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Freies Blatt · 1895-02-24 · 151 (24.2.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
151 (24.2.1895)
Date
1895-02-24
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Freies Blatt AbonnemetttSpreiS, Für Oesterreich-Ungarn: ,Van,jäbrig.l> «rotten (ff.!.50) H^.d,adrig., 3 «tonen (ff. 1.50) Für da» gelammte Huilanb: l»an(jäbrig HUbiadrig .6 Marl .3 Mark 50 Pf. Einzelne Nummern 6 kr. Uaiianliele Briefe »erden nicht angenommen. 'Jltbntlioit lind Sl&miiiiftrntiou: (Dr^an zur Abwehr des Antisemitismus. 1 stiittftättc Erscheint an jedem Sonntage. Inserate werden mit 20 Heller <l'i kr ) ffli :,e vier mal gelpaltene Nonpareillrzetl^ beregnet. «Ne-.ue- Anzeiger daS Wort 4 Heller (2 kr.), -.l»i'n.,K'l'.c v.u; Inseraten in unserer Administration ' . im Annoncenbureau M. Duke-, 1. Woll;-.:' Nummer 151. Wien, 24. /ebruar 1895. IV. Jahrgang. Zur Miedereröffnung des Reichsrathes. (Zuschrift, on'ba« «Freie Blatt" ) Au» Mähren, 19. Februar. Unsere Provinzialvertretungen haben ihre diesjährige Thätigkeil beendigt. Eine traurige Ausnahme bildet allerdings der niederösierreichische Landtag, welcher in Folge der scandalöse» Obstructio» seiner antisemitischen Mitglieder sein Pensum nicht aufarbeilen konnte und daher nur vertagt wurde, um im Frühjahr das bisher Persäumte nachzuholen. Heute versammelt sich wieder der ReichSrath, und' wir erachte» es für eine unabweiöliche Pflicht, an unsere Abgeordneten heranzutreten und deren Augenmerk neuerdings auf die Landplage des Antisemitismus zu lenken. Gemäß dem franwüschen Sprichwort?: „L’uppetit vieut en inaiigeiuit!" hat die Begehrlichkeit der Antisemiten derart zugenommc», daß durch dieselbe nicht mebr allein die Juden. sondern gar viele andere Gesellschaftsclassen arg gefährdet werden. Ein kurzer Ueberblick über die rabulistische Thätigkeit der Wortführer' des Antisemitismus wird diese Behauptung erhärten. Die Zeit, da Victor Jstoczy in Ungarn die alleinseligmachende Lehre des Antisemitismus urlli et ortii verkündete, war in volkswirihichaftlicher Beziehung nicht um ein Haar besser oder schlechter als die heutige. DaS Großkapital, ob nun in Händen von Juden ^oder Christen, machte seinen dominirenden Einfluß im Staats-' "leben gerade so geltend wie heutzutage. Jstoczy's Jrrthum, mit der Bekämpfung des Judenthums die Macht des Großkapitals zu brechen, wurde von seinen Nachahmern in Oesterreich scheinbar richtig gestellt, indem sie dem Antisemitismus ein nationales Mäntelchen umhingen. Der Racenhaß war das neue Dogma, > dem die Antisemiten fortab zuschworen. Die Blüihezeit des Arier- IhumS begann. Man suchte nun die „Bekämpfung deS CapitalS" und die „Wahrung deS ArierthumS" zusammenzuschwcißen, allein die Frucht der weiteren Entwicklung war ein ganzer Rattenkönig von antisemitischen Parteibildungen, deren eine einen Gegensatz zur anderen bildete. Während die christlich-socialen Antisemiten verichämt den Racenstandpunkt bei Seite ließen, erhoben die Nationalen den Schlachtruf: „Unverfälschtes Arierthum!" und schalten ihre antisemitischen Brüder — Neu-Hebräer. Die Geister, welche beide antisemitischen Parteien herbeigerufen, erschienen zur größten Freude der Social-Demokraten, für die beide Parteien vortrefflich vorgearbeitet haben. Die Absicht, nur jüdisches Capital bekämpfen zu wollen, mag von manchem Christlich-Socialen wirklich ernst gemeint gewesen sein, mußte aber nothwendigerweise häutig zum Kampf - gegen jedes Capital, ob groß oder klein, kurtweg zum Kampf gegen das Eigenthum als solches führen. Die Utopien eines ThomaS Morus, Campanclla rc. sind nur Spielereien gegen all die phantastischen Hoffnungen, die man an den Sieg des Antisemitismus setzte. Die absolute Gleichheit aller Brüder in Christo wird nun auch als das Endziel der gesellschaftlichen Ordnung angeführt, wie sis gewissen christliche» Sorialreformern vorschwebt. Das Labyrinth der Widersprüche, in dem sich die Socialisten bewegen, ist insbesondere zur Heimstätte der Antisemiten geworden, und die Worte, welche Alfred Sudre über die Tollhäuslerei deS Socialismus schrieb, passen vortrefflich für den Antisemitismus. „Zuerst," sagt Sudre, „sind co die Verbote nhtd Beschränknngen der Ansammlung von Reichthumeni, Maxima, progressive und LuxuSstenern ohne Schranke und Norm, ein absolutes Recht deö Staates an dem Vermögen der Indio duen, die Verpflichtung der Gesellschaft, ihren Mitgliedern Eavital und Arbeit zu gewähren. Bald zeigt sich die Ohnmacht dieser Mittel, .und die Vernichtung des individuellen Eigcnihu.no und der Familie erscheint als die nothtbendigc Vorbedingung der Gleichheit." ~ Daß es Ungleichheiten der physischen Kraft und Geschicklichkeit, Ungleichheiten der Intelligenz, des MntheS, der Energie und der Ausdauer gibt, das ist namentlich den geistig inferioren Christlich Socialen ganz „schnuppe". Ein ^faiblcx- Gregvrig spricht weg ' werfend' über die nliua tnau-r vicniit*nsi>, ein 'Mechaniker Schneider predigt öffentliche Moral, ein Lueger, an dessen Namen sich das geflügelte Wort vom „Beuschel-Ausziehen" knüpft, geriet sich als selbstloser Volkstribun. Der geistige Cretinismns wird für Genialität erklärt, dummblödc Hände betasten Gebilde turnt, krischen Schaffens, sie nach ihrem Realwerthe schätzend; der kaum flügge gewordene Bruder Studio erklärt seine - Professoren für korrupte Judenknechte, der Caplgn aberkennt nicht die Autorität seines Bischofes, sondern verkehrt durch die Vermittlung der Liechtenstein, Gregorig, Lueger, Schneider e tutti '>,ti!Uiti mit dem Papste. Die Versammlungen in den Vertrctungskörpcrn bieten Scenen dar, die sich mit den Anfmischern der ordinärsten Bräunt Weinschänken kaum messen können; das Anjeheck der höchsten SlaalSbeamlen wird in der frivolsten Weise herabgesetzt, frechdumme Aufgeblasenheit, verbunden mit bemitleidcnswerther Un wissenheit, rüttelt unter dem Bcifallsgejohlc eines gedankenlosen Pöbels an den Grundfesten des staatlichen Lebens. Geschützt durch die Immunität, schleudern Abgeordnete, denen man als Menschen höchstens einen Fußtritt gesellschaftlich versetzen würde, durch die. Fenster hinaus Verleumdungen, Lügen, Entstellungen :e., werfen Zündraketen in das leere Stroh ihrer denkfaulen Hörerschaft und haben die eherne Stirne, sobald cs gezündet, die staatlichen Organe hiefür verantwortlich zu machen. Wenn «eine erfreuliche Lichtseite in diesem destructiven Gebühren deS Antisciniiisiniis constatirt werden kann, sch ist es die, daß der Antisemitismus mit seinem AlleS beschmutzenden und durchätzenden Geifer sich nicht an das k. u. k. Heer und seine Vertreter hcranwagt. Leicht begreiflich! Die Herren vom Militär verstehen keinen Spaß, und wissen sich wüster Gesellen zu entledigen.*) Wie sehr das staatliche Leben, die öffentliche Moral und Sitte, das allgemeine RcchtSbewußisein und Rcchtsgefühl unter solchen Verhältnissen leide», ja leiden müssen, zeigt jeder Tag. Alle Bande deö staatlichen, vom-Geiste des Rechtes gefügten, Orga niSmus werden von wahrhaft calilinarischcn Existenzen zu durchbrechen gesucht. Und da ist cs wohl die höchste Zeit, daß der Staat einmal in entschiedener Weise gegen die subversiven Wühl- *) Der geehrte Herr Verfasser irrt sich. Wir erinnern an Türl'S AuS lassuuge» über die Bundesirene des österreichischen Heeres, a» den Proeest Ecudier und an de» Angriff de» sonst in Patriotismus -nrachendcn Lueger aut den FZM. Freiherrn v. Schönsetd — einen Vingriff, den in de» jiingftcu Tagen da» schamlose Anlisemilendtällchen, welches Lpttzer Weimar teilet, in srectier Weise erneuerte. FZM. Freiherr v. Zcudier hat srenich seinen Verleumdern eine wohlverdiente Züchtigung nicht erlasse». T. vi.

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