Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 149 (10.2.1895)
- Date
- 1895-02-10
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
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IS). IS) fciullctcm. IX'inrid? I^oino Vcy ^tabbi ron ^>ad?arad). ^on (0 tt ft a t> a r p ( 11«. (l. ,>ortKt!iimii Wirtin wir ni s »ni diesen Verirrungen der Zeit dem Werke d.s ITidsrcio wieder zu, so lreten nnS hier vor Allein die gegen üandlichen Schilderungen und di/lebenalhmendcn Eharaktcre ,-iugegen, die er uns in diesem Iugcndwerk seiner riebe der Reihe midi voisiihr:. Und wie gnn übirsiehl mcn alle anderen Mängel, wenn inan immer lind immcr wieder von Reuem sich an jenen plastischen Sckilteiungin ersreul, wenn t»a» mir Rabbi Abraham und der 'ckcnen Sarah die weliberühnrle freie Reichs- und Handelsstadl Fraikrirl a. '.'A »ist ihren lachenden Häuser», umgeben von giiin-.n Hügeln, ■'!,»: eistenmale erblickt. Richt allzu oft ist jfrankf.u a. 'Hi iriiher trotz seiner hohen Bedeutung Gegenstand pocltckr,r Taisllllung gewesen. Die voelischen Schilderungen von l.vbanns' Julius Se.iligcr, Miehllus und selbst von Hans acts beben kaum bistoiiicheil, geschweige denn poetische» Voll werili. ' Höchstens konnte man das von jenen Versen des Mi enllns i'age». m welchen er aussprichl, Frankfurt sei jährlich iweima! wenn die Gärte» mit jungem Grün sich schmücken und wen» die Bläiter zu fallen beginne», eine mit Waaren und Men ct.n ans aller Welt angefüllle Stadt. Es ist natürlich, daß -1.1irilherc» poei,scheu Schilderungen Fränksurls vorzugsweise Tu Blütheznt der Messen, in welcher Frankfurt die besuchteste Handelsstadt d.r Welt hieß, „des alle» Tyrus Ebenbild" vcrlierrucheii. Tu gioße historische Vergangenheit Frankfurts kam ie.'.a, ii, solchen poetischen Bildern fast nie zu voller Geltung, wen» ma „l.I t eiwa eine» Roman von E Spindier, der ans een: >-eealierrain der Frankfurter Iudengassc spielt, als poetisches Bi>d ststa will Die Schilderungen Goethe s in „Dichtniig iin.d Walithei'." gehören ratütlich nicht sti diesen Rahmen. *H>ine war der Erste, der mit seinem poetischen Blick, mit r historischen Z ichkenntiiiß, die. UNS heule in Erstaunen w.ni' wid seinen Quellen mrchg-.hcn Sic geschichtliche Be r ,>-ra»krur:s. di> i^röße und Prachl seiner Messen, die Ai i. .: - :: -chkeit und de>'.sch,chie seines Ghello zum -gelreuestei, ,-.i schonst. - An-rd-i-ck .; oracht har. Und gern folgen wir dem;-,ch:..-. e i! - « fc »-en'ühl der Qstermesse, wenn er seine R.-' »de. e ch S 11: ekle M inlhor in die Lladt führt und :r .!, d S O'ewühl des Handels, die Masse! r' . eie liie gesuchte Prachl zeigt; wen» er die beeilen ii mit goldene» Halsketten und lothen Mäntel», die -»!,», str-lze» Allbürger mir schwarzem, bauschigem Wams, vi>» v :; rlkeilersknecktt in eiserner Pickelhaube, gclbledernein W n-: kiiriendcn Psundsvoren, die rosigen Frankfurter M Mb in ii d m 'chwarzen Sammlhäubchen, die zu einer Spitze Fi in zusamineuliefcn. und die jungen Gesellen mit gelbr ■■ Bar.ii. klingenden Schnabclschuhen und hellfarbigen, s :.i die .steich witternden Jagdhunden hinter ihnen :-.eiii'vi i!.,e:-, »NS varsührt. Und auch über den hochgeglrbelten Hs.iillt . ii -r StMt, vor den Römer folgen wir dem Dichter, .’i ..La.itl.'dilior" Di25, Carl Lpurdler'» Roman ..Ter i . - >.e i'-JT M t. I wenn er uns ein Ritlerspicl und Ringelstcchc» zu Ehren des Kaisers Maximilian II. schildert. Welch eine anschauliche Darstellung, welch eine plastische Abrundung bei dieser Fülle von Gestalten, die auf dem Kampfplatz erscheinen, von dein lange», blonden König Max, den Rittern und Damen deS Adels an bis zum Wunderdoctor, der feine Tinctnrcn und Wundersalben anpreist, bis zur ehrsamen Schützengilde, ja bis zu dem Rudel fahrender Frauen hin, die aus dem Fraucnhause „zum Esel" von Würzburg hcrüberkamen und nach dem Rosenthale fuhren, wo die hochlöbliche Qbrigkeit ihnen während der Meßzeit Quartier angewiesen, und bei deren Anblick der fromme Rabbi erschreckt seiner Gattin die Augen schließen möchte. Einen wnnderfamen Eonlrast zu diesem Zuge mirtclaltcrlichcr Hexen bildet der traurige Zug von kahlköpfigen nnd barfüßigen Mönchen, die in feierlicher Procession sich dahinbewegcn. Den seltsamsten Eindruck macht aber neben dieser Herrlichkeit und Prachl, »eben all diesem Gewühl und Treiben, die hohe, enge, traurige Indcngasse. Wenn wir den Dichter in diese Gasse b/glcitcn, dann leben all die Gestalte» der selben in unserer Seele auf, sie gewinnen Flusch und Blut und werdcx, lebendig in unserer Eriniikrung, als ob wir selbst alle, gekannt hätten, so wahr, so treffend, so anschaulich weiß er sie init zwei oder drei Strichen vor unser geistiges Auge zu zaubern. Das ist nun ein eigenartiger, seltsamer Zug komischer Gestalten. Er wird eröffnet von dem lahmen Guniper; nnd der Muhme Täubchen, die den kleinen Gollschalk am Arme führt. Diesen folgen Mendel Reiß und der Rasenstcr», Jäckel der Rarr und Beitel RindSkops, Schnapper-Elle und Hündchen Reiß, Bügele Qchs und Süschen Flörsheim. Der scheele Aron Hirschkuh ans Homburg an der tzahn beschließt den seltsam wunderliche), Auszug — viel zu früh, da wir gern dem Dichter bis ans Ende dee Indengasse gefolgt wären. Es erscheint als ei» müßiges Beginnen, darüber nachznforichen, wie sich die fernere Entwicklung nnd der Schluß des Romanes gestaltet hätte», da Heine uns in dieser Beziehung ohne jede Andeutung gelassen hat. Der einzige Wink, de» er in seinen Briefen gegeben, daß im Verfolg die ketzerischesten Ansichten über Inden und Ehristen hexvorgelrele» wären, gestaltet doch wohl nur den Rückschluß, daß der junge Maranne Don Isaak Abarbanel dazu bestimmt war, eigentlich die Hauptfigur und der Held deö Romanes zu. werden Er sollte das Gegenstück zu dem ernsten Rabbi Abraham. aus Bacharach bilden, Beide aber halten in ihren Eigenlhümlichkeite» die zwei großen Richtungen innerhalb des inittelallerliche» Iudenthums tzarzuftcUcn: die glänzende arabisch spanisch-sühische Eultnrpcriode mit ihrer Poesie nnd Koketterie, neben der tiefsinnig lalmudischen Forschung und mystischen Glaubens strenge der deutschen Inden. Es ist nicht unwahrichcinlich, daß die Frage der Indentanfen noch eine weitere nnd tiefcrgehende Erörterung 'finden sollte. Das verlorengegangene Gedicht, von dem schon oben die Rede, das Iahndä Abarbanel, der sich „aus tzuxnöüberinuth" hat laufen lassen, „aus dem Maurischen" übersetzt und seinem dem Juden rhnme trengebliebenen Freunde mschickl, weist darauf hin. Iahuda Abarbanel, den sich der Dichter vielleicht als jüngeren Bruder seines Helden gedacht hat, sollte wohl ein Gegenstück zu Isak Abarbanel werden, der sich in der neuen Glaubenslivroe sehr behaglich fühlte, während jener es doch scheut, ,„cine nicht sehr noble Handlung dem Freunde nnninwunde» zu schreiben"^ und ihm dafür jenes Gedicht schickt. Das Thema des Romans war also hauptsächlich die Glaubcnstrcue und der Glanbenswechsel. Dieser wie jene hatten in der spanischen Periode des XIV. wie in der deutschen des XIX. Jahrhunderts ihre charakteristischen Vertreter. Und schon aus obiger Andeutung geht hervor, wie viel Heine von seinen eigenen Bekennt