Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 151 (24.2.1895)
- Date
- 1895-02-24
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Frei«» Blatt. Nr. 151. arbeiten des Antisemitismus Stellung nehme. Sache der liberalen Reichsralhöabgeordneten, die in Wien wieder zusammentreten, um das Reichswohl zu schirmen und zu fördern,, ift es in erster Linie, trotz alles Gcpylters und Gelärmes der ungeschlachten aiUisemilischen Gegner, Mittel und Wege zu finden, durch welche den destruelivcn Tendenzen des Antisemitismus Einhalt geboten wird. Daß cs solcher Mittel in Hülle und Fülle gibt, ist allgemein bekannt; an gesetzlichen Handhaben, die antisemitischen Umtriebe unschädlich zu machen, fehlt es wahrlich nicht, und es handelt sich nur darum, daß die antisemitischen Störefriede fürder nicht mehr jene prioilegirte Stellung genießen sollen, welche sie seit der A»ra Taaffe einnehmen. Wir wollen kein? AusnahmSgesetze gegen die Antisemiten, wohl aber glauben wir, von den maßgebende» Facioren der Eoalilion auch dem Antisemitismus gegenüber die st r.i c tr Anwendung der bestehenden gesetzlichen Rarmen fordern zu dürfen. , X. B. Die Streiter gegen den Umsturz. , Original - Mitlheilung des „Freien BlaiteS".) Berlin, am 19. Februar. Unsere frommen und hoffähigen Antisemiten machen wieder einmal mehr von sich reden, als sie werth sind. Tie Kampfes- und Agitationsweise dieses antisemitischen Pöbels in Talar und Frack erhebt .sich dadurch, daß sie sich oft bis in die Nähe des Thrones vorwagt, noch nicht um Haaresbreite über die socialistische „1Imsturz"arbeit, welche unsere Fromnien um Gottes und Kaisers willen, vielleicht aber auch ein wenig als gesährliche Concurren; bekämpfen. Sic diese Feinde des „Umsturzes" bei Lichte besehen auSschauen, daß man darüber nicht lange im Zweifel bleibe, dafür sorgen die sauberen Patrone iinvor» fichtigerweise selbst gar eifrig. ° Man erinnert sich noch der unsauberen Agitationen, welche der »in das deutsche Junkerlhum sich gruppirende Bund der Landwirthe 'in Borjahre zu Gunsten einer die wirthschastlichen Grundlagen unserer Gesellschaft umsiürzenden Vorlage ins Serk setzte. Man erinnert sich auch noch der unzweideutigen Mißfallensäußerungen, welche dieserhalb von Teile des Kaisers an die Adresse der Hauplhähne des Bundes gelichtet wurden. Seither hat sich aber in den oberen Regionen ein Silterungsumschwnng vollzogen, wärmere Lüfte wehen für die Agrarier, und der monströse Antrag Kanitz soll neuerlich dem Reichstage zur gütigen Annahme empfohlen werden. Tie Herren wollen diesmal sicher gehen und machen deshalb zur Abwechslung einmal in Loyalität. Gestern erschien vor dem Kaiser eine Teputalion des Bundes mit einerAdreffe, worin »n Rainen von 200.000 Laiidwirlhen das Gehör deS Herrschers Hür die Rolblage der Landwirthschaft erbeten wird. Ter Kaiser sagte den noihleidenten Junkern, die Audienz beweise, wie ernst cs ihm uni daS Sohl der Bauern zu thun sei; die vorjährige Agitation, welche' über den Ralunen des Zulässigen hinausging, habe sein landeSväterliches Herz lief gekränkt. Tie Agrarier mögen sich drum aller sensationellen Agitation enthalten, und dann — meinte der Kaiser — „wollen wir Gott bitten, daß die Bemühungen des Staatsralhes zum Heile der Landwirthschaft ausschlagen". Mit diesen halb rügenden, halb verheißenden Sorten/ welche wie die ermohnende Stimme eines gekränkten, aber seinen agrarischen Kindern leidenschaftlich zugethanen BaterS klangen, gingen unsere braven Agrarier in die Generalversammlung des Bundes, um daraus für Parteizwecke wucherisch Capital zu schlagen. Man ivieS zwar die väterlichen Ermahnungen mit dem Stolze halbwüchsiger Buben von sich, Herr v. Plotz meinte,, „man hätte keiner Mahnungen bedurft" : dafür wurden aber die aus den Worten der Kaisers zu entnehmenden Bersprechungcn in einer nichts weniger als loyalen Weise zur Agitation mißbraucht. Es braucht wohl kaum gesagt zu werden, daß nach dem Programm des Tivoli-Meetings über die ganze Veranstaltung geflissentlich eine grell anlisemitische Couleur auSgegoffen wurde. Tie hohen Herren erwiesen sich als Meister des antisemitischen KneipenjargonS, warfen mit Ausdrücken wie „Knoblauch", „semitisch-römisches Recht", „schmutzige Judenpresse" u. s. w. um sich und hieben auf tos „ internationale Judenthum" ein, als wäre ihnen nur von diesem! .e >'c>naiio>:elle Agitatiousweise zur Last gelegt worden. Heute w.inl c . „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" einige EntrüstungSzähren über :Gen neuerlichen Seitensprung der Junker von der geraden Bahn Anstandes und der Lonalität, doch morgen dürfte die gute Tante wieder in.- Irus <l«??«ous mit den Herrchens gehen gegen llumur; und gegen die Feinde von „Religio», Ordnung und guter Sitte" Roch eine andere Stütze von Thron und Altar hatten wir in >! :.r ganzen Cbar-kleigiöße zu bewundern dieser Tage die Gelegenheit. Stöcker ist zwar eine abgethane Größe, aber er ist doch ein Typus .und wird es für die norddeutsche Antisemiterei stets bleiben. Neulich beging nun der „Vorwärts" die^Jndiscretion, diesen frommen und gegen den „Umsturz" erbitterten Herrn an.einen Vorgang zu erinnern, der sieh Ende October 1881 anläßlich der engeren Wahlen zum Reichstage abspielte. Damals stand im vierten Berliner Wahlkreise Bebel und im sechsten Wahlkreise der verstorbene Hasenclever gegen einen fortschrittlichen Candidaten in der engeren Wahl, wohingegen im zweiten Berliner Wahlkreise Stöcker gegen Virchow in engerer Wahl stand. Diese Constellation suchten Stöcker und seine Freunde zur Herbeiführung eines gemeinsamen Zusammengehens gegen den Fortschritt zu benützen. Und so erklärten sie sich bereit, für den Candidaten der Social-Temokraten zu stimmen, falls die Letzteren die Erklärung 'abgäben, daß der social-demokratischen Partei alle revolutionären Bestrebungen ferti lägen und sie sich auf den Bodell der Socialreform stelle. Wenn dies geschehe, versprach man sogar, für die Aufhebung des Socialistengesetzes zu wirken. Unter den damals maßgebenden Berliner Social-Temokraten fand dieses Entgegenkommen die gebührende Abweisung. Man hielt es aber für zweckmäßig, die Meinung der beiden Candidaten einzuholen, und so erschien in Dresden eine Deputation, die Bebel, Liebknecht und Hasenclever unterrichtete und diese um ihre Ansicht ersuchte. Die Antwort war eine schroff ablehnende. Bemerkt sei, daß nian cönservativerseitS voraussetzte, daß, wenn die Conservativen für die social-demokratischen Candidaten stimmten, die social-demokratischen Wähler für Stöcker stimmen würden. Das Endresultat dieser engeren Wahlen war, daß im zweiten und vierten Wahlkreise die fortschrittlichen Candidaten, im sechsten der social-demokratische Candidat siegte. Diese Mittheilungen des „Vorwärts" verfehlten ihre Wirkung auch in manchen Kreisen, welche noch auf Stöcker schwören, nicht. Eingeweihte und Leute mit etwas befferem Gedächtniffe waren über diese „Enthüllungen" nicht erstaunt; ist ihnen doch Herrn Stöcker's Gesinnungs- und Charakterelasticität seit jeher bekannt. Wurde doch, als eS sich in den Tagen deS CulturkampfeS darum handelte^ einen Mann zum Hofprediger zu wählen, welcher eine vermittelnde Rolle zwischen der alllutherischen Orthodoxie und dem Windhorst'schen Ultramontanismus spielen könnte, Stöcker gerade' für den geeigneten Man» gehalten. Damals, als die Hofpredigerstelle in Frage stand, bekannte sich Herr Stöcker rückhaltslos zur sogenannten evangelischen Mittelpartei und liebte es. Jedem, der ihm über den Weg kam, zu versichern, wie sehr ihm alles Extreme und Herausfordernde zuwider wäre. Alle wiffen, wie blitzschnell sich die Wandlung dieses Mittelparteiiheologen zum starren Orthodoxen und Mucker vollzog. Es ist auch bekannt, daß Stöcker als Socialpolitiker, nie sein Princip „ritt", er war bald Schutzzöllner, bald Freihändler, einmal für und einmal gegen die Sonntagsruhe, aber er war immer ministeriell, weil eS so voni Guten war. Nur ein Steckenpferd hatte Stöcker, von dem er nie abgeseffen ist, seinen Judenhaß, aber fragt mich nicht, in welchen Riehlungen er das Rosinantchen schon getummelt hat: von der äußersten Rechten bis zur Linken des buntscheckigen antisemitischen Angers, heute hieher, morgen dorthin. Das Gewissen Stöcker's ist wie von Gummi, und wir wundern uns deshalb keineswegs, nun zu hören, daß derjenige, der sich jetzt gegen den „Umsturz" heiser schreit, ehemals bei Bebel und Liebknecht Fensterpromenaden machte und, wie unter Liebchens Fenster, lockend auf der Laute klimperte. Aber Stöcker ist ein Typus für die ganze Sippe derer, die sich auf die Stützen von Thron und Altar hinausspiete» lind einerseits Kaiserworte zu wüsten Agitationen mißbrauchen, andererseits mit der socialen Trage zündeln und dabei zum Kampfe gegen die Brandleger rufen. Erinnern sie nicht an jene Schelme, die irgend einen Streich verübt haben und dann nachher, um ihren Verfolgern zu entgehen, diesen laut zurufen: „Fangt den Dieb, fangt den Dieb!" ' M. B—o. (Ttßorah.) „Zu Gunsten eines schwererkrankten Kunstjüngers" veranstalteten die Mitglieder des Raiin und -Theaters am 16. Februar im Carltheater eine Aufführung deS Volksschauspieles „Deborah". Man kennt Mosenthal's unter dem Eindruck der unmittelbar die Freiheitsbewegung von 18-1S ablösenden Reaction entstandenes Werk, daS nicht bloß 'als feuerzüngiges Plaidoyer für die Eniancipation des Judenthums, sondern auch ob seiner durchschlagenden Bühnenwirksamkeit die Reise über alle größeren Theater Europas machte und in. nicht weniger als fünfzehn Sprachen übersetzt wurde. Dos geschah in der Aera des geistigen Aufschwunges. Als zu jener Zeit „Deborah" zu den Repertoirestücken des BurgiheaterS gehörte, fehlte es sogar nicht an Stimmen, welche daS Stück für nicht mehr hinreichend actuell, seiner Tendenz