Mannheim
Compact Memory

Freies Blatt · 1895-01-27 · 147 (27.1.1895) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
147 (27.1.1895)
Date
1895-01-27
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/4886575-5439167-5441593--1764-4888194
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seile 3 Nr. 147 _^ ber modernen Philosophie dem wistenschaftliche» Geschäftsleben ferngeblieben sind. Sie Alle waren Männer, die das Beste sich selbst verdankte» und zu den gewöhnlichen Geschäftseinrichtungen der Lehranstalten ebensowenig als zu der dort herrschenden Betriebsart und Gesinnung irgend welche Neigung haben konnten. Sje hatte» diese» Anstalten entweder gar nichts oder aber Hindernisse und Vorurtheile verdanke». Spinoza war in ersterein Fall und repräsentirt überinmpt jene höhere Art des AutodidaktenthuNiS, welche nach den Erjahrnngen der Geschichte fast die regelmäßige Vorbedingung der Leistungen ersten RangeS zu sein scheint. Man berichtet von de» Lebensgewohnheiten Spinoza's, daß sie in ,cder Beziehung maßvoll gewesen seien. Ganz besonders soll er in ,einen Unte,Haltungen mit ungelehrten Leuten jeden religiösen Anstoß gemieden und sich überhaupt auf die ihn umgebende Denkungsart, in seinem allerdings geringfügigen Verkehr mit den Menschen höchst rücksichtsvoll eingelasien haben. ES scheint sogar, daß er die Unterhaltung mit seinen gerade nicht hochgebildeten WirthSleuten mancher anderen, -veniger unbefangenen und ihm lästigen Conversation vorgezoge» habe, .l'.-ie treffen nämlich auch bei-^hm aus jene de» bedeutenderen Naturen Mnoft anhaftende Abneigung, sich unterhaltungsweise zur Erläuterung;;u-* wissenschaftlichen Gedankenkreises herzugeben. So Dühring in vorantisemitischer Zeit. In welch eine Sackgasie .,.,äth aber ein christlich-socialer Landsknecht, wenn er, wie der .chter im „führenden Antisemitenblatt", daraus, daß Jemand als Jude geboren worden ist und seine erste Bildung aus jüdischen - christen geschöpft hat, folgern will, daß man ihm unbedingt Achtung -..nagen müsse? Nicht einmal der Pfarrer von Spitz kann auf eine che Argumentation eingehen, denn er würde den Ast absägen, aus .hem er behaglich sitzt. Lupieoti uat! Bonghi über die ^udenhetze. Eine vor Kurzem im Verlage von A. Jügelt in Auma Thünüge» erschienene „Es werde Licht" betitelte Schrift, deren Verfasser-!! Schanz sie als ein Friedenswort zur Glaubens- und Nationali- .. ..»frage in Deutschland und Oesterreich und zugleich als Gruß an dar kommende Jahrhundert in die Welt sendet, enthält auch einen von ihm inS Deutsche übertragenen Aufsatz „Die Judenhetze (La ■ i'via;ii Guidei) in italie»isch-r Beleuchtung" von Ruggiero N ughi. Der ehemalige' italienische Unterrichtsminister nimmt als .UisgangSpunkt seiner Betrachtung über den Antisemitismus die poli-!-che Bnvegnng, welche in der letzten Hälfte des gegenwärtigen Jahr- .nideriS Italien und Deutschland wieder zu Nationen vereinigte, Ungarn ein srischeS nationales Leben gab, den sldvische» Geist belebte >.ud,ein Bulgarien wiederherstellte. Während er jene Bewegung einer- --Sür heilsam ansieht, kann er sie andererseits nicht vom Tadel von Nachtheilen freisprechen Das von Neuem erwachte und erü!te nationale Gefühl nämlich erweckt und verstärkt die Abneigung v.i die Juden, welche in Folge der imr letzten Drittel des vorigen uiif in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts vorherrschenden humanen <" tinnuiig abgeschwächt erschien. Die Juden werde» nun als eine L inde Nation betrachtet und als solche dem Hass/ preisgegeben. Tie Analyse der zahlreichen Ouellen, welche diese Leidenschaft nährten und noch nähren, hält Bonghi von dem Gesichtspunkte auS, von dem spricht, in der^Tbat für schwer. Der Eine gibt den Juden die?Nnld, weil das Ehristenthum unter ihnen aufgekommen sei; der .uidere behauptet dagegen, daß daS Judenthum das Ehristenthum rdorben und gefälscht habe, indem es sich hineindräugte, obschon im? Ehristenthum bei seinem Entstehe» deutlich erklärt hatte, sich von -• in trennen zu wollen, und ein Dritter betrachtet als deS Uebels "rund, daß die Juden Semiten sind, die sich nicht mit den europäi-,!--» Nationen, welche Arier sind, assimiliren könne». Alle Drei -•.Imieit, wie Bonghi erklärt, .eine» falschen Standpunkt ei». Er sagt: „ Der Jude kommt sich unte^der Nation, in der er lebt, als ein ieite gesetztes, widerstrebendes Element vor, weil sie sich Jahr- .uiderte hindurch gegen ihn verhalten hat, wie sie es eben mußte, "mit diese Wirkung erzeugt würde. Hätte sie sich in entgegengesetzter .iri und Weise verhalten und wäre er seit Jahrhunderten so an- -.u'ehen worden, wie es seit einigen Jahren in den tiefer und wahr civilisirten Staaten geschieht, so würden jene Spitzen, die ihm i :e Berührung mit seinen Landsleuten schwierig machen, sich abuiumpst habe». Gewiß würde er fortdauernd mit den Seinigen in "czug auf den religiösen Glauben, zu dem er sich bekennt, eine becndere Gemeinschaft gebildet haben, aber abgesehen davon, daß sein ligiöseS GlaubenSbekenntniß durchaus nicht in allen Stücken dem Ranbensbekenntniß derjenigen, mit denen er zusammenlebt, entgegengesetzt ist, ja auf dem nämlichen Fundameute beruht/ und der Israelit der Vorfahr des Christen ist, kann die Absonderung eines Theiles der Gesellschaft von den übrigen auS religiösen Gründen unter den ' gegenwärtigen 'Verhältnissen nicht von Dauer sein. Die bürgerliche Gesellschaft ist heutzutage nirgends von religiösen Meinungsverschiedenheiten frei, selbst nicht von der am weiteste» gehenden, welche die Religion selbst leugnet. ES erschien als ein gesicherter und glücklicher Fortschritt des friedliche» ZufaminenlebeiiS der verschiedenen GlaubenSgenosienschasten, der einer jeden das Recht vor behielt, sich durch die Heiligkeit deS Lebens und die Größe und Hoheit der Denkungsart um Gott und die Menschl/eit das größere Verdienst zu'erwerben, ein gesicherter und glücklicher Fortfchriit, der vo» de» verschiedene» ReligionSgenostenschasten nichts ^verlangt, als in der Bildung deS Geistes und Herzens unter einander zu wetteifern; in der Bethätigung der 'Nächstenliebe jedem Zwist, der erbittert, vergällt, sich ereifert und im Blute berauscht, ein Ziel zu setzen , darüber hinaus gibt es nichts Anderes. Dev Jude ist kein reiner Semit. Wir Alle haben in unserer Sirrneearl so tief eingewurzeltes SemilifcheS, daß Niemand es auSzurolte» ver- . möchte. Wer kamt behaupten, daß der größere Theil der Juden, die jetzt epistiren, nicht von jenen Proselyte» absiamme, die sie lintei jeder Nation schon vor Ehristi Geburt machten und »ach sijiuem-Tode zu mache» sörtfuhren? Wer kann sagen, wie viel jüdisches Blut iu arischen Ader» fließt und wie viel arischesin jüdische»? Um solche Vermischung zu hindern, wurden kirchlicher-' und staatlicherieitS wiederholt und in großer Anzahl Gesetze erlassen, aber gerade die Beenge und daS wiederholte Erlassen derselbe» bewies, daß es beim Alten blieb. Das kirchliche Verbot ist noch heute, wo daS bürgerliche adgeschafft ist, in Geltung. Allein wir weiß nicht, daß Heirate» zwischen Jude» und Christen, vor Allein in den höhrreu Elasten, wenn auch nichts Allgemeines, so doch, nichts Ungewohntes find? Und wäre es auch anders und wären die. Juden auch reine Semiten geblieben, was dann °? Was will es heißen, Semit sein? Ich weiß, daß eine oberflächliche Wisienschaft den Semiten 'in Bezug auf sein Aussehen, seine Sprache, seine» moralische» Charakter, sein religiöses Gewisse» .r. s. w., in bestiuiniten Zügen als einen starren Typus hingestellt hat. Allein J_ ich weiß ebenfalls, daß dieses. Bild vor einer genauen und nuifech'endeii Geschichiskenntniß nicht Stand hält. Wenn der Jude von aliersher einen eigenartigen Typus entwickelt hat,'so that er es zum Umerschied vo» de» Semiten, die er zur Rechten und Linken hatte; er 'war ein Semit sui ^eueri--, welcher nachher einen ihm eigenthümlichen religiösen und moralischen .Gedanke» auf einem fremden Stamm pfropfte. UebrigenS gehören Semiten und Arier der kaukasischen Raste an, und wie die beiden Erstgenannten nur Verallgemeinerungen einiger Farto^eu einer Raste sind, so ist die kaukasische Raste selbst nur die Verallg.uieinerung anderer Factore». Wir bilden diese SpetieS oder Geschlechter, wie wir können, und wenn wir sie gebildet habe», »rüsten rvir mit der Scheere herumgchen, damit sie nicht mehr Raum einnehmeu, als ihnen zukommt. Und auch wenn es nicht so märe, und weH» man diesen Bezeichnungen einen absoluten Werth beilegen mußte-, firid die Semiten denn so verschiede» von den Arier», wie eS beispielsweise die Magyaren sind? Ganz gewiß nicht. -Wer aber unterscheidet die Magyaren von jedem anderen civilisirten Volke Europas in einer Wcise, daß nichts Europäisches sich mit ihnen assimiliren und fciii^ anderes Volk in Europa etwas von ihnen ailirehmen kann? Derlei Redereien sind also teere Finten, die keine wifsenichafiliche Geltung beanspruchen könne» und deshalb dem Rechte und der Wahrheit nicht hindernd in de» Weg treten dürfen." . -- (AIls Öfllt Lauütagt.) Die Antisemiten i»l »iederösterreichische» Landtage stellte» kürzlich die Behauptung auf, das stenographische Protokoll wäre gefälscht worden. Eine genaue Untersuchung ergab, daß von einer Fälschung auch nicht int Entferntesten die Rede fein könne. Die Miltheilung deS Unterfuchungsergebnistes bot aber den Greg orig und Genosten am IN d. M. nur einen willkommenen Anlaß, um neuerdings langwierige Scandalscenen zu veranstalten. Im weiteren Verlaufe der Sitzung brachten sie die an ebliche Begünstigung eines jüdischen- HausirerS Tiger in Spitz seitens der Verwaltungsbehörden mit einer Jagdgesellschaft bei Herrn v. Gut mann in Verbindung. an welcher auch der Statthalter Gras KielmanScgg theilgenommen hätte. Tie ganze Geschichte war jedoch, wie der Herr- Statthalter sofort feststellte, vollständig erfunden. Auch sonst wurde viel antisemitischer Klatsch aufgetischt. In den Hetzversammlungeu werde» dann aber dieselben Leute darüber Beschwerde sühre», daß im Landtage mit Zänkereien kostbare Zeit vergeudet und zu wenig für das' Volk gearbeitet werde. — Auch in der Sitzung vom 2'2. d. Pk. ging

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.