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Freies Blatt · 1895-02-17 · 150 (17.2.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
150 (17.2.1895)
Date
1895-02-17
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Nr. 150 .fiele» Blatt. r-citr 8 Wenn wir diese Zahlen im Gegensätze zu gewisse» orthodoxe» Kreiselt mit Freuden begrüßen, so gilt diese natürlich nicht dein Um« stände, daß die Mischehen numerisch dem Chrii'lcnlhnme zugute konimcn, sondern der Thatsachc, daß trotz Antisemitismus, religiösem Fanatismus und nationalem Chauvinismus die Assimilation im Deutschen Reiche rüstig fortschrcitct und daß die Confessio» tci» ernstliches Hinderniß für die Annäherung von Menschen zu Mensche» bietet. Daß die Zukunft noch günstiger sein wird als die Gegenwart, beweisen vorstehende Zahlen. Tenn ob nun die Kinder solcher Mischehen in eine jüdische oder eine christliche Matrik eingetragen sind, im ' Großen und Ganzen ist anzunchmcn, daß der Nachwuchs solcher Chen vorwiegend in der eine» großen Religio» der Toleranz sind Mcnschcnbrüderlichkcit erzogen wird, die kein RSHrboden für ChanviniSnÜis; welcher Art immer ist. v. ,1. tAllS bellt VflllbtUflC.) In der Sitzung des niedcröstcrrcichischcn .nndtageS vom i). d. M. wiederholte Gr cg orig feine Bcschuldi -uiigcn gegen den Bürgcrincistcr von iltotauii. Lueger sprang ihm hilfreich bei und attaquirtc auch den Abgeordneten M a r e s ch, welcher .l-cnso wie der Bürgermeister, von Rodau» bald Antisemit, bald Libe .alcr sei.. Ter Angegriffene setzte sich aber zur Wehr nnd fertigte Herrn Lueger mit folgenden Worten ab: „Abgeordneter Lueger soll ch selbst bei der Rase nehmen. Wie oft hat er die Gesinnung .wechselt? ES gibt kein Kind in Rieder äst erreich. . e l ch c S d a S n ich t >v e i ß. Ich bin neugierig, nachdem er . n nenn Häuten gcfte(f t hat, in welche zehnte Hanl er -och krieche» wird." Diesf Abfertigung war für Herrn Viicgcr ::ii so schmerzlicher, als Herr Mansch die übrigen Antisemiten durch .n Ausspruch erfreute, daß jeder anständige Mensch bis zu einem -wissen Grade Antisemit sein müsie. Daß die Begriffe Anstand und .inliscmitisniuS einander ausschließen — von dieser Erkenntniß ist >-.>r Mansch noch fern; die Erfahrungen, die er selbst gemacht! hat, ->hcincn ihn noch nicht gehörig gewitzigt zu haben. — Am 12. bl M -chrilt der Landtag zur Bcrathung der durch die Einverleibung der -ororte in Wien »othwcndig gewordenen Wahlreform, mit welcher die ckiiliscmiten nicht einverstanden sind, weil man ihrem Ansinnen, ihnen Mehrheit in-der künftigen LandcSvcrtrctung zu sicher», nicht Folge iffetc. Es stand von vornherein fest, daß man von antisemitischer i.-ttc die Reform der Wahlordnung nöthigcnsallS durch Abfenlircn; '» der Abstimmung vereiteln werde, da die Liberalen selbst über die :i Beschlußfassung erforderliche Anzahl nicht 'verfügin. Am >2. nnd M d. M. war aber der Landtag der Schauplatz einer scandalöfcn - .dtrcde-Debatte. Die Wahlreform bot den Schneider und Gescn :c. Airlaß, zum so und sovieltcnmale die ihnen mundgerechten Ausdrücke „Bande", „Gesindel", „Berbrenneu" u. f. w. neuerdings, anizutischeu. In Gesellschaft der Juden wurde zur Abwechslung von -.-mein christlich-socialen Redner auch Marlin Luther verschimpfirt. Weiterniachte sich der Großcapitalist Pacher — der Carneval steht eoch jetzt in vollster Blüthe — abermals den Spaß, die Schlechtigkeit des Kapitalismus zu verkünden und, da seine eigene arische Abstammnng mehrfach bezweifelt wird, demonstrativ den Racenhaß als Univcrsalbcilmittel anzuprciscn. All diese Auslassungen hatten jedoch nur dev. Zweck, dem Landtage Zeit zu rauben und es zu verhindern, daß die li.ronit der Geschäftsordnung in dieser Session zur Berhandlnng '-»ime, deren Rothwcndigkeit in dem Berichte des Gemeinde- und RerfafsungsauSschusseS vom Referenten Roske wie .folgt begründet eird: Ter Ausschuß hat es angesichts der gegebenen Verhältnisse als dringend sihwendig, ja als eine Pflicht deS Landtage» gegen seine Mitglieder und gegen mßenstehende erachtet, dafür vorzusorge», daß die Ehre derselben nicht schutzlos i öffentlicher Sitzung Angriffe» von Abgeordnete» preisgegeben fei. Tein kost- A.-.'ii Rechte der Immunität steht die heilige Pflicht des Abgeordneten gegenm-, sorgfältig jede« Wort, daS er gegen Ehre »nd Ruf von Andere» richtet, -znwägen, ehe er es ausspricht,- gerade iveil er dafür dem Angegrisfenen nicht 'sede u»d Antwort zu stehe» braucht. Wird diese Pflicht persänint und leicht- - -rüg auf bloße Pernnilhungc» oder persönliche -Eindrücke hin eine Anklage er .den, so entsteht ei» daS öffentliche RechtSbeirußtiei» foivie die Aufgabe» und -- Würde eines parlaiitkiitarifchen Xörper» schwer schädigendes Berhältniß: die '»rinunilät wird zur Dienerin von Partei» »nd persönlichen Rachegelüsten eruedrigi; eS entsteht in der Bevölkerung daS peinliche u»d einen BerirelniigS- ,rper aufs Tiefste herabwürdigende Gefühl, daß dieser BertretnugSkörper eine Ireistätte fei, in welcher die Ehre Anderer ohne die Pflicht der Verantwortnilg :»d in mißbräuchlicher Anwendung eine» zu ganz a»dere» Zwecke» geschaffene» Vorrechtes schutzlos hingeopfert werden könne. Es liegt im höchste» eigene» .-»terefle eines BertrelungSkörperS und im öffentliche» Intereffe, daß einen, elchin Zustande, wo die Gefahr desselben sich zeigt, so wirkiani als möglich vorgebengt werde; an» dic'er Eritägnug iägägi r>>- Aneichnü vor.' ceni Ab geoldiielen die Pflicht atckzncrlegen, p,r vnliche Angeiegei.beite,i, die sich uichi auf. den WitknngSkreiS veiantwortliäier Trgäue bcpel-'en, u'tfni sie ,u.t, d,üe. ganz ans den Verhandlungen tes Landtages a»sg>>t!:li>si„ i.:. nur in ver traulicher Sitzung voiznbringe» nnd eine Uebertreinng ki.si: eine,, c^ebon parlainentarische» Anstande» inner llnisiäiideii fcfo;t mit eine, ,i.-„ etnznsnhienden Tiscipltliarsi't-as«, der AnS'chließinig inr die-Tauer N\ i-.i'iir -. ebuden. TaS Recht zu dieser Ausichließnng an» teni erwähnt,» Grnieee . 7e-, bei fort gesetztei» ansiai dSwidrige» Benehmen ergibt sich au-S der tzwoe n k.if; , dem einzelne» Abgeordneten nicht rnuöglicht ine,den dai> ..in d , g.-'i.utel - 'ein laiin, traft ieincs Rechtes ans den Sw >»> »daiffe dgs g,R n» .,uei übrigen Abgeordneten dnich sei» Beiielnne» zn veeü-.iiächligei, nnd den ..'.,„nn:>„ Landtag in der Eifüllung seiner Piticht einer 'aeligr,näßen, nnd Er ledignng ieiner Albeiten zn hindeln. sollst siebt das Re,tu o,S »->-. i,be. dem Rechte Aster, nnd ein 'oletier TerrorismiiS wurde zur p.t,!anin - ü.1-. n Einrichtung. , » . .. Die Debatte über die Wahlreform wurde dann abgebrochen, den kurzen elrest der Session zur Erledigung des LandeSbudg,:-,- - z.» - benützen. Tje Antisemiten lriumphiren über den Erfolg ihre.- Tb structionspolitik und ihres Terrorismus. — Es ist ihnen übrigens .tiiel, 14. d. M. gelungen, den Landtag, wie Roske treffend bemerkt, „in t-.-r Erfüllung, seiner Pflicht einer fachgemäßen nizd würdigen El ledig!,,,.; , n .-> Albeiten zu hindern". ES wurden neue Hetzreden gegen Inden nnd „Illdenftämmtiiige" gehalten. Insbesondere Hauck. eiferte dagegen.- daß .man die Letzteren als Geineindcärzte siibveniionire Tr. W eir! o >' erwiderte: „Es ist doch, eine seltsame Znmtiihliiig, daß wir nnlersnchcn sollen, ob nicht einmal in den Ader» eines Borsableu femiiischcs Blut gcflosicn ist. Wenn Inan dies tliun würde, fo töuiriees geschehen, daß, wenn ein Sohn des. vom Abgeordneten Hauck so hochverehrten Schönerer cinniak Mcdicin stiidircn sollte nnd n», eine solche Stelle compctiren würde, bei der Untersuchung gefunden wenden könnte, daß er von irgend einer Seite von fanatischer Abstammting sei." Tie Antiscinitcil hatl'cu die Stirne,, ^ine solche Eventualität für atisgeschlossen zu erklären. In langwierigen Reden wurden ferner. Beschuldigungen gcgciD den Grasen Gatter bürg erhoben und ihm nahegclcgt, auf seine Landcsausschlißstellc zu verzichten: ein Damni zum Schutz von Amstctlcii wurde als „Corruptibnödamm" charat tcrisirl, und so gingen' viele Stunden durch Klatsch, Geschimpfe und Verdächtigungen verloren. Als dann die Bcrathnug des Budgets be-- gan», inachtcii die Antisemiten dadurch, daß sie sich'entfernte»., das Hans beschlußunfähig.; / (Wegen löerbädltigungeu., Die Iiiederöslerretchischen.Wanderlebrer Inlius I a b l a n c z >>, Franz K l n in p a r und Anton W ii t.m a n » veröffentlichen folgende Erklärung: In der Sitzung des nirderösterrcichischcn Landtages vom n. d. M wurde vorgcbrachl,'daß ein Landes- Wanderlehrer Reisen aufrcchnc, die nicht staklsaiiden. Rachdcm die LandcSwandcrlehrcr nur ffrciscn verrechnen können; fiir ivelche sie vom La»dcsauSsch»fsc beauftragt sind, und eine schriftliche Berständigung hievon, respeclive eine Abschrift des Auftrages' immer auch de» bc-- treffenden Bereinen »nd Eorporationen seitens des Landesausschnffes zngcstellt wird, ist ein Rachweis einer Unrichtigteii hierin jederzeit leicht. Im Hinweis hieraus und im Bewußtsein ihrer vollsten Unbcscholtcnheil sowie zur klaren und offenen Zurnckiveisung eines solchen entehrcndcn Berdachtcs fordern die Gefertigte» alle Bercine und deren Mitglieder, welche glaube», . cs habe eine unrechtmäßige Aufrechnung, stattgesunden, hiemit auf, ihren Berdachl dem tsandcsauö'schnsie^ oder einem Herrn Abgeordneten bekaiinlzumachen, und«i bitten Jeden, der auf Ehre hält, zu veranlasse», daß jeder derartige»Berdacht zur Anzeige gebracht werde, im v^ntercsic des Landes wie der so schwer Bcr-- dächtigtcn, die ihr Amt fast täglich v»wa»laßt, vor die Bcvölkernngzn treten, vor welcher sie auch in '.tadelloser Ehrenhasligleik dastehen müffen und wollen. " j . (Eine Stimme ans bei»-Publieuiu.i Wie erhalte» folgendest, schrift: Wie lange wird die anständige iBcvölkcrung Wiens dem schamlosen Treiben der Antiscmitcn ruhig znschcn? Handelt es sich doch gar nicht mehr darum, ob die Juden von einem Mechaniker S ch ncidcr beschimpft, verleumdet und besudelt werden. WaS kann cs bedeuten, wenn ein so übelbelcuninndeteS Snbjcct den ärgste» Blödsinn int LandT tage zum Besten gibt, indem er behauptet, :’>f> Millionen Arier füttern 4 Millionen Juden, während doch Jedermann weiß, daß sich der Jude trotz gesetzlicher Gleichberechtigung sein.Brot insofern schwerer als der Arier verdient, als er in vielen Füllen kcinc Stellung erlangen kann und wie in der Ghetto-Zeit in ein paar Berufe hincingcrrieben wird: was kann cs bedeuten, wenn ein Schneider in öffentlicher Landtags sitzung die ConsiScation der Iudengütcr nnd die. Austreibung imd Bcrtilgung der Jude» verlangt und seinen Wählern davon alles Heil

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