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Freies Blatt · 1895-01-20 · 146 (20.1.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
146 (20.1.1895)
Date
1895-01-20
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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“oitc Freie» Blatt. Nr. 146. dcrncn Vitcra!uvgvö§<n";u wiederholen, Dühring die Stirne, Shakespeare zu bcnrlhcilen, ohne di- Königsdramen, „Othello", „Lear", . SommeinachkStraum", „Sturm", j,Macbcth", in.Betracht;u ziehen, v.iniiilhlich auch ohne sic gelesen zu haben; so erwähnt er in einein Werke, welches die großen Individualitäten der Weltliteratur zeichnen will, wahrscheinlich wieder aus dem gleichen Grunde eines Walther von der Bogclwcide, eines Wolfram v. Eschcnbach, Petrarca, Molii-rc gar nicht 11. s. w. Wenn wir' aber i» den modernen Litcralurgrößen Tübring nur als beschränkten und protzenhaftcn Ignoranten kennen gelernt, so gelang es uns in einem anderen Artikel, der Dühring's Anarchismus behandelte,*) den Nachweis zu liefern, daß der Philosoph des Antisemitismus nicht nur nicht den Muth. habe, seine Gesinnung onen zu bekennen, sondern auch eine ganz merkwürdige Forschungs- ' nielbode einichlagc. dieselbe besieht darin, daß er mit „personalistischer" Sclbsihcrrlichkeit daS Gedankengut älterer Philosophen sich aneignet, dasselbe in einer neuen Bcrmummung mit einer neuen Etiqucttc versehenals Tühring'sche „wnrzelhafte" und mcssianische Wisicnschaft Iiinstclu und, um jede Spur seines Plagiates zu verwischen, dann die Männer. denen er seine Weisheit dankt, ordentlich beschimpft, verkleinert und ihnen, obendrein falsche Gedanken unterschiebt, als deren Bcrichtigcr er dann kriumphirend erscheint. Wesentlich auf dieselben Resultate läuft Friedrich Engels' eingehende Studie'über „Herrn Dühring's Umwälzung der Wisicnschaft" hinaus,*'^, die eben in dritter Auflage vor uns liegt und den Bater des weltsiürzenden socialitärcn Gedankens in seiner ganzen Geisteslange mißt. Dühring selbst wünschte stets, daß man sein Denken und Wirken ebenso als ein einheitliches Sein crfasie, wie jenes absolute Sein, daS die Grundlage feiner Wirklichkeitsphilosophic bildet und für denen hervorragendste Manifestation er sich jedenfalls hält; denn Herr Enge» Tühring spricht von sich und seiner welthistorischen Mission in litdit geringen Ausdrücken Man fühlt sich bei ihni stets 'an Soliman erinnert, der von sich sagen kann: ifHj ich auttrat, hat die Welk gezittert, T ie Wett »oll zitier», muß ich nittergeben. T »bring kündigt sich in seinem Cuisus der Philosophie als den tcnigen an, „der die Berirclnng der Philosophie in seiner Zeit und .tür die zunächst absehbare Entfaltung derselben in Anspruch nimmt", seine Philosophie nennt er „das natürliche Snstcm oder die 'Wirklichkeitsphilosophic . . . die jede Anwandlungzu einer traumhaften und subscclivistisch beschränkten Wcltvvrstellung aussch ließt . . . die Grundgedanken des Seins sichest fest siel lr. . . iit ihrer mächtig umwälzenden Bewegung alle Erden und Himmel der äußeren und inneren R'atur aufrollt" tts. w. tt. s. w. Es ist nun gewiß ein freventliches Beginnen von Friedrich Engels, an diesem llebcrnienschen, der sich nur mit Stirncr's „Einzigen" vergleichen läßt, an diesem ersten Philosophen, der trotz dem Papste zu Rom . für sich die Intallibilität beansprucht, eine Marsnasarbcit vorgenommcn zu haben, welche rücksichtslos Herrn Dühring seiner Dberhäutc bc raubt und ihn in seiner nackten Fleischlichkeit zeigt. Es ist eine nichts ivürdige Rcfpecllosigkcit, wenn cS Engels untcinimmt, Tühring zu bewci'en, daß er, der seine Philosophie angeblich auf der höchsten 'Einsicht in die Jurisprudenz, wie ans den Feststellungen von Mathe- »latik, Mechanik und Eheuiie aurbant, daß der außerdem altpreußischcn LanLrcchi keine Ahnung ron den - in der nächsten Rahe geltenden Rechtsverhältnissen Hai, daß er weder daS englische, noch das moderne sranzösn'chc Recht kenne, daß er nicht über die einfachsten Phänomene ron Phnstk und Chemie unterrichtet ist, daß er mit den Thalsachen der Maibematik so berständnißlos opcrirt wir ein Schüler der S.uarta, der eben eist nothdürftig den Gebrauch allgemeiner Zahlen kennen gelernt hat, daß er in der Biologie, einer der grundlegendsten WisscnSrr.'gc der (Gegenwart, l'o unwisicnd ist wie ein neugeborenes Kind j >. w n. >' w Allein dies Alles ist eine Kleinigkeit gegenüber den '.mttch.'ii Entl.üllnugen, zu denen Engels' ciiiichncidcnde Analyse i ,i Tubr-ng's „siistemtchassendcr" Philosophie führt. Ta entpuppt 'ch -d'.i große Wirkl^hkcitsphilotoph als ein ungeschickter Plagiator 'He.zWs, r.-s vielgelästerten,. als Epigone des „Epigonen Hegel", mit il. du Sr.br ettvismus. Apriorismus, mit all den ideologischen .'.' .r'.u.igi.tteu, welche Hegel s schwache Seite bilden, ohne daß er auch nur rueu ,V.::,;c:i von dem weltumfassenden t^eiste Hcgcl's besäße, der alle i.u.ie Schwächen ir.'tlmacht und in ebenso viele Borzüge verkehrt. So har Tübring, der überall großmäulig mit Mathematik, Phnsik und Cbenue uni sich wirft, gerade Hcgcl's Tialcctik zur Zielscheibe seiner pebclbatre» 'T.uartanerwive gemacht, ohne zu merken, daß cs gerade die höhere Mathematik ist, welche auf rein dialectijcher Grundlage ', „ss. ei.'S iMatt", III Fahrgar.->z, Re. Ivom 4. November ItzN4. ' Tritte duräigelehciie Äiinage, Perlag von I . H. W. Lies in-Stuttgart. beruht. Engels hat diese inneren Widersprüche mit der Geschicklichkeit eines gewandten Anatomen bloßgelegt. Das Schlimmste aber, was er, wir wissen nicht, ob wissentlich oder unwillkürlich, Dühring angetham ist, daß er den Beweis erbracht, daß unser Mann, der mit Berserker' wuth gegen jeden Spiritualismus, gegen alle „Jenseitigkeiten" eifert tuid sic als Rcuhcbräerthum brandniarkt, daß dieser Mann auf Schrill . und Tritt im Spiritualismus cinsinkt, daß er bald hier die letzte - Ursache, den Schöpfer, bald dort den teleologischen Begriff herein j schmuggelt und daß er, um sein Fundament zu legen, die Einheit des j Seins zu beweisen, den ontologischen Beweis anwendet. Eugen Tühring! in den Bahnen AnselmS von Cantcrburn, des Rcuhcbräcrs — kann j man sich eine schneidendere Ironie denken'? Man kann uns nicht zumuthcn, die Wirklichkeitsphilosophic des Herrn Dühring näher zu besehen. Wir bewunderten genugsam den Mann, der es Über sich brachte, eine so trostlose Oedc mit der ganzen Aufmerksamkeit eines gelehrten Reisenden zu durchwandern. Er selbst wird cs am begreiflichsten siudcn, daß wir zur Kennzeichnung Dühring's, des Philosophen, uns bloß das ancignen, was er, am Ziele 'seiner j Wanderung angclangt, als Resultat der gemachten Beobachtungen zu j sammenfaßt. 1 „Was hat uns Herr Dühring versprochen?" fragt sich Engels am Schluffe des die Philosophie Dühring's behandelnden Theilcs seines . Buches. Tic Antwort lautet: „Alles. Und waS hat er gehalten? j Gar nichts. .Die Elemente einer wirklichen und demgemäß ans die'! Wirklichkeit der Natur und - des Gebens gerichteten Philosophie', die! -streng wissenschaftliche Weltanschauung', die .systenischaffcndcn ('V I danken' und alle die anderen in hochtönenden Redewendungen von Herrn ' Dühring ausposautitcn Leistungen des Herrn Dühring erwiesen sich. > wo immer wir sie anfaßten, als reiner Schwindel. Tic Welt i schematik, die, ,ohne der Tiefe des Gedankens etwas zu vergeben, die Grundgestalten des Seins sicher festgcstellt hat', stellt sich heraus ' als ein unendlich verseichtigter Abklatsch der Hegel'schen Logik und i thcilt mit ihr den Aberglauben, daß diese .Grundgestalten' oder i logischen Kategorien irgendwo ein geheimnißvoUcS Dasein führten vor j und außer der Welt, auf tie sie .anznwcndcn' sind. Tic Natur Philosophie bot uns ein Kosmogenie, deren Ausgangspunkt ein .sich : selbst gleicher Zustand der, Materie' ist, ein Zustand, vorstellbar nur ' vermittelst der rettungslosesten Verwirrung über den Zusammcnhang ' von Materie und Bewegung, und vorstellbar außerdem nur unter An ■ nähme eines außcrwcltlichcii persönlichen GottcS, der allein diesem I Zustand zur Bewegung verhelfen kann. Bei Behandlung der orga-,! nischcn Natur mnptc die Wirklichkeitsphilosophic, nachdem sie Darwin's Kampf ums Dasein und Natnrzüchtung als .ein Stück gegen die Httmanilät gerichtete Brutalität' verworfen, sic beide durch die Hinterthür wieder zulassen als in der Natur wirksame Factorcn, wenn auch zweiter Srdnung. Sic fand zudem Gelegenheit, auf dem Gebiete der Biologie eine llnwisscnhcit zu documcntircn, wie man sie, seit den populärwissenschaftlichen Borträgen nicht mehr zu entgehen ist, selbst bei Töchtern gebildeter Stände mit der Laterne suchen müßte. Aus dem Gebiet der Mozal und des Rechtes war sie mit der Verflachung Ronsscan's nicht glücklicher als vorher mit der Bcrscichtigung Hcgcl's und bewies auch in Beziehung auf Rechtswissenschaft, trotz aller Versicherung des Gegcnthcils, eine llnkcnntniß, wie sie selbst bei dem aller gcwöhnlickislen altpreußischcn Juristen nur selten anzutresfen sein dürste. Die Philosophie, chic keinen bloß scheinbaren Horizont gelten läßt', begnügt sich jursstisch niit einem wirtlichen Hoiizont, der sich deckt mir dem Geltungsbereich des preußischen Landrechtes. Auf die .Erden und Himmel der äußeren und inneren Natur", die diese Philosophie in ihrer mächtig umwälzenden Bewegung vor uns aufzurollczi versprach, warten wir noch immer, nicht weniger auf die .endgiltigen Wahrheiten letzter Instanz' und auf .daS absolut Fundamentale'. Der Philosoph, dessen Denkweise jede Anwandlung zu einer .subjce tivistisch beschränkten Wcltvorstellung ansschließt', erweist sich nicht nur , alS subjectivistisch ' beschränkt durch seine, wie nachgewiesen, äußerstmangelhaften Kenntnisse, durch seine bornirt metaphysische Denkweise und seine fratzenhafte Selbstüberhebung, sondern sogar durch kindische persönliche Schrullen. Er kann die Wirklichkeitsphilosophie nicht fertig bringen, ohne seinen Widerwillen gegen Tabak, Katzen und Juden als ein allgemein giftiges Gesetz der ganzen übrigen Menschheit, die Juden cingcschlossen, aufzudrängen. Sein .wirklicher kritischer Standpunkt' gegenüber anderen Leuten besteht darin, ihnen beharrlich Tinge nntcrzuschiebcn, die sic nie gesagt, und die Herrn Dühring's eigenstes Fabricat sind. Seine breiten Bettelsuppen über Spießbürgerthemata, wie der Werth des Lebens und die beste Art des Lebensgenusses, sind von einer Philistcrhaftigkeit, die seinen Zorn gegen Goethe'S .Faust' erklärlich macht. Es war allerdings unverzeihlich von Goethe, den unmoralischen Faust zum Helden zu machen und nicht den ernsten

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