Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 147 (27.1.1895)
- Date
- 1895-01-27
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/4886575-5439167-5441593--1763-4888193- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Freie» Blatt. Nr. 147?eite 2 weiland Greuter verwahrten und Ersterein den Vorwurf zuschleudcrtcn, in der Geistlichkeit nach echt social-demokratischem Muster einen Gegensatz zwischen . dem höheren und dem niederen Clerus hervorgernfen zu haben. Also schon im „heiligen Tirol'", weit jcnscitS deS Meridians von Linz, hinlerläßt das ewige Zündeln der antisemitischen Capläne mit der socialen Phrase schon einen ganz merklichen Brandgeruch? Darf man sich wundern, daß den fromme» Herren angst und bange wird, daß sie an die ganze Geschichte mit dem Meridian nicht glauben, weil die Wässer, die sie gerufen, vor ihnen riesengroß anschwcllcn und jetzt schon alle Ufer und jeden Meridian üdcrstürmen, unbekümmert darum, ob der Papst ihn bestimmt und ob der Prinz Liechtenstein es mit ihm ernst gemeint habe oder nicht. Der Schlag, der die Clericalen trifft, ist ein harter; die Enttäuschung wird für sie um so größer sein, je verlockender, gleißender, berückender die Illusionen waren, denen sie sich, gestützt ans die BundeSgcnosienschafi der Antisemiten, eine Weile hingegeben hallen. Mit der phrygischcn Mütze über der Insul, die Carinagnole singend und die rothe Kahne vorantragend, glaubte man Positionen wieder beziehen zu können, welche die Zeit und die Geschichte der Kirche abgesprochcn hatten, glaubte man um so fester dort sitzen zu können, da nicht mehr Gewalt, sondern VolkeSwille die Basis des Thrones bilde» werde. Wir glauben, mau ist von dieser Illusion sehr, sehr stark bereits abgekomme» und zu der traurigen Einsicht gelangt, daß man mit unendliche» Mühen und Opfern nur Wasser auf die Mühle der Social- Demokralie getrieb.» hat. Wir können die armen' Enttäuschte» nicht einmal bedauern. Mögen sie daraus wenigstens die Lehre ziehe», daß die Zeit unbeküinmevt auch um Bischöfe und Päpste ireuerschreitet" Baruch Spinoza. Em Ignorant, dem allem Anscheine nach sein Brotgeber den Aufnag crlhcilt hat, den Wiener UnivcrsilätSrcctor im „führenden Antiicmiicnbtaitc";u verreißen, entledigt sich seiner Aufgabe mit jenem Selbstbewußtst»,,, welches nur Unwissenheit verleiht, wenn sich zu ihr Frechheit und Lakaiencifcr gesellen. Der Rector wird verhöhnt,' weil er öffentlich vor Spinoza als großem Geist und edlem Menschen sich ehrfurchtsvoll verneigt hatte Das antisemitische Scribcntlein ist nicht so ehrlich wie der Psaidler Gregorig, um zu erklären, daß er keine Zeit gehabt hat, die nähere Bekanntschaft dieses großen Juden zu machen, dafür aber so „couragirt", um von dem „Talmudisten" Spinoza in einem Tone zu sprechen, als ob er cs mit dem,literarischen Gevosien Deckert's, Paulus Meyer, zu thun hätte, und dann auszurnfen, Spinoza verdiene keine Ehrfurcht. Eugen Dühring war auch in vorantisemitischer Zeit ein Mann, der nur ungern die Bedeutung Anderer anerkannt hat: er konnte aber nicht unihin, Spinoza's Leben als ein Bild der großartigsten philosophischen Gesinnung zu verherrlichen, und selbst später, als Spinoza dem Dühring'schen System der Racenhetze unbequem wurde, ging er in der Herabsetzung des einst von ihm Gefeierten nicht weiter, als für die Gläubigen der Dühring'schen Eultusgemeinde unbedingt nöthig war. Tühring's nachträgliche 'Aeußcrungen über Spinoza liefen darauf hinaus, seinen Lesern plausibel zu machen, daß Spinoza's Leben und Wirken nicht ten Juden als Verdienst anzurechnen seien, sondern daß Spinoza sich io entwickelt und gewirkt hat, wie dies der Fall gewesen, trotzdem er ein Jude war. Daß hier ein frivoles Spiel mit Worten vorlicgt, daß man in ähnlicher Weise von Kant und den Deutschen, von Darwin und den Engländ:rn :c. sprechen könnte, bedarf für gebildete Leser nicht erst einer näheren Ausführung. Der durch das System der Racenhetze noch nicht beschränkte Dühring also spricht in feiner „Kritischen Geschichte der Philosophie" über Spinoza wie folgt: Baeuch Spinoza (1662—1677) aus Amsterdam, von portuq:csiich jüdischer Abstammung, erhielt eine auf die.Bekleidung des RabbinatS abzielende talmudistische Vorbildung. Hiezu kam später der Unterricht deS'Arztes 3an~her Ende im Lateinischen. Auch mögen did Anschauungen dieses freier als gewöhnlich denkenden Mannes auf die Raturbclrachtung Spinoza's einigen Einfluß geübt haben. Erheb! chcr ist zedcnsalls für die LebcuSansichten und das Verhalten deS später aus die Einlastuüg in das praktische Treiben gänzlich verzichtenden Tenkers der Eindruck gewesen, den die Tochter jenes Arztes auf ihn geuiacht halte. Das Verfehlte dieser Neigung, die durch den Vorzug eines Reicheren beantwortet wurde, erklärt sehr viel von jener universtllcn Resignation, der wir in der Philosophie Spinoza's überall begegnen. Die anderen schlimmen Erfahrungen, welche schon dem jugendlichen Geist den gewöhnlichen Verkehr mit der Welt verbittern mußten, betrafen die Stellung zur Synagoge. Schon früh hatten sich die ausgezeichneten Fähigkeiten des Denkers in selbstständigen Ansichten über die Gegenstände des talinudistischen Unterrichtes verrathen. Man erwartete, auS Spinoza einst eine Säule der Synagoge und der jüdischen Glaubensgelehrsamkeit machen zu können, und man geriet!) umsomehr in Aufregung, als man fand, daß auf den festen Sinn deS zu Gewinnenden selbst die glänzendsten Aussichten keinen Eindruck machten. Wie entschieden die Capacität Spinoza's hervorgeleuchtrt und sowohl den gemeinen Neid als deck religiösen Fanatisnius wachgerufen haben muß, ist aus dem meuchlerischen Anfall ersichtlich, den ein eifersüchtiger und glaubenSwüthigcr Studicngcuosie auf ihn unternahm. DaS glückliche Pariren des Dolchstoßes wendete zwar die körperlichen Folgen, aber nicht die Wirkungen ab, die eine derartige nähere Bekanntschaft mit den Eigenschaften der menschlichen Natur für die Gemüthsverfaffung deS späteren Theoretikers der Affecte haben mußte. Die Ausstoßung auS der jüdischen Gemeinschaft, welche 1656 durch den Ausspruch des großen BanneS erfolgte,/ hatte Wirkungen, an die wir heute nicht sofort zu denken pflegen. Sic isolirte den Philosophen auch gesellschaftlich von seinen Stainmesgenofsen, verfeindete ihn mit denselben bis in die eigene Familie hinein und entzog ihm jenen Schutz und jene Hilfe, die für den Juden unter den da maligen Verhältniffcn das größte Gewicht haben mußten. Hieraus mag sich erklären, daß Spinoza den gegen ihn gerichteten Act nicht ohne Proteste und Versuche des Widerstandes hinnahm. Jedoch hat er sich, was ihm als Philosophen stets wird angerechnet werden müssen, niemals dazu bequemt, seine geächtete Stellung mit dem Eintritt in eine Religionsgemeinschaft zu vertauschen. Er hat seit seiner Aus schließung vom Judcnthume außerhalb jeglicher religiösen Organisation gelebt und in dieser Beziehung, wenn auch ursprünglich wider feinen Willen, die seiner Philosophie innerlich entsprechende Position auch äußerlich eingenommen. Außer den bisher erwähnten geistigen Einsiüsien muß besonders die Freundschaft mit dem Arzte Ludwig Meyer sowie das Studium der cartesischen Philosophie in Anschlag kommen. Das letztere ist vor nehmlich in einer Jugendarbeit bekundet, in welcher Spinoza bei Ge legenheit der philosophischen Unterweisung eines jungen Mannes die „Principien der cartesischen Philosophie" kurz zusammcnfaßtc und ihnen hiebei bereits das Gepräge des eigenen Geisteausdrückte. Das äußere Leben des zum Verzicht auf eine gewöhnliche Lauf bahn entschlosienen Mannes ist zwar seit der erwähnten Ausschließung sehr einfach verlaufen und hat in seinen Einzelheiten nur unerhebliche Veränderungen erfahren. Im Ganzen ist cs aber ein Bild der groß artigsten philosophischen Gesinnung^ Die Umstände, unter denen eS sich darstellte, lasten cs als ein Opfer erscheinen, welches dem Genius der Philosophie gebracht wurde Der entschicdcne Verzicht auf alle positiven Lebensintcrcstcn und die unbedingte Hingabe an den von der Natur empfangenen Beruf gelangten auch in der äußeren DascinSweisc deS Denkers zum vollständigsten Ausdruck. Abgesehen von einem verhältniß mäßig kleinen Kreise solcher Männer, mit denen Spinoza wissen schaftlich, aber meist auch nur brieflich verkehrte, hatte er zur Welt fast gar keine Beziehungen. Niemals verheiratet, unterhielt er seine materielle Existenz mit äußerst geringen Mitteln, die er sich zunächst durch das Schleifen optischer Gläser erwarb. Bei der Erbtheilung hatte er sich seinen Schwestern gegenüber in einer mehr als anständigen Weise benommen und für sich' nichts weiter als ein Bett behalten. Auch Anerbietungen, die ihn, später von Freunden gemacht wurden, schlug er aus und nahm schließlich von einer ihm testamentarisch durch Simon de Vries ausgesctztcn Pension nur einen Thcil an. Eine ge schäftsmäßige Lehrtätigkeit, zn welcher ihm durch einen Antrag dco Kurfürsten von der Pfalz Gelegenheit geboten wurde, scheint einer seits für ihn überhaupt keinen Reiz gehabt zu haben und mußte ihm andererseits unter den obwaltenden Verhältnisten als unverincidlichc Beeinträchtigung deS freien PhilosophirenS gelten. Er sollte nämlich in Heidelberg frei lehren dürfen, jedoch seine Function nicht i» einer zum Umsturz der anerkannten Religion führenden Weise mißbrauche». Tie Antwort, in welcher der hochsinnige Denker auf daS Heidelberger Profestorthum verzichtete, erklärte deutlich genug, daß, abgesehen von seiner eigenen Neigung, sich ganz und gar der Ausbildung seiner Philosophie hinzugeben, auch die ihm in Aussicht gestellte Lehrfreiheit mit einer Erwartung verknüpft sei, deren Erfüllung sich schwer beniesten laste. Er wiste nicht, inwieweit seine Lehre etwa für geeignet erachtet werden könnte, der bestehenden Religion Eintrag zu thun. Diese Art und Weise des Benehmens in einer Angelegenheit, die uns heute offenbar als philosophische Charakterprobe gelten muß, hat der kritischen Geschichtsschreibung eine Thatsache. erspart, deren Erklärung die größten Schwierigkeiten haben würde, da außer Kant alle Größe»