Mannheim
Compact Memory

Freies Blatt · 1895-03-03 · 152 (3.3.1895) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
152 (3.3.1895)
Date
1895-03-03
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/4886575-5439167-5441603--1829-4888254
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Freies Blatt •.'ll^nnciiifiitüDme. Für Qesterreich-Nngorn: -hanzjölirig. - » «tonen ( Halb,äl,r>g.S «tonen < t 2.50) 1.50) Für bol gelammte tlullanb: (Sanijättis.6 Mark Haldläprig .* Mark SO Pf. Einzelne Nummern S kt. Ilnftonkitle »riefe werden nicht angenommen. Organ zur Abwehr des Antisemitismus. __ , Erscheint an jedem Sonntage. NtSticlu^i und Adtiiitlislkültoii: ' I. Seilersliitte 10. Inserate werden mit 20 Heller (10 fr.) für die viermal gespaltene Nonpareillezeile berechnet, «leinet «nzeiger da» Wart 4 Heller (2 ft.). Äuinadnie non Inseraten in unserer lldmimstration sowie im Annoncendureau R. lutif, 1. cüollzeile 8. - Nummer 152. Wien, 3. iltäri 1895. IV. Jahrgang. 4 Die römische Woche. Wir erhalte» anläßlich der Romfahrt des Cardinal- Schönborn zwei Zuschriften, welche wir nachstehend wiedergebe». Herr Consistorialralh Dr. Schöpf schreibt unS: ffuigl, 26. Februar. Endlich hat der österreichische EpiScopat sein ebenso langes als verhäugnißvolleS Schweigen gebrochen und zum antichristlichen Antisemitismus entschieden Stellung genommen. Der Cardinal Fürste» zbischof von Prag weilt in Rom, um mit dem Oberhaupte der kathöliichcn Kirche, Papst Lco XIII., zu canferiren. Freilich hätte das schon vor Jahren geschehen und die Stimmen der ebenso wohlmeinenden als wohlunterrichteten Männer gehört werden sollen. Beinahe zehn Jahre lind eS, seit meine Schriften wider den Antisemitismus erschienen. Leider blieben sie unbeachtet oder wurden von den clericalen Hepp- Urytt-M ««flifttetttvi. «ne» doch enthalten dieselben den unnmstvßbaren Beweis, daß kein Christ, geschweige ein Geistlicher Antisemit sein kann. WaS nun? Weit entfernt, unserem intelligenten Episcopate Vorschriften zu ertheilen, möchte ich mir doch erlauben, ein und den anderen Vorschlag zu mache». Hauptsache ist, daß der Papst ein den Antisemitismus entschieden verdammendes Urtheil fällt. Dadurch bewährte er sich als obersten Wächter des christlichen Glaubens, indem cS ja zu den Fun damcntalsätzen des christlichen Glaubens gehört, daß alle Mensche» von einem und demselben Paare abstammen und daß sich die thatsächljche Liebe auf alle ausnahmslos zu erstrecken habe. Hat der Papst sein Verbiet gefällt und, wie cS bei deffcn hohem Geiste' selbstverständlich, dasselbe gehörig motivirt, so ist eS sofort Pflicht dcS EpiScopatS, durch gemeinsames Hirtenschrtiben die Djöcesanen aufzuklärcn, zu belehren und ihnen zu zeigen, wie der Antisemitismus schnurstracks der christlichen Ordnung entgegengesetzt ist. Aber auch die StaatSregierung sollte erinnert werden, daß sie die Vernichtung des PrincipS .Gleiches Recht für Alle" um keinen Preis zu dulden gesonnen sei. Hat sich einmal der EpiScopat bestimmt erklärt, so ist cs weiterhin Sache der Seelsorge- und übrigen Geistlichkeit, den bischöflichen Weisungen Folge zu leisten und in entschiedener Weise gegenüber dem Antisemitismus Stellung zu nehmen, und zwar in Wort und Schrift. Insbesondere ist die katholische Presic verpflichtet, daS gut zu machen, was sie versäumt und verschuldet hat — sohin daS Volk aufzuklären über die verderbliche Wirkung des Antisemitismus und über die Schändlichkeit des letzten Zieles dieser Irrlehre, nämlich Beraubung und Entrechtung unserer Mitbürger. Wenn in solcher Weise alle maßgebenden Elemente fest zusammenstehen, dürften die Tage deS Antisemitismus bald gezählt fein. — _ Dr. Schöpf, fürsterzbischöfticher Confistorialralh. Dies der Standpunkt eines katholischen Priesters und Würdenträgers. Ein auf social-demokratischem Boden stehender Arbeiter, der unS mit Rücksicht auf seine Stellung üm Geheimhaltung seines Namens ersucht, schreibt uns dagegen: Wien, FNnlhauS, 27 Februar, ' Geehrter Herr Redacteur! ' , Da Ihr geschätztes Blatt nach mcincr Meinung das einzige ist, .welches den Antisemitismus als solchen bekämpft und dieser Schande liuscreö öffentlichen Lebens gegenüber kcincu einseitig nationalen, politischen oder religiösen Standpunkt einnimnit, gebe ich mich der Hoffnung hin, in de» Spalten des „Freien Blattes" auch ciä wirklich freies Wort über die Mission des CardinalS Schönborn aubringeu zu können. Ich bi» Freidenker und rechne mich zu den stillen An- ' hängern der internationalen Social-Tcmokratie. Nichtsdestoweniger sehe ich ja ein, daß in Anbetracht aller besonderen Verhältnisse _£m ent- . schiedeneS, verurtheilcndcS Wort deS Papstes gegen, den Antisemitismus . von großer Wirksamkeit sein müßte, weil dann wenigstens _bit Betbrüder sich von den Antisemiten loSsagcn müßten' und der Rest uns zusicle; der Profit wäre also ganz unsererseits, und daher wäre eine päpstliche Verurthcilung des Antisemitismus nur zu wünschen, obwohl eS nicht dazn konnuen wird, weil, wie cs heißt, der Iesuitcngcncral * und der Cardinal Rampolla eS nicht dazu kommen lasien und Cardinal Schönboru von Glück wird sprechen können, wenn -er überhaupt zum Pantosfelkuß vorgelassen wird. _ Ob aber der Papst den Auliscmilismus -verflucht oder segnet, daS ist für Unscrcinen nur eine Frage dcS praktischen Nutzens. Unsere Gesinnung kann daS nicht ändern; eS wäre recht und gut, wenn sich der oberste Priester der katholischen Kirche auf nnscre Seite stellt, die wir den Antisemitismus nur verachten und verfluchen; wenn er es aber nicht thut, dann hört für uns die Verfolgmig von Mitmenschen um ihrcS Glaubens willen nicht auf, ebenso verächtlich und niederträchtig zu sein wie früher. Rom hatte dereinst auch die Inquisition und die Hcxengerichte gutgehcißen; soll ich deshalb gleichfalls für diese Dinge schwärmen? Ja, ich gehe noch weiter. Man sagt, der.Papst', muß einmal dieser antisemitischen Hetze entgegentreten, weil sie unchristlich ist. Ich aber sage ganz offen: Wie, wenn sie. aber christlich wäre, wenn irgend ein Kirchenlicht käme und mir haarklein' den Be-> weis erbrächte, daß der AnliscinitiSmuS wirklich in den Evangelien steht? Werde ich jetzt auch Aniisemit sei»? Nein, ich werde auch dann noch gegen diese Schmach dcS Jahrhunderts protcstiren, einfach, weil — sie unmenschlich ist. Sehen Sit, geehrter Herr Redacteur, ich sage dies deshalb, weil die Antisemiten jetzt, wo die Romfahrt deS Prager Herrn CardinalS y mißglückt zu sein scheint, die Sache so drehen, als ob der Antisemitismus damit erst seine oberste religiöse und moralische Weihe bekommen hätte, und weil eS auch unter den sogenannten „Liberalen" genug fromme Christen geben wird, welche nun entweder den Mantel nach dem Winde hängen oder wirklich glauben werden, nur der Anti- * /

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.