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Freies Blatt · 1895-02-17 · 150 (17.2.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
150 (17.2.1895)
Date
1895-02-17
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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f-V “rite 2 .freies Blatt. ec war im v\alirc 1*88, »ach dem Brande in Kamioilka 3tvi:ntrloivn, als ich zum crstcnmale dieses Bczirksstädtchen beiiichte liiii dortiger Arzt, mit dem ich von früherher bekannt war, erzählte mir liaarsträubcnde Einzelheiten aber die nach den, Brande herrschende t>iolh. Der HungcrlpphuS hat dort schrecklich gra'iirt-, iiamenlsich unter den Kindern, und zivar ausschließlich unter den indischen. Die Eltern — die triebe der jüdischen Eltern zu ihren Kindern ist die aufopferungsvollste — geben ihre Kinder preis, erzählte er mir, da sie nicht in der Lage sind, ihnen die i'.ülhivendigsle Nahrung zu verabreiche». Ich chabe pun, da ich den Auftrag hatte, eine Hilfsaetion für die vom Brande Beschädigten einzulcilcil, mir Mühe gegeben, über die rage der reute Informationell cinzuholen. Der damalige Bczirkshauptmann in Kainionka uvd jetzige RcichsrathSabgeordncte Dr. P., ein Mann van menschlicher, edler Gesinnung, bot mir bcreitwitligst seine Mitwirkung an. 'Wir haben eine Viftc der Beschädigten aufgestellt und. uni die nähe des von jedem Einzelnen erlittenen Brand ichadens zu crinitkel», auch die Bclroffinen selbst einvernommen. Unauslöschlich wird in meinem Gedüchlniß der Eindruck zurückbleiben, den aus mich die Erzählung eines der vom Brande Hcimaesnchien machte. Es war ein Fuhrmann, ein starkgebauter, kräfligcr Mann von etwa 40 Jahren, ein Typus jenes schlankgewachsenen und breilschullerigen Dorfjuden,, welcher leider im verschwinden ist. Er meldete einen Brandschaden von 60 Gulden au, so viel war seine ganze Habe wertb, und nun war er mit seiner .eamilic, die Frau und sieben Kinder umfaßte, 'am Bettelstäbe. Er besaß vor dem Brande einen Wagen und ein Pferd, pflegte sich als „Streifer" Vastcnfuhrmann seine zwei Gulden wöchentlich beranszuschlage», und er war der glücklichste Mcnsch, da er seine Kinder, seine Fra» und sich erhallen, ernähren und bekleiden konnte.*0iuii, da ihm sein Wagen, sein Hausgerülhe und die Kleider verbrannt waren, und er sei» Pserd verkaufen mußte, weil er kein Flitter hcrbcizuschaffen vermochte, war das Unglück über ihn bereingebrocheii. Er verdiene jetzt, so gab er an, alS Lohnarbeiter manchmal 10 Kreuzer den Tag, manchmal gar nichts. Der Beiirkshauplmann kannte den Mann, versicherte mir, daß dieser die Wahrheit spreche, und dies bestätigten mir auch die anderen Leute, die ich befragte, und ich überzeugte mich von dein Unglaublichen, daß der Fuhrmann in seinen glücklichen Tagen bei harter unauthörlicher Arbeit sich und sein Haus — zusammen nenn Personen — mit zwei Gulden wöchentlich vcrhältnißmäßig noch gut ernährte. So sahen die guten Tage bei diesem Manne aus, und er gehörte, wie ich mich dann überzeugte, keineswegs zu den Aermsten des Städtchens. Ich habe später manche Ortschaft in >>'au;ien bereist und überall dasselbe Bild gefunden. Leute, welche zwei f'uldcn die Woche verdienen, gehören unter der galizifchen Iudenscha'l nicht zu de» Aermste». Ich habe unzähligemale constalirt, da> der jüdische Handwerker im kleinen 5)rte, wenn er 12 bis Ist Gulden monatlich verdient — und da arbeiten Frau und Kinder mit — zu den bcstsiluirtc.n Leuten im Lrte gehört, veule, die als Angestellte z. B. bei der Propination, beim Schlachthaui'e als Ausscher und Bertrauensprrsonen mit zwei Gulden wöchentlich entlohnt werden, fir:öet man in jeder kleineren Ort- 'chafl. Der roh» eines jüdischen Weber« in Kolomca, einer Stadt von mehr als 30.«'t)«> Einwohnern, beträgt bei einer gewiß zu mindist zwölsstündigen Arbeitszeit höchstens vier Gulden wöchentlich und wenn die Feiertage herannahen und die Arbeit auf acht age eingestellt wird, dann habew die t'eiite einfach nichts, wovon ne leben. Eine jüdische Senimeloxrkäuferin in der Hauptstadt t'stzliziens verdient täglich in schwerer Weise 10 bis 12 Kreuzer, indem sie hunderte Stockwerke dcS Tages hinauf- und herabsteigt und die Semmel ins Haus bringt. Ich habe einmal, vor etwa .chs Jahren, einer solche» „Semmclfrau", einer Witwe, die drei Kinder zu ernähren hatte, zu einer Unterstützung von 30 Gulden roolsen, und mit dieser rDuolc, welche sie als Geschäftseinlage . .n.-.n.dele, ernährt sie bis auf den heutigen Tag ihre Familie. Wrin diele zwar unziisammenhängenücn, aber keineswegs versondern aus dem Jeden ohne Wahl herausgerissenen Lckn.derun zen unwahrscheinlich dünkender möge nur die Juden« >i in vensicrg oder die kleinen Städte in Galizien besuchen und -.j woa i>, in die jüdischen Wohnungen einzulreten. In einem l-jimmer, denen Fiüchenrauin 6 bis 8 Quadratmeter beträgt, wohnen vn mehrere Familien, zusammen etwa 20 Personen, weil ste w'chl iu der vage find, jede für sich eine Wohnung zu miethen'. Und das ist nicht mehr auffällig dort, wo man der unsagbarsten .'Irinulst aus Sckritt und Triit begegnet, wo sie eine alltägliche erscheiiiuiig bildet. Die Lage der erwerbenden Elassen unter der Nr. 150. , jüdischen Bevölkerung hat sich in den letzten Jahren noch wo möglich verschlimmert, da es ihr ohne eigenes Zuthun und Berschulden nicht gegönnt wurde, an dem in Galizien sich entwickelnden wirthschastlichen Fortschritte theilzunehinen. Das Geldgeschäft ist schon längst auf die genossenschaftlich orzanisirtc» Borschußcasscn übcrgegangen, die landwirthschaftlichen Vereine (K<>ika rolnio/.ei, deren Zahl heule schon weit mehr als 1000 beträgt, verdrängen den jüdischen Kleinhandel, die Ablösung der Propination in Ga lizicn und schließlich die Berländerung des Salzhandels haben auch nicht wenig dazu bcigetragen, eine Berarmung der Juden Galiziens in früher nicht geahnten Dimensionen herbeizuführe». Es ist hier nicht der Dsi-t zu erwägen, ob und inwiefern alle diese obigen von den im Lande dazu berufenen Lertretungen patronisirten und geförderten wirthschastlichen Bewegungen vom Stand punkte der allgemeine» Landcsintercsscn — und wir geben gerne zu, daß dieser der maßgebende ist — wünschenswerth sind; wir wollen nur constatircn, daß man die Juden in Galizien aus alle» wirthschastlichen Positionen, die sic früher innehatten, verdrängt, ohne ihnen neue Gebiete zu erschließe». Die Folge dieser wirth schaftsichen Politik ist der unter den Juden Galiziens in schreck sicher Weise wachsende Paliperisnins, von dem man in anderen, von socialen Bewegungen selbst noch so unterwühlten Ländern gar keine Borstcllung haben kann. f. (Ein Zchlußartikel folgt.! . Mischehen. Tie Ergebnisse der letzten Bolkszählung in Deutschland licfcipi nachstehende wichtige Taten über die zwischen Juden und Nichtjuden cingcgangenen Mischehen: Am I.Tccember 1890 wurden insgcsamini 2552 solcher Mischehen gezähltwelche sich folgendermaßen vertheilcn i ») Iüdischer Bater. kvanqc. tottio fouft lonfcfüoif lijilic liidic djrifuidic lose «Kutter Mutter Mutter Mutter Ueberhanpi Ehen. 1255 210 35 5 Ehen mit Kindern über 13 Jahren . 57 7 5 — kinderlose Ehen. 424 85!* 2 In Berlin allein. 730 ' 71 07 4 * >>) Jüdische M u i t e r. ct'ouge , tathe* fouft eoufefiiou, \ lifcher tifdier christlicher loser S<atcr «toter «toter «toter lleberhanpt Ehen. 956 215 62 2h Eben mit Kindern über. 16 Jahren .33 3 4 1 Kinderlose Ehen. 320 63 16 9 In Berlin allein . 445 55 35 15 Ter Umstand, daß die katholische Bevölkerung weniger, an den Misckfehen betheiligt ist als die evangelische, ist zum Theile aus der Thatsache erklärlich, daß d>e meisten Mischehen (1391, also .55 Per ccnt der Gesammtheit) in Berlin, desicn Bevölkerung überwiegend evangelisch ist, geschloffen werden. Wenn schon diese Ziffern den großen Werth der Mischehen für die Assimilation erkennen laffen, so spricht dafür noch mehr daS Zahkenverhäsiniß rücksichtlich dcS Religions bckenntniffcs der aus solchen Mischehen hervorgegangcnen, im Haus halte ihrer Eltern lebenden Kinder über 16 Jahren. Es folgten von den 3991 Kindern 2456 dem evangelischen, 336 dem katholischen, 94 einem sonstigen christlichen Glaubensbekenntnisse, 88 waren con fessionSloS oder ohne Bezeichnung der Confession und nur 1017, also nicht einmal ein Drittel verblieb beim Judenlhnm. Mit Rücksicht a»' die Eonfession der Eltern vcrtheilen sich diese Zahlen folgendermaßen: ,* a) Jüdischer Vater. .'tinfer Mutter Mutter Mutter Mutter ciungdifd) (iittiolifrfi loiiit christlich coiisessiou' evangelisch . 1192 24 4 — katholisch. 5 144 — — sonst christlich .... 3!» 2 4 — consessionslo« '. . . -. 21 f) — 3 ohne Bezeichnung . . 17 — — — jüdisch. 515 97 53 - Zununc . 1789 272 l> Jüdische Mutter. 61 5 Stnbcr ^uter #Qt<r «toter «toter evangelisch fathoiifdi sonst christlich coinemoiie' evangelisch. 1176 28 32 — katholisch. — ' 187 — — sonst christlich .... 13 — 3*» — confessionSloS .... 18 1 3!» ohne Bezeichnung . . ' 8 1 2 — jüdisch. 212 99 27 12 iiimmf . 1427 316 » 100 21

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