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Freies Blatt · 1895-02-10 · 149 (10.2.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
149 (10.2.1895)
Date
1895-02-10
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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freies Blatt. Nr. 149. Seite 4 nicht schcncn, ihnen auch noch die Sonne vom Himmel herab zu veruncdicn. iSoite, nichts als Worte — mit denen gehen die Herren ..Vxksbcgliickcr" wahrhaft nicht sparsam um, wo bleiben aber die i-;>::*'.".'j'.i!>f.'nhen Thaten? Oer sind eS Thaten, die dem Volke t-".t bringen, wenn sie fort und fort in den gesetzgebenden Körper- 'chonen Scandale insceniren, wodurch viele Stunden kostbarer Arbeits- :.ii verloren geben? Es ist leider eine betrübende Erscheinung, daß c:u großer Dhcil der Bevölkerung Gefallen an -diesen turbulenten ,2eenen findet. Sie belachen und bejubeln diese antisemitischen llngetog.'nbeiten und schreien triumphirend: „Heut' hat's Jhna da Yiiiv.er wieder ansg'inii'cht!" Welchen Schaden aber derartige „Aufn.i'ch.teien" der Geiamintheit bringen, das geht in das Hirnkast'l un'.r.r Wiener Wirthsbauspolitiker nicht hinein. Darüber haben wir nn-e schon längst zu verwundern aufgehört Daß aber die Beamten und Yalircc, die doch die Intelligenz repräsentiren oder vielmehr . evcasentiren sollen, an diesen „Aufmischereien" nun auch beginnen -W'.llicn zu finden, das ist für mich und gewiß auch sür viele Andere in nnloeiri.es stclitbsel. Die Landtagsabgeordnetenwahl auf der Wieden, wo dre r'ehier und Beamte» zu Gunsten des antisemitischen Candidoien Bacher ihre Stimmen abgaben, ist ein bedenkliches Zeichen -ne die konnnniden Gemeinderathswahlen. Ich erinnere mich gerade öt in den Refrain eines alten Wiener Couplets, der da lautet: wann nur der a bisl z'ruckdenken thät'." Dieser Refrain paßt ■e :: ii.obeiondere für unsere Lehrer. Wenn die ein „biSl z'ruckd. i!eii ibai'n", daß ne ihre bevorzugte Stellung, chre Befreiung aus ..eli.alni sle''>el:i, einzig und allein nur der liberalen Partei zu verdauten l aben. >o könnten sie nun und nimmermehr sich zu Troßdiensten der antii.'mili'chep Führer, die direct ihre Truppen ins clericale Ya.pr nilnen. gebrauchen lasten. Eine bemerkenswerthe Erscheinung unter denn Y!:e:stände ist es, daß zumeist die älteren Lehrer ihrer 'teiltestlicheu --'efinnnug treu geblieben sind, während die jüngeren eine > an de: rare Sehnsucht nach der clericalen Knechtschaft bekunden. Tie r'l,.!.!! 'meinen alio doch noch zurückzudenken: sie Haben die unwürdige Stellung. k:e ne unter der Concordatsschule einnehmen mußten, nicht : rg "en, und kic'e mit dem guten Gedächtniste werden in gewissenr a st er Pslichier'.istnng für die Sache der Freiheit ihre Stimmen ab- ’.hn ‘JU'-'t auch die unteren Staatsbeamten scheinen bergesten zu bar.:-, daß nhen feit Jahren die liberale Partei darauf hingearbeitet rat, dar Y.-s dre'er rum großen Theile Bemitleidenswerthen wesentlich rn r..b.stcrn Daß die finanzielle Besterung der Gehälter der Staatsl e.::--:en nur im langsamsten Tempo vor sich gehen konnte, ist nicht Schuld der liberalen Partei, sondern der finanziellen Lage des Staates, und n-t, iva dieselbe fich wesentlich verbestert hat, wird auch baldigst; : langsthnliehst erwartete und erhoffte Regulirung der Beamtena.l zu: Dbai'achc werden. Das verdankt man aber keineswegs b r aust.'.luili'cheu Partei, denn von dieser kann man nur Scandale -::d n nitc- Linderes erwarten. Ich gebe mich trotz Allem der Hoffnung : iu, daß d e Anti Liberalen bei den nächsten G;meinderathswahlen in tbee:' C:Wartungen gründlich getäuscht werden. Die Intelligenz schreitet -.; Walsturne, und diese wird kein Mithelfer bete VolkS- . erduuuuniig fein. i rvciftl cill Triptis Der Kohlenhändler Carl Feistl in Hernals tünüeli 'eine Kundickaften, zumeist wenig bemittelte und arme um. n:it:eln eines gedruckten CircularS in Kenntniß, daß er „sowie st.e anderen ehrlichen Kleinkohlenhänder deS Bezirkes Hernals" gezicaugen sti, mit Rücksicht auf den „unlauteren Concurrenzkampf" den Preis der Kohle tu erhöhen, allein seine Kundschaften werden dab.i deuiicch besterfahren, denn er gebe ehrliches Gewicht und sei nicht 'o ein Schw ndler wie die anderen Concurrenten, welche den armen Yentcn, die sich für ihr Geld so bitter plagen »lüsten, schlechtes '-^.'r:chk geben und fie aut diese Weife betrügen. Dieser „ehrliche" Feistl, n z.noa.b-ener Tnpus antisemitischer Bersammlungsgänger, welcher d:e dort a-borte» Phraieu mit papageienartiger Treue wiedergab, am : n eu Jänner vor dem Strafrichter des Bezirksgerichtes . . . .sta nn.vi der Ll»klage dcö Betruges, weil er trotz all seiner est .lileikuu'Y. .nerungcn die armen Ycute, die bei ihm Kohlen gekauft un ..richte v/r kürzte. Der Anzeige lag ein Exemplar "..rülrutcu Cirrulars bei, was den Richter zu der Bemerkung ...v..ü;: S e nehmen hier Stellung gegen die unehrlichen Kohlen- . d l eien selbst dazu!" Das Urtheil für den An- Y 1 . le.” :e nf acht Tage strengen Arrest. Es sollte i .id. ii,!.. nn Feistl nach Abbüßung seiner Strafe nicht in e. ' .i.: . . : stu iii'chcn Versammlung als Eiferer gegen jüdisches " ieß ..r-:e.st „unlauteren Wettbewerb" und die Rachlheile des römist'IiiU 'stst.cki.o au'treten würde. Tic Zllllgt». > Man schreibt uns: Tie Salzburger Anti- '.u. : n st .iii.u, fit dem. tamote» Beschlüsse, 30.000 fl. für die^katholische Universität zu widmen, geschwiegen. Am 5. Februar aber kam ein großes Leuchtfeuer bei Besprechung der Wahl von Delegirten für den Städtetag. Antisemit Stainer polemisirte gegen die Liberalen als eine Partei, welche abgethan sei. „Meine (die antisemitische) Partei," setzte der Redner hinzu, „ist noch jung und gegen, sie kann man keinen Vorwurf erheben" (sie). Selbsterkenntniß ist eine schöne Sache. Daß diese Partei „jung", sehr jung ist, wissen wir zur Genüg/. Ein Blick auf die jüngsten Ereignisse in Wien genügt, um uns zu überzeugen, daß dieselbe sogar sich noch sehr, in den Flegeljahren befindet. Dem Volke aber wäre zu wünschen, daß diese Partei niemals zur Reife gelange, damit es nicht zu spät zur Selbsterkenntniß und Reue erwache; jene Vorwürfe, welche heute von Erfahreneren den Antisemiten gemacht werden, wird einmal das getäuschte Volk vergeblich in die Welt schleudern, leider erst wenn es zu spät sein und an die Stelle einer freien Staatsverfassung wieder das absolute Regime getreten sein wird. v—. (Judenhaß in einer Sparkasse.) In der Krakauer Sparcastc wurden, ‘ wie die dortige Zeitschrift „Gerechtigkeit" mittheilt, zwei jüdische Handwerker, welche Einlagen beheben wollten, von einem Beamten mit Schimpfworten wie „Judengesindel", „Iudenbagage" tractirt. Das genannte Blatt ersucht den Tirector, seine Disciplinar gemalt anzuwenden, um den Antisemitismus aus einem Institute zu beseitigen, welches ununterbrochen mit Juden verkehrt und von den selben reichlich Nutzen zieht. Sollte diesem Ansuchen nicht entsprochen werden, so würden sich die Juden gezwungen sehen, „ihre Einlagen solchen Instituten anzuvertrauen, wo sie als Parteien menschenwürdig behandelt werden". (Heinrch v. Sybel über Eduard Lasker.) Ein nicht geringer Vorzug des Sybel'schen Werkes: „Die Begründung des Dtutschen Reiches durch Wilhelm I." besteht in der treffenden Charakteristik hervorragender Persönlichkeiten. Sybel gibt unter Anderem einen kurzen Ueberblick über die Debatten des Reichstages bei Berathung des Strafgesetzbuches. Unter den wirksamsten Vertretern der Reform, führt Sybel aus, ragte Eduard Lasker hervor, der sich hier auf seinem eigensten Gebiete bewegte und alle Seiten seiner reichen Natur zu voller Entfaltung brachte. Er war ein Jurist von seltenem Scharfsinn und Fleiß, ein philosophisch „gebildeter Idealist, ein von Humanität erfüllter Enthusiast. Vollkommen richtig hat einer seiner vertrautesten Freunde den Grund seines Wesens dahin bezeichnet, daß er ein Mann des Rechtes und der Gerechtigkeit war. Sein gesammteS Wirken entsprang ans dem Gedanken, jedem Nebenmenschen Rechtsschutz gegen Willkür und Jrrthum, jedem unschuldig Angeklagten die gebührende Bertheidigung und Freisprechung, jeder Minorität den Anspruch ans gerechte Behandlung 'zu sichern. So strebte er nicht bloß, das Recht zur Grundlage des Staates, sondern auch den Richter zur überall entscheidenden Instanz im Staate zu machen; auch Bam berget erkennt es an, daß zu der Erhaltung der von LaSker dem Richter zugedachten Pflichten ideale Menschen nöthig gewesen wären, tute sie in Lasker's Geist, aber nicht in der Wirklichkeit lebten. Auch wird sich nicht leugnen lassen, daß ihm bei seinem Eifer, den unschuldig Be klagten zu decken, die gleich wichtige Pflicht, den schuldigen Verbrechet möglichst sicher zu treffen, um die rechtschaffenen Bürger in -Person und Eigenthum zu schützen, nicht mit gleich warmem Interesse erfüllt hat. Er war eben Individualist in extremer Weise, er verachtete keineswegs die Erhaltung der bürgerlichen Ordnung, aber näher tag ihm doch die persönliche Freiheit am Herzen, ohne deren Beschränkung der Schutz der Ordnung nicht denkbar ist. In der Verfolgung dieser Ideale ging sein ganzer Ehrgeiz auf; nach äußerem Glanze und Genüssen hat er nie gestrebt. Wie eS bei allen nnbedingten Idealisten geschieht, rechnete er stets mehr auf die Einsicht als auf die Leidenschaften der Menschen und verdnnkelte sich in seinem Enthusiasmus die für den Staatsmann entscheidende Gabe, die Dinge und die Menschen so. zu sehen, wie sie sind, und danach zu handeln. Immer ist aber schließlich zu sagen, daß seine Schwächen untrennbar nm seiner Stärke Zusammenhängen, mit dem .sittlich reinen und edlen Kern seiner Natur. (Zum Eapitel „Sittlichkeit".) Eine umfangreiche Anklage wegen Beleidigung eines hochstehenden Beamten, des Regiernngs- und Baurathes Dr. zur Rieden, wurde dieser Tage in Berlin W de: vierten Strafkammer des Landgerichtes I verhandelt. Auf der Anklagebank erschien der ehemalige Bureaudiener im Eisenbahn-RegierungS gebäude Ferdinand Höhne. Er hat im Jänner vorigen Jahres a» den preußischen Minister für öffentliche Arbeiten ein Schreiben gerichtet, worin er den Bureaudiener Hagedorn, seinen früheren College», bezichtigt, mit mehreren Scheuerfrauen unsittliche Handlungen vorgenommen zu haben. Dieser Eingabe folgte bald eine zweite, worin der Angeklagte behauptete, daß der RegierungSrath zur Rieden ehe

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