Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 150 (17.2.1895)
- Date
- 1895-02-17
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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r Seite 4 .freies Statt. Nr. 150.' und die-schönsten Zustände verspricht'? Solche blöde Hetzreden haben ja seine Wähler oft und oft von ihm gehört, aber es macht diesein edlen BolkSvertreter viel Spaß und Lergnügen, die Juden in öffentlicher Sitzung der Landboten ein gottverfluchtes Gesindel zu nennen, dieselben Juden, welche mit allen Aposteln eines Stammes sind. WaS will eS bedeuten, wenn Schneider die wiffenfchaftliche Behauptung aufstellt, die Juden feien anderen Blutes? Wäre es doch eine sehr zweifelhafte Ehre, vom Blute des Herrn Stampiglienfälschers und StimmzettelescanioleurS Schneider zu sein! Das Alles würde nichts bedeuteli. Aber man sieht täglich in allen unseren BertretnngSkörpern, daß sich die liberalen und conservativen Bertreter von solchen Elementen rerrorisiren lasten, daß diese antisemitischen Eumpane auch RegierungSorgane beschimpfen, verhöhnen und gar keine Autorität achte». Das muß zur ärgsten Discredikirung aller parlamentarischen Einrichtungen führen und ist Wasser 'auf die ohnedies rüstig arbeitende Reactionsmühle. Haben denn die Bürger Oesterreichs vergesten, mit welchen Mühen die liberale Partei aus Oesterreich einen Berfassungsstaal geschaffen? Soll das sauer und schwer Erworbene durch diese geist- und sinnlose Bewegung vernichtet werden? Gehl denn Riemändem bin Licht auf, daß es sich schließlich und endlich nicht um den Juden allein handeln wird? Daß alle Unifturzbewegungen mit Anfeindungen der Inden begonnen haben und kein „Arier" von dieser anfangs gleichgiltig betrachteten Judenhetze verschont bleiben kann, wenn sie ihre gefährlichen Eonsequenzen zieht? Tic nciltste Großthat der Bolkssreulidc.) lie Antisemiten setzen alle möglichen Hebel in Bewegung, um den Beamten- und Lehrerstand zu den bevorstehenden Gemeinderathswahlen für sich zn gewinnen. Einer sehr verläßlichen D-uelle verdanken wir die Mittheilung, daß der ReichSralhsabgeordneke Dr. Geßmann schon seil längerer Zeit damit be'chäfkigt ist, eine Dienstpragmalik für k. k. Staatsbeamte auszuarbeiten. Dieselbe soll knapp vor dem Wiederzusamiuenirille des Reichsralhes in der „Reichs post" veröffentlicht werden i und den Anlaß geben, um nachher, in antisemitischen Wählervcr samnilungen ans die neueste „große Dhat" der antisemitischen Bolksireundlichkeil Hinweisen zu können. Dabei werden natürlicherweise die alteren diesbezüglichen Bemühungen der liberalen Partei, den ReichsrathSabgeordneten Dr. Promber, Freiherr v. Scharichmid re. auch nicht mit elner Silbe in Erinnerung gebracht werden. Tie . Beaniln und Lehrer dürsten also binnen siurzem davon felsenfest i überzeugt sei», daß Die um Geßniann ihre einzigen wirklichen Freunde sind. iAus forlfchrittlichen Bcreiucn. p I» einer a», o. d. M. statt-": gehabte» zahlreich besuchten Bersammlung des Bereines „Union" wurde eine Resolution mit Stiinmeneinhelligkeit angenommen in \ welcher das Bedauern darüber ausgedrückt wird, daß in der Sitzung des Landtages vom 5. d. M gegenüber der nackten Anfsorderung eines Abgeordneten zur Beraubung und Austreibung der jüdischen i Mitbürger weder der L an dm a rs ch a l l, noch irgend ein > Mitglied der liberalen Partei die der Würde des; Landtages und den Gesetzen sowohl unseres wie jedes j civili >' irten Staates entsprechende, z u r ü ck w e i s e n d e! Antwort gefunden hat. — Ans dem X. Bezirk schreibt man uns: Freitag den 8. Februar fand die Generalversammlnng des „Politischen G es e l l i g ke i t s v er e i n eS" im X. Bezirk statt. Rach Begrüßung der Bersammlung durch, den Sbmann, Bezirksvorsteher-Skellvertretcr Herrn Pabeschitz, machte dieser den Anwesenden die Mittheilung, daß sich behufs der Leitung der lommenden Gemeinderathswahlen bereits ein Wahlcomit«'-, bestehend aus Hausbesitzern, Fabrikanten, Geichäitsleuten, Lehrern und Beamten, mit dem Gemeinderathe DolainSki als Sbmann gebildet habe, und er hoffe, daß bei der ganz besonderen Wichtigkeit der diesjährigen Wahlen, wo es sich im X. Bezirke darum handle, die jetzt im Besitze der Antisemiten befindlichen zwei Mandate des zweiten Wahlkörpers wieder zu gewinnen, nicht allein daS Wahleomit,'-, sonjfsttzn auch alle freisinnigen Wähler ' und voll ihre Pflicht chun werden. Die heurigen Wahlchancen > ’\:en so günstig, daß auch die Eroberung des einen Mandates aus! dem dritten Wahlkörper keineswegs ein Ding der Unmöglichkeit sei; eenialls werde nian auch da den Kampf anfnehinen. Zum Schluffe ir .chtc Herr Pabeschitz noch die Mittheilung, daß von einer Seite, die t'.eue Bundesgenosienschast gelobt habe, plötzlich, obwohl die Candidaten t r .geraten Partei kein Geheimniß mehr find, ein Candidat ausgestellt wurde, der weder im Bezirke bekannt, noch populär sei. Er warne vor dergleichen Wagnisien: eS könnte sonst leicht geschehen, daß der Freisinn abermals unterliege, was gerade für den X. Bezirk von 'ehr schwerwiegenden Folgen sein würde. Er glaube jedoch, daß man bei reiflicher Erwägung von einer Sondercandidarur abstehen und die ko nothwendiqe Einigkeit nicht stören werde. — In einer vom „Fortschrittsverein im XIII. Bezirke" einberufenen Wählerversammlung wurde für daS durch den Rücktritt des verkrachten Antisemiten Ziegelmanger erledigte Mandat des dritten Wahlkörpers der Obmann des SrtschnlratheS, Fabriksbesitzer W. Gedliezka, als Eandidat ausgestellt. Für das Mandat des zweiten WahlkörperS wird Stadtrath v. G ö tz neuerdings candidirt. In seinen! mit lebhaftem Beifall anfgenoinmene» Rechenschaftsberichte sagte er: Bedauerlicher' weise können die Arbeiten der Gemeindevertretung durch den Herr schenden Parteihader nicht zum erwünschten Ende gelangen. Es sei w a h r l i cks d i e höchste Zeit, daß den Scandalinachern das H a n d iv e r k gelegt werde. l?ic Retter dcs.klcillcn Mannes.) In de» ehemalige», mm 5» Wien einverleibten Borortegemeinden war es seit dem Bestände der freiwilligen Feuerwehren üblich, daß man bei Besetzung von Gemeinde dienerstellen solche Bewerber bevorzugte, welche dem freiwilligen Löl'cl> cprpS des betreffenden H'rles angehörten und von dem Commandanlen desselben als „besonders qnalificirt" bezeichnet werden konnten. D>- meisten der in Folge der Einverleibung dieser Gemeinden von der Großeommnne übernominenen alten „Grundwachter" haben sich. bi> zu ihrer' definitiven AnsteUnng, zum Theile auch später noch als frei willige Löjchmänuer in lobenSwerther Weise hervorgethan. Gegenwärtiq sind noch sechsundzwanzig Gemeindediener in de» ehemaligen Bororte gemeinden Mitglieder freiwilliger Löschcorps, welchen sie seit zehn, fünf zehn, zwanzig und noch mehr Jahren angehören. Die Mehrzahl hievon hat sich durch Lebeiisreltungen und sonstige kühne Thaten auf Brand Plätzen und bei anderen Ungliicksfällen ausgezeichnet. Alle diese Brave» erfreuen sich des besten RnfeS nicht nur in Feuerwehrkreise», sonder» auch seitens der Bevölkernng Ihres Bezirkes. Rieinandeni ist es bisher eingefallen, zu fragen, ob die Eommune durch diese sechsundzwanzig Gemeindediener deshalb, weil sie auch Mitglieder der freiwilligen Lösch eorps sind, geschädigt werde; denn allgemein ist eS ja bekannt, daß die Gemeindediener in der Regel von den ersten RachmittagSstniiden an bis zum nächsten Morgen dienstfrei, daher i» der Lage stnd. Abends und während der Li acht als freiwillige Feuerwehrmänner Wach und Löschdienste zn verrichten. Erst dem bekannte» antisemitischen Bolksfrennde von Hernals, Gemeinderath Eigner, war es gelungen, die Aufmerksamkeit des Stadtrathes auf die oben erwähnte» sechsund zwanzig Gemeindediener zu lenken, indem er gegen dieselben in ösienl licher Geineinderathssitznug den Borwurf der Dienstvernachlässignng erhob, Gemeinderarh Eigner forderte den Sladtrath auf, diese sechs u n d z w a n z i g M ä n n e r zum Austritt ans dem frei willigen Löschcorps zu zwingen. Der Stadlrath ließ sich in der Thal hiezu bewegen; er decretirte, daß kein Gemeindeangestelller einem Fcuerwehrvtrein angehören dürfe. Durch diesen Beschluß des Stadtrathes sehen sich die hievon Betroffenen, fast durchwegs Familienväter, i n s o f e v »e empfindlich geschädigt, a ls sie im Falle ihres Austrittes ans dem Löschcorps der ihnen seitens der Feuerwehr-Kranken nute r st ü tz n n g S c a s s e z n g e s i ch e r l e n (Genüsse vertu st i g würden und kn n ft i g h i-n keinerlei Bortheile durch ihr» im die lauten, mehr Hütten. So sieht die Arbeit der Anliseniiten für dje Rettung des „kleinen Mannes" aus. Die durch dieses Rettungs werk bedrohten sechSundzwauzig Gemeinded^ner haben sich denn auch binlich an den Stadtrath gewendet, damit dieser den in Rede stehenden Beschluß dahin ergänze, haß derselbe auf die gegenwärtig den frei willigen Feuerwehren angehörigen GemeindeangesteUtennicht rückwirkend sei. Bis heute ist indeß die Entscheidung in dieser Angelegenheit noch ansstehend. , („Illdcllschlllrn" iu BiilttlltN.) Rach dem im böhmischen Landlagvom Landesausschuß erstatteten Bericht über den Stand des Bolle schulwesenS vertheilen sich die 287 Privätschulen Böhmens in con fessioneller Hinsicht wie folgt: katholischest tschechische, -10 deutsch , 2 utraanistische, zusammen 04; evangelische: 51 tschechische, I 4 deutsche, zusammen 04; israeli'tischc: .4 tschechische, t>0 deutsch, 2 nlraquistische, znsaminen 05, und interconfessionelle: 20 tschechische und 44 deutsche, zusammen 02. — Die Juden besitzen ssnach nicht nur relativ, sondern auch absolut die meisten Privat schulen, und uvar i'olche mit deutscher Unterrichtssprache mehr als die anderen Kategorien zusainmengenomiiien. (Ein Äirchrnsürst für den confcffioucUcu Frieden.) Ter »eiernannte Fürstbischof von Krakau, Johann v. Puzyna, empfing unter zahlreichen Begrüßungsdeputationen auch den Borstand der Krakauer israelitischen Cullusgemeinde. Der EultuSpräsident Dr. Leon Horowitz hielt eine Ansprache, in welcher er sagte, die Bergangen heit des Fürstbischofs gewähre eine Bürgschaft deS Fortbestehens n» Laufe der Jahre eingelegten M itg liedsbeit räge, sich bei jedem Einzelnen ans 200 bis 300 fl. be