung gewonnen, daß sie die Aufmerksamkeit aller denkenden, um das Wohl des Landes besorgten Männer auf sich lenken mußte. Die Klage seitens der jüdischen Bevölkerung, daß ihr die Erwerbsmöglichkcit entzogen werde, wird immer lauter und allgemeiner. Man mußte sich endlich fragen: Was soll denn mit dieser nahezu 800.000 Seelen zählenden Bevölkerung geschehen, darf und soll sie dem Hungertode preiSgegcben werden? Einsichtsvolle und vom confessionellen Hasse nicht irregeführte Patrioten mußten sich, abgesehen von allen rein menschlichen Rücksichten, darüber klar sei», daß ein solcher Maffenhunger nicht ohne Erschütterungen für die gesammte Gesellschaft des Landes bleiben dürfte und daß die traurigen ökonomischen Verhältnisse, in welche die Juden Galiziens gedrängt werden, in nicht sehr ferner Zukunft zu einer Katastrophe von unberechenbaren Folgen führen können. Die Einleitung einer Hilfsaction, aber einer solchen, welche nicht bloß der momentanen Rothlage einzelner Hilfsbedürftigen Rechnung tragen sollte, sondern eine möglichst gründliche Sanirung der ErwerbSoerhältnisse, soweit dieS durch Privatmittel möglich ist, herbeiführen könnte, schien nun rin Gebot der Selbsterhaltung, eine patriotische Rothwendigkeit zu fein. Das jüdische Elend ln Galizien war schon im Jahre 1890 Gegenstand der Berathung einer vom damaligen Landmarschall Grafen Johann Tarnowski nach Lemberg einberufenen Enquete, an welcher hervorragende Männer, Christen und Juden, theilnahmen. In den letzten Jahren wurde die entsetzliche Rothlage der galizischen Juden auch im österreichischen ReichSrathe, sowohl im Abgeordnetenhause als auch im Polenclub, wiederholt zur Sprache gebracht. DaS Ergebniß aller dieser oft sehr warm empfundenen Schilderungen und eingehend gepflogenen Berathungen war indessen bisher stets ein theoretisches; zu praktischen Maßregeln haben sie bisher nicht geführt. Erst während der vorjährigen Landtagssessio», im Februar 1893, hat ReichSrathS- und Landlagsabgeordneter Dr. Arnold v. Rapoport die Jnitialive zu einer Action ergriffen, von welcher ein Erfolg mit aller Wahrscheinlichkeit zu erhoffen ist. Er ging von der richtigen Ansicht aus, daß es in erster Reihe Pflicht der jüdischen Repräsentanten des Landes und der besitzenden Classen ist, sich deS Loses der in Roth gerathenen Judenschafl Galiziens anzunehmen, und erst wenn diese Beweise ihrer Opferwilligkeit in nennenswerlhen Resultaten ihrer Bestrebungen erbracht haben werden, dann erst wird der Zeitpunkt gekommen sein, mit^einem Appell an die Oeffentlichkeit heranzutreten. Nachdem die maßgebenden Persönlichkeiten des Landes einer solchen Aclion ihr größtes Wohlwollen zugesichert hatten, bildete sich während der diesjährigen Landtagssession in Lemberg am 23. Jänner d. I. ein Comils aus den Abgeordneten Dr. Emil Byk, Dr. Philipp Fruchtmann, Dr. Bernhard Goldmann, Dr. Arnold Rapoport v. Porada und Dr. Moritz Rosenstock unter dem Namen „Hilfscomit«'- für die jüdische Bevölkerung GalizienS". Das Comil.- constituirte sich sofort, wählte den Abgeordneten Doctor v. Rapoport zum Obmann und berief zum Secretär den Ingenieur Hermann Feldstein, dessen genaue Kennlniß der jüdischen Verhältnisse in Galizien die Gewähr bietet, daß die.Sache entsprechend geleitet werden dürfte. *- Lieh« fit 150 de- „Freien Blatte-" vom 17. Februar 1885. Das Comilv beabsichtigt, dem unter der überwiegenden Mehrheit der jüdischen Bevölkerung in Galizien außerordentlich überhandnehmenden Elend und der erschreckenden Erwerbslosigkeit zu steuern, und stellt sich zunächst zur Aufgabe: ,,a) Daten über die materiellen Verhältnisse der jüdischen Bevölkerung in den einzelnen Ortschaften Galiziens zu sammeln, die Bedingungen und Mittel zu erforschen, wie dem ärmeren Theilr dieser Bevölkerung Arbeit und Erwerb zuzuführen sei; b) der jüdischen Bevölkerung Galiziens productive Arbeit und Erwerb zu ermöglichen und zu verschaffen sowie sie auf neue und nützliche Arbeitszweige zu lenken; e) den Fachunterricht im Gewerbe, Handwerk und Ackerbau unter der Jugend zu verbreiten; und d) die arbeitende Bevölkerung materiell zu unterstützen, um ihren nützlichen Erwerb zu heben." Um die Daten zu erlangen, ohne welche eine planmäßige Action kaum möglich fein könnte und deren Mangel bis jetzt bei jeder Gelegenheit sich höchst störend bemerkbar machte, wird ein mit Berücksichtigung aller Details entworfener Fragebogen überallhin in Galizien versendet, und man darf erwarten, daß das auf diesem Wege ge wonnene Materiale die Rothlage der galizischen Juden erst in ihrer ganzen erschreckenden Größe an den Tag fördern werde. Zugleich aber wird hiemit die einzig zuverlässige Basis für jedes weitere Vorgehen gewonnen werden. Inzwischen wurde, ohne das Ergebniß der Versendung des Fragebogens abzuwarten, eine Action zu Gunsten der einst blühenden, jetzt im vollständigen Niedergänge begriffenen Tallesweberci in Kolomea — die Rothlage der jüdischen Weber in Kolomea ist beinahe sprichwörtlich geworden — ei»^ geleitet. Auf' Grund eines Gutachtens des Professors der k. k. Staatsgewerbeschule in Lemberg Eduard Pietsch wurde nach kolomea am 1. Februar d. I. ein gründlich ausgebildeter Weber der Neutitscheiner Fachschule, welcher vom-dortigen Director Ingenieur Broulik in zuvorkommendster Weise empfohlen wurde, entsendet. Derselbe wird nun die Aufgabe haben, die jüdischen Weber in Kolomea praktisch zu unterweisen und die höchst primi tive technische'Einrichtung der Werkstätten allmälig der modernen Anforderung näher zu bringen. Zu diesem Behufe werden Musterwebestühle unentgeltlich beigestellt weiten. So darf man erwarten, daß der erste Schritt des HilfscomiteS, welcher am besten seine Tendenzen kennzeichnet, hunderten fleißigen jüdischen Händen wieder ausreichenden ehrlichen Erwerb verschaffen werde. - Die Bestrebungen des HilfscomiteS der jüdischen Abgeordneten in Galizien finden hier allgemeine Anerkennung. Zu dessen Unter stützung bildete sich sofort ein Verein, welchem mehrere vermögende Mitglieder der hiesigen israelitischen Gemeinde mit Beiträgen von 1000 fl., viele andere mit Jahresbeiträgen von 100 und 50 fl. beigctrelen sind. Freilich sind angesichts der großen, fast erdrückenden Aufgabe, die zu vollbringen ist, alle Mittel zu gering und zu unansehnlich. Aber den vereinten Bemühungen aller Wohl denkenden, aller Menschenfreunde, auf deren Mitwirkung gewiß gerechnet werden kann, muß es gelingen, den unschuldig Bedrängte» und Rothleidenden eine bessere, menschenwürdigere, für sie und die Gesellschaft nützliche Zukunft zu sichern. f. Das schul- und lehrerfreundliche Mien. (Zuschrift einer Lande-beamten.) - Unter dem Titel „DaS schul- und lehrerfreundliche Wien" finden wir in der „deutsch-nationalen" antisemitischen Zeitung „Ostdeutsche Rundschau" vom 16. Februar einen Artikel, der mit Zuhilfenahme einiger willkürlich aufgestellten Zahlen den Beweis erbringen will, daß die liberale Partei keineswegs auf ihre Lehrerfreundlichkeit sto!; sein dürfe, dfnn selbst in dem Berichte deS LandeSauSschuffeS über das Volksschulwesen finde man klar und deutlich nachgewiesen, daß eben diese Partei für die Lehrer nicht jene Sympathien hege, die dieser so wichtige Stand unstreitig verdiene, und der Verfasser debezüglichen Artikels stellt die Frage auf, „ob es nicht hohe Zeit sei, ihre (der Lehrer) Zukunft von dem unabwendbaren Schicksale einer dahinsiechendc , Partei loszulösen". Wir haben nun Gelegenheit gehabt, in jcn:i Bericht deS LandeSauSschuffeS, den der Schreiber deS Artikels in der „Ostdeutschen Rundschau" als Quelle benützt hat, sowie in einige Tabellen Einsicht zu nehmen, die zifferniäßig die Ausgaben für das Schulwesen in Wien und auf dem flachen Lande ausweisen, und nach kurzem Studium ist uns sofort klar geworden, daß der antisemitische Artikelschreiber seinen Mangel an Berständniß durch einige Unwahrheiten, Entstellungen und packende Phrasen maSkircn wollte. Er behauptet zunächst, daß in der Zeit vom 1. Jänner bis 31. December 1893 für Schulbauten in Niederösterreich 1,280.176 17 fl.