Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 150 (17.2.1895)
- Date
- 1895-02-17
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
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Seite!*. Nr. 150, .freies Blatt. Pros« in duS Gebiet der Satyre oder des AngrifföwitzeS, wie .f>ei»c sogt. Bon liebenswürdiger Heiterkeit ist der bereits erwähnte Lpaziergang dcö „Rabbi" und seiner Gattin durch die Stadt. Wen» sie die goldgestickten, schöne» Kleider, die da zur Messe ausgestellt sind, mit lausend Schclinciiangen anbliuzel», sagt der Rabbi mit ernster Milde: „Mach die Augen zu, schöne Lara!" T« sie einem „Rudel fahrender Fräulein" begegne», sagt der Rabbi wieder;» seinem Weibe: „Mach die Augen;n, schone ^ara." Und alS ihnen spater eine Procession von Mönche» und Erucifixen cntgegcnkoinnit, spricht der Rabbi abermals zu scinci» Weibe: „Mach die Auge» schöne Lara!" Di»" künstlerische GestallungSkraft Heinc'S offenbart sich aber an, schönsten in dein Auftritt am Gilterlhor der Frankfurter .uidengasse. Hier ist wirkliche epische Lchövfcrkraft. nicht bloß 1»-. siche Lnbjectivilät! Hier beginnt auch eigentlich zuerst der Xiiiloii,. während bis dahin die Gcschichlscrzählung vorherrschte: hiev fallen die ronianlischcu Eonlissen» und die DarstellungS- ,-at'e deS Dichters tritt in voller Deutlichkeit hervor.' R Der jchwere, dicke Droniniclhano, der mit seinem rauhen Bicrbaß die Melodie deS alten Hiebes gurgelt, daö einst „die Geißler bei der :.ee»schlacht" gesnnge'»,'") und der daö Thor von außen bewacht, v ängstliche Raseuftcr», dessen Lebensmotto das Won ist: „Ich a nur ei» einzelner Mensch" und der mit Beitel-Rindökopf das ■ von innen bewacht, endlich Jäckel, der Rarr, mit seinem - bend vollrothcn Gisicht und der unmenschlich großen Fleischhand, sind plastisch hervortretende Gestalte», die in einer ergötzlich raiiialischc» Lcene unS vorgeführt werden, und auö deren Eigenstn.inlichteilcu sich wie von selbst die Wahrheit des Wortes ergibt t itv „Rabbi" feiner Gattin seufzend zuruft: „Lieh', schöne Lara, wie schlecht geschützt ist Israel! Falsche Freunde hüten s.a>- Thore von außen, und drinnen sind seine Hüter Narrheit -und Furcht!" Xer.Humor der Iudcngassc ist »ieiualS drastischer und zugleich auch wahrer geschildert worden, als in den nun folgende» X.enc» vor, in und nach der Synagoge. ") Da ist zunächst der R , länger, dann ^cr Bassist, der natürlich „rin. größerer Narr ,!!. als man von einem Baß zu verlang,» braucht", und endlich d>: fein und süß ltillernde Diseanl Länger. Dann die „Weiber ,ck:ü"! Das ist nämlich die besondere Ablheitung für Frauen in *1'» allen Lynagoge». Eine ganze Galerie von Fraucugrstalle» ans dem Ghetto wird u»ö hier mit erfrischendem Humor vor gesiibrt. Sfl zeichnet der Dichter diese Gestalten nur mit wenigen Strichen, gleichwohl athinen sie Alle volles Veben, und man wird niemals die Empfindung loS, daß diese Gestalten ans wirkliche Modelle zurückzuführen sind, die ihm zu feinen Bilder» gesessen . d>> auch nicht gesessen haben. Ei» sonniger Hnmor liegt vor Allem über der Gestalt der Schnapper-Elle. Mit wahrem Behagen verweilt der Dichter bei dieser Schilderung; hier hörl die Schnurze und die Anckdoie ans, ai'd die echt hnmoristische, die volle künstlerische Wirkung »imnil uns Alle gefangen. Lch»apper-Elle und Nasenster», Trommelhans und ■x Rarr Jäckel sind neben Hirsch Hyaeinih und'dem Marchese 'Nimpclino lebendige und wahrhaftig sehr drastische Zeugen einer -s'estallttiigSkraft, die der Rahme» des lyrischen Einpfinduiigslrbens wohl zu sprengen und „Menschen zu formen" vermocht hat nach siiiici» Bilde: ei» Geschlecht, das, ihm gleich, zu leiden, zu weinen, tu genießen und sich zu freuen und keiner Schranke zu achlc», wie der Schöpfer selbst., Ei» Rcichlhui» von charakleristischen Züge», "» >>', Ri? st ", ib. 242 ff. ’ l?) Tics igeißlerlied hat Heine wahrscheinlich de», Buche non E Förste-! i„a,m, Xie christliche» GeißlergefeUfchaflen (Häkle 1828), L. 2>-8, cnllehnl, ,vo! der Ten allerdings etwas verändert ist. i>.. 249 st ' j . von denen jeder einzelne genügen würde, die Gestalt lcbenskräsiig vor unö aussteigen zu lassen, ist über die Bildergalerie der „Weiber , fehlst" auSgebreilet. Da ist zunächst die „Borklal'cherin" Hündchen Rriß, eine glntle, grünliche Frau, die jedes Unglück winerie und immer eine seandatöje Geschichte aus der Zunge trug. Dann' solgl Bügele DchS, „eine runde, envas läppische Frau", ferner Luschen Flörsheim und Frail Flüich, die sich so freundlich die Hand brücken und sich doch hassen, wie »„Midian und Tie istrone aller Frauen in de-r Weiberschnl ist aber.nirslrElig die Schimpfer Elle. Die Lchildernng dieser Frau reiht sich de» best ri Ebarakler Zeichnungen -voii Fritz Reuter an. Wir hörcu-fchon von ihr, bevor sie auslrilt,. und unsere Neugier wird rege gemachl ans „die -breite, putzbcladciic Frau von iniillereiu Aller und gar gcsvreizl wohl wollendem.Wesen", die wohl leine große Schrislgcl.hrte wirr, da sie' viele Worte allzu sehr nach Gutdünken aussvrach und manche- -.gute Zeile ganz „übcrichlnpperle". stenn wird uns die Frau selbst 'v.orgesührt. Schon ihr Anzug ist überaus cha-aller istisch: „Ein weil aufgcbauschter Rock von weißem Alias, worin alle Thierorlen der Arche Noah, grellfarbig gcflickl, ein Wams ooiß Wellilesi wie >iüraß, .die Acrniel von rolhein Lammt, gelb geschlitzt, auf dem Haupte eine unmcnschlich hohe Mütze, um den Hais eine allniachiig riraiise von weißem Llcislinnen sowie allst) eine silberne »teile, woran allerlei Lchaupfennige, Eamcen und Rarilälen, linier Andcrcin ein Bild der großen Lladl Amsterdam, bis aber den Busen herabt äugend". - Nnn erzähl! sie ihre hebensgcschichie. Sie ist in Holland wegen ihrer Schönheit gar vielen Nachstellpnge» ansgesetzt gewesen, je hi ist sie Wllwe und Borsteherin einer Garküche. Gleichwohl hält sie noch immer ans eine schöne Hand, und Hündchen Reiß eopirl zum Ergötzen der.ganzen Weiberschnl ihre „erzwungen voriuhinen Getcrdcn und den schmachtende» Anstand, 'mit dem sic die schalt haste» Huldigungen der Jugend entgegcnnimmt". Als Bügele Bchs sie vcrtheidigl ilnd dabei die Bemerkung fallen läßt, die Schnapper Elle Urne sehr viel Gute'ö an heule, die cs nölhig Hallen, da zifchl Hündchen Reiß dazwischen: „Besonders gn dem 'Nasenstern". Und .Alle, die das zarte Beihallniß kaniile», lachte» um so lauter. Und wir lachen »ist .ihnen, denn-wir eriiniern uns der Worte, welche Jäckel, der Narr, schon am Eingänge zum Iudenlhore an Frau. Sara gerichtet hat: „Fürchtet Euch nicht, schöne Frau, der Nasensteril thut Euch nichts zu Heide .Nur für die alle Schnapper-Elle .ist er gefährlich. Lie har sich in feine Nase verliebst aber die verdient es auch. Sie ist'-schönwie d,r Thurin. der gen Damaskus schaut, und erhaben wie die Ecdern des hibanons. Auswendig glünzl sie wie Glinimgold und Slirnp, und, inwendig ist lauter Musik und hieblichkeil. Im Sommer blüht sie, im Winter, ist-sic zugesrore», und Sommer und Winter wird sic gehäischclt von Schnapper Elle S weißen Händen. Ja, die Schnapper Elle ist vcr liebt in ihn, ganz vernarrt. Sie pflegt ihn, .sie fnilerl ihn, und sobald er feil genug ist, wird sie ihn heiraten, und für ihr Aller ist sic noch jung genng, und wer mal nach dreihundert Jahren hieher nach Frankfurt fömmi, wird den Himmel nicht sehen können vor lauter Nascnsteriien." Ich will hier im Bmbiigehen nur b,merken, daß alle von Heine in diese!» Fragment genannte» Name», wie Flörsheim, Reiß, Dchs Schnapper u. s. iv. damals wirklich in der Frank furler Indengaffc existirlen, daß.Heine »iöglicherw«ie in Beitel Rindskops seinen ehemaligen Ehef, den Banquier Meyer Beer Rindskopf zu zeichnen versuchte und daß er in dem Najenstern eine bestinimle Persönlichkeit persiflire» wollte, die diesen Spitz nanie» wirklich geführt hat.-'-) Auch in der „hulctia" wird der Nasen Ein allindischeS Lprichivorl, da» Midian und Äoab. zwei arabu'ebe Pölterstäinine, die, obgleisti Raäibarn, sich doch siel? ie,üblich hegenuderslanben;>u» Si,»ibol de» Hasse» nnler/Belaiunen in-.rchl. M Vl :!R). VII. 2!»!' tf