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Freies Blatt · 1895-01-20 · 146 (20.1.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
146 (20.1.1895)
Date
1895-01-20
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Nr. 146. Freie» Blatt. Seite 3 Wirklichkeitsphilosophen Wagner. Kurz, die Wirklichkeitsphilosophie, AUcS in Allein genommen, erweist sich, mit Hegel zu reden, als .der seichteste Abkläricht de« deutschen --Aufkläricht'. ein Abkläricht, dessen Dünnheit und durchsichtige Gemeinplätzlichkeit verdeckt und getrübt wird nur durch die eingerührten orakelhasten Redebrocke». Und wenn wir mit dem Buch zu Ende sind, so sind wir genau so gescheit wie vorher und zu dem Geständnisse gezwungen, daß die .neue Denkweise ,?ie .von Grund auS eigenthümlichcn Ergebnisse und Anschauungen' und die ,systemschafsenden Gedanken' u»S zwar verschiedenen neuen Unsinn vorgesührt haben, aber auch nicht eine Zeile, anSder wir hätten etwas lernen können. Und dieser Mensch, der seine Künste und -eine Waaren unter Pauken- und Trompetenschall anpreisl trotz dem ordinärsten Marktschreier, und hinter dessen großen Worten nichts, aber auch rein gar nichts ist — dieser Mensch unterfängt sich, Leute wie «richte, Schelling und Hegel, deren kleinster »och ein Riese ist „n, gegenüber, als CharlatanS zu bezeichnen. Eharlatan in der Thal' aber wer?" Toweit Engels über Dühring'S Philosophie, ein Unheil, daS sich .alt unserer bisherigen Charakteristik des Philosophen der Antisemiterei Ilkommen deckt. (Ein zweiter Artikel fclijt.) iv Dr. Guido Freiherr v. Soiilinaruga.) Bonge Woche ist i der llceichSraths- und Landtagsabgeordnete D,r. Guido Freiherr Sommaruga im Alter von öii Jahren verschieden. Tie deutsch aerale Partei verliert an ihm einen gesinnungStreuen und begabten, ^'enoffen, welcher ihr in dem von reactionären Elementeil stark belobten Wahlbezirke Landstraße zu nnerwarteten Erfolgen verhalt, 'r v. Sommaruga war stets ein beredter Anwalt der Rechtsgleichheit, ud der Bereit« zur Abwehr des Antisemitismus zählte ihn zu seine» Äirenmitgliedern. Man wird in weiteren Kreisen, wie der Bürger- .neiner in einem ihm gewidmeten herzlichen Rachrnfe sagte, seiner wlineb mit Dankbarkeit und Hochachtung gedenke». Por füllflllldzwanzig Jahre».) Ein Freund unseres Blattes iuctbt nns: AlS ich im Jahre.18<5S in der k. k. Statthalterei zu lr-'.en praeticirte, schrieb ei» Anfänger, mein College 2 ..... . (später :,]i Consulatsdieuste thätig), bei der Einbegleituiig eines WirthSgewerbe > urseS. ans Böslau, man solle nicht zu vielen Juden solche Gewerbe überlassen. Statthaltereirath Fischer, der Bureauchef, ein liberaler Mann, verwies dem jungen Herrn sofort mit großer Strenge alle .rariigen privaten Aeußernngen. Jetzt duldet man eS. daß die jungen "eamken Antisemiten sind. Hoffentlich schreiben sie aber noch nicht "ffegorig'sche Landtagsanschauungen in die Acten. Es"- könnte ihrer sarri-re doch schaden. l>. Die Selbstanklage.) Wir erhalten folgende Zuschrift: Die Jvcifcii des AlterthumS sprachen in ihrer aphoristisch concisen Art den Zatz aus: „Wer nergelt, der nergelt an seinem eigenen Gebreste." rem Einsichtigen ist eS alsbald klar, daß dieser «eilten; eine tiefe vinchologische Wahrheit iiinewohnt. Wenn auch mit diesem AnSspruche nicht identisch, so kommt demselben doch das bekannte Sprichwort nahe: „Wie der Schelm ist, so denkt er" (von Anderen). May kann also an der Redeweise des Menschen sofort erkennen, weß Wesens derselbe ist. Bornehme Raturen werden selbst in ihrer höchsten Eraltatio» ivählerischer i» ihren Ausdrücken sein und am allerwenigsten in beschimpfenden Worten sich Luft machen, während gemeine Seelen auch bei geringfügigen Anläffen ihren Lüsterzungen ungezügelten Lauf laffen. Der Charakterwerth der Äregorig, Schneider :c. ec. läßt sich demnach ganz genau und zutreffend bestimmen. Wer wie diese den Schimpf, die Berleuindung, die Berdächtigung cultivirt, deffen Seele kan» nur von de» niedrigsten Jnstincten erfüllt sei». Wie sonst hätten diese Maulhelden die Bermeffenheit besitzen können, gegenüber dem ersten Funclionär des Landes von Lüge und Denunciation zu sprechen, wenn nicht die Lüge und Denunciation ihr Metier wären? Wie könnte ihr Mund übergehen von den schamlosesten Erdichtungen, wenn nicht ihr Herz davon voll wäre? Ist eine solche Brust nicht die Wurzel, die Gift und Wermut hervorbringt, wenn die diffamirendsten Anschuldigungen sich ihr entringen, ohne für dieselben nur den geringsten effektiven Anhaltspunkt zu haben? Wir haben eS füglich mit i»er Selbstanklage zu thun, wenn diese Herren sich i» ihren Ezpeclorationen gehen laffen. Wenn auch unbewußt, offenbaren sie und rtobcij es in solchen Fällen nur zu deutlich ku»d, welche abscheulichen und scheußlichen Gedanken tief in den Falten ihrer Herze» ruhen, lind zu welchen Uebelthaten sie bereit wären. Was nnr zu verwundern ist, das ist, daß noch immer mit diesen Elementen zu pactiren gesucht wird. Was soll damit erzielt werden? An die Möglichkeit ihrer Besserung wird wohl keiner ernstlich denken, und wenn man das ungehinderte WachSthum der aufgehenden Saat will, so darf man am allerwenigste» Unkraut darin aufkommen lasse». Mil Besorgniß muß daher Jeder, dem da« gedeihliche Auskommen des Gemeinwohls am Herzen' liegt, auf die Entwicklung der Dinge blicken, wenn man das Bestreben wahrnimmt, diesen Ruhe und Friedensstörern Plätze ziizuweiseN in Commissionen und Sectionen, deren Aufgabe die ungestörte fruchtbringende Arbeit aus dem Gebiete .wahlhaster Boltsintereffen sein soll. Es läßt sich wohl nicht lengne», daß diele Schreihälse über eine nicht geringe Heerfolge rcrfügen: beweist dies etwas Anderes, als daß man ihnen viel zu lange freien Lauf gelassen und dadurch den Anbetern der Hetze die. Gelegenheit geboten hat, in großer Zahl sich um sie zu schaare»? lind macht man sie fetzt gewissermaßen noch salonfähig, so wird . die Zahl ihrer Anhänger mit nichten sichvermindern, vielmehr in gewaltigen Progressionen zunehmen. Wo die Selbstanklage so offen zu Tage liegt, da wäre es eher an der Zeit, ernstlich von ihr R'otiz zn »ehnien, als das Streben zu zeigen,'unter Jgnorirnng derselben sich in ein Pactiren einznlaffen. ii I C'jn Protest.) Die Wiener Aerztekammer beschäftigte sich am lf>. d M. mit der Rede, welche Dr. Lueger in der Sitzung des niederösterreichifchen Landtages vom I. d. M. anläßlich der Debatte über die Erhöhung der BerpflegSgebühren in den k. t. Kianken. anstalten in Wien gehalten Halle. In dieser strebe Halle Dr.'Lueger davon gesprochen, daß eine Axt BertragSverhültniß zwischen Avotbekern und Aerzten bestehe, 'und je tlseurer die Medicamente für den .stranken 'eien, desto länger bleibe der Betreffende krank. Auf Antrag des Prä sideuteil der Kammer, RegiepungSratheS Dr. Mori; a n st e r, wurde einstimmig beschlossen, gegenüber diesen die Ehre des gesamuilen ärzl liche» Standes beleidigenden Angriffen eine Protestcundgebnng an den nieder österreichischen Landtag zn richten und dieselbe dein .Präsidium des Landtages zn überreichen. |>. Ci» Drütttlt ans dem Waldvirrtcl., Man schreibt uns aus Krems: Tiefer Schnee deckt die Erde. Die Großstädter klage» und jammern, daß des Säuberns kein Ende wird. Kanin .abgeräumt, fällt vom grauen Himmel Schnee, Schnee und wiederum »euer Schnee. Und doch, was ist gegen diese» Schnee, der die Großstädter in Berzweislung bringt, der Schnee,' der im Waldvierlel vom Himmel fällt. Die Bortehrnnge» der (Gemeinde», freie Bahn' zu schaffe», sind eitel Ding gegen die Macht des Elementes: das fällt in dichten Flocken Tag und 'Rächt herab und häuft sich zu einer ununterbrochenen Mauer in die Länge und die Breite. Und wen» erst der Sturm mit seinem Gebranse kommt! Dann schütteln seihst die ältesten Baumesliesen ihre kahlen Häupter, knallend und ächzend, und der wetterfesteste Waldviertler Bauer flucht sodann: „A Hundewetter, worli! Koa Hund g'hörl'außi. " Bei einem solche» stürmische» Schueewetter — also träumte mir — stand vor dem Waldichloffe zu Rosenau im Waldviertel eine greise Frau und zog'an der Dhorglocke. Ein Diener kam und öffnete das Thor. „Was wollt's?" herrschte er die. vor Frost und Kälte zähneklappernde Frau an. „Herr," .sagte sie, „ich bin aus der Wanderschaft und begehre Unlerknnsr." „Ra," schnarrte der Diener, „seid'S Ds »et a Jüdin?" „Ja freilich," erwiderte die Frau. „Dann lest, was am Thor steht: - Inden ist der Eintritt verboten! ünd schaul'S, daß fortknmmt's, sonst hetz ich die Hund auf Eng!" „Aber Herr," sagte die Frau, „ich bin ja -die Großmutter von Schönerer'- Frau, heiße Frau Schinul Leeb Kohn —" „Schau, daß dich der Teufel holt!" fluchte der Dinier und schlug daS Thor mit aller Wucht zu. Die arme Frau zog weiter in das wüste Waldeswettcr. Im ersten Stockwerkedes Schlaffes erscholl's: C heil'ge Aachl, o weihevolle Back», Die nns z» Menschen Han gewackn! (Mißglückt. l In W i e n e r - R' e n st a d t suchten die . vereinigten Antisemiten bei den am 14 t>. M. stailgehabren ('ffineinderathswahlen für den dritten Wahlkörper die Wiederwahl des liberalen Candidaten, des Bürgermeisters und Landmarschallstellvertreters Dr. Carl Hab er l, mit allen möglichen' Mitteln zu verhindern. Diese Aktion mißglückte jedoch. Dr. Haberl wurde miifflO Stimm.» gewählt, während der Candidat der vereinigten Antisemiten es nur auf 410 Stimmen brachte und somit in der Minorität blieb. (Eine Frage a» vic Priester.) Man schreibt uns aus Salz bürg: In einer hiesigen niederen Schule, die wir aus Rücksicht'für den gegen solche zelotische Uebergriff» machtlosen Direktor nicht nenne» wollen, sagte der Katechet: „Die Juden möchten es gerne verheil» lichen, daß sie Christum gekreuzigt haben." Kanin war diese ReligionS stunde vorüber, so-stürzten die Knaben den einlretenden beiden jüdischen Knaben, welche separaten Religioiisunterricht genießen, entgegen und riefen:. „Ihr habet Christus gekreuzigt, Ihr Juden!" Wir fragen: Ist es der Zweck des Religionsunterrichtes, die Menschen aufeinander zu hetzen, oder die Nächstenliebe zu.lehren? K

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