Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 148 (3.2.1895)
- Date
- 1895-02-03
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 3 Nr. 148. Freie imiibc, erregte in wissenschasltichen Steifen einen Sturm der tSnt« riistung. der sich auch in zahlreiche» Zuschriften an uns kundgibt. Wir reprodueiren von dem uns zur Widerlegung des besagten Feuilletons eingesandten Materiale nachstehend Einiges: I. WaS die Herren Redactenre deS „Deutschen VolkSblatteS" verstehen und welche Unwahrheiten sie ihren Lesern auszutischen wagen, ,sicht man auS dem Feuilleton dieses Blattes vom 23. Jänner. Cime auf den Ton und den Alles eher als deutschen Styl dieser Leistung einzugehen, wollen wir auf einige Stellen Hinweisen. In der dritten Spalte heißt es mit Rücksicht darauf, daß Rector Mnlliier den Professor Rothnagel nach Wnndt lobte: „Dieser Hinweis ist lächerlich; um das Wissen und Können eines Klinikers richtig zu schätzen, ist eS absolut nicht nothwendig, sich bei dem Philosozihen und Physiologen Wnndt Rath zu holen; für die Beurtheilnug der wissenschaftlichen Thätigkeit und das Können eines Arztes >'iud allein seine Kenntnisse und sein Handeln am Krankenbette maßgebend: nun frage man nur bei , sämmtlicheu Wiener christlichen Aerzten an, waS sie von Nothnagel als Kliniker denken, daS Urtheil durfte wohl etwas verschieden von dem des Rector Müllner lauten." Müllner ist kein Mediciner; er kann also daS Können eineS Mediciners nur an seinem eigenen Leibe erproben oder nach den Mittheilnngen Anderer beurtheilen. Wenn er sich also an Wuudt hält, hat er nur den richtigen Weg eingeschlagen. Wnndt ist Philosoph und Mediciner,. zugleich und in beiden Gebieten nrtheilSberechtigt. Im klebrigen ist die Beziehung auf den Kliniker Nothnagel üblich. So heißt es beispielsweise bei dem Franzosen Lahousse ('Manuel «Je Physiologie 1800, 310): ..dapres le Clinicien Nothnagel on a le «lroit de -.•ii|i«;«nin«r nne »Iteration Couches Opti'jiies, lors«jite le inalale nsete.‘- Ein Widerspruch zwischen einem guten Physiologen und .-ment guten Kliniker besteht umsoweniger, als ja die Auffassung der, rtraukheilSvorgänge in wissenschaftlicher Hinsicht nur die gestörter pln,nologischer Berhältuisse sein kann. Wen» man nun erwägt, daß .h'oibuagel ein classischeS Lehrbuch der Heilmittellehre geschrieben hat, n;»u man erwägt, daß er seine physiologischen Versuche am Gehirne;nm Zwecke der schärfere» Diagnose der Gehirnkrankheiten und seine Versuche am Darme zur Erklärung typhöser Processe gemacht hat, wird man nur annehmen können, daß der Mann daS richtige Zeug j;it einem Kliniker habe Es mag soviel genügen, um zu zeigen, werden richtigeren Weg in der Beurtheilnng Nothnagel'S eingeschlagen heit: der Feuilletonist vom „Deutschen Volksblatt" oder Nector Müllner, der seinem llrtheile controlirbare Eitate unterlegte. In der fünften Spalte deS famosen Feuilletons ist von Stricker!ind Zuckerkandl die Sprache, und wird zunächst in die Rede Müllner'S l-ineincommentirt, daß nur die Werke dieser zwei -Männer eine neue .üuilage erleben könnten. In diesem Absätze wird am meisten gelogen.! Zuckerkandl ist allerdings Professor der Anatomie, allerdings kaufen echnler am liebsten die Werke ihrer Lehrer, aber Zuckerkandl'S Werk,! . :S soeben inö Französische übersetzt wurde, ist für Schüler überhaupt »»verständlich. ES ist nämlich eine Monographie der Nasenhöhle, welche eine Fülle embryologischer, pathologischer und klinischer Notizen nihält, und welche sicherlich nur von denjenigen gelesen wird, welche bedeutende Specialisten der Anatomie und der Physiologie sein wollen. Fch möchte denjenigen Studenten sehe», der ein halbes Jahr ein Buch »iihiren wird, welches von nichts als von der Nase handelt. Was über Hyrtl gesagt.wird, ist gelinde gesagt ein Blödsinn. I» der rhat war er einer der größten Männer seiner Zeit, kann das aber 'einen Schüler h »dem, ein gute« Buch zu schreiben? lieber - Stricker wirst gesagt, daß er wegen seiner grausanre» Manipulation an armen lebenden Thieren einen Weltruf genieße. In That genießt Stricker einen Weltruf, aber wegen seiner Ent- RiidnugStheorie und seines ernsten Bestrebens, die Ursachen der 'icankheiten der Speculation zu entreißen und anschaulich zu machen. Bon den arischen Vivisectoren Goltz, Schräder, Stefani, Flourens, Hvno!l, Adamuk, Munk, Brücke unterscheidet sich Stricker in gar uchtS, vielleicht höchstens darin, daß er der Schmerzlosigkeit der Bjvisection langjährige Studien widmete. Was hat nun der Feuilletonist des „Deutschen VolkSblatteS" bewiesen, als er sein Feuilleton 'com Stapel ließ? Daß der Redaction und den Lesern des BlatteS i.dcr Unsinn und jede Unwahrheit geiiehm ist, wenn sie im Wesen »nr auf ein „Hepp, hepp" hinauSläuft. Wien, Ende Jänner. Bpsilon. II. Löbliche Redaction des „Freien BlatteS"! * Gegenüber den pöbelhaften Angriffen, welche daS Feuilleton deS ..Deutschen VolkSblatteS" vom 23. Jänner gegen Spinoza enthielt, Blatt. dürfte eS zweckmäßig sein, nachfolgende Auffassung eines der nennte» und bedeutendsten (arischen) Bearbeiter der Philosophiegeschichte, Pro fessors Windelband in Straßburg, zu reprodueiren I» den ^-Präludien" (Vortrüge zur Einleitung in die Philosophie, S. 8'.0 be handelt Windelband die allgemein wissenschaftliche Bedeutung Spino;«i's und dessen Charakter wie folgt: „To gut wie nur irgend einer der Herpcn der menschlichen Denkarbeit ist Spinoza der leuchtende Beweis dafür, daß es keine wahre Genialität und keine höchste Entfaltung geistiger Kräfte gibt ohne die.Größe deS Charakters. Wenn die PJeschichte der Philosophie immer mit einer gewissen Feierlichkeit bei dem Namen Spinoza anhült und über seine Bedeutung mit besondercr Vorliebe sich ergeht, so' rührt das vor Allem daher, daß bei ihm ' ebenso sehr der Mensch unser Her; gewinnt, wie der Philosoph »niesen Geist fesselt; und eS ist weniger der Reiz des Tragischen in ke nein Geschick, welches er mit Pkanchem theilt, als vielmehr der ergreifende Eindruck wahrer, innerer Größe, woraus dies allgemeine Ontereno ui, seiner Persönlichkeit beruht. Wenn die lautere Klarheit, seiner danken noch durch «üwaS übertroffen werden kann, so ist es. durch d«e fleckenlose Reinheit seines Charakters: in ihm ist kein Winkel, in dem sich die Lüge verkriechen kann, und Alles, was er «Hut, was a kl", was er lehrt, trägt an sich den Stempel reinster Wahrhaftigkeit »nd vollster Ueberzengtheit. Jene innere Sicherheit, ivelche sich' in &er .mathematischen Gewißheitseiner rhilosophi'chen lleberzengiing on.' prägt, stammt zugleich ans dem Charakter, der fest in sich gegründet mit ruhiger Milde durch das Leben geht. Diese innerliche Festigkeit, aber erwächst nur daraus, daß sich alle Kräfte einer ganze» Lebens * arbeit mit klarem Bewußtsein ans ein großes Ziel hin richten, und jene irach allen Seite» strahlende Wahrhaftigkeit wurzelt eben -bari», daß eS ihm. von Jugend auf voller und'heiliger Ernst war um die Wahrheit. Die Arbeit des Denkens war ihm Pflicht und Seligkeit zugleich, die Wissenschaft war ihm Religion. Aber noch in anderer Bedeutung gilt das letztere: religiös int eigensten Sinste des Wortes, sind alle seine Motive feines Nachdenkens; ein lief religiöses Be dürfniß, in den Glaubenslehren der positiven Religionen unbefriedigt, ist der psychologische Untergrund all seines wisseuschastlichen Stcebens; und wie sein ganzes Denken ein Suchen »ach Gott ist, -so stellt sielt seine Philosophie in ihrer abgeschlossene» Gestalt dar als eine großartige Anschannng der Gottheit; er ist ein ..gotttrunkener Mann. Dies ist der wahre'Mittelpunkt pon Spiuoza's Wesen, und hiebei liefen alle Fäden seiner Entwicklung zusammen, hier einigten sich die mannigfaltigen Elemente seiner, Bildung: hierin bewährt er auch d-.e Abstammung von einer Nation, welche die leidenschaftliche Intensität ihres Gottesbewußtseins durch die Jahrhunderte als den wenhvollsten ihrer Schätze gehütet hatte." Auf, Seite 9.'» der „Präludien" bespricht Wi»delb«rnd deti „theo- . logisch-politischen Traclat" und Spinoza's Stellung z»m Judenihume wie folgt: „Zwar ist es gewiß nicht zu verkennen, daß darin indem theologisch-politischen Traclat) zahlreiche Gedanken der großen jüdischen Theologe» verwenhet sind und als Studien dem Werke direct;»- gründe liegen, und auch das ist nicht zu leugnen, daß Spinoza in begreiflicher Erregtheit gegen die Feinde seiner Ruhe die leise Ab j Ijangigfeit von der jüdischen Theologie,- in welcher er sich »och »unter befand, weiter, als er berechtigt war, von sich zu weifen suchte: aber mit dem Grundgedanken dieses Buches .steht er doch völlig frei und selbstständig in origineller Größe da, und der radicale Einschnitt, welchen er zwischen der Retigion und der Wissenschaft macht, indem er dem religiösen Dogma allen Erkenntnißwerth abspricht, um ihm desto ungehemmter die moralische Wirkianikeit zu eröffnen — der ist ■ feine eigenste That. Für jenes Evangelium einer Retigion, welches keine Erkenntniß geben, sondern nur sittliche Menschen erznhen will, jenes Evangelinm einer Religion der Moralität, ivelcheS Leising und Kant verkündet haben, ist Spinoza der. Johannes — der Prediger in der Wüste." > Ich habe gerade diese Stellen gewählt, iveil sie in prägnantester i Weise zeigen, wie im „Deutschen BolkSblatte" daö Bild Spinoza's absichtlich und böswillig entstellt wurde. Hochachtungsvoll Brünn, 30. Jänner. Pr. U. I.. Ungenießbar. Unter den Antisemiten des deutschen Reichstages herrschen be deutende Differenzen. Der sattsam Mannte Münchener Juden- und Preußenfresser Du Sigl meint: „Preußen und Mitteldeutsche können sich nicht vertragen; eS ist auch unter den Antisemiten der Preuß' immer zuerst Preuß, ehe er was Anderes ist, und die Anderen siirdeir das dann mehr oder minder ungenießbar." Abgesehen vom StammeSi