Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 151 (24.2.1895)
- Date
- 1895-02-24
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 151. Frei», „ach veraltet und überholt erklärte». Seither ist leider. Ne Tendenz der „Deboras" wieder allzu actuell geworden. - DaS Stück hörte vielleicht eben deshalb auf, burgtheatcrfähig zu fein, und wurde nun, wie schon erwähnt, von den Mitgliedern deS Raimund-Theaters in die «copoldstadt übertragen, um alldort vor einen, — gähnend leeren .öimfe aufgcführt zu werden. Die Künstler thateu ihr Möglichstes, und besonders zeigte sich Fräulein LaniuS de» großen Anforderungen der nur allzu sehr zur Schablone verleitenden Rolle der Dcborah ' gewachsen; aber was half Alles? Der flainiuende Prorest gegen das Unmenschliche deS Glaubenshasses verhallte wirkungslos i» den Tiefen der leeren ifogcn und Galerien. Bei den prophetischen Worten Rubcn'S, cs werde sine Zeit koinincn, wo Christ und Jude gleiche Brüder, .Menschenbrüdcr' sein werden, ließen — wir zählten genau — zwei Stimmen vom hohen Olymp herab ein schüchternes „Bravo" crichaUcn, welches in seiner Jsolirthcit mehr komisch als befriedigend wirkte: DaS Stück spielt nach dem Theaterzettel in rincm Orte Stcicrmarks Anno 1780. Wir hatten am verflossenen Samötag das als ob es 1895 spiele. Nun noch eines. Cin hiesiges antiicmitischcS Organ constatirt mit „Gcnuglhuung", daß ihm „von maßgebender Seite die Versicherung gegeben wurde, .Dcborah' werde auf keinen Fall die Bretter des Raimund-Theaters betreten, sowie auch die in Rede stehende Vorstellung nicht vom Raimund-Theater selbst, sondern nur ran einigen Mitgliedern und Eleven desselben veranstaltet worden ist". Wir haben absolut keine Ahnung, wen wir uuter der „maßgebenden Seite" zu verstehen haben. Versicherung und Verwahrung sind aber ganz überflüssig. Wer würde daS weite Gewisicn haben, von Herrn Tirccior M ü l lc r« G u t te n b r un n die Aufführung eines seiner Tendenz nach so verfrühten und der herrschenden Mode nicht cntirrcchcndcn Stückes zu verlangen? Auch wünschen wir Fräulein LaniuS in Hinkunft einen ihren Leistungen entsprechenderen Erfolg. Dazu dielet heutzutage „Dcborah" keine Gelegenheit. •/:. Tic Antisemiten int Vanbtngc.) Wir erhalten folgende Zuicfnm: Die Antisemiten, welche für ihre fruchtbringende, volkSbcglückcnde Thätigkeit durch Äerleihung von LandtagSmandatcn ausgezeichnet wurden, rühmen sich, daß cS im nicdcrösterrcichischcn Landtage nicht mehr so still hergchc wie in früherer Zeit, weil eben mehr Kritik geübt und die angebliche Corruption beleuchtet und an den Vranger gestellt wird. ES gehört die freche Stirne der Antifeiniien da,u, das Wort Corruption. auch nur in den Mund zu nehmen. ES gibt gar keine Partei, welche so durch und durch cortnpt wäre,' wie diese erbärmliche Compagnie. Solche Scandale sind freilich in den Jahren, wo die meisten Volksvertreter eincn^ Werth darauf legten, de» Fortschritt und die, Freiheit zu fördern, im Landtage nicht aufgeiührt worden, und die Debatten arteten nicht in solche wüste Scene» ans. Was heißen aber die sauberen Tribunen, Kritik üben? Kritik heißt bei ihnen, bei allen Gelegenheiten auf die Juden schimpfen und Jeden auf die gemeinste Art verdächtigen und denuncircn, der sich ihtnn nicht mit Haut und Haaren verschreibt. Hat doch der Abgeordnete Mare sch, der einbekennt, seinen Wählern zu erklären, daß sic dis zu einem gewissen Grade Alle Antisemiten sind, in öffentlicher Sitzung dem Herrn Lueger vorgeworfen, daß er ihn zwingen wallte, ihm HerreSfolge zu leisten, und 1>aß er nur deshalb gegen ihn feindlich auftritt, weil er djesem Ansinnen nicht entsprach. Wäre also Herr Marcsch Antisemitennianicluk geworden, so wäre, was er als LandlngSabgeordncter gethan und gesagt, sehr correct und unangreifbar; weil er sich aber trotz antisemitischer Neigungen diesem Judenfrefferjoche nicht gebeugt, wird er angcgrifsen, in seinem Vorgehen verdächtigt und Alles schlecht und schädlich befunden, woran er mitgcwirkt bat. Wenn das nicht die erbärmlichste Corruption ist, so weiß man in der That nicht, Ivo diese Bezeichnung Anwendung finden soll. Dieses Factum kennzeichnet die Taktik der famosen Herren, welche die Anlicorruption auf ihre Fahne geschrieben haben, auf daS Markanteste. Man kann aber daraus auch auf die Vorgänge bei den Wahlen 'tl'ließcn, wenn cs sich um die Eroberung von Mandaten für ihre Kumpane handelt. So Mancher, der sich nicht durch schamlose Hetzreden bethören läßt, wird durch den ausgeübtcn Terrorismus so cinj a.schüchtcrt, daß er von seinem'Wahlrecht lieber gar keinen Gebrauch j macht, und so kommen Majoritäten für Candidaten zustande, die bar aller O.ualisication für ein öffentliches Mandat sind. Solche Zustände lassen Wiener Bürger durch unfähige, unwissende, rohe Menschen h-.rbeiführcn, die in den finstersten Winkel gestellt zu werden ver bienen. Bor einiger Zeit brachte die „Neue Freie Presse" ein Feuilleton über die Hetzarena, welche Wien einst besaß. Auch heute noch besitzt Wien etwas Achnliches, nur mit dem Unterschiede, daß nalt Unter den Weißgärbern an drei Orten: in der Herrengaffe, am RathhauSplatz und am FranzenSring gehetzt wird und daß die Hetze Blatt. Seit« 3 nicht mehr mit wilden Thicrcn, sondern mit den — Inden getrieben wird. DaS Allcrschlimmste aber ist, daß die liberalen MandatSträgcr — mit wenigen Ausnahme» — eine förmliche Angst haben, als Vcrthcidiger der Juden von den Antisemiten vetichrteu zu werden. Glicht um die Juden handelt cö sich hier, sondern lediglich darum, getrcn den liberalen Grundsätzen, gegen Lüge und Verleumdung, gegen Volköverduinmung und Schcinheiligtcit aufzntrclen. Haben liberale Abgeordnete und Gemeinderälhc so wenig Vertrauen;>t sich, daß sie Scandalmachcr, die weder Lust noch Fähigkeit zur Arbeit haben, in die Coniniissioncn wählen, um sich pon solchen Vattctt eoiu trolircn zu lassen? Wie muß die große Masse cin solches Zurückweichen, eine solche Sclbstdcgradation aussasscn, und was in über Haupt damit für den Friede» erreicht worden? Nichts, als daß den Antisemiten der Kamm geschwollen ist und die Dcnuiiciatiou noch weiter und tiefer greift. Da bewährt sich wieder einmal ein alles Sprichwort: Barmherzige Barbierer machen faule Wunden. (Ans beut WciUfinbcralllf.) In der Gemcinderathssitzniig rom lf>. d. M. erhob Strikter gegen die Organe der Marktbchörden die ehrenrührigsten Vorwürfe. Bürgermeister Tr. Grübt forderte ihn auf, eine angebliche Rechnung, welche seinen Beschuldigungen zu, Grundlage diente, vorzuzcigcn. Steiner erwiderte aber, er sei nicht so naiv, dies zu thun, worauf der Bürgermcister erklärte: „Dagegen gibt eS nur einen Weg, den werden wir betreten" Wenn sich der Herr Bürgermeister nicht von Dr. L n e g c r umslimmen läßt, dürste also Steiner die Zahl der „Opfer dcö röuiischcu Rechtes", viel leicht auch die der „Märtyrer des nüchternen Gaumens" vermehren. (Liebe zu allctt Menschen.) Militär-Superintendent Dr. Johann Sc b er in y, Professor an der evangelisch theologischen Facnltat in Wien, beging am 10. d. M. seinen 7<>. Geburtstag und empfing auö diesem Anlässe zahlreiche Abordnungen, welche ihn beglückwünschten. Unter Anderem erschien auch eine vom Stndircndcn Rudolf Knopf geführte größere Deputation der Hörer der evangelisch.theologischen Facnltat. In der vom Führer der Deputation gehaltenen BeglückwünschungSansprache hob de,selbe besonders hervor, wie dem beliebten Lehrer die Jugend dankbar sei, daß er neben einem freien wissenschaftlichen Geist auch den Geist der Liebe zu allen-Menschen itr ihnen so lebhaft angefacht habe. Professor Tr. Seberinp antwortete mit herzlichem Danke und sagte unter Anderem: „Ich habe mir bis zur Stunde den. warmen Hcrzschlyg für alles Hohe und Ideale bewahrt, ferner heiligen Rcspect vor der Wisscnschast und dem freien Gedanken, tiefste Huldigung für die nnwidcrstchlichen Ideale des Christenlhums und eine unbesiegbare Liebe zu allen Menschen ohne Unterschied der Religion und Racc. Mögen Sie, meine jungen Freunde, wenn Sic Gott und eine freundliche Nalür nach den ewig heiligen Gesetzen die Siebziger erleben läßt, mit demselben Be kcnntiuffe von Ihrer Wirksamkeit scheiden " (Hllniailitäres.) Tie. Statthalterci Hai die Statuten eines „Wiener. A r me n b e k l c i du n g S - V erc i n c S" -Proponent Herr M. Alter'! genehmigt, und, um auf dieser Platform die thatiachliche Conslituirnng des Vereines zu bcrathcn, fand nun am 10. d M. über Anregung der Herren M. Alter, Dr. M. 'Renda und Dr. I. Baum eine vorbcrathcndc Bersanimiung statt. Eine den Statuten vorangcsctzte Einleitung sagt von der Grundidee des Vereines: Ter Verein beruht aus der Ucberzenguug, dag unzählige intelligente, arbeitsfähige und. atbeilslustige Menschen dadurch zum Müßiggänge gezwungen sind, daß eS ihnen an den nothwendigen rtleidnngsstücke» mangelt. So mancher Arme löniite im Besitze einer menschenwürdigen Bekleidung direct oder in direct um Arbeit petitioniren;/ fehlt ihm aber die »othivcndige Bekleidung,, so tä die Folge davon: Schüchternheit, Resignation und ichließlieb llntergang Tte Bemühungen deS in Lumpen gehüllte» Arme» -um Arbeit sind vergeblich. Er erreicht, so lange seine Bekleidung nur geringen Annoß erregt, hie und da ein Almo-en, mit welchem er den Tag srisien kann; die Bekleidung wird von Tag zu Tag schadhafter, sie drängt ihn naturgemäß in immer ärmere .'{reife, die Almosen werden spärlicher, ntid der Arme, den ein Kleidungsstück noch retten, dem eS Atbeit geradezu veischasse» könnte, sinkt in Folge mangelhaiter Be kleidung von Stufe zu Stufe und ist rettungslos verloren. Ter Verein beabsichtigt daher mit Hilfe der ösfentlichen Armenpflege «nd der bestehenden Wohlihätigkeitsanstalten dem geschilderten Ucbelstande abzuhelsen und durch lieber »ahme «nd Bertheilung abgelegter sowie neu aiizuichafsender .Kleidungsstücke nach Thunlichkeit dahin zu wirken, daß arme Mem'cheiy die Willen und Fähig feit zur Arbeit besitze», nicht in Folge mangelhastcr Bekleidnng zugrunde gehe». Hervorragende Persönlichkeiten haben' bereits dem Vereine ihre werkthätige Unterstützung zugcsagt. Wir nennen nur: Bürgermcister Dr. R. Grnbl, welcher die Ucberlassung eines Magnzincs in einem, communaken Gebäude sowie eines städtischen TeSinfcctionSapparaics in Aussicht stellte, Baron F. L ei t e n b erg er, Hofralh Freiherr von