Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 146 (20.1.1895)
- Date
- 1895-01-20
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Freie» Blatt. Nr. 146. Seite 4 ^geftc Hiebt. > Die „Bohemia" brachte unter dem Titel „Zum . Jabrcsichluß" ein Gedicht, das die deutsch-nationalen Antisemiten in eine »ärmliche Raserei versetzt hat. Und doch ist das Gedicht im Ganzen und Großen harmlos, leidet aber an dein den Antisemiten als Bcrbrechen erscheinenden Fehler, daß es — ivahr ist. Die Fabel dcS satirischen Gedichtes ist folgende: Gin deutsch-nationaler Bruder Studio koiuiur in der Sylvcstcrnacht in angesäuseltem Zustande in seine Bude und »veilik das erste Glas Pils im neuen Jahre der „Germania". Die berbcigcsebnie Göttin erscheint und fragte nach dem Begehren dcS Studio, der dasselbe in die Worte faßt: „Sei du niein Weib, ich bin dein Mann." Verächtlich fragt die Göttin' den LiebcSwerbcr, was er ini Jahrcsverlaufc und' vorher fiir sie gcthan. In schwülstigen Phrasen schildert darauf der Deutsch'Rationale seine Heldcnihaien, deren letzte die war, daß er, als man Schinenkal s Dramen nannte, der erste getischt bade. Ta donnert ihn die Göttin an: „Genua, genug, ich weis: cs längs». Was b:er auf «chiverbedrobker Täiolle . Tu zu »fcuii dich unleriäugit'. Ich weift es längü, war nur sein Prablen: Gesiänlerk bau du uncnl»>cgi. paß reu veldienien vobn dir zahlen!" T:e bat »bn über» .Hnie gelegl, lind wie cr ieru auch üräubk und wank sich, Ton -einem, eig nen Ieeal W.laii» .'er Ärme >iin»nnb;wan;ig ..'Germania" »'ordert den urteukonischcu Jüngling schließlich auf, »och zu be>'ern, rvidrigcnfaUs sie ihm übcrS Jahr die Wirbelsäule zerbrechen und das Schädeldach zerschmettern ivürde. Rach dem Bcispicl des Marquis üc Morrs. Wie ein schlesisches Blair berichtet, würde in Alt B e r u n gelegentlich einer jüdischen Hochzeirs»eier von auti'eiu:li»cher Teile ei» Erceß verübt, wie ihn vor einigen Jahren Marquis de Mor-'-S in Paris bei einem gleichen Anlage begangen halte Als der TrauungSacl von dem Rabbiner vollz.gen werden iollce, drang ein Pöbclhaufen gewaltsam in die Snnagoge, erbrach die Tbiir zum Frauenchor, warf daselbst die Pulte um und 'chlug mit den Stöcken auf die Bänke, so daß die Feier in roher Wei-'e gesiört wurde Auf dem Rückiveg von der Synagoge nach dem Hockzeirsliauw wurden die Hockizcilsgäi'lc mir Kolb und Steinen beworfen. Alt Bern» liegt nicht etwa in Marokko oder auf den Sandwichsinseln, sondern, im preußischen Regierungsbezirke Oppeln, im Kreist Pleß. i (vin . Pastor". Dieselben Aniisemitcnblättcr, welche jede BetrugSge'chichle'inik behaglicher Breite erzählen, in die irgend ein Jude, sei es auch in einem entlegenen Winkel Rumäniens oder Südrußlands, verwickelt ist, gehen leichten Herzens über eine ungeheuerliche Nachricht hinweg, die jüngst aus Oldenburg kam. Gin Mann, der dort mehl als ein Ialirzchent in der Sicllnnz eines Geistlichen gewirkt und den Doeioriitel geführt bar, entpuppte sich als ein ganz gemeiner Schivindler. Der ..Weier Zeitung" »vird über den Fall berichtet: Pastor Parrisch wurde vor cirea eili Jahren, nachdem cr vorher '.'edier zu Bremervörde, und Hauslehrer beim Grafen von Wernigerode gewestn war, >vic inan sagt, auf Grund seiner vorzüglichen Zeugnisse hier Oldenburg, an der Vamberiikirche angcste'Üt, gehörte der strengsten Srlhodor:e an, iriefre im Borstandc des Diaconissen- und Joiotcnwe»'ens eine große Rolle, cribeilte zeitweilig Religionsunterricht am Seminar, schrieb fromme Bücher Sulvesterglockenklüngc u. s. >v. Im vergangenen Frühjahre mußte iln» jedoch die Amtsführung, die stüa:» vorder durch Gerüchte zweifeUia»:er Art erschüttert >var, gcnommen werden, und kurz nachher erhob in »u. die Anklage aus Betrug, Unterschlagung und llrkundensälschnng gegen ihn. Inzwischen hatte cr -i.:: gesunden, zu entfliehen. Gr wurde steckbrieflich verfolgt, und in v'.-n.'dia fand man ''eine Spur, als er ohne Papiere bettelte. Gr »vurde . l:st :. mußte aber noch einige Zeit dort im Hospital liegen, um . a.'.:g,:ko:nmcne (Gesundheit zu stärken. Bon dort aus schrieb ■ ■ •';:Hfluicr hiehcr, der von dem geheimen Obcrkirchenrath , : : .in» der .stanzcl verlese» »vurde. Dann »vurde cr ins hiesige i» nl:»'.»l »t kürzlich spielte »'ein Tatar in dem Proecsie des MnnP-n »einrileilten Hypnotiseurs Gzyirski eine Rolle, da der U::;n dem Anitskleid des Partnch die falsche Trauung : dll'.eaeü l aben 'e«:e. Wahrend der Gefangene nun durch sein Harles »''esch-ck an» der Flucht allinälig das Mitleid der Bewohner erregte, fl>l>:. sich uz-: p.öplich heraus, daß sein ganzes Leben und seine geistliche Tbattgkeir e:ne große Lüge, ein haarsträubender Betrug gewesen sind, und diese Rachricht ruft eine wahre Gmpörung hervor. Es soll nackige,viesen sein, t.ch der Erzgauner bis zum I'». Jahre katholisch »var. Ein Abjtutientcnexamen bestand er ebensowenig wie das theologische, studirte überhaupt nicht, sondern fälschte alle Zeugnisse, das Doctordiplom :c. und taufte, coufirmirtc, predigte und traute als Pastor Dr. Partisch hier in Oldenburg lustig und wohlgemuth zeh» Jahre lang! Gin so unerhörter Betrug ist jedenfalls noch nicht dagcivcsen. Reben der Frage: „Wie kann ein Mensch solches thun?" ist die brennendste die: „Wie konnte solches geschehen?" Die Untersuchung »vird das 'Nähere ausweisen. — Hätte, wie gesagt, ei» ähnlicher. Borfall in irgend einer jüdischen GultuSgemcinde Halbasiens sich ereignet und »väre der Schivindler, »velcher übrigens auch fälschlich behauptet hatte, daß cr aus Wien stanime, ein Jude gewesen, so hätten ohne Ziveiscl alle Organe der ankiscnritischcn Internationale in de» Hetzruf eingestimmt: Rnr auf dcm Sumpfboden des SemitiSmus kann ein solches Gewächs gedeihen. «Tic Juden in Rußland und der Militärdienst.) Der„Ruffkij Invalid", das Organ des russischen KriegSministeriumS, hat vor Kurzem das endgiltige Ergebniß der am 30. September 1894 geschloffenen Rccrutirungsarbcitcn im Czarcureiche publicirt. Unter 734.342 jungen Ruten, welche für die Affentirung ausgelost »varcn, bcsindcn sich 573.935) Christen, 40.994 Juden, 24.113 Mohamincdancr und 1"47 Heiden. Die Zahl der ausgchobcncn Recruten beträgt 25»7.«»74, darunter 16.216 Juden. Bei der Aufrufung fehlten» 750 Christc», 2894 Inden, 588 Mohammedaner und 94 Heiden. Tie Zahl der aus irgend einem gesetzlichen Grunde vom Dienst befreiten Reernteii beträgt 8°5 Pcrccnt für die Heiden, 5 7 Perccnt für die Mohammedaner, 36 Pcrcent für die Christen und 3 5 Percent für die Juden. Unter Himveis auf diese Ziffern stiminen nun die Antisemiten ihr altes Lied au, daß die Juden sich mit allen Mitteln vom Militärdienst frei zu. machen suchen. Wenn man indcffen obige Zahlen näher prüft, so sindet man: 1. daß das Bcrhältniß der zur Rccrutirung cinberufcne» Juden 5 58 Pcrccnt der gesammten Einberufenen betrügt, »vogcgcn die Juden kaum 4 Perccnt der Gesammtbevölkcrung des Reiches anSmachen: 2. daß die Zahl der incorporirtcn 6 3 Percent beträgt anstatt 4 Pcrcent; 3. daß die Zahl derjenigen Juden, denen der Militärdienst erlassen »vird, eine geringere ist als bei den Rccrnten anderer Confessiouen. Indessen bleibt das enorme Bcrhältniß der beim Appell fehlenden jüdischen Jünglinge iunnerhin auffallend, aber die Erklärung ist schon hundertmal gegeben »vordcn: ffcne angeblichen „Deficite" sind sictivc, in Wirklichkeit gar nicht vorhanden, sondern durch die leichtfertige Führusiig der jüdischen Matrikcllisten entstanden, in denen Leute figurircn, welche längst gestorben, weg gezogen oder ausgcwandcrt sind, abgv trotzdem in den Listen stehe» blieben. Zutreffend schreibt der „Whschod": „Das namhafte Verhältnis der beim Appell fehlenden Juden darf nicht durch Widerivilten gegen die Erfüllung ihrer patriotischen Pflichten erklärt »vcrdcn, sondern durch die einfache Thatsache, daß die meisten der Fehlenden verstorben sind oder sich bereits auf der Rccrutirungsliste einer anderen Ortschaft befinden. Officielle Docninentc haben erivicsen, daß Hunderte, ja tausende von jungen Leuten in der Heimat ihres BaterS oder selbst ihres Großvaters zur Recrntirung berufen wurden, nachdem sie und ihre Familie den Ort seit vielen Jahren verlaffen haben und sic selbst ganz regulär in die Recrntirungslistcn ihres jetzigen Aufenthaltsortes aufgeuommen »vorden sind. Aus diesen Jrrthümern, an denen die Behörde schuld ist, »vird nun den Juden ein Verbrechen gemacht. Diese Thatsache ist Allen bekannt, den Antisemiten so gut »vie uns selbst. Anbei, ein authentischer Beiveis, der die Sache deutlich illustrirt: Bor 14 Tagen kommt in Petersburg eine arme, Witwe aus einem , Flecken des Bezirkes Wilna a», um ihren einzigen Sohn, ihre einzige Stütze, vom Militärdienst frei zu machen, zu dcm er »vcgen der Ab- »vcscnheit mehrerer jüdischer Recruten beim Appell herangezogen »vorden »var. Der Militärcodex befreite ihn vom activey und vom Rcservedienst, indessen erinächtigt bekanntlich das Gesetz von 1886 die RccrutirungSburcaux, die beim Appell fehlenden jüdischen Recruten durch andere Jude», »velche aus irgend einem Grunde vom Dienste befreit sind, zu ersetzen. 'Run konnten sich mehrere hohe Beamten zum erstenmale von de-, Folgen der in den Einschreibungslisten der- Juden begangenen Unregelmäßigkeiten überzeugen. Tie arme Witwe brachte den gesetzlichen, authentischen Nachweis, daß 18 junge Leute, welche in der letzte» Rccrutirungsliste stehen, todt sind, auf dem Friedhof des Fleckens begraben liegen und dennoch immer »veiter in den Registern der jüdischen Bevölkerung verzeichnet sind. Seil Einführung des obligaten Militärdienftes haben die Juden niemals aufgehört zu behaupten, daß von ihnen eine größere Anzahl Soldaten gefordert wird als von der übrigen Bevölkerung, und die officielle» Zahlen beweisen dies. Sic haben eine regelmäßigere Führung der Register über die jüdische Bevölkerung gefordert, damit jüdische Recruten nicht mehr auf den Listen von zwei oder noch mehr Ortschaften siguriren, und daß zugleich daS Aus-