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Freies Blatt · 1895-02-03 · 148 (3.2.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
148 (3.2.1895)
Date
1895-02-03
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Freie» Blatt. Nr. 148 Seite 4 dunkel, von particularistischen Neigungen, finden sich aber auch viele andere Gegensätze, welche die Einen den Anderen ungenießbar machen. Ter in H.-ffcn verkrachte Böckel, der sich jetzt um eine neue »feste Wicklung" umschen muß, entwickelt derzeit eine besondere Rührigkeit. Bald weilt er in Magdeburg, um zu agitiren, bald spricht er in Berlin, stets aber gegen Liebermann v- Sonnenberg, von dem man Alles erwarten dürfe. Ahlwardt, der Hospitant der antisemitischen ReichStagSfraction, sagte in München: Mit dem Verhalten eines L i e b e r m a n n und Zimmermann lasse er sich nicht identificiren; mit denselben habe die Bewegung, welche er zu fördern suche, nichts gemein, als den antisemitischen Mamcn. Er sei nicht gesonnen, sich von diesen Herren zu conserrativem Bauernfang mißbrauchen zu lassen. In der Ahlwardt zu Dienste» stehenden „Westfälischen Reform" wird auch Herrn von Licbcrmann in folgender Weise der Text gelesen: Herr» v. Liebermann müssen Freiheiten geradezu al« ei» Greuel erscheinen. :>>ach der „Hannoversche» Post" sprach er am 12 Jänner in einer öffentlichen Versammlung im Palmengartcn zu Hannover unter Benutzung maritimer AuSdtiicke von einer „Jochstolte von Freiheiten, die über da« deutsche Volk seit l>9 > hereingebrochen seien". Man muß sich diesen Ausspruch, der auf die Denkart de« Herrn v. Liebermann ein bezeichnende« Licht wirst, merken. Derselbe Herr äußerte im Reisetage al« officieller Redner der deutsch-socialen Reformparlci zur Umsturzvorlage: .„Ich sür meine Person werbe eine Ehre darein setzen, so viel al« möglich evangelische Geistliche hier in« Hau« zu bringen." Wir dürfen es jeden'all« al« einen Ausfluß dieser Gefinnimg betrachten, wenn Herr v. Liebermann dem Wahlkreise Eühwege-Schmalkalden den Pastor I«• kraut al« ..antisemitischen" ReichStagScandidaten jetzt aufnöthigl. Einen beru'cncren Vertreter al« tiefen christlich-socialen Herrn konnte die deutsch-sociale Reformparteileituuz wohl nicht finden? An« der Liebermann'schen Reich«tagSicde über die Umsturzvorlage, die im Grunde nicht« mehr und nicht« weniger rcrstelll al« eine Auswä'.ninng der sehr unbedeuteuden Zimmermann'schen EialSrede, haben wir nur Wenige» zu berichten. Ta« judcngeguerische Moment iü bereit« in der Lieber Zimmermann'schen Partei zu einer solchen Bedeuiung«- Ir'stgkeit herabgesnnken, daß seiner überhaupt keine Erwähnung mehr gethan wird, oder man müßte da« Talmud- und Schächtgefasel dafür ansehen. Den l.'S<> findet Herr v. Ln der mann schon ganz annehmbar, wenn nur der „Religion" da» Wörtchen ..christlich" hinzugefügt und gestattet wird, auch fernerhin <todi, da« Raubeigenlhuin. wie e» au der Börse, mit gewagte», betrügerischen Spekulationen, durch Wucher und dergleichen zusammengebracht ist, zu bekämpfen Herr v. Liebermann macht hier leider an der Börse und der jiidischeu Art de« Eigeulhum«raube» Halt. Wenn er den letzten Ursachen de« Raub¬ und Gewalteigenihum« nachsorschen wollte, würde er neben der Börse und dem JuLen noch eine Fülle anderer, vielleicht ihm hier und da sogar sehr befreundeter Raub- und GewalteigenthumSi nhaber finden T ieie zu sch ütze n unter einziger Preisgabe der Juden, irill un« wenig gerecht und ehrlich erscheinen. Weniger erbaut waren ivir davon, daß da« Volk, wenn e« seine Verwaltung in eigene Hände nimmt, dem Herrn v. Lieberniann ein „Pöbel" oder „souveräner Pöbel" ist. Wie ganz ander« zeigt sich da derselbe Herr diesem „Pöbel", wenn er ihn zur Wahl eine« seiner Spießgesellen nolhivendig braucht. Wie seinen consevrativen F eundcn,' io erichcinl auch Herrn v. Liebermann die Förderung de« Agrar wcscit« al« da« Wichtigste, da« uiomentum »uens einer höheren Politik. Die Staat«regic>uug. >'o meint er, muß mit großen Resormmaßregeln den Umsturz bekämv'cn, sie muß eine MitlelstandSpolitik im großen Style treiben, sic muß dafür sorgen, daß die Landwirlhichafl wieder mit Gewinn arbeiten kann, den» die Landwiitbichasl ist die wahre Nährmutter aller übrigen Stände. Mit dieser Pbraie ist da« Latein de« Herrn v. Liebermann zu Ende. Auf einem Parteitag, den die Antisemiten Pommerns in Stargard abgehalten, und auf welchem nebst Ahlwardt auch Förster gesprochen hatte, wurden zwei bisherige antisemitische Provinzgrößen aus der Partei ausgeschlossen. Förster berichtet hierüber in seinem Blaue: Zum Schluß mußte der Parteitag leider noch al« Bolksgericht in Thätig-!:,! treten Tie gegen die Herren v. B o r ck e undRene vorgebrachlen Klagen i.eggten die Versammlung zu einer Besprechung über die Wühlarbeit dieser H-rien in der lepten Zeit, und e« wurde folgender Beschluß einstimmig ancn»:nnu-ii: „Gegenüber gewissen Verleumdungen, welche die Herren v. Borcke und Rene über verschiedene Führer unserer Bewegung verbreitet haben, erl.a: - :. dce in Stargard versammelten Vertreter Pommerns ihre Entrüstung und schlus.en iru.e beiden Herren für alle Zeit au» der Partei au«." So bedauerlich es ist, daß rin derartige« Vorgehen gegen einzelne Ruhestörer nothwendig ist, io da>> in einem derartigen Falle kein schlecht angebrachte« Mitleid walten: die Hauptsache zu einer segensreichen Thätigkeit derjenigen, die ihr ganze« Dasein an die große Sache setzen, ist. daß ihnen der Rücken vor versteckten hinterlistigen Anfälle» gedeckt und ihre Ehre vor seiger Besudelung bewahrt wird. Deshalb ist e« schließlich gut, daß auch in Pominern di-se Arbeit hinter den Conlisseu endlich ausgedeckt und ihre Urheber unschädlich gemacht werde», nuu wird für die ehrlichen Kämpfer unserer Partei Lust werden, daß unsere gute Sache auch in unserem Laude«theile ohne weiteren Aufenthalt ihrem Ziele zustreben wiid. In Hamburg endlich manifestircn sich die EinigkcitSbcstrcbungen der Antisemiten darin, daß eines ihrer Organe mit Behagen von den: Mißerfolge eines bei einem Cpncurrenzunternehmen thätigen Agitator« Notiz nimmt; wir erfahren aus diesen Auszeichnungen, daß zwei Vor träge eincS Alexander Wald in Hamburg und Altona nur fünf, beziehungsweise acht Zuhörer fanden, während die übrigen Brüder in Antisemitismus auf den ihnen gebotenen Genuß verzichteten. (Aus dem Landtage.) In der Sitzung des »icderösterreichischcn Landtages vom 25. Jänner wurde von liberaler Seite ein Antrag ringebracht, welcher angesichts der fortwährenden antisemitischen Scandale unbedingt nothwendig erscheint. Der Landesausschuß wird in diesen, Anträge aufgcfordert, noch in dieser Saison einen Gesetzentwurf vor' zulegen, durch welchen die Geschäftsordnung in dem Sinne revidirl werden soll, daß durch dieselbe die Wahrung der Würde des Landtages nur die Erledigung der wichtigen Arbeiten desselben sichergestellt werde. Stall Halter Graf Kielmansegg beantwortete hierauf eine Interpellation, betreffend die Wanderversammlung in Tulln, dahin, daß die gerichl liche Untersuchung jene Mittheilungen, welche er im vorigen Jahre auf Grund der amtlichen Erhebungen der politischen Behörden im Hause machte, vollständig bestätigt hat Der objective Thatbestaud konnte vom Gerichte sichergestellt werden. ES konnte nur nicht ermittelt werden, welche. Personen vom Hofe auS durch ein Fensterin da« BrrsammlungSlocal eindrangen. Er habe auch im vorigen Jahre dies: Personen nicht namentlich angeführt, sondern er habe nur jene Herren genannt, unter deren Führung die Christlich-Socialen in TuUu erschienen, und diesfalls stimmen seine Angaben vollkommen mit den gerichtlichen Erhebungen überein. Den Helden von Tulln ist eS also, wie aus der JutcrpellationSbeantwortung. hcrvorgeht, glücklich gelungen, dem Criminal zu entrinnen. Im Laufe der Sitzung wurde das Landes Löcalbahngesetz erledigt. Als Gegner desselben trat der Abgeordnete des IV. Wiener Bezirkes auf; nach einer confusen Rede, in welcher dieser Großcapitalist gegen das — jüdische Großkapital gehörig schimpfte, stellte er den Antrag auf Uebergang zur Tagesordnung, zog denselben jedoch unter schallender Heiterkeit des Hauses zurück, als unmittelbar nach ihm der hochwürdige Herr Sch eiche r für das Gesetz zu sprechen begann. Die Wiedener haben jetzt einen sonderbaren Vertreter i»i Landtage! Mit Sachkenntniß und Gewandtheit trat namentlich Frei Herr v. Czedik als Referent für das Gesetz ein; als von anri tisemitischer Seite anläßlich der Schaffung eines EisenbahnbeirathcS wieder einmal „Corruptionsriecherei" betrieben wurde, erinnerte er an die Stipendienaffairc im Vorjahre, an Gregorig'S Bemühungen, seinem Sohne Begünstigungen auf Kosten des Lande« zuzuwenden. Der zärtliche Vater Gregorig war darüber höchlich aufgebracht; ei» weiterer Unfall ist am 25. Jänner nicht vorgekommen. Erst aijt folgenden Tage machte Gregorig seinem Grimm in einer die Landtags Minorität überaus compromittirenden Weise Luft. In seiner Ver leumdungswuth geberdete er sich geradezu rasend. Er fiel über den zur Wahl in die Landescommission für die Revision des GrundsteucrkatasterS vorgeschlagencn Bürgermeister von Rodaun her und miß , brauchte die Immunität, um ihn als „Betrüger" hinzustellcn. Als Abgeordneter Franz Richter, ein Antisemit Steinwcnder'scher Färbung, die Rückvcrweisung des Wahlvorschlages zur abermaligen Berathuug an den Landesculturausschuß beantragte, schrie der für dieses Ent gegenkommen nicht 'empfängliche Gregorig: „Na ja, der Züchter deckt die Lumperei!" Dann beschimpfte der Neubauer ThersiteS den Bürger meister von Klosterneuburg, den er schon im Vorjahre gelegentlich der Debatte über die Schulstipendien der Ausstellung eines falschen Zeugnisses beschuldigt hatte. Dem Vorsitzende» gegenüber benahm er sich unbotmäßig, und er setzte seine Geschimpfe fort, auch nachdem ihm das Wort entzogen worden war. Unter solchen Verhältnissen blieb dein Landmarschall nichts übrig, als die Sitzung für geschlossen zu erklären. „Das ist eine unerhörte Schweinerei!" — mit diesen seiner würdigen Worten nahm Gregorig die Erklärung deS Landmarschalls auf; sein Dankgefühl gegen die gräfliche Herrschaft seines Vaters hal - er bereits vollständig unterdrückt. Pacher aber zeigte sich trotz aller Zänkereien zwischen den Christlich-Socialen und den sogenannten Nationalen als guter Kamerad und kündigte mit einem starken Auigcbot seiner Stimmmittel für die nächste Sitzung neuerliche Tunuilte an. In liberalen Abgeordnetcnkrciscn fragte man: Wollen die Gregorig und Pacher die Auflösung des Landtages herbeiführen, oder haben sic gar keinen Hintergedanken und ist ihnen der Scandal Selbstzweck V — Am 29. Jänner gab eS, wie Pacher vorhergcfagt, wieder ein-

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