Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 147 (27.1.1895)
- Date
- 1895-01-27
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Freie» Blatt. Nr. 117. - durch die Klatsch, und Schmähsucht der Antisemiten viel Zeit der- Iiv.nt Ten Anlaß zu rhetorischen Ausschreitungen, welche eine recht- ,c::ig requirirte und auf der Galerie untergebrachle Claque mit einem Bcifallslärm begleitete, bot diesmal der Umstand, daß der Statthalter t'il, die Mühe nicht verdrießen ließ, in.einer eingehenden Darstellung die wider die Beamten der Kremser BezirkshauptmannsHaft in der v.ssi.zen Sitzung vorgebrachten Berdächtigungen zurückzuweisen. Der Statthalter sagte u. A.: „Tie vollkommen ungerechtfertigte Beschuldigung gegen die Bezirkshauptmannschaft Krems ist auf eine bestehende sehr lebhafte Agitation zurückzuführen, welche von einer Bereinigung anSgeht, die sich unter der Führung des Pfarrer- und des ersten G.uieinderathcs in Spitz a d. Donau gebildet, und welche gegen die Israeliten, in einer Weise auftrilt, daß der Bezirkshauptmannschaft im vorigen Frühjahre die Anzeige gemacht wurde, daß sie möglicherweise die Sicherheit der Person und des Eigenthums gefährden könnte. Es wurde von der Bezirkshauptmannschaft constatirt, daß sich eine ganze t'ieilK von Bürgern in Spitz durch Ehrenwort verpflichtet habe, bei Israeliten nichts zu kaufen, daß sie sich aber im Nebligen Anfeick* düngen der J^eliten enthalten wollen. Ich muß die Bitte an die . Herren stellen, bei der Borbringung von Beschwerden gegen die politilchen Bckiörden diese nicht herabzusetzen in ihrem Ansehen bei der Bevölkerung Es wäre eine schwere Schädigung der öffentlichen Jnteresien, wenn daS Bertrauen in die Unparteilichkeit und Gewissenhaftigkeit dieser Behörden untergraben würde." Die Antisemiten, welche sich um die Geschüstsorduung gar nicht kümmern, mißbrauchten die Nachsicht deS Landmarfchalls in nnverfroreiier Weise; sie polterten stundenlang gegen die angebliche Judenfurcht und Judenfreundlichkeit der Beamten und sangen Loblieder auf den „edlen Priester", welcher die Bopeoitirung von Juden betreibt. Wenn aber der Antisemitisinus das Merkmal eines „edlen Priesters" bildet, so muß auch der zur freudige» Ueberraschung seiner sauberen Wirthschafterin von Korneuburger Geschworenen sreigesprochene Pfarrer von Schrick, Leopold Sch erzer, als solcher bezeichnet werden. Abgeordneter Blach hatte nur zu sehr ''recht, als er den Antisemiten zuries: „Ich bedauere Sie!" Tic AcrUt stksttn Vncgcr lind CV*cnoffcii.) Bon der Verwahrung der Wiener Aerzlekammer gegen die denr ärztlichen Stande im Randlage zugefügte Beleidigung haben wir bereits Notiz genommen. Auch einzelne ärztliche Bereine haben ähnliche Protestkundgebungen beschlossen. 'Namentlich bemerkenSwerth erscheint uns folgende, vom Berein der Aerzte im l. Bezirke gefaßte Resolution: Fa den Sitzungen des niederösterreichiichen Landtages vom und 4. d. M. d,liebte es einigen tzandiagrabgeordnete» bei Gelegenheit der Tebatte über die Eck'öliunz der Bervtlegsg bnbren in den k. k. Krankenanstalten, den ärztlichen Stand in die Ticcnsnou hineinznzieben und denselben summarisch mit einer rH'eibe der g. obl echsten Bcichimvsiingen zu beiversen, die insbesondere dahin geben, d.ist Aerzte und Apotheker im gemeinsamen Interesse und stummen Einver- 'tänr. ist unier einer leefe spielen, die Aerzte gegen von den Apothekern ge leistete Peieente und Provisionen bestrebt seien, die theuersten Mkdieamente z» ve.tiMteii und die Krankheitsdaner bei ihren Patienten im gemeinkamen Interesse von Arzt uuf Apotheker tbunliebü;a prolongiren. - Abgesehen davon, daß gar n,än einzit'ehen ist, weshalb der ärztliche Stand, der ja mit der Verwaltung der .'irarl.n aniialteu und den daielbst zu leistente>i Verpflegsgebühren gar nichts zu ttn:», au' diest Tinge gar keine Jngerenz. für das ökonomische Gebabren dast.tst niuti keikie Verantwortung hat, in diele Tebatte ganz unmolivirl und willkürlieb luueingezerrt wurde: abgesehen davon, daß die Behauptung, die nie:eine, mit chemischen Präparaten arbeitende Medici» bedeute eilte Erhöhung chl didatnentenpreises, ganz unmotiviit ist. den Thatiachen nicht entspricht utid iutr von einem Ignoranten in solchen Tinqen aufgestellt werden konnte, da gerade die berechtigte Klage der Apotheker dahin geht, daß seil den letzten Ja! zehnten durch die Anwendung der Chemikalien, die einfacheren Recepie tc. Verdienst von Jahr zu Jahr sich schmälere — sieht sich der Verein der \;t.' d:s 1 Bezirkes veranlaßt, gegen dieke dem ganzen ärztlichen Stande - »"-stcht geschleuderte große Boleidignng in der. entschiedensten Weise zu pro - -iir.Eemllt von der ernsten Mission ihres Berufes, geleitet und belehrt voll - -.'si'i'nicha't, die, wie jedes Wissen, ein internationales und inlerconfessio» . ll-7 Ba> d nm ihre Jünger schließt, erfüllt von dem Geiste echter Liberalität Hutttwt-at, der sie bei ihren Paiienien nicht darnach-fragen läßt, ob sie . d', u.l.cher lllation oder Eonsession sie sind und in denselben nur - Hrl-- :::f und b l'ebedürftigen Mitmenschen sieht, sind die Aerzte W- >^-'stevreich.? er ganzen eivilisirlen Well stets bereit gewesen und bereit, itr.t gp'erung ihrer Jute.essen, Hiutaissetzting der Rücksichten für ih,e -geuc ■?H-ritr.Ciu'tt und selbst ihr Leben. Hüte;>t leisten, wo diese von ihnen rer.anat iv-rde. Ihr eigenes Interesse, die Entlohnung für ihre Mühewaltung baden sie stets verstanden, in die zweite Linie zu stellen und nur gegenüber Uu- Lauk und unberechtigten Anforderungen auch aus ihrem Rechte zu bestehen. Mit Eiiirüstiing wessen sie die ^thobeneu Anschuldigungen und Beleidigungen zurück. Sie protestiren dagegen, daß ihnen von Elementen, die jede« höheren Gefühls in der Brust bar, nur von den Gesühlen deS krassesten Egoismus und Neides erfüllt, jeder erhabene» und edlen Regung unsähig, von Elementen, die gewohnt find, ihre" Mitmenschen nur von diesem ihrem eigenen Standpunkte zu be trachten, Motive ihrer Handlungen unterschoben werden, die eben nur solchen Elementen geläufig sind. Mit Ttfss constatirt der Berein der Aerzte des I. Bezirkes, daß sich sofort in der Person deS Landtagsabgeordneten Noske ein Per theidiger des unmotivirt und unschuldig beleidigten ärztlichen Stande» fand. Lebhaft bedanert derselbe, daß der Herr Landinarschall nicht Gelegenheit »ahnt, eine unerhörte, einem ganzen großen Stande n»d jedem einzelne» Mitgliede desselben angethane grobe Beleidigung zurückzuweisen und zu rügen. Verlraueits, voll wendet sich der Verein der Aerzte des I. Bezirke» an seine legale Vertretung, die Kammer, und sprich! die zuversichtliche Erwartung au», dieselbe werde in knrz.ster Zeit deu geeigneten Weg finden, damit den Ausdrücken der groben Beleidigung des ärztlichen Stande» auch an jenem Orte, wo diese se.b:: stallhatte, die gebührende Abfertigung zutheil werde. Professor Moni i, Ob - manu; Professor Finger, Schrisssührer. (Nothnagkl-Stiftung.) Bor eiliger Zeit trat hier ein Comitzusammen, welches sich die Ausgabe stellte, durch die Schaffung eines wohlihätige» Werkes Herrn Hofrath Professor Dr. 'Nothnagel ein sichtbares Zeichen deS Vertrauens und der Verehrung zu geben. Es wurde beschlossen, an -der Wiener Universität eine Nothnagel-Stistuug zu erpichten, und in aller Stille wurden ans privatem Wege Schritte zur Verwirklichung dieser Idee gethan. Diese hatte erfreulichsten -Er folg, so daß das Comitö nunmehr zur Errichtung der Stiftung schreiten konnte. Am 20. d. M. begab sich daS Comite zu Herrn Hofrath. Professor Dr. Nothnagel, und der Vorsitzende des Comit-'s hielt an ihn folgende Ansprache: Hockwerehrter Herr! Wir komme» zu Ihnen im Namen einer groß:» Zahl von Männern und Frauen, .welche Ihnen in dankbarer Verehrung ergeben sitid und lebhaft wünschen, diesen Empfindungen sichtbare» Ausdruck zu geben In ihrem Atsstrage bitten wir Sie, eine Stiftung creiren zu wollen, ztt welchem Zwecke die Summe von mehr als 50.000 fl zur Verfügung gestellt worden ist. Die Einrichtung dieser Stiftung bitten wir, nach Ihrem freien Ermessen zu ordnen, und erlauben uns nur, in» 'Namen unserer Auftraggeber einige Wünsche auszusprechen: 1. Daß die Stiftung für immerwährende Zeilen den Name» ..Nothnagel-Stiftung" tragen möge. 2. Taß Sie bei der Verleihung der Stipendien einen maßgebenden Einfluß ausüben. 0. Taß die Stiftung eine» interconfessionellen Charakter-habe, Studenten aller Eonsesstonen zugänglich sei. So, hoffen wir, wird die Stiftung segensreich wirken durch die Hilfe, welche würdigen jungen Männern in be drängter Lage gewährt wird; sie wird ein Baustein sein an dem Werke de» Friedens, dem unsere heißesten Wünsche gelten, und ein Gedenkzeichen Ihrer Arbeit an diesem Werke! Herr Hofrath Professor Dr. Nothnagel dankte iu warmen Worten und erklärte sich mit der Gründung der Stiftung einverstanden. Die Schritte zur Aclivirung derselben wurden unverzüglich eingeleitet. (Ccffciltlidjc Vcfcftcllc.) Das Bureau der „Se sterreichi scheu Gesellschaft der Friedensfreunde" bringt zur Kenntniß,. daß im Lesezimmer <1., Torolheergasse 12), welches von 3 bis 0 Uhr Nachmittags geöffnet ist, die wichtigsten auf die Friedeusbewegnug Bezug habenden Schriften, Journale und Werke aufliegen. Auch 'Nichtniitglieder haben Zutritt. (Fortschrittliche Klllldgkbllllgcil.) Man schreibt uns: Mittwoch den 2,3. d. M. fand in Proksch' Restauration in Favoriten eine Plenarversammlung des „Politischen Geselligkeitsvereines" statt, d:r ReichsrathSabgeordneter Dr. Kronawetter und Julius Frantl, Bezirksausschuß im I. Bezirke, beiwohnten. .Der Obmann, Herr Pa beschitz, eröffnete die zahlreich besuchte Versammlung mit herzlichen Be grüßuugsworten und knüpfte daran einige Bemerkungen über die be vorstehenden Gemeinderathswahlen. Er ermahnte die Mitglieder de» Vereines, schon jetzt thälig zu sein, daS bereits seit einiger Zeit arbeitende Wahleomitö mit allen Kräften zu unterstützen und nicht, wie es früher üblich war, Alles bis auf den letzten Moment zu ver schieben, denn nur durch eifrige, rastlose Arbeit könne eS vielleiät! möglich sein, der fortschrittlichen Sache zum Siege zu verhelfen. Tie Chancen seien gerade Heuer weniger ungünstig- Ein Sieg deS Fort schrittcs im X. Bezirke wäre aber von außerordentlicher Bedeutung. Daran reihte sich ein sehr beifällig aufgenommener Vorträg des Reichs rathsabgeordnetcn Dr. Kronawetter, der das Thema: „Die Gcmeinde Wien und ihre Aufgaben" gewählt hatte. Er wies ziffermäßig nach, daß Wien die Melkkuh für daS flache Land sei und so lange unsere Kaiserstadt nicht reichsnnmittelbar wie andere Großstädte werde, sei eine Besserung der Eommunalfinanzen nicht zu erwarten. BezirksanSschuß Frankl erörterte in einer längeren sachlichen Rede die Zn