Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 149 (10.2.1895)
- Date
- 1895-02-10
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Freie» Blatt. Nr. 149. sich nicht scheut, dummdreiste Grandiloquenz und hämische Berkleinerungssucht jeglichen wirklichen Verdienstes vor der Aera de« großen Dühring. Tie .grundlegende Wissenschaftlichkeit" deS Herrn Dühring in nationalökonomischer Beziehung ist soweit her wie auf den anderen von ihm bebauten Gebieten. Das A und O seiner LösungSart von Problemen liegt in der ihm eigenen Gewaltstheorie; .ein Alexander haut'S auseinander" denkt er sich offenbar. Dühring nimmt als Element der Gesellschaft zwei Menschen — aber nicht etwa das sexuelle Paar — die berühmten „zwei Männer" des Herrn'Dühring an, von denen der eine den anderen unterdrückt, vergewaltigt und dann für sich arbeiten läßt. Diese „zwei Männer" müsien dann alle ökonomischen Functionen und socialen Probleme erklären: die Entstchung der socialetVUnterschiede, der politischen Bevorrcchtung, des EigenthumS, Ca^italeS, MehrwertheS, der Ausbeutung u. s. w. Man muß Dühring /das Zeugniß ausstellen, daß von all den vielen Versuchen, die seit Jean JacqueS zur Erklärung der Ungleichheit unter den -Menschen gemacht wurden, keiner platter, tölpischer, gemeinplätziger ist als der seinige. Er ist aber bezeichnend für den Mann wie für die Zeit und daS Volk, welche diesen Gewalttheoretiker auf den Schild hoben. ES sind das Volk und die Zeit Bismarck'S. Nolite mirari. Von feinen „zwei Männern" läßt sich Dühring geradeuwegS auf die Bahnen deS von ihm so geringschätzig beunheilten Proudhon geleiten, wohlgemerkt um eine Caricatur des Verlästerten als „wurzelhafte" Weisheit auSzuposaunen. „Reichthum," erklärt unser Mann, „ist die Herrschaft über Menschen und Tinge." Proudhon wäre, obwohl Dühring dasselbe meint wie er, nie so läppisch gewesen, „Herrschaft über Menschen" Reichthum zu nennen, und Engels formulirt den Satz richtiger: „Reichthum ist die Herrschaft über Menschen vermittelst der Herrschaft über Tinge", obwohl er auch, so weder im logischen, noch im ökonomischen Sinne den Namen Definition verdient. Dühring braucht aber den zweideutigen Satz, um den Reichthum eineSlheilS als eine berechtigte löbliche Sache (Herrschaft über Tinge), andererseits als „Raub" (Herrschaft über Menschen), als „Gewalteigenthum" hinstellen zu können. Ta haben wir dann die jammervolle Verelendung und Vergenieinerung der Proudhon'schen Antinomie: la propriete c’est le vol und la propriete c’est Ia liberte. Proudhon, natürlich wieder verschlechterten Proudhon, finden wir auch in dem Satze Tühring'S, daß die Arbeitszeit verschiedener Arbeiter — gleichgiltig ob Eanalräumer oder Bildhauer — gleichwerthig sei, nur hat Proudhon nicht Arbeitszeit, sondern Arbeit gesagt'. Endlich glauben wir auch in der verworrenen Anschauung Tühring'S über daS Wesen der Grundrente, die er mit dem Capitalgewinn zusammenwirft, nicht so ausschließlich, wie Engels meint, eine schlechte Abschrift von Earey zu finden, vielmehr schimmert unS auch hier versteckter Proudhon, und zwar dessen verworrene Zusammenwürfelung aller Einnahmen unter dem Sammelnamen des HeimfallrechteS (anbaine) unverkennbar durch. Diese Anlehnung Tühring'S an den ihn persönlich aber himmelhoch überragenden „Vater deS Anarchismus" erklärt seinen eigenen Anarchismus und kennzeichnet sowohl die geistige Originalität als den sittlichen Adel pes ManueS. Engels faßt daS Resultat seiner Untersuchung über Eugen Dühring alS Notionalökonomen wie folgt zusammen: „WaS ergibt sich nun schließlich alS daS Resultat unserer Analyse des Tühring'schen .eigen erzeugten Systems' der politischen Oekonomie? Nichts als die Thatsache, daß wir mit all den großen Worten und noch gewaltigeren Versprechungen ebenso hinters Licht geführt worden sind wie in der .Philosophie'. Die Theorie des WertheS, dieser .Prüfstein der Gediegenheit ökonomischer Systeme', lief darauf hinaus, daß Herr Dühring' unter Werth fünferlei total verschiedene und einander schnurstracks widersprechende Tinge versteht, und also im besten Fall selbst nicht weiß, was er will. Tie mit so viel Pomp angekündigten .Naturgesetze aller Wirthschasf erweisen sich als lauter weltbekannte und oft noch nicht einmal richtig gefaßte Plattheiten der ärgsten Art. Die einzige Erklärung ökonomischer Thatsachen, die uns das eigen erzeugte System zu geben hat, ist, daß sie Resultate der .Gewalt' seien, eine Redensart, womit der Philister aller Nationen sich seit Jahrtausenden über alles ihm widerfahrene Ungemach tröstet, und womit wir nicht mehr wissen als vorher. Statt diese Gewalt aber nach ihrem Ursprung und ihren Wirkungen zu untersuchen, muthet Herr. Dühring uns zu, uns bei dem bloßen Wort .Gewalt' als letzter Endursache und endgiltiger Erklärung ~aQer ökonomischen Erscheinungen dankbarst zu beruhigen. Gezwungen, über die capitalistische Ausbeutung der Arbeit weitere Aufschlüsse zu geben, stellt er sie erst im Allgemeinen dar, als beruhend auf Bezollung und Preisausschlag, hier ganz die Proudhon'jche.Vorwegnahme' (prelevement) sich aneignend, um dann nachher im Besonderen sie zu erklären vermittelst der Marx'schen Theorie von Mehrarbeit, Mehrprodukt und Mehrwerth. Er bringt eS also fertig, zwei total widersprechende Anschauungsweisen glücklich zu versöhnen, indem er sie beide in Einem Athem abschreibt. Und wie er in der Philosophie nicht grobe Worte genug hatte für denselben Hegel, den er unaufhörlich verseichtigend ausbeutet, so dient in der .Kritischen Geschichte' J)ic bodenloseste Verlästerung von Marx nur zur Verdeckung der That "sache, daß alles noch einigermaßen Rationelle, was sich im .Cursüs' über Capital und Arbeit vorsindet/ ebenfalls ein verseichtigendes Plagiat an Marx ist. Die Unwissenheit, die im CursuS an den Anfang der Geschichte der Culturvölker den .großen Grundbesitzer' stellt und kein Wort weiß von der Gemeinschaft des Grundeigenthums der Stanim- und Dorfgemeinden, von der alle Geschichte in Wirklichkeit ausgeht. Diese heutzutage fast unbegreifliche Unwissenheit wird beinahe noch übertroffen von derjenigen, die sich in der .Kritischen Geschichte' als .universelle Weite deS geschichtlichen UmblickS' nicht wenig auf sich selbst, zugute thut, und von der wir nur ein paar abschreckende Beispiele gegeben haben. In Einem Wort: erst die kolossale .Aufwendung' von Selbstanpreisung, von marktschreierischen Posaunenstößen, von einander übergipfelnden Verheißungen; und dann der .Erfolg' — gleich Null." Wir haben dem nichts mehr hinzuzusagen. Das Bild des Mannes, der den Antisemitismus angeblich philosophisch vertieft haben soll, rundet und schließt sich ab, eS wird bald vollendet, sein. Einstweilen rechtfertigt es hinreichend die Diagnose, welche Engels auf Grund eingehender psychischer Studien fällt und am Schluffe seines Buches in den wenigen, aber vielsagenden Worten zusammenfaßte: „Unzurechnungsfähigkeit aus Größenwahn." Antisemitismus und Schule. (Von einem Lchulmanne.) Mit Fug und Recht wird die erzieherische Thätigkeit der Schule als ebenso bedeutsam wie die didaktische hervorgehoben. Lehrer, welche ihre Aufgabe erfüllt zu haben vermeinen, wenn sie daS ihnen übertragene Fachpensum ihren Schülern einprägen, dürften trotz aller kunstgerechten Methode kaum auf den Namen eines Lehrers in Wirklichkeit Anspruch machen. Das, was dem Lehrer £$o-/r(v die eigentliche Weihe gibt, ist seine erzieherische Thätigkeit. Daß eine solche in Wahrheit nur dann möglich ist, wenn der Lehrer selbst iin harmonisch gebildeter Charakter ist, wer möchte daS bezweifeln? Der Erzieher, was doch jeder Lehrer implicite sein soll, muß in erster Linie sein eigen Ich beherrschen können und frei sein von jeglicher Leidenschaft, die ihn als Führer der Jugend von dem Wege des Rechtes, der Moral und der Humanität ablenken könnte. Wie oft bereits ist der Satz: „)laxima reverentia puero debetur“ als der Kern jeglicher erzieherischen Weisheit aufgestellt, und wie oft ist gegen diesen Cardinalsatz gefehlt worden! Man erwäge nur den leider heutzutage so oft vorkommenden Fall, daß der Lehrer Antisemit ist und als solcher sich nicht bloß außerhalb der Schule geberdet, sondern auch innerhalb der heiligen Räume der Erziehungsstätte die böse Botschaft des RacenhasseS verkündet. Der Einwand, daß das, was man außerhalb der Schule für sein Glaubensbekenntniß erklärt, innerhalb der Schule zum Schweigen gebracht werden könne, ist nicht stichhältig. Die Zweiseelentheorie mag in einer psychologischen Novelle verfochten werden, im nüchternen, praktischen Leben erweist sie sich stets als unhaltbar. Auch müßte man von der Feinfühligkeit und dem natürlichen Spürsinn der Jugend gänzlich absehen, wollte man das politische Credo des Lehrers, das er außerhalb der Schule bekennt, als belanglos für die Schule selbst halten. Verba doeent, exempla trabunt! gilt hier wie auch anderwärts im vollsten Maße, und wir möchten im Angesichte des immer mehr und mehr an einigen Lehranstalten um sich greifenden Antisemitismus die ernste Frage an die maßgebenden Behörden richten, ob und inwieweit der verderblichen Thätigkeit antisemitischer Lehrer gesteuert wird. Tie Thalsache steht nun einmal fest, daß ein großer Theil der Heranwachsenden Mittelschuljugend nicht nur dem Tamtamschlag antisemitischer Faiseure begeistert zuhört, sondern auch sich antisemitisch organisirt und bei jeder Gelegenheit sich antisemitisch geberdet, ohne daß unseres Wissens durch ein entschiedenes tjuos ego! diesem tollen Treiben Einhalt gemacht würde. Zu welch kindischer Farce die sogenannte „deutsch-nationale Action", von einer Anzahl Schönerer'scher und auf das Linzer Programm schwörender Universitätsstudenten gefördert . und gehylten, es bringt, davon nur eine kleine Probe. An einer deutschen Mittelschule hatte sich ein arischer „Bund"" gebildet, der den „edlen Zweck" verfolgte, allen „Juden und Judenknechten" brevi manu den Garaus zu machen. Zu diesem „heiligen" Zwecke wurden vor Allem die „Unverfälschten Deutschen Worte" und die „Ostdeutsche Rundschau" auf ein Biqrtel-