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Freies Blatt · 1895-02-10 · 149 (10.2.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
149 (10.2.1895)
Date
1895-02-10
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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Nr. 149. Frei»» Blatt. Seite 9. 1 niffen und Anschauungen in den Roman hineingelegt haben mochte. Darüber hinaus follte aber auch — nach einer weitere» Andeutung Heine'S") — der Gegensatz zwischen dem Schwärmer, der sein Lebe» für eine schöne Idee hinopsert, und dem Menschen, der behaglich egoistisch seine Tage verbringt, zum Ausdruck kommen. Daö war die Tendenz des Werkes. Treten wir nunmehr in die" weit geöffneten Hallen der Dichtung selbst ein. Schon die Einleitung, welche breit, aber nicht ganz sicher, ja hie und da etwaö stockend vorgetragcn ist, versetzt unS in die geeignete Stimmung, um alles Folgende zu verstehe». Eö ist wahr, diese Einleitung ist lang und etwas schwerfällig, aber inan muß nur an die ausgedehnten Expositionen Walter Scott'ö denken, um dies zu entschuldigen, und ferner an die Sprödigkeit dcö Stoffes, die Heine selbst daran zweifeln läßt, ob ihm etwa , das Talent des Erzählens" fehle. I» geschickter Weise leilit der Dichter aber von dem historischen Prolog zu den thatsächiichen Ereignissen über. ES ist »och nicht beachtet worden, daß alle Schilderungen deS RomanfragmeutS sich in künstlerisch abgetönten Contra st en bewegen und so eine interessante Parallele bilden zu seinen lyrischen Stimmungsbildern aus jener ^cit. Auf die idyllische Scene des PaffahfesteS folgt der grauenhafte, durch die aufgefundene Kindesleiche herbeigeführte Abschluß. Anstatt nun aber die Details einer Judenverfolgung genau zu schildern, führt uns der Dichter in einem entzückenden Bilde, daS :„it der Schönheit der Landschaft wetteifert, in einer lauwarmen FtühlingSnacht über den Rhtinstrom und läßt uuö den Duft jener Bergesufer, worauf die Freude wächst, förmlich cinalhmen. Dem beängstigenden Treiben der Frankfurter Messe steht der Auftritt Judenthor gegenüber, der von großer humoristischer Wirkung i't. Auf die tragisch abschließende Scene in der Synagoge, welche den treuesten Schilderungen gehört, die wir auf diesem Gebiete sitzen, zugleich aber auch die erste Schilderung aus dem Ghetto ad der „Gaffe" war, J0) folgt das heilere Rencontre zwischen de», Rabbi und, dem Ritter, daö u»S in die Peripherie der Erzählung geleitet und der Phantasie einen weite» Auöblick in die fernere Entwicklung und den Abschluß derselben gestattet. In diesen eeonlrasten liegt vor'Allein daS Gchcimiiiß der Wirkung, welche eao Romanfragment auf uns auöübt. Bis in die Schilderung der Charaktere hinein läßt sich das Gesetz dieser künstlerisch wirksamen Gegensätze verfolgen. Dem frommen Rabbi steht der frivole Ritter, der anmuthig-schöuen Sirah steht die dicke Schnapper-Elle, dem Rasenstern der Trommel- Haus gegenüber. Selbst Jäckel, der Narr, und 'Beitel RiudSkopf stelle» Gegensätze dar, welche damals die Frankfurter Judengaffe in verschiedene Lager getheilt haben möge».. (Fortsetzung folgt.) Schopenhauer über die Deutschen. Weder Heinrich Heine noch Ludwig Börne, denen Antiseiuitcit nicht nur daS Deutschthum absprcchen, sondern auch eine deutschicindliche Gesinnung zur Last legen, haben je eine so haßerfüllte Sprache gegen die Deutschen geführt wie der von den Antisemiten als ihr Schutzpatron verehrte Arthur Schopenhauer. In den Berliner- „Mitlhcilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus" finden wir folgende Blumenlese aus Schopenhauer'« sämmtlichen Werken (hcrauSgegebcn von Ed. Griesebach, sechs Bände. Leipzig. PH. Reclam): - „Tie Deutschen'sind gewohnt, Worte statt der Begriffe hinzunchmen, dazu werden sie von Jugend auf durch uns dressirt — siehe nur die Hegelei, was >st sie Anderes als leerer, hohler, dazu ekelhafter Wortkram? Und doch, wie glänzend war die Carriere dieser philosophischen Ministercreatm! Dazu bedurfte ", VIII. 457. <0) Erst 1837 .folgte ihm Berthold Auerbach mit'den beiden Romane» au» 'er Geschichte deS Judenthum» unter dem Gefammttitel „DaS Ghetto", und r'eopold Kompert'S erste Geschichten auS der Gaffe erschienen erst 18 l8. eS nichts weiter, als einiger feilen Gesellen, den Ruhm des Schlechten zu im toniren, und ihre Stimme fand an der leeren Höhlung von lausend Dumm köpfen fitt noch jetzt nachhallende« und sich sonpflauzendes Echo — siehe, so war bald aus einem getneinen Kops, ja einem gemeinen Charlaian, ein großer Philosoph gemacht." (III. 52 f.) „Aber ich wollte froh sein, wenn das Plagiat die größte Uliredlichkeit wäre, welche die deutsche Literatur befleckt; eS gibt deren viel mehr, vicl tiefer eingreifende und verdciblichere, zu welchen daS Plagiat sich verhält wie ein wenig pi^-lipur-IietinF zum Lapitalvcebrcchcu. Jenen niedrigen, schnöden Geist meine ich, vermöge deffcit daS persönliche Interesse der Leitstern ist, wo es die Wahrheit sein sollte, und unter, der Maske der Einsicht die Absicht redet. Achielttägerei und Auge,wieneret sind an der Tagesordnung, Tarlusfiadeu werden ohne Schminke anfgesühri, ja -iapuzinadc» ertönen von der den Wiffenschasten geweihten Stätte: das ehrwürdige Wort Auskärnug ist eine Art Schiinpswort geworden, die größten Männer des vorigen Jahrhunderts, Bollaire, Rousseau, Locke, Hu,ne, werden verunglimpft, diese Herren, diese Zierde» und Wohlthäier der Menschheit, deren Uber beide Hemi'phären verbreiteter Ruhm, wen» durch irgend etwas, nur noch dadurch verherrlicht werden kann, daß jedsezeit und überall, wo Lbscnranien auskrcten, solche ihre erbitterten Feinde sind und Ursache dazu haben. Literarische Fractionen und Bruderlchasten ans Tadel und Lob werde» geschtoffeit, mtd nun wird das Schlechte gepriesen und auspoiaunl, das Gute vernuglimpst oder auch, wie Goethe sagt, .durch ein unverbrüchliches Schweigen secretlrl, in welcher Art von Jngnisitionscettsur c« die Deut scheu weit gebracht haben.' (Tag- und Jaheeshesle, I. 1821). Die Motive und Rücksichten aber, ans denen daS Alles geschieht, sind zu niedriger Au, als daß ich mit ihrer Auszählung mich befassen möchte. Welch ein weiter Abstand ist doch zwischen der -von unabhängigen Gemlemen der Sache wegen geschrikbeneu .luliuburnl,' Review', welche ihr edles, dem Publins Syrns entnommene» -Motto: Judex dainnatur, etun nocens absolvitur mit Ehren trägt, und den absichtsvollen, rücksichtsvollen, verzagten, uuredlicheu deutschen Liieraiurzeitungen, die, großentheilS von Söldlingen des Geldes wegen sabricirt, zum Motto haben sollten: aoeedas ooeius, laude-, lauderis nt abseas. Jetzt, nach 21 Jahren, verstehe ich, lvas Goethe mir >81 t sagte in Berka, wo ich ihn beim Buch der Stael: sie I'AIIemaptne' gesunden balle und nnu im Gespräch darüber äußerte, sie mache eine übertrieb ne Schilderung von der Ehrlichkeit der Deutschen, wodurch Ausländer irre geleitet werden könnten. Ec lachte und sagte: ,Ja freilich, die werden de» Koffer nicht anketlen, und da wird er abgeschnitten werden.' Daun aber setzte er ernst hinzu: .Aber wenn man die Unredlichkeit der Deutschen in ihrer ganzen Größe kenneu lerne» will, muß man sich mit der deutschen Literatur bekannt machen." (UI. 216 f.) „Ich senke, es ist nicht schwer einzusehe», daß, wer dergleichen voranschickt, ein »»verschämter Charlaian ist, der die Gimpel bclhören will und merkt, daß er an den Teutichen de» XIX. Jahrhundert» seine.Leuic gefunden hat/' (I V. 36) „Eine -tunst bat dieser Hegel wirklich verstanden, nämlich -die, die Deutschen bei der Rase zu führen. Ta» ist aber keine große." (I V. 43) „Ich (oll ivohl auch, als ein guter Patriot, mich im Lobe der Deutschen und de» TcutschihumS ergehen und mich freuen, dieser mtb keiner anderen angehürt zu haben? Allein eS ist, wie das spanische Sprichwort sagt: cado udo cuenta de la feria, eouio le va en alla. (Jeder berichtet von der Meffe, je nachdem es ihm daraus ergangen.) Geht zu den Demokolaken und laßt euch loben. Tüchtige, plumpe, von Ministern ausgepnffle, brav Unsiun Chatlalane, ohne Geist unh ohne Berdienst, da» ist'S, was den T« hört; nicht Männer wie ich. — Die« ist das ZengiUß, welches ich ihnen beim Absd)iede zu gcien habe. Wieland (Briefe an.Mcrk 2.'239) nennt e« ein Unglück, ein Deutscher geboren zu sein: Bürger, Mozart,' Beethoven n. A. m. würden ihm-btigestitnmt haben: ich auch." (IV. 118) „Sodann aber wird behauptet, der gute Ton und die seine Sitte der Gej sellschast hätten znm letzten Grundpfeiler jenes Ehrenprincip, mit seinen Duelle», - als welche die Wehrmauer gegezi die Ausbrüche der Rohheit und Ungezogenheit i wären. Allein in Athen, -toriulh und Rom war ganz gewiß gute, und zwar; sehr gitte Gciellsd)ast, and, seine Sine und guter To» anzutreffen, ohne daß» jener Popanz der rillerliche» Ehre dahinter gesteckt hätte. Freilich aber führte» daselbst auch nicht, wie bei unS, die Weiber den Borsitz in der Gesellschaft, welche», wie es zunächst der Unterhalt,.ng einen frivolen und läppischen Charakter enheilt und jedes gehaltvolle Ge'präch verbannt, gewiß auch sehr dazu beiträgt, daß in unserer guten GescUsd)asl der persönliche Muih den Rang vor jeder anderen Eigenschaft behauptet, während er doch eigentlich eine sehr untergeordnete, eine bloße OsficierStugend ist, ja, eine, in welcher sogar Thiere uns übertreffeu, iveshalb man z. Bsagt: .miuhig wie ein Löwe'. Sogar aber ist, im Gegeulheil obiger Behauptung, das ritterliche Ehrenprincip oft das sichere Asylum, wie im Großen der Unredlichkeit und Schlechtigkeit, so im--Kleinen der Ungezogenheit, Rücksichtslosigkeit und Flegelei, indem eine Menge sehr lästiger Unarten stillschweigend geduldet werden, weil eben keiner Lust hat, an die Rüge derselben den Hals zu setzen. Dem Allen entsprechend sehen wir daS Duell im höchsten Flor und mit blutdürstigem Ernst betrieben, gerade bei der Ration, welche in politischen und sinauzi>llen Augelegeuheiien Mangel an wahrer Ehren lchimerende titschen ge-

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