Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 148 (3.2.1895)
- Date
- 1895-02-03
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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feite Ur. 148 Freie fnf: die Durchführung jenes Gedankens auf Grund der heutigen WirtbsckiafiSordnnng ganz unmöglich sei, wie ja auch schon Fichte lei dem Ausbau feiner diesbezüglichen Deduktionen confequentermaßen;um „geschlossenen Handelsstaat", b. f). J|u einem focialistifchcn Jdealstaate gelangt ist. In der That durfte eS heute kaum eine Regierung geben, die geneigt wäre, dem Bolke das „Recht auf Arbeit" in seiner Gänze principiell zuzugestehen. Dagegen hat sich ^ieicr Grundsatz Miter verschiedenen Formen, mehr oder weniger verhüllt, in einzelne Theile der modernsten Gesetzgebung eingeschlickeji. So ist die Wiedereinführung des gewerblichen BefähigungS- Nachweises, einer den gegenwärtigen Verhältnissen ganz inadäquaten Maxregel, in Folge der dadurch bewirkten Einschränkung der Eoneurrenz gleichbedeutend der Deceetirung des Rechtes auf Verdienst für die Handwerker. Die übermäßige Beschränkung des Hmsirhandels und das den Eonsumvereinen auferlegte Verbot, an Nichtmitgliedcr zu verkaufen, gewährt den Krämern ein Recht auf Kundschaft u. s. w. Dabei ist eben zu berücksichtigen, daß diese Elast'en ein solches Recht lediglich für sich auf Kosten Anderer in Anspruch nehmen, während die Socialisten die Sicherung deS Erwerbes für Alle anstrebe». Besonders deutlich tritt dies hervor in den Bestrebungen der deut le» Agrarier. Als in der zweiten Hälfte der Siebzigerjahre die transoceanische und osteuropäische Eoncurre»; die Preise der Eerealien erheblich drückte und keine Aussicht vorhanden war, daß diese Concurrenz eine vorübergehende sein werde, hätte» die deutschen Landwirthe ihre wirthschastliche Lage dauernd durch. Selbsthilfe verbessern .tonnen, wen» sie allmälig die schlecht renlirenden Produciionszweige eingeschränkt und die lohnenden sorcirt hätten. Der andere Weg. der zum Ziele führeti konnte, nämlich die Sicherung der Grundrente durch SlaatSititervenlion, war allerdings der bel internere, und die 9andwirthe wußten es auch durchzusetzen, daß ihnen ein specielles Recht auf Einkommen in Gestalt landwirth schanlicher Zölle im Jahre 1*7!« sanetiogirt wurde. Trotz zweimaliger Erhöhung derselben gelang es jedoch nicht, die ausländische Eoneurrenz gänzlich zu paralysiren, und.da überdies im Jahre 1892 j die Zölle wieder herabgesetzt worden sind, gelangten die deutschen ' Agrarier in consequenler Ausbildung ihres Leitmotivs zum „Antrag . Kanitz", welcher dem Sinne nach in schroffster Formulirung kundthut, daß die M.hrzahl dör großen deutsche» 9audwirthe nicht gesonnen! ist, die Betriebe einer zeitgemäßen Umformung zu unterziehen, viel-! mehr verlangt, daß der Staat in weil höherem Maße als bisher! iine gewisse Grundrente garantire. Der „Bund der 9andwirthe"! hat dem ursprünglichen Anträge eine etwas veränderte Fassung > gegeben, und die „wirthschastliche Vereinigung deS Reichstages" hat nunmehr am 25. Jänner d. I. beschlossen, den Antrag Kanitz i» folgender Form a» daS Plenum zu bringen: „Der Reichstag! ivoUe beschließen,* den Reichskanzler zu ersuchen, baldigst einen! Gesetzentwurf vorzulegen, pach welchem der Ein- und Verkauf des ■ tut Zollgebiete zu verbrauchenden ausländischen Getreides auSiebließlich für R ichsrechnung erfolge. Die Verkaufspreise für Gene.de sollen nach dem inländischen Durchschnittspreise der Jahre von 1 >•'><) bis 1*90 beiuessen werden, und auS dem Ueberschusse b:im Getreideocrkaus soll alljährlich eine den jetzigen Gelreidezollcinnahmen mindestens glcichkommende Summe au die Reichscasse abgesührt werden," Es ist äußerst lohnend zu untersuchen, welche Wirkungen die Durchführung der Kanitz'schen Idee verursachen wülde. Wir werden s hen, daß die „Begehrlichkeit" der deutschen Agrarier kein Schlagwort, sondern ein W-Hrwort ist und der sittliche Gihalt ihrer diesbezüglichen Bestrebungen dem ihreS Antiiemi'.iSmus die Waage hält. Wir wollen also zunächst versuchen zu erfahren, welche Bel'.staug den deutschen Eonsumenleu aus der Realisirung jenes Antrages resultiren würde, wobei wir uns auf die wichtigsten Brotj achte, Weizen und Roggen, beschränken, um nicht weitschweifig : t w.rden. Die Verkaufspreise für Getreide sollen — wie oben I :: ,r:t — nach den DurchschnillSpreisen der Jahre 1850—1890! :>!-'">> werden. Diese waren in.Mark per Tonne: I-.-.I-I-.X . . 211 4 1115 4 l lM’,1—. . . . 204 3 ' 154-7 1 71 — 1").220 0 1700 1'*1—l*.-'».1*..'0; 1480 Tutchtchiiitl. .203 0 150 5 I Iie gegenwärtigen Marktpreise sind' für Weizen circa 140, I für Rogg n 120 Ma-.k, dies gibt'eine Differenz von rund 60, j beziehuttgeweise 40 Vkark. Der Roggenconsum in Deutschland be- \ int;] im Dtirchschnitle deS Jahrzehntes 1882—1891 über 65,; Blatt. der Weizcnconsum über 3 Millionen Tonnen^ Man kann an nehmen, daß von diesen Mengen mindestens 5 5 Millionen Tonne» Roggen und 2 5 Millionen Tonnen Weizen von den Cotisumenteii durch Kauf (d. h. nicht durch Eigenbau) erworben wurden tind demnach auf diese Quantitäten die höheren Preise Anwendung finden, da selbstredend daS inländische Getreide denselben Markt preis erzielen würde, wie das von der Regierung gekaufte ans ländische. Die Mehrbelastung der deutschen Consumenten, d. h. abgesehen von der durch die bestehenden Zölle verursachien Brett vertheuerung, die man vielleicht annähernd auf 150—180 Mil lionen Mark veranschlagen kann, würde demnach betragen: bei Roggen . . . . - L20 Millionen Mark „ Weizen .. ■ 150 _„ Zusammen . . 370 Millionen Mark Es ist aber klar, daß die Bevölkerung hievon in sehr ungleichem Maße getroffen würde, da die Ausgabe für Brot in den HauShaltungSbudgets der ärmeren Classen einen viel gewichtigeren Posten bildet als in denjenigen der besser situirten. Eonrad meint,, daß man für eine Arbeiterfamilie 20 Centner Brotgetreide in Ansatz bringen kann. Nehmen wir nun an, daß-eine solche Familie durch den jetzigen Zoll mit 40 Mark belastet sei, indem ein Thcil deS Zolles vom AuSlande getragen werde, und daß dieselbe nur Roggenbrot verzehre, so würde — unter Hinzurechnung obiger Differenz von 4 Mark per Centner — die Gesammtbelastuiig 120 Mark betragen. Diese Ziffer ist so ungeheuerlich, daß sie eines Commentars füglich entbehren kann. In die richtige Beleuchtung gelaugt der Antrag Kmtitz aber' erst dann, wenn wir erfahren, welcher Percentiatz der Bevölkerung auS der Preiserhöhung deS Getreides (ourch Zölle oder Monopol Nutzen zieht. Hier ist vor Allem zu bemerken, daß in Deutschland die ländliche Bevölkerung gegenüber der städtischen erheblich in der Minorität ist, da sie nur mehr 412 Percent der Gesammt bevölkerung auSmachl. Daß die städlischc Bevölkerung von einer Vertheuerung des Getreides keinen Nutzen, sondern lediglich Schaden zu erwarten hat, ist klar, allein auch von der ländlichen Bevölkerung ist eS nur ein Bruchtheil, der durch höhere Preise gewinnt. In Abzug zu bringen sind zunächst die Taglöhner, Gesinde und Klein Häusler, die in der Regel daS als Naturallohn oder durch Eigenbau erhaltene Getreide nicht nur nicht auf den Markt bringe», sondern solches häufig noch zukaufe» müssen und deshalb gerade an niedrigen Preisen interessirt sind. Ferner bleiben von höheren Preisen die Besitzer derjenigen Betriebe unberührt, in welchen gerade der Be darf gedeckt und ein großer Ueberschuß nicht erzielt wird. Man schätzt, „daß erst bei einer Betriebifläche von 5 Hektar aufwärts der Gelreideverkauf Bedeutung gewinnt und die Verkaufspreise die WirthschaftSlage nennenSwerth beeinflussen". Dann sind 76 6 Per cent der landwirthschaftlichen Betriebe an Zollschutz und Kanitz' Gelrcidemonopol uninteressirt, die hieraus Vortheil ziehenden Wirthschaften bilden nur 23 4 Percent, und in diese Kategorie sind eben sämmtliche — RiltergutSbesitze einzureihen. Auf Grund dieser Zahlen kann man mit Gewißheit annehmen, daß weniger als V5 der Bevölkerung Deutschlands van der Erhöhung der Getreide preise Nutzen zieht, davon unberührt bleibt und mehr als die Kosten zu tragen haben. Das ist die Bilanz des Kanitz'schen Antrages: zu Gunsten von etwa 18 Percent der Bevölkerung eine Mehrb.lastung von 37" Millionen Mark, wobei die Vertheuerung der übrige» Getreide arten noch nicht in Rechnung gestellt ist. Und dies wagt man dem Volke zu bieten in einer Zeit, in welcher ein Ilmsturzgesetz die bürgerliche Freiheit bedroht'? Mehr könnte für den Umsturz nicht geschehen, als dem „Anträge Kanitz" Gesetzeskraft zu verleihe». Es ist wohl auch nicht wahrscheinlich, daß dies geschehen wird, obzwar in Anbetracht des allerneuesten Courses, der in Berlin herrscht, nichts mehr für unmöglich gehalten werden sollte. Allein der Um stand, daß dieser Antrag überhaupt gestellt werden konnte, beweist besser als alle landwirthschaftlichen Enqueten, daß die Großbetriebe der deutschen Landwirth chaft — nur d:ese kommen doch hier haupß sächlich in Betracht — der natürlichen Entwicklung gar nicht oder > -in nicht genügendem Maße Raum geben, vielleicht deshalb, weil ihre Besitzer hievon durch Sauhatz und Judenhatz zu sehr nbge lenkt werde». Robert Drill. Gegen antisemitische Ignoranz. DaS Feuilleton deS „Deutschen Volksblattes" vom 23. Jänner, in welchem eine ganze Reihe jüdischer und nichtjüdischer Gelehrter aller und neuer Zeit dem antisemitischen Moloch geschlachtet