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Freies Blatt · 1895-01-27 · 147 (27.1.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
147 (27.1.1895)
Date
1895-01-27
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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t Freies Blatt Adoutiementspreis. ftür Qesterreich-Itngarn: .•‘.niiiabiiJ.* Srontn (fl. *.50) H.ild,adrig.“ ■ 3 Sroueii (fl. 1.50) ftiir da» gelammte 3lu»lonb: lajuiiiifirig.0 Mark Halbjährig •,.3 Mark 50 Pf. tiiittelue Dtummeru 0 Ir. Uulrankirle Priese werden nicht angenommen. Organ zur Abwehr des Antisemitismus. Erscheint an jedem Zonntagc. 'JJcbaction mid Vlbmiuiftrntioii: I. Lkilcrsliilte 10. Inserate.werden mit 20 Heller ,1" kr 1 >iir ' liier mal geldattene NonpareiNeiejle berechnet, «leine Aiizeiger da» Wort 4 Heller (2 fr.), viu'iubme von Änseralen in unserem Administration . im Annoncenbureau i)f. Tute», I. ÜJoIH.fle 8. Nummer 147. Wien, 27; Jänner 189.1 IV. Jahrgang. Der Meridian von Tinz. „Friede und gute Nachbarschaft zwischen de» christliche» Parteien, das ist uufere Devise; unsere Parole sei: Nebeneinander mif, wo immer cs thunlich. ist, niileinander! Niemals gegen- oder gar durcheinander!" Mit diesen evangelischen Worten suchte Alois' Liechtenstein an der Spitze einer antisemilischeit Ausfallstruppe, die er verwichene» Sonntag nach Li»; geführt hatte, den Standpiiiilt der sogenannte» Christlich-Socialen den Clericale» gegenüber zu präcisiren. Wer die Worte loSgerisse» aus allem Zujaliimentiange liest, wird ohne Zweifel glauben, zwischen der clcricalen und der antisemitischen Partei sei Alles in lieblichster Ordnung, und die beiden Armeecorps — mit denen einst derselbe Redner in derselben Stadt die beiden Parteien verglich — marschincn zwar getrennt, seien aber geführt und belebt von einem Geiste, bereit, jeden Augenblick vereint zu schlage». Wer freilich die Vorgeschichte, die näheren Begleiterscheinungen dcs besagten vitucr Meetings, mehr gber noch das 'Nachspiel, das ihm jetzt in der Presse folgt, etwas naher kennt, wird sich bei de» Friedenswvrtc» Liechtenstein's nicht eineö boshaften Lächelns erwehren konnkn. Hat sich Seine Durchlaucht .damit einen Spaß, machen wollen? Fast sollte man dies glauben. ES war ihm doch bekannt, das; die dein Bischöfe von Linz nahestehende clericale Presse schon' , seil langer Zeit die diöcesanen Schäflein vor einem Einbrüche des christlich-socialen WolfeS in ihre Hürden eindringlich warnte und zuletzt offene Verwahrung gegen den angekündiglen Besuch des guten Freundes und „friedlichen NachbarnS" einlegte; Prinz Liechtenstein war eS selbst, der sich vom Eardinal Rampolla für die Linzer Fahrt de» päpstlichen Segen verschaffte, um gegen die Aulmilät des der Expedition feindlichen. Linzer Bischofs einen weit stärkeren Trumpf ausspielcn und die Bedenken der frommen Linzer wegen ihres -Seelenheils zerstreuen zu können. Der dcclassiilen Durchlaucht mußte cs endlich auch ausgefallensein, daß die gule Hälfte seines Auditoriums mit dem „rolhen Eravatlet" geschmückt war, zwar nicht mit dem Abzeichen der kirchliche» Würde, sondern mit dem der Social-Demokratie, während die Geistlichkeit von, Herrn Bischof bei einer opulenten Mahlzeit zurjickgehaltc» wurde. Das sind Anzeichen genug, daß der „Friede und die gute Nachbarschaft zwischen de» christlichen Parteien", deren Lobpreis "icchtt»stein sang, entweder Sand in die Augen oder gar blutige Ironie waren. Die Rede, womit der fürstliche Dauerredner sein aus Kleinmeister», Bäuerlein und Fabriksatbcitern bestehendes Publicum entzückte, wies selbst darauf hin, daß die Wiener Antisiinilen nicht wie gute Freunde, die einen Besuch machen wollen, sondern wie eroberungssüchtige Feinde ins Land gekommen waren. Als am AuSgange^ des Mittelalters, meinte Prinz Liechtenstein, die neue Welt und der Seeweg nach Indien gefunden wurden, als Lpanien und Portugal Entdecker aussandten, die ihren Königen Ruhm und Reichthümer heimbrachle», während der GlaubenSeifcr der Heidenbekthrer ungezählte Millionen von Seelen dem Kreuze zusührle, da hat der heilige Stuhl, von beiden iberischen Völkern angerufen, einen Meridian bestimmt, der nach Ost und West ihre Ärsitzergreifungen scheiden, und so den Bruderzwist zwischen Ehristcn hintanhalten sollte. Ein ähnlicher Urtheilssprnch sei in neuerer Zeit von Rom gefällt worden, als Spanien und Deutschland wegen ihrer Südseibesitzungcn einander in den- Haare» lagen, und ebenso, denkt sich Prinz Liechtenstein, sei auch die obschwebende G; fahr eines Bruderzwistes zwischen den Clernalen und Anlisemiteir am leichtesten zu beseitigen, wenn der Papst einen Meridian — vielleicht bis auf weiteres den von Lin; — bistimnie, von dein oft- und westwärts die beiden „christlichen Parteien" zu opcriren hätte». ■ . Ein genialer Einfall das, diese Theilung der Erde in eine antisemitische und eine clericale Hemisphäre; nur läßt er allerlei Gedanken über das bereits dermalen bestellende Verhälrniß zu i ch.cn den beiden Parteien aufkoinnien und eröffnet eine noch trübere Perspective in ihre Zukunft, denn zwei Armeen, die durch einen Meridian geschieden sind, den sie, wie eia Huhn den um dasselbe gezogene» Kreidestrich, nicht überschreiten dürfen, können wohl getrennt marjchire», nie aber vereint schlagen, außer sie. wollen — aufeinander schlagen. Und daS scheint trotz des Meridians von Linz oder vielleicht just ob dessetben recht bald eintrxten zu wollen. In der clericale» und in der antisemitischen Presse knaliert seit Sonntag ein lebhaftes Pelotonfeucr herüber nnd hinüber. Die Clericale».hätten gegen eine Abgrenzung der Gebiete nichts einzuwenden, wenn.es sich statt ui» einen Meridian ni» einen Wendekreis, der mit der Perzehrungssteuerlinie von Wien zusanimenfällt, handelte. Hier, wo die Antisemiten mit der Zerlrüinmernnz des Liberalismus ein Gott uüd de» Bischöfen wohlgefälliges Werk verrichten, hat man ihnen gegenüber nicht nur de» Standpunkt deS tolerari posse eingenommen, sondern ist vielfach mit .ihnen Arm in Arm gegangen. Ja man hat sie groß gemacht, und nun ihnen das kleine Nest zu enge wird, wollen -sie in das ureigenste Gebiet der Schwarzen, in das für sic durch Jesuiten und Dragoner vor drilthalbhnndert Jahren eigens zugeijchtete Oberösterreich einbrechen? Die Clericale» meinen, wenn de» Christlich-Socialen Wien ein zu enges Operationsfeld scheine, so könnten sie ja vor Allein in die dcrinalen »och liberalen Städte Niederösterreichs einfallen und dort ihren Thatendurst stillen, ftuLtt das clericale Stillleben Oberösterrcichö zu trübe». Die Deniarcalionslinie ist erber nicht das einzige puucinm litis zwischen den beiden Parteien: der'Grund liegt, tiefer, und der Meridian von Linz nimmt, genauer besehen, einen sehr un astronomischen Charakter an, indem sich diese gedachte Linie in eine tiefe, gähnende Kluft verwandelt. Wir haben in diesen Blättern Schritt für Schritt den Weg'der sogenannten Christlich-Sociale» aus dein christlicheil in das rein socialiftische Lager verfolgt und ans den unlösbaren Widerspruch beider Richtungen allezeit hin gewicse». Diese unlautere Association pyeier tbräfte, welche nicht aus dein Streben nach einer genictnsanien Fnuction, sondernaus dem der gegenseitigen Ausbeutung und Dupirung hervorgegangen war, mußte zerfallen in dem Angenblicke, wo sich dieses Motiv durch keine Heuch.lkunst mehr verschleiern ließ. Schon aas dem Linzer Katholikentage vor zwei Jahren waren für Tiefcrblickende die' Spure» dieses eintrelendcn Verfalles unverkennbar, und seiiy.r hat jeder Tag neue Fermente in den gührenden Sninpf geschlendert. Vor einigen Wochen hat Monsignore Scheichcr. im Reichs ralhe eine Rede von Stapel gelassen, die ihm den ungctheilten Beifall der.social-demokratischen Presse, soweit wir dieselbe verfolgen kounle», eintrug, während die „Merancr Zeitung" nnd die „Tiroler Stimmen" sich gegen einen Vergleich Scheichcr's mit i-

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