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Freies Blatt · 1895-01-13 · 145 (13.1.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
145 (13.1.1895)
Date
1895-01-13
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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rette .freies Blatt. Nr. 145. Als cv 'v'cuß im Jahre 1893 als Candidaten für den Reichstag cmpfohK—fet ihm von demselben nur Gutes bekannt gewesen. Leuß bade sich alS ein schlagfertiger Redner erwiesen, eine große Arbeitskraft besessen, über eine sehr gewandte Feder verfügt und seit einer Reihe von fahren als Rcdacteur der christlich-socialen Zeitung „Das Volk" - der antisemitiscben Lache große Dienst« geleistet. -Die ihm auS seiner Vergangenheit nachgesagten Schlechtigkeiten hätten sich zum größten Jbcil als Verleumdungen erwiesen. Leuß sei damals noch ein Ehrenmann gewesen. „Gleich nach Zusammentritt des ncugcwähltcn Reichstages." fährt Liebermann fort, „mußte ich;u meiner Betrübniß einicben, daß ich.und wir Alle uns doch in demselben getäuscht hatten. Er erwies sich als in keiner Beziehung zuverlässig. Statt mir in meinen politischen Arbeiten zu Helsen, war er selten in Berlin, und wenn er im fände uniherreiste, konnte man niemals genau wisien, * wo er sich eigentlich befand. Ich habe ihm häufig brieflich und mündlich ernste Vorhaltungen gemacht. Bor allen Dingen habe ich ihm dringend .ans Her; gelegt, sich mehr um seinen Wahlkreis zu kümmern. Veiber mar Alles vergeblich. Als er nun im Mär; dieses Jahres in Untersuchung wegen Meineides kam, forderte ihn der Borsitzende unserer Partei, Herr ReichstagSabgcordnetcr Tr. König, aus, sein Mandat nicdcrznlcgen. Aber Leuß bethcuerte mit großer Entrüstung seine völlige Schuldlosigkeit. und in der Thal haben wir Alle, die ifm kannten, ihm einen Meineid niemals zugetraut." Zum Schluß verspricht fiebcrmann, für die bevorstehende Ersatzwahl einen Candidarcn auff,mellen, dcsien Persönlichkeit die Möglichkeit ausschließt, daß man jemals schlechte Erfahrungen mit ihn, machen könnte, und er gibt der Hoi-nung Ausdruck, daß die Antisemiten den Wahlkampf stcgrcich zu Ende führen werden. Bon dem conservativ antisemitischen ..Kasseler Sonntagsblatl" wird der Bcrsnch gemacht, das erledigte Mandat deni Hospredigcr a. D. Stöcker zuzuschanzen. Tic freisinnige Bolkspartei hat aber bereits einen Eandidaten ausgestellt, desien Wahl für die deutsche Bolksverlrelnng ein Gewinn wäre, nämlich den rühuilichst bekannten Prosesior, Dr. Stengel in Marburg, einen .auch um die Förderung der Abwchrbcwegung hochverdienten deutschen Gclchnm. Es wäre die Pflicht aller liberalen Fractionen, diese Candidaiur;u Unterstufen. iBom christlichcu Wucher.) In einer zu Remlingen 1625 erschienenen Schrill .Aulicn-i’olitica" von Georg Engelhardt Löhnciß rinden wir folgende Schilderung der Zustände im ersten Viertel des XVII. Jahrhunderts, die sich allmülig in den letzten Jahrzehnten hrrauSgebildet hatten: „Der Wucher," heißt es in der genannten Schrift, „hat also überhand genommen, daß auch vornehme, ansehnliche Leute mit solchem schändlichen Laster intificirt sind und muß man diese Wucherer mehr ehren und feiern als andere ehrliche Leute; denn Fürsten und Herren find ihre Gefangenen, die sie also mit ihrem wucherischen Gelde gefangen nehmen, daß sic thun müffen, was sic ihnen vorschreiben. Desgleichen sind ihnen Land und Leute ihre Mancipia oder eigenthümlichen Knechte, die sic mit ihrem unchristlicheix Wucher aussaugen und vdMrbcn, und wollen dann noch Christen «ein Wenn ein armer beschnittener Jude eine Woche von einem Gulden einen Piennig nimmt, so ichreit ein Jeder Mordio darüber. Wenn aber ein unbeschnittener Christenjude eine Woche von einem Gulden «inen Dreier oder Kreuzer, ja wohl einen Groschen nimmt, das heißt nicht mit dem Judenspicß gelaufen. Item der armen Juden kleiner und geringer Wucher sticht allen Leuten in die Augen ce schreit Jedermann über sie und will sie verjagt haben; wenn aber die Christenjuden vom Hundert 10, 12, 15 oder mehr nehmen, schlagen ihr Geld etlichemal um iw ihren Wechseln, da ist Niemand, der die gedenkt zu verjagen." Preußische Agrarier und italienische Banditen.) Die „Freisinnige Zeitung" brachte eine köstliche Persiflage der fortwährenden Jammerrufc der dem Tivoli-Programm huldigenden preußischen Junker. .Sie schrieb: Wie knoddrig es den armen ostelbischen Großgrundbesitzern geht, ist ja schon in der ganzen Welt bekannt. Daß es aber auch schon zur Kenntniß der Banditen in Italien gekommen ist, hat sich erst, in diesem NothstandSjahr herausgestellt. Als ein ostpreußischer Großgrundbesitzer in diesem Herbste in der Landschaft bei Rom einsam umherwaudene, sah er sich plötzlich von drei Banditen umringt, welche stch anichicklcn, ihn aus-,uplündern. „Aber, meine lieben Herren," iagce der ostpreußische Großgrundbesitzer, „das ist doch rein zu toll! Sic sollten sich doch was schämen, einem armen ostpreußischcn Rittergutsbesitzer hier seinen letzten Groschen abzunehmen, das ist denn doch;u toll!" Na, da hätten Gewährsmann selber, wie eine Weile unter sich und Sie mal sehen sollen, so schreibt unser die Kerle erschraken! Erft tuschelten sic dann sagte der Oberste zu mir: „Sic beweisen?" Ich halte ihm wollen ostpreußischer Ritte, zutsbcsitzer sein? Können Sie mir das meinen Paß unter die Nase. Nun lesen sie und tuscheln wieder. Dann geben sie mir Alles zurück, und der Oberste sagt: „Wie groß ist Ihr Rittergut?" „Dreitausend Morgen," sag' ich. „WaS," schreit der Kerl entsetzt, „dreitausend Morgen!? Das ist allerdings sehr, sehr hart! Nein, Sie armer Mann, von Ihnen nehmen wir nichts! Uns geht es selbst sehr schlecht, wir leben auch in bitterem Nothstandc, allein das ist Ihrer Noth gegenüber doch Spaß. Hier haben Sie noch ein kleines Reisegeld, und hier dieser Ring schützt Sic vor jeder Beraubung in ganz Italien. Wir Banditen fackeln nicht länge und murksen Alles ab, allein die Heiligen sollen uns vor der Todsünde bewahren, einem nothlcidenden ostpreußischcn Gutsbesitzer auch nur ein Haar zu krümmen. Reisen, Sie, und alle Heiligen mögen Ihnen tragen Helsen, was Ihnen die' Vorsehung an preußischen Morgen auserlegt hat!" (Ein Ritualmord.) Aus Rußland wird ein Ritualmord gemeldet, der sich wirklich zugetragen hat. Etwa 200 Werst von der Universitätsstadt Kasan, d. h. nicht ganz dreißig deutsche Meilen entfernt, liegt das Tors Stary-Multan, dcsien Bewohner sich zur orthodoxen Kirche bekennen, eine Kirche und einen Priester besitzen. Im Jahre 1892 hatte dieses Dorf wie so viele andere Orte derselben Gegend eine schlimme Zeit. Tie Mißernte hatte eine furchtbare HungerSnoth geschaffen, in den Hütten der Bauern war der Typhus zu Gast, und dazu drohte noch das Schreckcnsgespenst der Cholera. In dieser allgemeinen Noth verwirrten sich die Sinne der Leute; der Gott, zu dem sie beteten, schien taub geworden gegen ihr Flehen, und es wuchs in ihnen der Zweifel empor, ob das überirdische Wesen, das sie mit ihren Priestern bekennen, auch die wahre Gottheit sei. Dunkle Vorstellungen, von den alten Heidengöttern, die in deti weiten Kasanschen Steppen noch ein weit reelleres Leben führen als die Heine'schcn „Götter im Exil", wurden wieder wach, und die orthodoxen Christen von Stary-Multan begannen den Heidengöttern Opfer zu bringen, zuerst Thieropfer. Ais aber auch dieses nicht hals, da erhielt ein Weiser des Dorfes eine Offenbarung: der Gott Kurban verlange ein „zweibeiniges" Opfer — ein Menschenopfer also. Dem Verlangen des Gottes mußte natürlich willfahrt werden. In dem Torfe lebte ein armer Bauer, der aus einem benachbarten Kreise stammte, im Orte also weder Freunde noch Anverwandte besaß. Dieser Arme schien gewissermaßen im Vorhinein bestimmt, zum Wohle des Dorfes geopfert zu werden. Ter Unglückliche wurde — es geschah dies am 4. Mai 1892 — in das Gemeindehaus geschleppt, dort entkleidet, mit den Füßen an der Decke aufgehängt, und nun begannen fünfzehn Personen mit Messern aus den nackten Körper einzustechen; das den Wunden entströmende Blut wurde sorgfältig ausgcfangen, gekocht und dann von den Opfernden zu Ehren des Gottes ausgetrunken. Lungen und Herz des Opfers wurden, nachdem dasselbe seinen Oualcn erlegen war, ausgeschnitten und ebenfalls verzehrt; dann hackte man der Leiche den Kops ab und warf den Rumps aus die Straße. An der Opserung, betheiligten sich der Schulze des Dorfes, der bäuerliche Polizeidiencr und der Kirchenältcste. Die Leute waren so sehr von der Rechtmäßigkeit ihrer Handlung überzeugt, daß sic sich nicht im Geringsten bemühten, den Mord zu verheimlichen. Derselbe kam somit bald zur Kenntniß der Behörden, und die Schuldigen wurden in das Untersuchungsgefängniß abgcführt. Mach dritthalb Jahren gelangte dieser Tage der Proceß endlich zum Abschluß, indem die Theilnehmer am Ritualmorde zu langjähriger Zwangsarbeit vcrurtheilt wurden. Kann nian sich nach solchen Vorfällen wundern, wenn cs böswilligen Hetzern gilingt, russische Bauern durch das berüchtigte Blutmärchen gegen Juden auszuhetzen? — Mit dem Plane zur Wiedererweckung des Wodan-Cultus scheint die Absicht verbunden zu sein, auch in der „Ostmark" Zustände zu.schaffen, wie sie im heiligcn Rußland.noch anzutreffen sind. Ein löbliches Beginnen! (Göttcrwkchsel.) Wenn den Fetischverehrern Erwartungen, Hoffnungen und Wünsche nicht in Erfüllung gehen, pflegen sic ihre unwillfährigen Fetische zu züchtigen und gebotencnsalls ganz außer Cours zu setzen. So gehen z. B. Jakuten, Indianer, Neger und Südseeinsulaner vor. Tie Römer hatten die „religio“, die Götter sämmtlicher unterworfenen Völker ins Pantheon aufzunehmen, um nicht die Rache der beleidigten fremdländischen Fetische sich zuzuziehen. Den Juden gegenüber, die keinen Fetischdienst hatten, befanden sie sich in größter Verlegenheit, indem sie, selbst ihre Größen wie TacituS, die Idee an eine einzige, unsichtbare Gottheit nicht begriffen. Auch dies war ein Grund mehr für den Judenhaß beim römischen Pöbel. Merkwürdige Blüthen hat der Judenhaß in allen Ländern im Laufe der Geschichte hervorgebracht, desgleichen aber auch der Christenhaß bei einfachen Naturvölkern. Die Maori auf Neuseeland wurden ihrerzcit durch die christlichen Engländer derart in Verzweiflung gebracht, daß, als ein neuer Glaube (der Paimarire-Glaube) bei ihnen auftauchte, sie sich ihm zuwandten und christliche Missionäre tödteten.

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