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Freies Blatt · 1895-02-10 · 149 (10.2.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
149 (10.2.1895)
Date
1895-02-10
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Nr. 149. Fr««»» ja^r bestellt und zugleich ein deutsch-nationaler Drahtgrüß an Schönerer, Wolf, Bismarck, Lueger und — den verstorbenen Koschut beschlossen. Sieben Dolche, fünf Revolver und 1*/* Kilo Pulver sollten die „arische" BcfreiungSthat außerdem verwirklichen helfen. Ter JndiScretion eine« der arischen Conspiratoren ist eS zu verdanken, daß diese catilinarische Verschwörung" rechtzeitig entdeckt und die Mitglieder derselben zu einem achtstündigen Carcer verdonnert wurden. Doch genug deS Scherzes! Wir fragen: wohin soll die erzieherische Thätiakeit der Schule kommenwenn ganz offen vor aller Welt die studirenbe fugend dem Racenhaß zuschwört? Wie ist eine gedeihliche Erziehung der Jugend im Sinne wahrhafter Humanität möglich, wenn die noch nicht flüggen Leute von gewissenlosen, dumniblöden Hetzern in der Weise „national erzogen" werden, daß sie bei verbotenen wüsten Saufgelagen, vulgo Commersen genannt, ihre jugendliche Kraft vergeude», vcrschlemmcn und verlottern? Erst jüngst hat ein dcutsch-nationalantisemitischcr ReichSrathSabgeordncter und — seinem Stande und! Berufe nach — Lehrer ein Schriftchen gegen das Ileberhandnehmen deS Alkoholismus iir der Bevölkerung. hcrauSgcgcbc» und dabei ganz > und gar vergessen, daß es gerade seine und die ihr congeniale Schönerer-! Partei ist, welche in der nachtheiligsten Weise die Sittlichkeit unserer studircndcn Jugend durch demoralisircnde Orgien beeinflußt. Tie entsittlichende und entnervende, die Gesundheit von tausenden in Jugcndkraft blühenden Jünglingen untergrabende „deutsch-antiicinitische Cumpanei" hat aber noch eine andere Schattenseite, die zu ernsten Bedenken und Vorkehrungen triftigen Anlaß geben muß. Der impertinent freche Ton, in'welchem sich ganz grüne Jungen crdreistcn, über ihr Vaterland, in welchem sic dereinst als Richter, Aerzte, Rhrer rc. wirken sollen, saus gene zu sprechen, ist zur Genüge bekannt. Buben, die kaum zwei Seiten der hundertbändigen RuhmeSgeichichte unseres Vaterlandes Oesterreich gelesen haben, erfrechen sich, ein Kritikasterthum zu treiben, dessen Endziel der schweifwedelnde BnzäntiniSmuS vor Bismarck ist. Daß einem derartigen lächerlichen, blöden und unmoralischen Treiben ein E»i>e gemacht werden muß. Ist selbstverständlich. In erster Linie ist cS die Aufgabe einer vom vatriolischcn und wahrhaft erzieherischen Geiste beseelten Lehrerschaft, dem tollen Unfug der antisemitischen und antidynastischctr Hetze üiit allen Mitteln zu steuern, und zwar vor Allem durch daS sittigcnd wirkende Beispiel. Die Unterrichtsbehörden, denen das caveant eoumiIos, ne quid detrimenti capiat res publica die heiligste Pflicht ist, müssen ihres Amtes im vollsten Maße walten. Der Geist der Unbotmäßigkeit gegen Recht, Moral und Humanität, wenn er sich in dem Worte „Antisemitismus" äußert, muß behoben werden. Unterlassungssünden können mitunter gar nicht gut gemacht werden. Aus dtM Landtage.) Tic Sitzung vom l. Februar wurde am Schlüsse in eine vertrauliche umgewandelt, in welcher folgender Gcgrnstand zur Verhandlung kam: Aus Anlaß eines Berichtes über die Scandale, welche Greg orig in der Landtagssitzung vom 27. Jänner hcrvorgerufen hatte, erhielt die „Oeskerreichische VolkSzeitung" eine Zuschrift des Landesbeamten Emerich K o w a l e k, in welcher cS heißt: „Ihr Landtagsbericht vom 27. Jänner d, I. behauptet, daß .»llc LandcSbeamtcn eifrige Verehrer deS Abgeordneten Grcgorig seien'. Von der Ueberzeugung ausgehend, daß diesen Satz nur irrige Information verursacht hat, ersuche ich um gefällige Aufnahme nachfolgender Erklärung — zunächst und vor Allem in meinem eigenen 'lianien, aber and), wie ich bestimmt weiß, im Sinne meiner BcrufSgenossen. Wenn auch nicht geleugnet werden kann und allgemein bekannt ist, daß die Landesbeamtenschast zum großen Theile im antisemitischen Fahrwasser segelt, so gibt eS doch darunter kaum zwei oder drei, die daS Benehmen dieses sogenannten Volksvertreters nicht aufs Entschiedenste verurtheilen und die .Verbeisclung' und Unfruchtbarmachung des L»ndkagcs durch denselben tief beklagen würden. Da obige Behauptung der '^hre, Bildung und Urtheilskraft der Landesbeamtenschaft nahetritt, "suche ich nochmals um Aufnahme dieser Zeilen." Die Publication cicscr Zuschrift veranlaßte nun Schneider, einen Dringlichkeitsantrag zu stellen, es sei gegen den Einsender derselben die Disciplinarverhandlung einHuleiten. In der als vertraulich erklärten Bcrathung begründete er seinen Antrag, indem er die Behauptung aufstellte, daß eui Landesbeamter gegen einen Landtagsabgeordnetcn eine derartige Kritik sich nicht hcrausnehmen dürfe. Dr. Ko pp machte dagegen geltend, daß eine Disciplinarverhandlung gegen die Landesbeamten nach der Dienstpragmatik nur bei Handlungen zulässig ist, die sich »uf den amtlichen Dienst und auf ihren Wirkungskreis als Beamte beziehen. Das HauS beschloß auch mit großer Majorität, über den Antrag Schneider zur Tagesordnung überzugehcn. — Am 5. Februar war der Landtag der Schauplatz großer antisemitischer Erceffe. Doctor Blatt.__Seit« 3 Lueger sprach von Ungarn in einem Tone, als ob es nicht ein Bruderstaat, sondern Feindesland wäre. Schneider aber begnügt? sich nicht mehr damit, die Beraubung und Austreibung der Juden zu predigen, sondern rief unter 'dem Schutze der Immunität zum Fenster hinaus: „Dieses Volk, dieses gottverfluchte Gesindel muß vom Erdboden vertilgt werden!" (Berwaltllllsssrath Pacher.) Von einem hervorragenden Wiener Bank- und Wcchselhause erhalten wir folgende Zuschrift: W > e», :j Februar. Geehrter Herr Redactcur! Da Sie in Ihrer letzten Rümmer die Boiiklhätigteit des Herrn b. Pacher Revue passiven lassen, so wird cs für Sie nid)tohne Interesse sein zu hören, daß dieser Herr erst jetzt einer englischen Gesellschaft als Vcrwaltungsrath bcigclretcn ist, die hier in Wien irgendwo ein Stück Feld gekauft hat und auf diesen Kauf Acticml cmitlirt, welche vorige Woche unter Aegide deS Herrn v. Pacher um circa ll> fl. dem Wiener Publicum zur Subscription vörgelegt wurden. Es soll eine Ziegelei errichtet werde», und daraus läßt er sich jetzt schon nahezu 4(1 Perccnt Agio zahlen. Es wurde mir an- , getragen, als Subscriptionsstelle für das Unternehmen zu snngircn, aber ich habe trotz der versprochenen großen Provision eS abgelchnk, für ein sold>cs Unternehmen eine Clientel zu engagircn. Hochad)tcnd M. A. Spitzer. (Lavircn nutzt nichts.) I» der vorigen Rümmer veröffentlichten wir eine Zuschrift, in welcher dargelcgt wurde, daß die von der Leitung des Deutschen Schulvereincs befolgte Methode, durch Laviren die brutale KampfeSwcise der Antisemiten einzuschränkcn, verfehlt sei. Der Verlauf der Sitzung dcö Wiener GcmeinderathcS vom 1. d. M. lieferte hicfür wieder ein eclatantcS Beispiel. Gcßlnann und Steiner bekämpften and, Heuer in gehässigster Weise die Subvention für den Tcutsd)en Schulvcrein, und der „urtcutsch" sich gebcrdende Jugendbildner Tomola mad)te demselben daraus einen Vorwurf, daß er in Josefstadt eingestandenermaßen nur für die. dortige Garnison eine Schule errichtet habe. Alle Antisemiten stimmten gegen die Subvention. (Ans fortschrittlichen Vereinen.) Der Bürg crv er ein im Ul. Bezirke nahm die Rechenschaftsberichte der bisherigen Gemeinderäthe Frosch, Gierster und Dr. Zimmermann entgegen und stellte dieselben als Eandidaten für die bevorstehende» Gemeindewahlen aus dein zweiten Wckhlkörper auf. In seinem sehr beifällig aufgcnommcnen Rechenschaftsberichte führte Dr. Zimmermann unter Anderem auS: „Die Antisemiten stören bei jeder Gelegenheit die ruhige Bcrathung des GemeindcratheS. Ja, cS hat den Anschein, alS ob auch die Schonzeit, welche die Opposition dem Bürgcnneister Tr. Grübl bisher habe angedcihen lassen, vorüber sei, und daß die antisemitische Partei den Angriff gegen daS Oberhaupt der Stadt 'nunmehr mit aller Kraft eröffnen wolle. Die Wahl des Dr. Lueger in den Stadtrath hat für einige Zeit eine gewisse Mäßigung der bestehenden Gegensätze bewirkt; allein in dem Momente, als Dr. Lueger dadurch seinen Einfluß bei seiner Partei schwinden sah, trat er mit einer scharfen Philippika gegen Stadt- und Gemeinderath auf. In /dem BezirkSschulrathe haben solche Elemente, wie sie die Opposition enthalte, keinen Platz, da sie einer ernsten Bcrathung nur abträglich wären," Aus der DiScussion, die den Rechenschaftsberichten folgte, ist nachstehende Aeußerung des Bürgerschullehrers Bauer bcmerkenswerth: „Der Niedergang unseres öffentlichen, LcbcnS ist nur dem wüsten, turbulenten Treiben der Antisemiten zuzuschreibcn. Die Stätten der Arbeit sind zu Stätten deS Kampfes und der persönlichen Gehässigkeit herabgesunken. Ein großer Theil des Volkes ist dieser scandalösrn Vorgänge satt, und allmälig beginnt die Erkcnntniß zum Durchbruche zu gelangen, daß cs so nid)t fortgchen könne. Tie diesjährigen Gemeinderathswahlcn werden von eminenter Bedeutung sein. Wenn cs den Antisemiten gelingt, nur zehn Mandate zu gewinnen, dann wird der Bürgermeister weiterhin nick)t imstande sein, die Geschäfte zu führen/ und sein Amt niedcrlegen müssen." — Auch andere fortschrittliche Vereine'hielten Versammlungen ab, in denen die bevorstehenden Gemeindcwahlen in ähnlicher Weise wie im Landstraßer Bürgervereine besprochen wurden. (Eine Stimme aus Beamtenkreifen.) Ein Beamter schreibt UNS: Einen geradezu ergötzlichen Anblick macht es, wie die Antiliberalen in Hinblick auf die kommenden Gemeinderathswahlcn um die Gunst der Beamten und Lehrer, die im zweiten Wahlkörper wahlberechtigt sind, buhlen. Es gibt kein Versprechen, das sie dieser Classc von Wühlern in öffentlichen Versammlungen sowie in ihrer Hetzprcsse nicht schon gemacht hätten, und wenn eS daraus ankömmt, so werden sic sich

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